Jäger und Heger des Lebendigen

Die Einheit von Humanität und Naturschutz bei Thomas Bernhard

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Der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard (1931 – 1989) grenzt in seinem Werk zwei diametral entgegengesetzte Lebenseinstellungen voneinander ab. Zentral ist dabei die Übereinstimmung von innerer und äußerer Haltung.
In einem Fall wird aus der Einstimmung in den ewigen Kreislauf des Werdens und Vergehens eine allgemeine innere Harmonie gewonnen. Diese geht mit einer empathischen Einstellung gegenüber anderen Menschen und einem pfleglichen Umgang mit der Natur einher.
Im anderen Fall führt die Unfähigkeit, sich mit den Grenzen abzufinden, die der eigenen Existenz durch ihr Zum-Tode-Sein gesetzt sind, zu einer fundamentalen inneren Zerrissenheit. Nach außen hin manifestiert diese sich in einem zwanghaften Festhalten an erstarrten Gesellschaftsstrukturen und einer Herrschsüchtigkeit, die die Verkümmerung des eigenen Seelenlebens durch die zerstörerische Unterdrückung von Mensch und Natur zu kompensieren sucht.

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INHALT:

Gewalterfahrungen in Kindheit und Jugend
Dreifaches Ausgeliefertsein
Das Konzept der „Auslöschung“: Auflehnung gegen das scheinbar Unabänderliche
Die Jagdgesellschaft: Wie die innere Todeskrankheit zur äußeren wird
Die „zwei Lager“ der Jäger und der Gärtner in Auslöschung
Zitat der einschlägigen Textstelle aus Auslöschung
Nachweise für die zitierten Werke Thomas Bernhards
 

Gewalterfahrungen in Kindheit und Jugend

Der 1932 geborene Thomas Bernhard hat die Auswirkungen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Kindheit und Jugend am eigenen Leib erlebt. Seine Mutter war zunächst alleinerziehend. Um sich ihren Lebensunterhalt als Küchen- und Haushaltshilfe verdienen zu können, brachte sie ihren Sohn anfangs bei Bekannten, dann in einer Aufbewahrungsanstalt für Kleinkinder und schließlich bei den Großeltern unter.
Als die Mutter 1937 ein zweites Mal heiratete, nahm sie ihren Sohn zwar wieder bei sich auf. Dieser fühlte sich jedoch auch in der neuen Familie, in der er 1938 einen Halbbruder bekam, überflüssig. In der Folge erhielt er den Stempel „schwer erziehbar“ und wurde 1942 in ein NS-Erziehungsheim im thüringischen Saalfeld eingewiesen. Ein Jahr später durfte er dieses wieder verlassen, aber nur, um in Salzburg in ein Internat geschickt zu werden.
Die Gewalterfahrungen, denen er in Heim und Internat ausgesetzt war, hat Bernhard zwischen 1975 und 1982 in seiner fünfbändigen autobiographischen Prosa ausführlich geschildert. Entscheidend war für ihn dabei, dass „der absolute Gehorsam und also die absolute Unterordnung der Zöglinge, also der Schwachen unter die Starken“ (AP 1: 11), durch die vermeintliche Stunde Null des Jahres 1945 keineswegs außer Kraft gesetzt wurde.
Das katholische „Johanneum“, das nach Kriegsende wieder an die Stelle des nationalsozialistischen Internats tritt, erlebt Bernhard ebenso wie Letzteres als „gegen seine ganze Existenz entworfene[n], niederträchtig gegen seinen Geist gebaute[n] Kerker“ (ebd.). Auch das Gymnasium ist für ihn nichts anderes als eine „Lernfabrik“ (AP 2: 9), die seinen Geist knechtet, anstatt ihm zur Entfaltung zu verhelfen.
So flieht er aus dem „Kerker“ von Schule und Internat in den „Keller“ (AP 2: Titel) eines Lebensmittelhändlers, wo er im Alter von 16 Jahren eine kaufmännische Lehre antritt. Dort allerdings zieht er sich eine Rippenfellentzündung zu, die ihn erneut mit der strukturellen Gewalt staatlicher Institutionen konfrontiert: Die als „Erholungsheim“ für „an den Atmungsorganen Erkrankte“ titulierte Lungenheilanstalt (AP 3: 74, 84), in die er überwiesen wird, entpuppt sich als Sterbeheim für die von der Krankenhausleitung „aufgegebenen Fälle“ (ebd.: 84). Anstatt geheilt zu werden, infiziert sich der geschwächte Organismus des 18-Jährigen dort zusätzlich mit Tuberkulose.
Das prägende Erlebnis seiner Aufenthalte in den verschiedenen Sanatorien und Kliniken war für Bernhard nicht nur die vollständige „Isolation“ (AP 4: Untertitel), der er dort ausgesetzt war. Vielmehr erkannte er auch hier wieder die Kontinuität einer strukturellen Gewalt, wie sie auch für den Nationalsozialismus charakteristisch gewesen war. So wurde die Lungenheilstätte Grafenhof, von einem ehemaligen Nationalsozialisten geleitet, der, so Bernhard, „die Heilstätte als Strafanstalt betrachtete und auch als Strafanstalt führte“. Der Aufenthalt dort sei schlimmer gewesen als in den „berühmten Strafanstalten“ der Nationalsozialisten (vgl. ebd.: 20 ff.).
Verstärkt wurden die negativen Erfahrungen für Bernhard noch dadurch, dass in die Zeit seiner Krankheit auch der Tod seiner Mutter und seines Großvaters fielen. Letzterer war die zentrale Bezugsperson für ihn und zugleich der Einzige, der seine geistige und künstlerische Entwicklung von Jugend an konsequent gefördert hatte.

