Der verlorene Sohn

Der Krieg, den der Kreml in der Ukraine führen lässt, ist auch ein Krieg gegen das eigene Volk. Und wie der äußere ist auch der innere ein nicht offen erklärter Krieg, dessen ganzes Ausmaß sich erst nach und nach enthüllt.

„Warte – ich muss erst einen VPN-Tunnel einrichten.“
„VPN-Tunnel?“ fragst du verständnislos. Aber da ist Katja, deine Nichte, längst in ihre Smartphonewelt abgetaucht und hört dich nicht mehr. Und noch einmal nachfragen möchtest du nicht – anderes ist jetzt wichtiger.
Du stellst dich ans Fenster deiner kleinen Holzhütte und lässt deinen Blick über die sibirische Weite schweifen. Der Winter hat das Land noch immer fest im Griff. Alles ist von einem dicken Eispanzer bedeckt.
Eispanzer … Unwillkürlich zuckst du zusammen, als dir das Wort durch den Kopf schießt. Sofort musst du an Ilja denken, deinen Sohn, der jetzt so weit weg ist von dir.
Wie lange ist es nun schon her, seit er seinen Einberufungsbescheid erhalten hat? Vier Monate? Oder doch schon ein halbes Jahr?
Vor acht Wochen war er das letzte Mal zu Besuch bei dir. Eine weite Reise stehe ihm bevor, hatte er dir erzählt, seine Einheit werde weit in den Westen verlegt.
Als du ihn erschrocken ansahst, hat er nur gelächelt. „Nje wolnuisja, Mamotschka, hab keine Angst – es ist nur eine Übung. Sport, nichts weiter!“
Jetzt aber reden sie im Fernsehen von Kämpfen, und deine Nichte behauptet, dass alles noch viel schlimmer sei, als es die staatlichen Medien darstellen.
„Wot – nakonjetz-to, endlich bin ich drin!“
Noch halb in Gedanken, drehst du dich zu Katja um.
„Bystro, bystro, komm schnell!“ fordert sie dich auf. „Die Verbindung kann jederzeit wieder abbrechen.“
Während Katja das Display ihres Smartphones mit einer Hand gegen das einfallende Sonnenlicht abschirmt, flackert ein totentanzähnlicher Bilderreigen an dir vorbei. Du siehst Häuserskelette, die aus verkohlten Augen ins Nichts starren, Plastiksäcke, in denen leblose Körper abtransportiert werden, Menschen, die vor leeren Läden auf ein paar Essensreste hoffen.
Die Bilder erwecken andere Bilder in dir zum Leben. Bilder von Ereignissen, die du nicht selbst erlebt hast, die dir aber so oft erzählt worden sind, dass du das Gefühl hast, selbst dabei gewesen zu sein.
„Damals, in Leningrad“, hörst du deine verstorbene Großmutter sagen. Auf diese Worte waren immer neue Horrorbilder gefolgt, eines unglaublicher als das andere – so unglaublich, dass du sie manchmal für bloße Erfindungen hieltest.
„Sogar das Leder unserer Gürtel haben wir gekocht, um etwas zwischen die Zähne zu bekommen“, hat deine Tante einmal erzählt. „Und auf der Straße sind die Menschen einfach vor Schwäche umgefallen.“
Deine Babuschka hat in der belagerten Stadt gelebt – davon zu erzählen, war ihre Art, das Erlebte zu verarbeiten. Aber sonst? War immer nur vom Heldenmut der Soldaten die Rede. Vom ruhmreichen Kampf der Großen Vaterländischen Armee.
Ist der Krieg, dessen blutige Fratze dich jetzt aus dem Smartphone anbleckt, am Ende eine Folge dieser amputierten Erinnerung? Kämpft die ruhmreiche vaterländische Armee hier auch gegen sich selbst und das verdrängte Leid? Ist die Belagerung fremder Städte der unbewusste Versuch, das Trauma der Vergangenheit zu besiegen? Es sozusagen mit Waffengewalt niederzuringen, indem man sich selbst in die Rolle des Belagerers begibt?
Natürlich ist es – buchstäblich – Wahnsinn, andere stellvertretend ein Trauma durchleben zu lassen, dem man sich selbst nicht stellt. Dir stockt der Atem, wenn du dir vorstellst, dass dein Ilja nun mittendrin ist in der Raserei, die dieser Wahnsinn ausgelöst hat. Dass er fest angekettet ist an den monströsen Kriegspanzer, der das ferne Land dem Erdboden gleichmacht.
Von vorne ziehen sie ihn weiter, von hinten schieben sie ihn voran. Das kleinste Straucheln, und er wird selbst von der Todesmaschinerie überrollt, dessen Teil er ist.
Erst als Katja den Arm um dich legt, spürst du die Tränen auf deinen Wangen. Du musst dich hinsetzen, die Nacht des Krieges lässt alles schwarz werden um dich her.
Wirst du Ilja jemals wiedersehen? Und wenn er zurückkommt: Wird er noch derselbe sein? Wie soll er weiterleben, wenn er dieses Grauen überlebt?

Bild: Eduard von Gebhardt (1838 – 1925): Verlorener Sohn (Wikimedia commons)

Ein Kommentar

  1. Diese Perspektive finde ich ganz wichtig!- Der Text ist sehr gut geschrieben. Die Berichterstattung in den Medien „entmenschlicht“ alle. Da greifen „die Russen“ „die Ukrainer“ an. Wer gewinnt, wer verliert? – Als ginge es um ein Fußballspiel. Dabei verliren alle und die Menschen auf beiden Seiten werden traumatisiert. All die jungen Rekruten sind auch Opfer. Opfer alter Stalinisten, die derweil sicher in Ihrem Bunker sitzen.

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