R. v. Rotortod: Überdreht: 2. Eine Therapiesitzung / A therapy session

fantasy-2847724_1920 (2)Stefan Keller

Hier nun, wie angekündigt, das zweite Kapitel von Rothilda von Rotortods Roman Überdreht. Dieses Mal nehmen wir an einer Therapiesitzung teil: Alfons Heimenross, ein bekannter Umweltpolitiker, befindet sich in einer Identitätskrise: Er fühlt sich auf einmal unwiderstehlich von Betonpfeilern angezogen.

Rothilda von Rotortod 1.2. Eine Therapiesitzung- a therapy session.pdf

English version

2. Eine Therapiesitzung

Der Besprechungsraum der Therapeutin wirkte ein wenig wie eine Höhle aus Kindertagen. Deckenfluter erzeugten ein gedämpftes Licht, das von den terracottafarbenen Wänden nur schwach reflektiert wurde. Der ockerfarbene Teppichboden schluckte jedes überflüssige Geräusch, so dass der Klang der Stimme sich ungestört entfalten konnte.
Beste Voraussetzungen für eine Seelenreise boten auch die Sitzgelegenheiten, die zwanglos im Raum verteilt waren. Neben einem Computertisch mit Gästestühlen und einer klassischen Sigmund-Freud-Couch gab es auch eine Sitzgruppe mit blauen Sesseln. Diese waren so weich, dass sie die Verirrten und Suchenden umfingen wie eine Mutter, die ein weinendes Kind in den Arm nimmt. Wer in ihnen versank, bekam einen körperlichen Eindruck von dem, was seiner Seele bevorstand: dem Hinabsinken in das eigene Ich.
Alfons Heimenross hatte es sich nach anfänglichem Zögern auf der Sigmund-Freud-Couch bequem gemacht. Der Grund für diese Wahl war vor allem, dass er sich, wie schon seit einigen Wochen, auch an diesem Morgen wieder unendlich müde fühlte. Außerdem hasste er weiche Sessel. Er fühlte sich darin stets an ein sehr unschönes Erlebnis aus seiner Kindheit erinnert, als er einmal fast im Moor ertrunken wäre – und er wollte die Seelenreise ja nicht gleich bei seinen frühesten Traumata beginnen.
Erschwerend kam hinzu, dass er noch nie bei einer Therapeutin gewesen war. Er hätte auch nicht gedacht, dass er einmal eine aufsuchen würde. Aber die Ereignisse der letzten Wochen hatten ihn zuletzt so beunruhigt, dass er sich einfach nicht mehr anders zu helfen wusste.
Nach seinen ersten Worten war Heimenross in ein dumpfes Schweigen versunken. Fast schien es, als wäre er in eine Art Halbschlaf gefallen. Daher fragte die Therapeutin mit wiegenliedhafter Stimme nach: „Und Sie haben also den Eindruck, sich selbst fremd zu sein?“
Heimenross fuhr zusammen. Es erschreckte ihn, das, was er über sich selbst gesagt hatte, aus einem anderen Mund zu hören. „Ich weiß, das … das klingt irgendwie lächerlich. Vielleicht drücke ich mich ja auch falsch aus – ich bin nicht so gut in solchen Gesprächen.“
Die Therapeutin lächelte nachsichtig. Mit ihrer randlosen Brille und dem Notizbuch in der Hand wirkte sie eher wie eine Lehrerin, die sich Aufzeichnungen für das nächste Zeugnis macht. Auch deshalb vermied es Heimenross, ihr ins Gesicht zu sehen. Dabei tat die Frau, ganz Psychologin, alles, um ihm seine Beichte zu erleichtern.
„Lächerliches und Falsches gibt es hier nicht“, ermutigte sie ihren Klienten. „Lassen Sie einfach Ihren Gefühlen und Gedanken freien Lauf. Denken Sie an eine Traumreise: Alles kommt, wie es kommt, nichts ist verboten. Jedes Gefühl darf sich ein Bild suchen.“
Da Heimenross dennoch beharrlich schwieg, baute die Therapeutin ihm eine weitere Brücke: „Schildern Sie doch einfach mal eine Situation, in der Sie diese Fremdheitsgefühle überkommen.“
Heimenross‘ Augenlider zuckten. Stockend erklärte er: „Na ja … Zum Beispiel morgens, vor dem Spiegel, wenn ich mir ins Gesicht schaue … Da habe ich oft das Gefühl, dass ich gar nicht der bin, der mich da aus dem Spiegel ansieht. Diese blassen Lippen, die ungepflegten Haare, die tiefen Ringe unter den Augen … Das sieht mir alles gar nicht ähnlich.“
Die Therapeutin schmunzelte. „Diese Fremdheitsgefühle kenne ich auch …“
Eine leichte Röte schimmerte auf Heimenross‘ Wangen. „Ich sage ja: Das klingt irgendwie blöd. Midlife-Crisis, könnte man sagen, die Haare sind nicht mehr so kräftig, ich könnte sie zurückschneiden, halblang ist eh nicht ideal für einen Politiker. Und die Ringe unter den Augen: Zu wenig Schlaf, das typische Problem aller Workaholics. Spann mal aus, Heimenross, könnte ich mir sagen, fahr einfach mal für zwei Wochen ans Meer, danach kannst du wieder voll durchstarten!“
Die Therapeutin kritzelte etwas in ihren Notizblock. „Wäre das denn keine gute Idee? Meinen Sie nicht, Sie sollten diesem Bedürfnis nachgeben, wenn Sie es schon selbst empfinden?“
