Die Revolution und die Oden: Friedrich Hölderlins Diotima-Dichtung

Ilona Lay, Reichensteiner Poetik-Vorlesungen, Teil 5

Die Französische Revolution stand für eine umfassende Befreiung des Menschen aus den Fesseln politischer, sozialer und geistiger Abhängigkeiten. Wie passt das zusammen mit dem strengen Versmaß der Oden, die Friedrich Hölderlin, durchaus ein Anhänger der Französischen Revolution, zu eben jener Zeit verfasst hat?

Hegelianisches Denken und Französische Revolution

Revolutionäre Antikenbegeisterung

Biographische Hintergründe von Hölderlins Odendichtung

Gedichtbeispiel: eine Diotima-Ode Hölderlins

Die Odendichtung im soziopolitischen Kontext

Nachweise

Hegelianisches Denken und Französische Revolution

Schon die geistigen, sozialen und politischen Umwälzungen, die mit der Französischen Revolution einhergegangen waren, hatten vielen Menschen das Gefühl vermittelt, am Ende der Geschichte angelangt zu sein. Dies war seinerzeit jedoch nicht mit einer Abwendung von tradierten literarischen Formen einhergegangen. Während das Leben in Paris infolge der jakobinischen Schreckensherrschaft aus den Fugen geraten und auch zur Zeit des Direktoriums noch von Unruhen gekennzeichnet war, begann Hölderlin in Deutschland formvollendete Oden zu verfassen.
Nun kann man natürlich einwenden, dass die politische und geistige Lage in Deutschland damals nicht mit der in Frankreich zu vergleichen war. Das ist zweifellos richtig. Hölderlin allerdings war – wenn auch auf seine eigene, spekulativ-idealistische Weise – durchaus ein Anhänger der Französischen Revolution, in der er den Anbruch eines neuen, von Versöhnung des objektiven mit dem subjektiven Geist gekennzeichneten Zeitalters erblickte. Sein Denken weist in dieser Hinsicht strukturelle Gemeinsamkeiten mit der Naturphilosophie Schellings und der Geschichtsphilosophie Hegels auf, mit denen Hölderlin eine Zeit lang gemeinsam im Evangelischen Stift in Tübingen gelebt und studiert hatte.
Die Parallelen, die sich in zentralen Denkfiguren der drei ehemaligen Kommilitonen finden, lassen sich möglicherweise mit dem gemeinsamen Studium antiker Schriften erklären. Vor allem sind dabei wohl die Fragmente Heraklits und die darin entfaltete Theorie von der Verbundenheit der Gegensätze in einer höheren Einheit zu nennen. Hierin lässt sich gewissermaßen die Keimzelle des für Hölderlin ebenso wie für Hegel und Schelling zentralen dialektischen Denkens sehen.

Revolutionäre Antikenbegeisterung

Die Gleichzeitigkeit von freiheitlich-revolutionärem Denken und den festen Regeln, denen sich der lyrische Ausdruck in den Oden zu unterwerfen hat, lässt sich auf den ersten Blick damit erklären, dass die französischen Revolutionäre sich in ihrem Freiheitsstreben auch auf antike Vorbilder beriefen. Hierbei muss allerdings differenziert werden: Während die Empire-Mode durchaus das freiheitlichere Lebensgefühl widerspiegelte, widersprach das strenge antike Versmaß diesem im Grunde.
Wer verstehen will, warum Hölderlin für seinen dichterischen Ausdruck an antiken Versformen festhielt, muss deshalb doch etwas genauer hinschauen. Am einfachsten wäre es wohl, schlicht auf den Zeitgeist zu verweisen: Nachdem Johann Joachim Winckelmann im Zuge seiner Auseinandersetzung mit der griechischen Kunst der Antike die von ihm darin beobachtete „edle Einfalt“ und „stille Größe“ zum künstlerischen Ideal erklärt hatte, lag es nahe, sich auch in der Lyrik an antiken Ausdrucksformen zu orientieren. Die Wahl der Odenform bot sich dabei auch deshalb an, weil Klopstock diese um dieselbe Zeit für die deutsche Dichtung adaptiert hatte.

Biographische Hintergründe von Hölderlins Odendichtung

Ein weiterer Erklärungsansatz für Hölderlins Orientierung am strengen antiken Versmaß verweist auf die biographische und soziopolitische Ebene.
Was zunächst die biographische Ebene anbelangt, so lässt sich wohl feststellen: Hölderlin hatte kein einfaches Leben. Vater, Stiefvater und vier seiner Geschwister sind früh gestorben, seine Mutter musste die Familie allein durchbringen, so dass ihr Sohn mit der kostenlosen Ausbildung zum evangelischen Theologen vorliebnehmen musste. Durch diese fühlte er sich geistig so eingeengt, dass er danach die Übernahme einer Pfarrstelle, auf welche die Ausbildung eigentlich vorbereiten sollte, für sich ausschloss.
Die Hauslehrerstellen, mit denen Hölderlin sich stattdessen durchschlug, brachten ihm allerdings auch nicht die erhoffte Freiheit für seine geistige Arbeit. Oft gab es Ärger mit seinen Schützlingen, er wechselte die Stellen in immer kürzeren Abständen und musste aus Geldnot zwischendurch immer wieder zu seiner Mutter nach Nürtingen zurückkehren.
Der geistige Zusammenbruch, in den dieses rastlose Leben schließlich führen sollte, bahnte sich endgültig an, als Hölderlin sich bei einer Hauslehrertätigkeit in Frankfurt am Main in die Frau des Hausherrn, Susette Gontard, verliebte. Als er daraufhin im September 1798 von diesem des Hauses verwiesen wurde, verlor er endgültig den Boden unter den Füßen. Nach einer erneuten Zwischenstation bei seiner Mutter nahm er eine Hauslehrerstelle in Bordeaux an, die er aber schon nach drei Monaten wieder aufgab. Von der Nachricht vom Tod Susette Gontards, die ihn nach seiner Rückkehr nach Deutschland ereilte, sollte er sich nicht mehr erholen.
Angesichts dieses ruhelosen Lebens erscheint das feste Korsett der Odenform als eine Art Halt, durch die sich das Ich davor schützen kann, von den Gefühlen des Verlusts und der Verlorenheit vollends überwältigt zu werden. Indem diese auf eine höhere, allgemeinere Ebene gehoben werden, erhalten sie zudem eine Sinnhaftigkeit, die auf der Ebene des Subjekts unerreichbar bleibt.