Dreifaches Ausgeliefertsein

Aus seinen Jugenderfahrungen ergab sich für Bernhard ein dreifaches Gefühl des Ausgeliefertseins. Konkret handelt es sich dabei um

  • ein Ausgeliefertsein an den eigenen Körper, an das naturhafte Dasein und das ihm inhärente Zum-Tode-Sein;
  • ein Ausgeliefertsein an die Geschichte, die jenseits aller äußeren Zäsuren von Krieg, Gewalt und Unterdrückung geprägt ist;
  • ein Ausgeliefertsein an eine Gesellschaft, die in ihrem hierarchischen Aufbau und ihrer Einforderung von Unterordnung und Anpassung von struktureller Gewalt geprägt ist.

Von den drei Ebenen, auf denen das Ausgeliefertsein sich manifestiert, sind die beiden ersten – Natur und Geschichte – der Verfügungsgewalt des Einzelnen vollständig entzogen. Die Natur lässt sich durch den Menschen zwar in ihrem äußeren Erscheinungsbild, als „natura naturata“, beeinflussen, nicht aber in ihrem Wirkungsprinzip, als „natura naturans“. Und die Geschichte ist ohnehin vergangen. Verändernd auf sie einzuwirken, ist allenfalls als Zukunftsprojekt denkbar, im Sinne einer gemeinsamen Anstrengung künftiger Generationen, durch die die Geschichte in ein paar hundert Jahren ein anderes Erscheinungsbild erhalten könnte.
Unmittelbar beeinflussbar sind lediglich die gesellschaftlichen Strukturen. Angesichts ihrer festen Verwurzelung in der Geschichte, wie sie gerade Bernhard in der postfaschistischen Kontinuität erleben musste, erscheinen die Perspektiven für umfassende Veränderungen hier jedoch ebenfalls sehr begrenzt.
Als Ausweg aus diesem Dilemma dient im geistigen Kosmos Thomas Bernhards das Konzept der „Auslöschung“ (so der Titel des 1986 als eine Art geistiges Resümee erschienenen Opus magnum des Autors). Dieses zielt freilich nicht auf eine konkrete Auslöschung ab, etwa im Sinne eines Selbstmords oder eines Guerilla-Kampfes. Denn beides wäre ja ebenfalls mit Gewaltanwendung verbunden und würde das, was überwunden werden soll, damit nur spiegelbildlich wiederholen.
„Auslöschung“ ist bei Bernhard daher symbolisch zu verstehen, im Sinne einer geistigen Durchdringung und dadurch bedingten inneren Überwindung dessen, was zunächst unüberwindbar erscheint.