„Genau das ist ja das Problem!“ ereiferte sich Heimenross, fast wie in einer seiner Parlamentsreden. „Ich habe ja schon versucht, mich mal eine Zeit lang auszuklinken. Abends in die Sauna gehen oder mit Freunden bei einem Bier abhängen, wie früher, als ich noch nicht so viele Verpflichtungen hatte. Aber das hilft alles nichts. Ich werde einfach dieses verdammte Gefühl nicht los, nicht mehr ich selbst zu sein! Ich fühle mich schon ganz fahrig deswegen.“
Die Therapeutin sah von ihrem Notizblock auf: „Haben Sie vielleicht Schlafstörungen?“
„Ausschließen kann ich das nicht“, bekannte Heimenross. „Vielleicht ist aber auch das Gegenteil der Fall. Ich habe jedenfalls eher das Gefühl, zu fest zu schlafen. In letzter Zeit habe ich sehr intensive Träume, an die ich mich morgens ganz genau erinnern kann. Ich habe dann fast den Eindruck, das Geträumte wirklich erlebt zu haben.“
Die Therapeutin beugte sich leicht vor. Vorsichtig, als wollte sie das kostbare Geständnis nicht gefährden, erkundigte sie sich: „Und was sind das für Träume?“
Heimenross seufzte. „Da ist vor allem ein Traum, der immer wiederkommt. Ein bestimmtes Bild, das ich einfach nicht loswerde: Ich wache morgens auf – ich meine natürlich: ich träume, dass ich aufwache –, und die ganze Welt ist vollgestellt mit riesigen Stahlbetontürmen. Ich gehe durch einen endlosen Wald aus Betonbäumen, ich laufe und laufe, immer weiter …“
Hektisch huschte der Kugelschreiber der Therapeutin über die Seiten ihres Notizbuchs. „Und von diesen Alpträumen fühlen Sie sich dann morgens zerschlagen?“
Heimenross schüttelte heftig den Kopf. „Das ist ja gerade das Seltsame!“ stellte er klar. „Ich empfinde die nächtlichen Bilder gar nicht als Alpträume. Genau das meine ich, wenn ich sage: Ich werde mir selbst fremd. Die Wanderungen durch den Betonwald sind mir angenehm. Ich genieße es, mit der Hand über die glatten, von keinem Verfall bedrohten Stahlstämme zu streichen. Ich habe mich sogar schon dabei ertappt, vor Autobahnbrücken stehen zu bleiben und die Betonpfeiler zu bewundern, die die breiten Trassen stützen. Dabei habe ich mich früher an jeden Baum gekettet, der einer Straße weichen sollte!“
Die Therapeutin warf einen besorgten Blick auf Heimenross. Hektische Flecken leuchteten auf seinem Gesicht, seine Mundwinkel zuckten unkontrolliert. In betont ruhigem Ton redete sie auf ihren Patienten ein: „Versuchen Sie doch, sich zu ihren Gefühlen zu bekennen! Stahl und Beton sind nun einmal die Baumaterialien unserer Zeit. Vielleicht sollten Sie sich einfach nicht so sehr dagegen wehren und diese Tatsache anerkennen.“
Heimenross runzelte die Stirn. Eine Zeit lang verfiel er wieder in ein grüblerisches Schweigen. „Wenn es nur diese Träume … diese blöden Träume wären“, murmelte er dann monoton, als würde er mit sich selbst sprechen. „Aber da ist noch etwas anderes … Ich habe auch sonst den Eindruck, mir selbst fremd zu sein, auch im Umgang mit anderen …“
Die Therapeutin rückte ihre Brille zurecht. „Und worin äußert sich das?“ fragte sie, die Stimme einfühlsam senkend.
Heimenross kratzte sich erst am rechten, dann am linken Ohr. Unruhig rutschte er auf der Couch herum. „Nun“, erläuterte er, „zum Beispiel habe ich seit einiger Zeit ständig Heißhunger auf Pizza. Jeden Abend lasse ich mir vom Pizza-Service um die Ecke eine bringen – am anderen Morgen kann ich mich aber weder an den Geschmack der Pizza noch an das Gesicht des Pizza-Boten erinnern. Es ist, als hätte jemand anders die Pizza bestellt.“
Nachdenklich strich die Therapeutin mit der Hand über ihr Kinn. „Und Sie sind sich sicher, dass Sie die Pizzabestellung nicht auch träumen?“
Heimenross lachte bitter auf. „Ich muss mir ja nur die leere Pizzaschachtel anschauen – und meinen Bauchumfang. Nein, der Pizzakonsum ist real. Nur die Erinnerung daran ist ausgesetzt.“
„Trinken Sie vielleicht zu viel Rotwein dazu?“ fragte die Therapeutin, halb im Scherz.
Ein erneutes Kopfschütteln war die Antwort: „Ein, zwei Gläschen würde ich nicht als zu viel bezeichnen. Und außerdem: Wenn der Wein schuld wäre an dem allabendlichen Filmriss, müsste ich jetzt nicht meine Psyche untersuchen lassen, sondern meine Leber.“
„Tja“, resümierte die Therapeutin, während sie ihr Notizbuch zuklappte. „Das scheint sich in der Tat um einen recht speziellen Fall zu handeln bei Ihnen. Am besten schreiben Sie in den nächsten Tagen alles auf, was Ihnen auf der Seele brennt. Ich habe mir jetzt ja auch einige Notizen gemacht und werde mir bis zur nächsten Sitzung alles noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Dann werden wir bestimmt klarer sehen!“
Müde erhob Heimenross sich von der Couch. Er fühlte sich wie nach einer missglückten Operation.

