Corona und Inklusion

Spiel nicht mit den I-Kindern!

Ein Special zum Tag der Menschen mit Behinderungen

Inklusion wird in Deutschland nicht im umfassenden Sinn des Rechts aller Menschen auf gesellschaftliche Teilhabe, sondern als Pflicht zur Integration Behinderter verstanden. Schulische Inklusion erscheint vielen folglich nicht als Chance für mehr Individualisierung und Differenzierung in der Bildung, sondern als Belastung. Es ist daher keine Überraschung, dass in der Coronakrise wieder die alten Ressentiments gegenüber Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen zum Vorschein kommen und die Rücksichtnahme auf deren Bedürfnisse als nachrangiges Luxusproblem erscheint.

Einleitung: Corona und Inklusion

Spiel nicht mit den I-Kindern. Zu Fehlentwicklungen beim Umgang mit der schulischen Inklusion (PDF)

Spottlied der tschechischen Inklusionsband The Tap Tap auf die Inklusionsblockierer (Videoclip)

Einleitung: Corona und Inklusion

In der Pandemie, heißt es, gehen wir alle ein bisschen solidarischer miteinander um als sonst. Jeder hilft dem anderen, alle stehen füreinander ein.
Nur leider: Für Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen gilt das offenbar nicht. An sie ist bei der ganzen schönen Feier der Menschlichkeit nicht gedacht.
Du leidest unter einer Hörbeeinträchtigung und hast Probleme, das Maskengenuschel zu verstehen? Sorry, aber unser Corona-Abwehrzauber ist uns wichtiger als deine Teilhabe an unserer Kommunikation!
Du bist geistig anders gepolt als wir und lässt dir die Maske nicht am Gesicht festwachsen, weil dein Denken mühelos jene Schranken überwindet, die wir uns setzen? Dann müssen wir dir leider dein Bildungsrecht aberkennen! Bleib einfach zu Hause und zähl die Löcher in der Wand, das stellt genug Anforderungen an deinen Geist!
Du leidest an Krankheiten wie Asthma oder der Glasknochenkrankheit und bekommst deshalb unter der Maske keine Luft? Gut, dann bekommst du eine Ausnahmegenehmigung für maskenfreies Leben. Wie – du wirst laufend von Leuten angegangen, denen die ruhmreiche deutsche Vergangenheit ein Denunziations-Gen eingepflanzt hat? Die Abweichungen von der Norm nicht ertragen können? Dann bleib besser zu Hause! Für das, was draußen vor der Tür auf dich einprasselt, können wir leider keine Verantwortung übernehmen.

So ist die Pandemie wie ein Lackmustest, der zeigt: Inklusion ist hierzulande nichts als ein leeres Wort. Etwas, das man nur im Munde führt, weil es sich so gut anfühlt und anhört, für Teilhabe und Diversität zu sein. Etwas, das aber keine Entsprechung auf der Ebene der eigenen Überzeugungen oder gar des gesellschaftlichen Handelns hat.
Die Coronakrise ist in diesem Sinne leider keine Ausnahmesituation. Vielmehr ermutigt sie viele, jene ablehnende und ausgrenzende Haltung gegenüber gehandicapten Menschen offen an den Tag zu legen, die sie sonst immer unter allerlei glitzerndem Begriffslametta verbergen.
Nichts zeigt dies deutlicher als die Art und Weise, wie in Deutschland über Inklusion gesprochen wird. Inklusion ist bei uns einfach nur ein anderes Wort für Integration: Behinderte werden inkludiert, Migranten integriert. In beiden Fällen ist das Andersartige ein Ärgernis, das auf dem Wege der Anpassung oder durch diverse Hilfskonstrukte den geltenden Normen unterworfen werden soll.
Inklusion bedeutet aber gerade, dass nicht von irgendwelchen allgemeingültigen Normen ausgegangen wird. Stattdessen schafft eine inklusive Gesellschaft die Voraussetzungen dafür, dass die verschiedenen Lebensentwürfe und -möglichkeiten von Mitgliedern einer Gesellschaft gleichberechtigt verwirklicht werden können.
Wie auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene ist auch an den Schulen dieser weitere Ansatz von Inklusion bislang nicht verwirklicht worden. Die Frage, warum das so ist und wie das geändert werden könnte, lässt sich nicht in zwei Sätzen beantworten. Deshalb hier ein ausführlicherer Beitrag zu der Thematik:

