Pjotr Nalitsch: Morje (Das Meer)

Musikalische Sommerreise 2021. Auf zu neuen Ufern!

Der 1981 in Moskau geborene Pjotr Nalitsch hat zusätzlich zu seinem Architekturstudium auch eine professionelle Musikausbildung durchlaufen. Als Sohn eines Architekten und Enkel eines bosnischen Opernsängers führt er damit in doppelter Hinsicht die Familientradition fort. Die Songs seiner Band MKPN (Musykalnyj Kollektiv Pjotra Nalitscha) werden auf deren Website als freier Download angeboten.
Viele Songs von Nalitsch, der Russland 2010 beim Eurovision Song Contest vertreten hat, zeichnen sich durch eine spielerisch-selbstironische Distanz aus. Ein Beispiel dafür ist der Song Morje („Das Meer“). Die karikierende Distanz zu dem melancholischen Pathos des Textes ergibt sich hier zunächst aus dem Kontrast zwischen Text und Gesangsdarbietung. Zudem wird das Lied von einem humorvollen Videoclip (in Zeichentrickform) begleitet, der den (tragi-)komischen Charakter des Textes zusätzlich unterstreicht.
Der Song lässt sich auch allgemein als Beispiel für russischen Humor ansehen. Dieser enthält immer eine Spur Selbstironie, er entlarvt die ewige Selbstüberschätzung und Selbstverliebtheit des Menschen und führt auf groteske Weise die mangelnde Passung von himmelsstürmerischen Zielen und erdgebundenen Möglichkeiten vor Augen.
Dies scheint mir allgemein ein wirksames Gegengift zu sein gegen die Neigung des Menschen, sich selbst zu wichtig zu nehmen. Gerade die düstersten Bedenkenträgermienen sollten sich ab und an durch einen vergleichbaren Abstand zur eigenen Selbstgefälligkeit aufhellen. Das Problem ist nämlich, dass das menschliche Dasein sich gerade dann am deutlichsten in seiner Lächerlichkeit offenbart, wenn es sich in den Talar der Bedeutungsschwere kleidet.
In Nalitschs wohl erfolgreichstem Song, Gitar, kommt zur Selbstironie noch ein Schuss Anarchie hinzu. Der in einem cowboy-coolen Nonsens-Englisch dargebotene Abgesang auf machohafte Selbststilisierung kommt besonders gut in der Datscha-Version des Liedes zur Geltung.
Der Gummistiefel-Kasatschok, den Nalitsch im Videoclip zu dem Song Gitar (Guitar) mit seiner Band aufführt, veranschaulicht zugleich die Ungezwungenheit der Datscha-Welt. Der vorübergehende Austritt aus der Welt der sozialen Rollen und Regeln ermöglicht hier offene Begegnungen von Mensch zu Mensch und entsprechend ausgelassene Feiern.

Pjotr Nalitsch (engl. Nalitch/Nalich): Gitar (Guitar, 2007)

Pjotr Nalitsch: Morje. Aus: Morje („Das Meer“); 2009

Liedtext

Übersetzung

Das Meer

Über der endlosen Weite des Meeres
blinken die Leuchttürme zwischen den Sternen.
Mit einem leisen Lied auf den Lippen
stechen wir in See.
Singt mit, meine Matrosenfreunde!

Ein warmer Wind wiegt unser Boot,
über dem Wasser schwebt der Nebel.
Nie vergesse ich deinen Gang,
genauso wenig wie deinen Betrug.

Du hast heute die ganze Nacht
mit Wahrsagungen zugebracht,
mein Schatz, mit wem wirst du wohl zusammen sein?
Du hast die Karten auf dem Feld verteilt
und meine Träume in Stücke gerissen.

Die Wellen türmen sich höher und höher,
aber mir ist das längst einerlei –
mich hört ohnehin keiner mehr.
Mit einem leisen Lied auf den Lippen
sinken wir auf den Grund.

Dort, auf dem Grund des Meeres, werde ich liegen,
in einer Welt der lautlosen Schönheit,
und über mich werden die Kapitäne hinweggleiten,
mit denen du dich vielleicht gerade amüsierst.

Du hast heute die ganze Nacht
am Heck auf die Wellen geschaut.
Dort, in der Tiefe, hast du einen Körper gesehen.
Ja, das bin ich, ich werde immer bei dir sein.

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Bild: Screenshot aus dem Video  zu „Morje“

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