Das dritte Kapitel folgt am kommenden Dienstag. Es erzählt von den ersten Schritten der Außerirdischen bei ihrer Mission zur Eroberung der Erde. Dazu zählen auch schon die ersten Umpolungsversuche mit Erdlingsgehirnen.

 

English version:

A therapy session

Today we are releasing the second chapter of Rothilda von Rotortod’s novel Overturned. This time we take part in a therapy session: Alfons Heimenross, a well-known environmental politician, is in an identity crisis: he suddenly feels irresistibly attracted to concrete pillars.

Mrs Andrews, an experienced therapist, looked attentively at her client. Her consulting room looked a little like a cave from childhood. Ceiling floodlights produced a subdued light that was only weakly reflected by the terracotta-coloured walls. The ochre-coloured carpet swallowed every superfluous noise, so that the sound of the voice could spread undisturbed.
The best conditions for a journey of the soul were also offered by the seats, which were distributed throughout the room. Besides a computer table with guest chairs and a classic Sigmund Freud couch, there was also a seating group with blue armchairs. These were so soft that they surrounded the lost and searching souls like a mother holding a crying child in her arms. Those who sank into them got a physical impression of what was in store for their soul: the sinking into their own self.
After initial hesitation, Alfons Heimenross had made himself comfortable on the Sigmund Freud couch. The main reason for this choice was that, as he had been doing for several weeks, he felt infinitely tired again that morning. Furthermore, he hated soft armchairs. They always reminded him of a very unpleasant experience from his childhood, when he once almost drowned in a swamp – and he didn’t want to start the journey of the soul right at the beginning of his earliest traumas.
What made things worse was that he had never been to a therapist before. He never thought he would see one either. But the events of the last few weeks had worried him so much that he just couldn’t help himself any more.
After his first words Heimenross had fallen into a sullen silence. It almost seemed as if he was half asleep. So the therapist asked in a lullaby voice: „You said you have the impression of being a stranger to yourself?“
Heimenross flinched abruptly. It startled him to hear what he had said about himself from another mouth. „I know … it … it sounds kind of ridiculous. Maybe I’m expressing myself wrong – I’m not very good at this kind of conversation.“
The therapist smiled indulgently. With her rimless glasses and the notepad in her hand, she looked more like a teacher taking notes for the next report card. This was another reason why Heimenross avoided looking her in the face. Yet the woman, all psychologist, did everything she could to facilitate his confession.
„There is nothing ridiculous or wrong here,“ she encouraged her client. „Just give free rein to your feelings and thoughts. Think of a dream journey: Everything comes as it comes, nothing is forbidden. Every feeling is allowed to find a picture.“
Since Heimenross nevertheless remained stubbornly silent, the therapist built him another bridge: „Just describe a situation in which you are haunted by these feelings of strangeness.“
Heimenross‘ eyelids twitched. He explained haltingly: „Well … For example in the morning, in front of the mirror, when I look into my face … I often have the feeling that I am not the one looking at myself from the mirror. Those pale lips, the unkempt hair, the deep rings under my eyes … It’s not like me at all.“
The therapist smiled. „These feelings sound quite familiar to me …“
A slight redness shimmered on Heimenross‘ cheeks. „See what I mean? That all sounds kind of stupid. Midlife crisis, you could say, the hair is not so strong anymore, I could cut it back, half-length is not ideal for a politician anyway. And the rings under the eyes: not enough sleep, the typical problem of all workaholics. Take a break, Heimenross, I could say to myself, just go to the seaside for two weeks, then you can start off again.“
The therapist scribbled something in her notebook. „Wouldn’t that be a good idea? Why don’t you simply give in to this desire?“