Gedichtbeispiel: eine Diotima-Ode Hölderlins

Die Schutzfunktion, welche die Odenform Hölderlin auf der subjektiv-psychischen Ebene bot, wird in seinen Diotima-Gedichten gleich in doppelter Weise deutlich. Zum einen konnte das strenge Versmaß dem unglücklich Liebenden Halt geben. Zum anderen assoziiert Hölderlin die konkrete Geliebte in seiner Dichtung aber auch mit der Gestalt der Diotima – also mit jener Priesterin, die in Platons Symposion (Gastmahl) das heute als „platonisch“ bezeichnete Ideal der Liebe entfaltet. Auch dies dient dazu, das subjektive Verlustempfinden zu vergeistigen und ihm eine allgemeine, von den konkreten Personen losgelöste Bedeutung zu verleihen.
So wird in der folgenden Ode an Diotima – einem von mehreren lyrischen Werken, die Hölderlin seiner Göttin gewidmet hat – aus dem persönlichen Verlust der Liebe ein Rückblick auf eine untergegangene ideale Vergangenheit, die von Harmonie und Frieden unter den Menschen geprägt war. In der geistigen Welt kann dabei, anders als auf der subjektiv-biographischen Ebene, auf eine Wiederkunft des paradiesischen Urzustands gehofft werden.
Dies war für Hölderlin auch der ideelle Anknüpfungspunkt an die Französische Revolution. Durch diese sah er die Möglichkeit einer Wiederkunft jenes goldenen Zeitalters gegeben, das von einer Versöhnung des Menschen mit sich selbst und seinen Mitmenschen geprägt war.
Aus der Zusammenschau des subjektiven Leids mit einem objektiven Entwicklungsprozess ergibt sich so im Endeffekt eine tröstende Wirkung. Ein Beleg dafür ist die folgende, später erweiterte Ode aus dem Jahr 1798:

Diotima

Du schweigst und duldest, und sie verstehn dich nicht,
du heilig Leben! welkest hinweg und schweigst,
denn ach, vergebens bei Barbaren
suchst du die Deinen im Sonnenlichte,

die zärtlichgroßen Seelen, die nimmer sind!
Doch eilt die Zeit. Noch siehet mein sterblich Lied
den Tag, der, Diotima! nächst den
Göttern mit Helden dich nennt, und dir gleicht.

Die Odendichtung im soziopolitischen Kontext

Wie für die subjektiv-biographische Ebene ließe sich in den antiken Versformen auch in Bezug auf den soziopolitischen Kontext, in dem Hölderlins dichterisches Werk entstanden ist, eine Halt gebende Funktion sehen. Schließlich ist die Französische Revolution ja auch ein Beleg dafür, dass eine form- und zügellose Freiheit dazu tendiert, in ihr Gegenteil umzuschlagen.
Wenn Hölderlin den auf der inhaltlichen Ebene zum Ausdruck gebrachten Freiheitswillen mit einem festen formal-lyrischen Regelwerk verknüpft, könnte dies daher auch auf die soziale Ebene bezogen werden. Zu denken wäre dabei an die Notwendigkeit eines regelhaften, verlässlichen Verhaltens des Staates gegenüber den Bürgern, aber auch an die Regeln im Umgang der Menschen miteinander, ohne deren Beachtung der eigene Freiheitsdrang leicht in die Negierung der Freiheit anderer münden kann.
In diesem Sinne ließe sich auch die Schluss-Strophe der im Jahr 1800 entstandenen Ode Lebenslauf deuten, in welcher ein umsichtiges, sich selbst und die Lebensumstände prüfendes Reflektieren als Voraussetzung für das richtige Verständnis der Freiheit erscheint:

Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,
dass er, kräftig genährt, danken für Alles lern,
und verstehe die Freiheit,
aufzubrechen, wohin er will.“

Nachweise

Die Gedichte Hölderlins werden zitiert nach:

Friedrich Hölderlin: Werke in vier Bänden, Bd. I und II: Gedichte. Frankfurt/Main 1983: Insel; zitierte Gedichte: Bd. I, S. 41 (Diotima) und S. 117 (Lebenslauf).

Die verschiedenen Diotima-Gedichte Hölderlins finden sich unter anderem bei zeno.org unter der Rubrik Hölderlin, Gedichte 1784 – 1800 und Gedichte 1800 – 1804

Bildnachweis: Franz Caucig (1755 – 1828): Sokrates mit einem Schüler und Diotima (um 1810); Ljubljana, Slowenien, Nationalgalerie (Wikimedia commons)

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