Das Konzept der „Auslöschung“: Auflehnung gegen das scheinbar Unabänderliche

Auf der Ebene von Geschichte und Gesellschaft bedeutet „Auslöschung“ im Sinne Bernhards: rückhaltlose Aufarbeitung der Geschichte und radikale („an die Wurzeln reichende“) Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Strukturen. An die Stelle einer objektiven Befreiung tritt damit zwar zunächst nur eine subjektive, geistige Befreiung. Wenn diese aber von immer neuen Einzelnen nachvollzogen wird, kann sich daraus in der Summe irgendwann durchaus auch eine äußerliche Befreiung ergeben.
Auf der Ebene des naturhaften Seins und des hiermit einhergehenden Zum-Tode-Seins ergeben sich bei Bernhard teilweise ähnliche Schlussfolgerungen wie bei Albert Camus. Dieser hatte aus der grundsätzlichen Absurdität des menschlichen Daseins bekanntlich die Empfehlung abgeleitet, sich diesem zentralen Aspekt der „condition humaine“ zwar zu stellen, sich jedoch gleichzeitig wie Sisyphos dagegen aufzulehnen. Gerade in dieser permanenten „Revolte“, in der Auflehnung gegen die offensichtliche Sinnlosigkeit allen Tuns, erkennt Camus den Sinn der menschlichen Existenz (vgl. Camus, Der Mythos von Sisyphos, 1942, dt. 1950).
Bei Bernhard spiegelt sich diese Revolte in dem manischen Redefluss wider, der die meisten Protagonisten seiner Prosawerke kennzeichnet. Redend und reflektierend machen sie die Welt und ihr Schicksal zu ihrer eigenen Sache, erschaffen sie einen eigenen geistigen Kosmos, der gegen den Verfall des naturhaften Seins immun ist.
Allerdings könnte man das unablässige Reden der bernhardschen Figuren auch noch auf andere Weise interpretieren. Demnach würde sich hierin gerade das ewige Werden und Vergehen, das Wirken und Verwerfen und Neu-Entwerfen der Natur (im Sinne der „natura naturans“, der ewig neu erschaffenden Natur) widerspiegeln. Was zunächst wie eine Revolte gegen das Bestehende und das Sein an sich wirkt, wäre dann in Wahrheit eine Einstimmung in die naturhafte Dynamik, ein Mitschwingen mit ihrer unbändigen Schöpferkraft und ihrem Schöpfungswillen.
Vor diesem Hintergrund lässt sich auch die Gegenüberstellung von Jägern und Hegern des Lebendigen deuten, die sich in Auslöschung findet. Die Jäger sind diejenigen, die sich der Natur entgegenstellen und sie sich zu unterwerfen suchen. Weil die Natur am Ende immer stärker ist als sie, indem sie unterschiedslos jeden zum Tode verurteilt, kämpfen sie nur immer blindwütiger gegen sie an und zerstören so, da sie selbst ein Teil der Natur sind, ihre eigene Lebensgrundlage. Ihre vermeintliche Stärke versuchen sie zudem durch eine bewusste Härte im gesellschaftlichen Leben zu untermauern, wo sie die Übervorteilung und Unterjochung anderer an die Stelle von Mitgefühl und Solidarität setzen.
Das Gegenbild der Jäger sind in Auslöschung die „Gärtner“. Sie versuchen der Natur nachzufolgen, indem sie sich an ihre Rhythmen und Zyklen anpassen. Anstatt sich die Natur untertan zu machen, versuchen sie mit und aus der Natur zu leben. Dem entspricht auch im sozialen Leben eine stärker auf Empathie und Solidarität ausgerichtete Lebensweise.

Die Jagdgesellschaft: Wie die innere Todeskrankheit zur äußeren wird

Bei der Jagdgesellschaft handelt es sich um Bernhards drittes, 1974 uraufgeführtes Theaterstück. Darin kommen in einer Jagdhütte Repräsentanten der gesellschaftlichen Oberschicht zusammen. Im Mittelpunkt des Stücks steht das Gespräch der Gemahlin des Hausherrn, eines Generals, mit einem Schriftsteller. Außerhalb der tradierten Verhältnisse stehend, entlarvt Letzterer dabei die Brüchigkeit der dem Verfall geweihten alten Ordnung, für die das Jagdhaus symbolhaft steht.
Die zentrale Metapher für die sich selbst von innen heraus zersetzende Ordnung ist dabei eine Borkenkäferplage, die das Jagdhaus und den es umgebenden Wald „zerfrißt“ (Jg 201). Der Verfallsprozess kann dabei sowohl auf die individuelle Existenz als auch auf die gesellschaftlichen Strukturen bezogen werden. Der Borkenkäfer kann damit zum einen auf die „Todeskrankheit“ bezogen werden, die den General im physischen Sinne ‚aushöhlt‘, zum anderen aber auch auf die durch das Jagdhaus symbolisierte Herrschaftsform, in deren Zentrum er als einer ihrer bedeutendsten Repräsentanten steht. Nicht zuletzt steht die Metapher auch für die Zerstörung der Lebensgrundlagen der Gesellschaft, als deren Inbegriff der Wald erscheint.
Der physische Verfall des Generals und der kulturell-politische Zusammenbruch der Gesellschaft werden zudem auch dadurch zueinander in Beziehung gesetzt, dass der Zerfall des Waldes als unmittelbare Konsequenz aus den Reaktionen angesehen werden kann, die der General und seine Umgebung der „Todeskrankheit“ gegenüber an den Tag legen. So erscheint deren Ausbruch zunächst als direkte Folge einer grundlegenden Entfremdung vom Leben, die den General urplötzlich dazu treibt, ‚aus seinem Kopf‘ ‚auszubrechen‘, also die bisherigen geistig-normativen Orientierungspunkte aufzugeben (Jg 203). Da er jedoch die Beziehung zu den Grundlagen seines Daseins verloren hat, kann er diesen nur in destruktiver Form begegnen:

einer der jahrelang und ununterbrochen an einem Schreibtisch sitzt / geht auf einmal in eine Schottergrube / oder ganz einfach in den Wald / ein solcher glaubt plötzlich / etwas zertrümmern oder etwas umschneiden zu müssen / (…) / und geht in den Wald / und fällt einen Baum / oder er geht in die Schottergrube / oder er bringt einen Menschen um (…)“ (Jg 203)

Der an sich produktive Veränderungsimpuls manifestiert sich hier in blinder Zerstörungswut. Der Wille zum „Umschneiden“ – d.h. der unbewusste Drang, aus den starren, die eigene Existenz von ihren Wurzeln abschneidenden Gesellschaftsstrukturen auszubrechen – wird dadurch von seinen eigentlichen Objekten abgelenkt und bekommt eine allgemein destruktive, womöglich auch autoaggressive Tendenz:

„Der General hat sich mit der Motorsäge ins Bein geschnitten / und diese Verletzung hat seine eigentliche Todeskrankheit / zum Ausbruch gebracht / in einem jeden ist eine Todeskrankheit / und eine kleine oft ganz unbedeutende ja oft gar nicht wahrgenommene Verletzung / bringt sie zum Ausbruch“ (Jg 204)

Als „eigentliche Todeskrankheit“ erscheint damit nicht die physische Erkrankung des Generals, sondern die hierdurch ausgelöste „Krankheit zum Tode“ im Sinne Kierkegaards, d.h. die Verzweiflung über die Todesverfallenheit des eigenen Daseins (vgl. Kierkegaard, Die Krankheit zum Tode, 1849, dt. 1881). Die gedankliche Durchdringung dieser Verzweiflung könnte ihm dazu verhelfen, den gesellschaftlichen Verblendungszusammenhang zu durchschauen und sich der Frage nach dem Sinn des Daseins bewusst zu stellen. Dies würde allerdings voraussetzen, dass seine nähere Umgebung ihn bei dem Versuch, sich seiner „eigentliche[n] Todeskrankheit“ bewusst zu werden, unterstützt. Da der gesellschaftliche Alltag jedoch gerade auf der Verdrängung dieser Realität basiert, ist das genaue Gegenteil der Fall.
Obwohl es „schwierig ist / den Menschen / der zum Reden geboren ist (…) / zum Schweigen zu bringen“ (Jg 200), gelingt es der „Generalin“, die gesamte Umgebung ihres Mannes von einer Thematisierung seiner „Todeskrankheit“ abzuhalten. Wenn der Schriftsteller der Frau des Generals dazu gratuliert, dass es ihr „gelungen ist / ihm den Borkenkäfer zu verheimlichen“ und „die Förster / und die Holzknechte / alle mit dem Wald Zusammenhängenden / zum Schweigen zu bringen“ (ebd.), so spiegelt der untergründige Sarkasmus in seinen Worten die Einsicht wider, dass eben dieses massive Verschweigen der „eigentliche[n] Todeskrankheit“ für den General das Todesurteil bedeutet: Unfähig, sich mit seiner Existenz auseinander zu setzen, nimmt er sich am Ende das Leben.

