Rückkehr in die Barbarei

Zum russischen Überfall auf die Ukraine

Der russische Angriff auf die Ukraine und die mangelnde Hilfsbereitschaft des Westens für das Opfer des Überfalls beerdigen endgültig die Illusion einer friedlicheren „Nachkriegs-„Ordnung.

Wenn der Alptraum Realität wird

Ethnische Begründung autokratischer Ansprüche

Gefahr der Ausweitung des Krieges

Irritierende Berichterstattung

Unterlassene Hilfeleistung

Wenn der Alptraum Realität wird

Was derzeit in der Ukraine passiert, kommt mir ganz unwirklich vor. Ich fühle mich wie in einem dieser Sciencefiction-Filme, in denen man plötzlich feststellen muss, in einer Fake-Realität zu leben.
Also schaue ich auf den Kalender und frage mich: Ist heute wirklich der 24. Februar 2022? Leben wir nicht eher am 1. September 1939 – dem Tag, an dem Hitler sein berühmtes „Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen“ in den Reichstag geschleudert hat? Dem Tag des deutschen Überfalls auf Polen, den die Nationalsozialisten mit angeblichen polnischen Repressionen gegen die in der Freien Stadt Danzig lebende deutsche Minderheit begründeten?
Aber der Kalender bleibt dabei: Wir schreiben das Jahr 2022. Dennoch bleibt das Bild verwirrend: Wir haben Alleskönner-Smartphones und skypen ganz selbstverständlich mit Menschen auf der anderen Seite des Globus, aber ein Herrscher im Osten benimmt sich so, als würden wir alle noch dem Nationenverständnis des 19. Jahrhunderts anhängen.
Auch das erinnert an Fiction – nämlich an all die Erzählungen von Menschen, die aus einer vergangenen Zeit urplötzlich in die Gegenwart gebeamt werden. Was in den entsprechenden Werken eine komische Wirkung entfaltet – dass die Betreffenden die Denk- und Verhaltensmuster ihrer Epoche auf die Jetzt-Zeit übertragen – löst im konkreten Fall allerdings einen Horror-Trip aus.

Ethnische Begründung autokratischer Ansprüche

Ich möchte hier keineswegs behaupten, dass nach 1945 eine paradiesische Zeit des Friedens angebrochen wäre. Auch mir ist natürlich bewusst, dass es in der so genannten „Nachkriegszeit“ zahlreiche Kriege gegeben hat – und dabei wurde keineswegs mit Spielzeugmunition geschossen.
Auch ethnische Begründungen für Kriege hat es seither immer wieder gegeben – siehe Jugoslawienkriege. Allerdings ging es dabei meist eher um innerstaatliche Konflikte. Als Beispiel für die offene Bedrohung eines anderen Staates mit ethnischen Argumenten fällt mir ansonsten nur der Herrschaftsanspruch Chinas über Taiwan ein.
Der Vergleich zu diesem Konflikt ist dabei in der Tat erhellend für die russische Aggression gegenüber der Ukraine. In beiden Fällen wird einem anderen Staat unter Verweis auf eine angeblich fehlende eigenständige nationale Grundlage das Recht auf eine demokratische Verfassung verwehrt. Das ethnische Argument dient also in Wahrheit der Durchsetzung einer autokratischen Ordnung.

Gefahr der Ausweitung des Krieges

So unterscheidet sich der gegenwärtige Angriff auf die Ukraine substanziell von allen anderen kriegerischen Handlungen der so genannten „Nachkriegszeit“. Dies liegt vor allem daran, dass es sich dabei um einen reinen Eroberungskrieg handelt – in einem seit 1945 nicht mehr gekannten Ausmaß.
Selbst im Vietnamkrieg gab es eine ideologische Frontstellung, auch wenn die Eigendynamik der Gewaltanwendung diese natürlich immer stärker verwischt hat. Im aktuellen Fall geht es jedoch, wie in den Kriegen aus längst vergangen geglaubten Zeiten, schlicht um Expansionsgelüste, um die Erweiterung des eigenen Territoriums.
Das ethnische Begründungsmuster, das dafür verwendet wird, besitzt ein ungeheures Explosionspotenzial. Es lässt sich nicht nur zur Legitimierung eines Angriffs auf Staaten mit starken russischen Minderheiten heranziehen – wie sie etwa in den baltischen Staaten leben. Auch andere Potentaten könnten versucht sein, dem Beispiel zu folgen und so von innenpolitischen Problemen abzulenken.
Zu denken ist dabei etwa an den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán, der schon seit Jahren die über die Nachbarländer verstreuten Auslandsungarn umwirbt. Die Mittel, die er dafür anwendet, hat er sich bei seinem großen russischen Vorbild abgeschaut – Ausgabe ungarischer Pässe, verbunden mit Träumen von einem Groß-Ungarn. Was derzeit noch undenkbar erscheint – diese Träume wahr werden zu lassen –, rückt durch die russische Aggression auf einmal in den Bereich des Möglichen.

