Vom Aushungern des Krieges

Boris Vians Chanson Le déserteur

Mit einer aktualisierten deutschen Fassung

Wenn im Krieg einer den Befehl verweigert, ist dies sein Ende. Wenn alle den Befehl verweigern, ist dies das Ende des Krieges. Diese einfache Erkenntnis liegt auch dem berühmten Chanson Le déserteur von Boris Vian zugrunde.

Zu den banalsten Erkenntnissen über den Krieg gehört es, dass der Krieg nicht geführt werden kann ohne Soldaten. Allerdings sind die banalsten oft auch die wahrsten Erkenntnisse.
Dies hat sich wohl auch Boris Vian gedacht, als er 1954 – zu der Musik von Harold Berg – das Chanson Le déserteur schrieb. In dem Lied teilt ein Rekrut seinem Präsidenten nicht nur mit, dass er nicht für ihn in den Krieg ziehen werde. Er kündigt darüber hinaus auch an, weitere Soldaten hierzu auffordern zu wollen.
Die Botschaft dahinter: Wenn niemand in den Krieg zieht, muss der Krieg selbst abziehen.
So einfach die Botschaft auch war – sie verfehlte ihre Wirkung doch nicht. In einer Zeit, in der Frankreich gerade vom Indochina- in den Algerienkrieg stolperte und die Grauen des Zweiten Weltkriegs allen noch in lebendiger Erinnerung waren, traf das Lied einen Nerv.
Auch den Behörden war das Chanson alles andere als gleichgültig. Sie unterwarfen es der Zensur und untersagten seine Verbreitung. Erst 1962, nach dem Ende des Algerienkriegs, durfte das Lied wieder öffentlich gespielt werden.
Aber wie das so ist mit Verboten: Meist machen sie das, wogegen sich der Bannstrahl richtet, nur noch interessanter. So wurde das Lied von zahlreichen anderen Größen der französischen Chansonszene nachgesungen. Darüber hinaus ist das Lied in mehrere Sprachen übersetzt worden. Heute ist es ein fester Bestandteil des Liederkanons der internationalen Friedensbewegung.
Vor dem Hintergrund des Überfalls der russischen Armee auf die Ukraine habe auch ich mich wieder an das Lied erinnert. Da es bereits mehrere deutsche Fassungen des Liedes gibt, habe ich mich für eine abgewandelte, an die aktuelle Situation angepasste Variante entschieden.
Auch dabei betrete ich keineswegs Neuland. So hat etwa Renaud 1983 eine Argot-Fassung des Chansons veröffentlicht, die das Original ebenfalls eher als Inspirationsquelle nutzt. Letztlich entspricht der freie Umgang mit dem Ursprungstext wohl auch dessen Geist, der ja ebenfalls die Wahl- und Entscheidungsfreiheit des Einzelnen der sklavischen Unterordnung unter vorgegebene Denk- und Handlungsmuster entgegensetzt.

Die Verweigerung

Werter Herr Präsident!
Ich schreibe Ihnen heute,
obwohl Sie sehr beschäftigt sind
mit dem Geschäft des Krieges.

Ich weiß das, weil auch Sie
mir heute geschrieben haben
auf einer Karte,
die mich einlädt zu Ihrem Krieg.

Leider, werter Herr Präsident,
muss ich Ihre Einladung ausschlagen.
Ich bin nicht auf dieser Welt,
um meine Brüder und Schwestern zu töten.

Vielleicht, werter Herr Präsident,
ist es Ihnen ja entgangen, aber
der Tod hielt kürzlich bereits reiche Ernte.
Auch meinen Vater hat sein Schwert getroffen,

und meiner Mutter folgte er als Schatten,
bis auch sie sich seinem Ruf ergab.
Auch ihr, in ihrem dunklen Grab,
ist Euer Krieg egal.

Kennen Sie, werter Herr Präsident,
den Geschmack der Not? Das bittere Brot
des Mangels? Die trostlosen Dämmerungen
nach einem weiteren verlorenen Tag?

Viel zu lange schon, werter Herr Präsident,
bin ich ein Gefangener dieses langen Weges
in ein graues Nichts. Heute breche ich aus
aus Eurem Gefängnis und folge einem neuen Pfad.

Wen ich treffe auf diesem Pfad, dem werde ich zurufen:
„Gehorche nicht! Geh nicht in den Krieg!
Niemand kann von dir verlangen,
deine Brüder und Schwestern zu töten!“

Ich weiß, werter Herr Präsident,
Sie denken anders darüber. Wie wäre es also,
wenn Sie Ihr Russisches Roulette mit sich selbst
und Ihren Generälen spielten?

Boris Vian: Le déserteur

Liedtext mit Übersetzungen in verschiedene Sprachen und Link zum Chanson

Renaud (Séchan): Le déserteur (Live in Paris, 1990)

Liedtext mit englischer Übersetzung

Bild: Albert Anker (1831-1910): Verwundeter Soldat, 1848 (Wikimedia)

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