Die „zwei Lager“ der Jäger und der Gärtner in Auslöschung

Die Verdrängung des eigenen Zum-Tode-Seins hat somit eine ressentimentgeladene, tendenziell destruktive Haltung gegenüber der Umwelt zur Folge. Als Zuspitzung dieser These dient Bernhard, wie oben ausgeführt, die idealtypische Gegenüberstellung der „zwei Lager“ (Aus 191) der Jäger und Heger des Lebendigen. Vollständig ausgeführt wird sie in dem späten Prosawerk Auslöschung (1986). Angebahnt ist die Unterscheidung aber bereits in dem 1970 erschienenen Roman Das Kalkwerk, wo der Protagonist ebenfalls ausführlich über den „Jägerstumpfsinn“ sinniert (Kw 111).
Während die einen sich durch ihre Vernichtungswut die Illusion verschaffen, Herren über Leben und Tod zu sein, versuchen die anderen, den Kreislauf des Natürlichen aktiv nachzuvollziehen und so an ihm teilzuhaben. In diesem Sinne ist es auch zu verstehen, wenn der Erzähler in Auslöschung feststellt, „daß das Unglück der Welt zu einem Großteil auf die Jäger zurückzuführen ist“. Die „Jäger“ repräsentieren hier in ihrer Lust an der Kontrolle und Vernichtung des Lebendigen auch das Diktatorische („alle Diktatoren sind leidenschaftliche Jäger gewesen“), die Lust an der Unterjochung anderer. Daraus ergibt sich für den Erzähler zudem eine besondere Affinität der Jäger zum Nationalsozialismus: „Die Jäger waren die Faschisten, die Jäger waren die Nationalsozialisten (…)“ (Aus 192)
Die Unfähigkeit der ‚Jäger‘, sich mit ihrem eigenen Dasein auseinanderzusetzen, wird allerdings nicht nur mit Gewalt gegen andere, sondern – wie schon in der Jagdgesellschaft – auch mit einem verstärkten Hang zum Selbstmord in Verbindung gebracht. Dem wird die höhere Lebenszufriedenheit unter den Gärtnern gegenübergestellt, die im Gegensatz zu den Jägern „immer uralt“ würden und „nicht selten (…) das neunzigste Jahr“ erreichten (Aus 191).
Die idealtypische Gegenüberstellung der „zwei Lager (…) der Jäger und (…) der Gärtner“ (ebd.) verweist damit auf den spezifischen Humanismus der bernhardschen Literatur. Wie die Philosophie des Absurden beruht sie auf der Überzeugung, das derjenige, der sich seinem Zum-Tode-Sein und damit der Absurdität des Daseins bewusst stellt, hierdurch zu einem nicht-entfremdeten, in sich selbst ruhenden Leben befähigt wird. Demgegenüber wird derjenige, der vor der Wahrheit seiner Existenz flieht, hierdurch zu unbewussten, für ihn selbst und andere zerstörerischen Scheingefechten mit dieser Wahrheit genötigt.

Zitat der einschlägigen Textstelle aus Auslöschung

Abschließend sei hier noch die zentrale Textstelle aus Auslöschung angeführt, auf die sich die obigen Ausführungen beziehen. Da es in diesem Fall um die grundsätzliche Gegenüberstellung zweier entgegensetzter Einstellungen gegenüber Mensch und Natur geht, lasse ich das bernhard-typische Spiel mit der indirekten Rede („sagte ich zu X“, „erklärte ich Y“ …) und die Ortsbezeichnungen weg.
Letztere sind auch bei Bernhard beliebig gewählt und dienen lediglich der allgemeinen Situierung des Geschehens in Österreich und verwandten Kulturkreisen. So ist die Auseinandersetzung mit Kultur und Geschichte des oberösterreichischen Ortes Wolfsegg in dem Roman ausdrücklich als Kritik an „alle[m] Österreichischen und schließlich dazu auch noch alle[m] Deutschen, ja letzten Endes alle[m] Mitteleuropäischen“ gedacht (Aus 111).
Zur besseren Lesbarkeit habe ich Absätze eingefügt. Diese widersprechen zwar dem atemlosen Redefluss der bernhardschen Figuren, machen die Gedankenführung dafür aber nachvollziehbarer.