Spiel nicht mit den I-Kindern. Zu Fehlentwicklungen beim Umgang mit der schulischen Inklusion (PDF)

 Hörtipp: The Tap Tap – Řiditel autobusu

Wem das alles zu ernst ist, der sei hier auf die tschechische Band The Tap Tap verwiesen, die sich in ihrem Song Řiditel autobusu auf ironische Weise mit den Ausgrenzungstendenzen gegenüber Menschen mit Behinderungen auseinandersetzt.
Im Mittelpunkt des Liedes steht ein Mensch, der im Alltag auf eine Gehhilfe angewiesen ist. Da diese Person im Video zu dem Song mit einem Mitglied der (ausschließlich aus Menschen mit Handicaps bestehenden) Band (Marek Valenta) identifiziert wird, darf man wohl davon ausgehen, dass darin auch eigene Erfahrungen verarbeitet werden.
In Song und Videoclip hat der Protagonist seinen Rollstuhl in ein Spezialfahrrad umgewandelt, das ihm die Fortbewegung erleichtert. Als er damit jedoch in einen Bus einsteigen möchte, verweigert der Busfahrer ihm den Zutritt: Diese Gehhilfe sei in Wahrheit ein Fahrrad, Fahrräder seien aber von der Beförderung ausgeschlossen. (Passend zu dem Song bezeichnet der Bandname in Haiti die als öffentliche Verkehrsmittel benutzten, meist bunt bemalten Pick-ups und Kleinbusse.)
Der Song besteht im Kern aus dem Dialog, der sich in der Folge zwischen dem Busfahrer und dem abgewiesenen Fahrgast entfaltet. Während Letzterer rein sachlogisch argumentiert und auch die Beförderungsbedingungen – die Fahrräder für zulässig erklären, wenn sie wie eine Gehhilfe benutzt werden – auf seiner Seite hat, beharrt der Fahrer darauf, in seinem Bus selbst über die Zulassung und den Ausschluss von Passagieren zu entscheiden.
Im Videoclip träumt der Busfahrer sich dabei in die Rolle eines Popstars oder eines paramilitärischen Verteidigers der Ordnung hinein. Dadurch wird deutlich, dass es ihm letztlich gar nicht um die Einhaltung der Regeln, sondern vor allem um die Auskostung seiner Macht geht – weshalb er auch nicht als Busfahrer (řidič autobusu), sondern als Chef bzw. „Führer“ des Busses (řiditel autobusu) charakterisiert wird. So zeichnet der Song in ihm ein karikatureskes Psychogramm jener kleingeistigen Bürokraten, die offenbar nicht nur in deutschen Amtsstuben die Umsetzung der Inklusion erschweren.

The Tap Tap – Řiditel autobusu; aus: The Tap Tap v Opeře – Mikulášská, 2011

Videoclip mit englischen Untertiteln

Liedtext

Band-Infos:

The Tap Tap Orchestra; Video von TRT World, englisch; Showcase,11. Juli 2017.

Zimmermann, Marco: The Tap Tap – Lebensfreude für Musiker und Publikum; Radio Praha (auf  Deutsch), 20. Januar 2013.

Übersetzung:

 Der Bus-Führer

 Mein neuer Rollstuhl ist so schnell wie der Wind und so stark wie ein Stier,
 mit ihm fühlt sich die Welt wie ein ewiger Grillabend an,
 ich habe wieder neuen Schwung, ich fühle mich, als wäre ich mindestens 1,60 Meter groß
 und bin ganz im Reinen mit mir.
  
 Das ist doch kein Rollstuhl, Bürschlein, das ist ein verdammter Fake!
 Das ist ein Fahrrad, und Fahrräder sind im Bus nicht erlaubt.
 Wer ein Fahrrad hat, muss draußen bleiben,
 also tschüss und auf Wiedersehen!
  
 Ich bin der Bus-Führer,
 hier gelten meine Regeln und meine Gesetze.
  
 Du bist der Führer in diesem Bus,
 einem Bus, der in Richtung der Station "Ärger" fährt.
  
