Kriegschronik

Lasst uns endlich aufhören, vom „Ukraine-Konflikt“ zu reden! Ein Überfall bleibt ein Überfall, und Massenmord bleibt Massenmord. Nennen wir die Dinge wenigstens beim Namen, wenn wir schon nichts dagegen unternehmen. Widerstehen wir der Abstumpfungslogik!

Der erste Mord hatte ein Gesicht für dich: das Gesicht einer alten Frau, die unter den Trümmern ihres Hauses begraben worden war. Entsetzt verlangtest du, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen.
Auch der zweite Mord wandte dir ein Gesicht zu: das eines jungen Soldaten, der am Straßenrand in seinem Blut lag. Empört verlangtest du die sofortige Einstellung der Kampfhandlungen.
Der dritte Mord traf eine ganze Division. Entrüstet riefst du die Konfliktparteien zur Zurückhaltung auf.
Der vierte Mord brachte eine ganze Stadt zum Einstürzen. Da verlor der Mord sein Gesicht für dich. Auf einmal sahst du überall nur noch Trümmer und Schutt. So richtetest du dein Augenmerk auf den Wiederaufbau und auf Hilfe für die Flüchtlinge.
Der fünfte Mord setzte ein ganzes Land in Brand. Da erinnertest du dich der Friedensreden, die du früher stets an den Feiertagen gehalten hattest. Inbrünstig fordertest du eine Rückkehr an den Verhandlungstisch. Ein schlechter Frieden sei besser als ein schlechter Krieg, verkündetest du, berauscht von deiner eigenen Weisheit.
Der letzte Mord ist eine Massenvergewaltigung. Interessiert stehst du am Rand des Schlachtfelds und diskutierst mit anderen Experten über die Strategie der Angreifer: Werden sie alle Opfer auf einmal vergewaltigen? Oder doch eher eines nach dem anderen? Werden sie die Opfer zuvor einzukesseln, um sie an der Flucht zu hindern? Werden sie überfallsartig in sie eindringen oder sie zuvor fesseln? Werden sie sie vor oder nach der Vergewaltigung töten?
Und die Opfer: Werden sie sich wehren? Wäre es klug, Widerstand zu leisten? Sollten sie sich nicht eher, wie alle wohlerzogenen Lämmer, klaglos in ihr Schicksal ergeben?

Bild: Ernst Ludwig Kirchner (1880 – 1938): Der Mörder (Wikimedia commons)

Ein Kommentar

  1. Die Verfremdung in literarischer Form macht das Grauen sichtbar. Es ist ein unfassbares Leid und die Spekulationen, wer denn sonst noch Schuld trägt außer der Mörderbande und wie man den Mörder mit Zugeständnissen von seinem Massenmord abbringen kann, sind im Grunde zynisch oder hilflos. Ich bin selbst Kriegsdienstverweigerer gewesen, aktiv in der Friedensbewegung … und sehe nun wie der Welt die Logik von unfassbarer Gewalt aufgedrückt wird, gespickt mit Lügen!

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