„Genauso, wie ihre Pflanzen, behandelten sie [die Gärtner] auch mich, wenn ich zu ihnen gekommen war, liebevoll. Sie hatten für meine Bedrängnisse und Nöte Verständnis, genau das Verständnis, das die Jäger mir gegenüber niemals gehabt haben, sie hatten nur immer ihre herrschaftlichen Sprüche für mich parat, glaubten, mir als ganz kleines Kind schon nur ihre anzüglichen Witze erzählen zu müssen, mich mit über ihren Köpfen geschwenkten Schnapsflaschen aufheitern zu können, wo sie mich durch diese abstoßende Art ihres Auftretens nur noch unsicherer und trauriger machten, als ich schon war, im Gegensatz zu den Gärtnern, die mich, ohne viel Wörter, verstanden und mir in jedem Fall helfen konnten.
Die Jäger überfielen mich immer schon von weitem mit ihrer protzigen, auftrumpfenden Art, mit ihren lauten versoffenen Stimmen, die Gärtner hatten genau die Sensibilität, die mich beruhigte. Zu den Gärtnern ging ich, wenn ich unglücklicher, als erträglich, war, wenn ich in höchster Not gewesen bin (…), nicht zu den Jägern. [Es] hatten sich immer zwei Lager gegenübergestanden, die der Jäger und die der Gärtner. Sie haben es jahrhundertelang nebeneinander ausgehalten, was sicher nicht leicht gewesen ist.
Ist es nicht interessant (…), dass sich immer wieder ein Jäger umgebracht hat, erschossen natürlich, nie aber ein Gärtner [?] Auf die Jäger gehen viele Selbstmorde […], kein einziger auf die Gärtner. […]
Die Jäger werden auch nicht sehr alt, sie vertrotteln bald […] und versaufen sich. Die Gärtner […] sind immer uralt geworden. Nicht selten hat ein Gärtner das neunzigste Jahr erreicht, die Jäger treten meistens mit fünfzig ab, weil sie nicht mehr in der Lage sind, ihren Dienst auszufüllen. Sie zittern im Anschlag und sie bekommen schon mit vierzig Gleichgewichtsstörungen. Die meiste Zeit sind sie im Ort anzutreffen, wo sie in Wirtshäusern herumhocken neben ihrem entsicherten Gewehr und ausgefressen ihre absurden politischen Kommentare abgeben, was sehr oft in Raufereien ausartet, die naturgemäß wie immer auf dem Land mit Streit und in der Folge mit Verletzten, ja sogar mit Toten enden.
Die Jäger waren schon immer die Radaumacher, die Aufwiegler. Passte ihnen einer nicht, schossen sie in einfach bei nächster Gelegenheit ab und verantworteten sich vor Gericht, sie hätten den Erschossenen für ein Stück Wild gehalten. Die Prozessgeschichte […] ist voll von solchen Jagdunfällen, die dem Täter meistens nur eine Verwarnung einbrachten nach dem Motto: der von einem Jäger Erschossene ist selbst schuld.
Die Jäger waren auch immer die Fanatischen, […] tatsächlich lässt es sich beweisen, dass das Unglück der Welt zu einem Großteil auf die Jäger zurückzuführen ist, alle Diktatoren sind leidenschaftliche Jäger gewesen, hätten alles bezahlt für die Jagd, selbst ihr eigenes Volk umgebracht für die Jagd, wie wir ja gesehen haben. Die Jäger waren die Faschisten, die Jäger waren die Nationalsozialisten […]. [Sie] führten während der Naziherrschaft […] das große Wort […]. Sie waren, als der Nationalsozialismus aufgekommen ist, die Stärkeren, mein [Gärtner-]Vater der Schwächling, der sich ihnen zu beugen hatte.“

aus: Thomas Bernhard: Auslöschung. Ein Zerfall, S. 190 – 193. Frankfurt/Main 1986: Suhrkamp. 

Nachweise für die zitierten Werke Thomas Bernhards
 
AP: Autobiographische Prosa. Salzburg 1998: Residenz.

  1. Die Ursache. Eine Andeutung (1975)
  2. Der Keller. Eine Entziehung (1976)
  3. Der Atem. Eine Entscheidung (1978)
  4. Die Kälte. Eine Isolation (1981)
  5. Ein Kind (1982)

 
Aus: Auslöschung. Ein Zerfall. Frankfurt/M. 1986: Suhrkamp.
 
Jg: Die Jagdgesellschaft (Uraufführung Burgtheater Wien, 1974). In: Ders.: Stücke, Bd. 1, S. 171 – 249. Frankfurt/M. 1988: Suhrkamp.
 
Kw: Das Kalkwerk (1970). Frankfurt/M. 1973: Suhrkamp.

 

Bild: Monozigale: Thomas Bernhard, 17. Mai 1988 (Wikimedia)

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