 Fahrräder sind hier nicht erlaubt, hier steht's schwarz auf weiß,
 zwing mich nicht, deutlicher zu werden!
 Wenn du nicht gleich verschwindest,
 kannst du dich auf was gefasst machen,
 Querulanten wie dich werde ich hier nicht dulden!
  
 Nur weil meine Schuhe kleiner sind als deine, habe ich nicht weniger Rechte als du!
 Also denk mal drüber nach:
 Nur weil irgendwo etwas schwarz auf weiß steht, ist die Realität noch lange nicht schwarz und weiß.
 Was für dich wie ein Fahrrad aussieht, ist für mich eine Fortbewegungshilfe!
  
 Du bist der Führer in diesem Bus,
 aber die Welt besteht nicht nur aus Busspuren!
  
 Ich bin der Bus-Führer,
 komm mir nicht mit deinem verdammten Fahrrad in die Quere!
 Fahrrad bleibt Fahrrad,
 daran ist nichts zu ändern.
 Dummkopf bleibt Dummkopf – 
 manche haben kurze Beine, manche sind etwas schwer von Begriff.
 Fahrrad bleibt Fahrrad,
 deine Argumente sind völlig aus der Luft gegriffen.
 Dummkopf bleibt Dummkopf  – 
 wer sich auf das Regelwerk beruft, sollte es besser selbst genauer lesen!
  
 Beförderungsbedingungen, Artikel 6, Paragraph 15:
 Andere Fortbewegungshilfen werden wie Rollstühle behandelt, wenn sie diesen in Größe und Gewicht entsprechen.
  
 Ich möchte keine vorschnellen Schlüsse ziehen
 und ich will auch keinen Streit,
 ich fordere nur das ein, was mir zusteht, verstehst du?
 Menschen wie ich sind doch keine Märchengestalten,
 wir sitzen im selben Boot wie du, also schmeiß uns nicht über Bord!
  
 Wenn ich dich mit deinem Fahrrad hier reinlasse, büße ich meine ganze Autorität ein.
 Da könnte ja jeder kommen!
 Regeln sind Regeln, das kapiert sogar der dümmste Dorfdepp.
 Wenn du eine Ausnahme willst, dann beschwer dich doch bei Schneewittchen, [du Zwerg]!
  
 Ich bin der Bus-Führer,
 wende dich doch an Gott, wenn du willst.
  
 Du bist der Führer in diesem Bus,
 und nächstes Mal nimmst du mir wahrscheinlich meinen Stock oder meine Prothese weg!
  
 Ich bin der Bus-Führer,
 komm mir nicht mit deinem verdammten Fahrrad in die Quere!
 Fahrrad bleibt Fahrrad,
 daran ist nichts zu ändern.
 Dummkopf bleibt Dummkopf – 
 manche haben kurze Beine, manche sind etwas schwer von Begriff.
 Fahrrad bleibt Fahrrad,
 Dummkopf bleibt Dummkopf  – 
 wer sich auf das Regelwerk beruft, sollte es besser selbst genauer lesen! 

Bildnachweis: Pipe VasquezVasquez: Kinder machen Musik (Pixabay)

2 Kommentare

  1. Man kann die Maskenbefreiung nicht mit einer Behinderung gleichsetzen. Ich habe ein Attest, das attestiert, dass ich keine Maske tragen darf. Ich bewege mich nicht viel in der Öffentlichkeit, wurde jedoch bisher nie angesprochen, weil ich keine Maske trage. Ich musste das Attest erst zweimal vorzeigen und am Eingang eines Geschäfts, in dem das Wachpersonal angewiesen war, Menschen mit Attest abzuweisen, wurde ich aufgefordert, den Schal locker um den Mund zu werfen, damit man mich einlassen könne. Ich habe aber mit einem Freund, der im Rollstuhl sitzt, einmal – lange vor Corona – über das gesprochen, was er erlebt. Er wird als menschlicher Abfall beschimpft, gemobbt und tätlich angegangen. Behörden mobben subtil, Krankenkassen sparen am Rollstuhl und der Pöbel greift an. Ich wusste das alles nicht. Die Euphemismen, mit denen wir Behinderungen auf immer verschämtere Weise umschreiben müssen, dienen der Realtitätsleugnung. Wo das moralische Empfinden fehlt, hilft auch die Sprachgängelei nicht.

    Liken

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s