Irritierende Berichterstattung

Was mich ebenfalls irritiert hat, war die Art der Berichterstattung über die russischen Truppenbewegungen im Vorfeld des Krieges. Es war ein bisschen so, als wäre vor einem Hochhaus ein Großaufgebot schwerbewaffneter Krimineller aufmarschiert, das von einem ähnlich großen Aufgebot an Kameras mit distanziertem Interesse beobachtet wird.
Die Fragestellungen lauteten dabei etwa: Welchen Hochhauseingang werden die Kriminellen wohl benutzen? Über welchen Treppenaufgang werden sie nach oben stürmen? In welche Wohnungen werden sie zuerst eindringen? Werden sie die Türen eher eintreten oder aufsprengen?
Wenn über die Motive der Angreifer spekuliert wurde, tauchten Fragen auf wie: Sind die Täter vielleicht in ihrem Stolz verletzt worden? Hat jemand ihnen ein anderes Hochhaus weggenommen, auf das sie Anspruch erhoben haben? Wohnte früher vielleicht die Urgroßtante eines der Täter in dem Hochhaus, so dass er gewissermaßen ein Recht auf den Angriff hat?
Nebensächlich erschienen dagegen Fragen wie: Auf welche Weise werden die Menschen in den Wohnungen getötet? Werden sie eher erschossen oder erschlagen? Was passiert mit den Kindern, die mitansehen müssen, wie ihre Eltern verbluten? Was passiert mit den Eltern, die mitansehen müssen, wie ihre Kinder unter einstürzenden Gebäudeteilen begraben werden? Was macht das alles langfristig mit den Menschen? Wie sollen sie nach derart traumatischen Erlebnissen wieder in ein normales Leben zurückfinden?

Unterlassene Hilfeleistung

Mit anderen Worten: Die Realität des Krieges wurde verdrängt. Das Geschehen wurde und wird teilweise noch immer beschrieben wie die Taktik bei einem Fußballspiel: Welche Strategie wird der Trainer wohl anwenden, um seine Mannschaft zum Sieg zu führen? Wie wird er die gegnerischen Abwehrreihen ausschalten?
Dies erleichtert es auch, den Krieg als ein Problem der anderen zu betrachten – als etwas, das uns selbst nichts angeht. Dabei ist es weit eher so, als würde unmittelbar neben uns ein Mensch brutal zusammengeschlagen – und wir würden ihm die Hilfe verweigern, weil er es versäumt hat, sich zuvor formell mit uns zu verbünden.
Wir sollten uns hier aber nicht täuschen: Die unterlassene Hilfeleistung wird für uns alle auf die Dauer zu einer schweren Hypothek werden. Was derzeit in der Ukraine geschieht, bedeutet de facto die Abkehr von all den Vereinbarungen für eine friedlichere Weltordnung, um die seit 1945 auf unzähligen Konferenzen gerungen worden ist.
Genauer: Es ist der Sargnagel für die Utopie eines friedlichen Zusammenlebens der Völker. Es ist die Rückkehr zu einer Weltordnung, die auf dem Recht des Stärkeren beruht – ein Salto mortale in die Barbarei.

Bild: Käthe Kollwitz (1867 – 1945): Die Müt­ter; Holzschnitt; Blatt 6 aus dem Zyklus Krieg (1921/22); Washington, Library of Congress; gesamte Bildfolge einsehbar auf der Web­site des Käthe-Kollwitz-Museums Köln

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