„That’s exactly the problem!“ Heimenross exclaimed, almost like in one of his parliamentary speeches. „I’ve already tried to take more time for myself. I’ve been to the sauna again and have chilled out with friends in the evening, like I used to when I didn’t have so many obligations. But none of that helps. I just can’t get rid of this damned feeling of not being myself anymore! I’m already feeling all fidgety about it.“
The therapist looked up from her notepad and asked: „Could it be that you are suffering from insomnia?“
„I can’t rule it out,“ Heimenross admitted. „But the opposite can be true as well. In any case, I rather have the feeling of sleeping too soundly. Lately I’ve been having very intense dreams that I can remember very clearly in the morning. I almost have the impression that the dreams are real.“
The therapist bent over slightly. Carefully, as if she didn’t want to endanger the precious confession, she asked: „And what kind of dreams are these?“
Heimenross sighed. „Above all, there is one dream that keeps coming back. A certain image that I just can’t get rid of: I wake up in the morning – I mean: I dream that I wake up – and the whole world is covered with huge reinforced concrete towers. I walk through an endless forest of concrete trees, I run and run and run, ever further I run, I run and run …“
The therapist’s ballpoint pen scurried busily over the pages of her notebook. „And in the morning, do you feel shattered by these nightmares?“
Heimenross shook his head violently. „That’s just what is so strange about it!“ he clarified. „The dreams are no nightmares to me at all. That’s what I mean when I say: I am becoming a stranger to myself. The walks through the concrete forest are pleasant for me. I enjoy stroking with my hand over the smooth steel trunks that are not threatened by decay. I have even caught myself stopping in front of highway bridges and admiring their powerful concrete pillars. And in the past I used to chain myself to every tree that should be chopped down for a road!“
The therapist threw a worried look at Heimenross. Hectic spots glowed on his face, the corners of his mouth twitched uncontrollably. In an emphatically calm tone she suggested: „Try to admit your feelings! Steel and concrete are the building materials of our time. Perhaps you should simply not resist to that fact and acknowledge it instead.“
Heimenross frowned. For a while he fell back into a brooding silence. „If it were only these dreams … these silly dreams,“ he murmured monotonously, as if he was talking to himself. „What worries me most is … I have the impression of being a stranger to myself, even when dealing with others …“
The therapist adjusted her glasses. „And what does this manifest itself in?“ she asked, lowering her voice sensitively.
Heimenross scratched first his right ear, then his left. Restlessly he slid around on the couch. „Well,“ he explained, „for example, I have had a constant craving for pizza for some time now. Every evening I order one from the pizza service around the corner – but the next morning I can’t remember the taste of the pizza or the face of the pizza delivery boy. It’s like someone else ordered the pizza.“
Thoughtfully, the therapist stroked her chin. „Are you sure you’re not dreaming up this pizza order?“
Heimenross laughed bitterly. „I only have to look at the empty pizza box – and at my stomach girth. No, the pizza consumption is real. Only the memory of it is suspended.“
„Do you perhaps drink too much red wine with that?“ asked the therapist, half joking.
Another shake of the head was the answer: „I would not call one or two glasses too much. And besides, if my frequent blackouts were due to the wine, I wouldn’t have my psyche examined, but my liver.“
„Well,“ summed up the therapist as she closed her notepad. „This does indeed seem to be a rather special case with you. It would be best if you wrote down everything that preys on your mind over the next days. I, for one, will take a close look at my notes and think it all over again until the next session. Then hopefully we’ll see more clearly.“
Fatigued, Heimenross rose from the couch. He felt as if he had just had a failed operation.

The third chapter will follow next Tuesday. It is about the first steps of the aliens in their mission to conquer the earth – especially their attempts to reprogram the Earthlings’ brains.

2 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s