Umnachtung

Die russischen Bomben auf ukrainische Städte legen auch die westliche Kultur und Zivilisation in Trümmer – und sie zerstören jeden Glauben an eine geistige Weiterentwicklung der Menschheit.

Als das Bombardement begann, bist du mit den anderen in den Luftschutzbunker geflohen. Tausendmal hattet ihr das geübt – der Angriff war ja abzusehen gewesen. So lag auch jetzt noch ein Hauch von Routine, ja – zumindest für die Kinder – von Spiel darin. Es dauerte eine Weile, bis euch klar wurde, dass der Bunker nichts anderes war als der Vorhof zur Hölle.
Kalt ist es hier unten, kalt und dunkel. Irgendwo flackert noch eine Kerze ihrem Ende entgegen, bald wird es ganz finster sein. Dann wird auch der äußere Eindruck dem entsprechen, was deine Realität ist: Du bist lebendig begraben.
Anfangs war das Wehklagen groß hier unten, auch wenn alle sich bemühten, sich zusammenzureißen. Niemand wollte seinen Schmerz den anderen aufdrängen. Alle wussten ja, dass jeder genug mit sich selbst zu tun hatte. Familien waren getrennt worden, viele Angehörige harrten in anderen Städten aus, und die Männer zwang der Angriff ohnehin dazu, sich mit ihren steinschleuderartigen Waffen der Hightech-Armee des Gegners in den Weg zu stellen.
Mittlerweile ist es ganz still geworden. Ab und zu das dumpfe Hallen der Detonationen, ansonsten – Schweigen. Der Tod spricht nicht. Stumm geht er durch eure Reihen und führt einen nach dem anderen ab in sein leeres Nichts.
Längst ist der Weg nach draußen blockiert. Und selbst wenn dem nicht so wäre, hätte es keinen Sinn mehr, auf die Straße zu gehen und sich dem Bombenhagel auszusetzen. Von Trümmern kann sich niemand ernähren.
Jetzt wärest du froh, du hättest dich mit deinem Mann an die Front gemeldet. Aber ihr hattet euch nun einmal früh entschieden, dass du im Fall der Fälle bei Sascha, eurem kleinen Sohn, bleiben solltest.
„Im Fall der Fälle …“ Das war die Umschreibung, mit der ihr damals auf das Unvorstellbare angespielt habt, so wie man früher „Gottseibeiuns“ sagte statt „Teufel“. Als könnte man das Grauen davon abhalten, Wirklichkeit zu werden, indem man es nicht beim Namen nennt.
Und jetzt ist das Unvorstellbare deine Realität – und das, was früher deine Realität war, wird von Minute zu Minute unvorstellbarer. Ja, wenn Sascha neben dir wimmert – „Mama, ich habe solchen Hunger …“ –, dann versuchst du ihn zu trösten, indem du ihm die Rückkehr in jene unvorstellbare Realität ausmalst.
„Hab keine Angst, mein Kleiner, es wird alles gut“, beruhigst du ihn dann, indem du deine Lippen auf sein staubiges Haar drückst. „Bald werden wir in unsere Wohnung zurückkehren, dann koche ich dir dein Lieblingsessen. Eine doppelte Portion, wenn du willst! Morgens kuscheln wir dann wieder im Bett, bevor Mama und Papa zur Arbeit gehen und du, wie jeden Morgen, viel zu spät zur Bushaltestelle stürmst, um wenigstens einmal nicht zu spät zur Schule zu kommen. Und am Sonntag gehen wir in den Park und spielen Fußball, diesmal spiele ich auch mit – versprochen!“
Ein seltsames Gefühl ist das, ein Leben, das gestern noch ganz normal war, wie ein Märchen zu erzählen. Aber was bleibt dir schon anderes übrig? Sollst du deinem Kind etwa die Wahrheit gestehen? Sollst du ihm von den zwei Gesichtern der menschlichen Zivilisation erzählen? Von der Technik, die ihm all die Annehmlichkeiten seines früheren Alltags ermöglicht hat, die gleichzeitig aber auch das entwickeln geholfen hat, was diesen Alltag jetzt für immer zerstört?
Noch ein letztes Flackern, dann erlischt auch eure letzte Kerze. Irgendwo tropft es von der Decke, wie zum Hohn. Längst habt ihr eure Wasserreserven rationiert, trotzdem werden sie nicht mehr lange reichen.
Ist es Tag? Ist es Nacht? Egal – der Tod kennt keine Zeit.
Warum, so fragst du dich immer wieder, hast du die Stadt nicht früher verlassen? Aber wohin hättest du fliehen sollen? Und hätte man dich dort aufgenommen?
Ja, es hatte ernst zu nehmende Drohungen gegeben, und ja, es war vor der Apokalypse gewarnt worden, die du jetzt durchlebst. Aber wenn alle vor den Drohungen fliehen würden, die andere gegen sie aufstoßen, wäre die ganze Welt auf der Flucht.
Und die Apokalypse will eben niemand wahrhaben. Vulkanausbrüche können die Atmosphäre verdunkeln, Erdbeben können Städte unter sich begraben, Asteroiden können auf die Erde stürzen. Der Weltuntergang – oder zumindest der Untergang einzelner Welten – ist jederzeit möglich. Aber wer ein ruhiges Alltagsleben haben will, muss das nun einmal verdrängen.
Weiter hinten im Bunker stöhnt eine alte Frau. Sie litt schon unter Bronchitis, bevor ihr in dieses feuchte Verlies fliehen musstet. Lange wird sie nicht mehr durchhalten.
Sascha ist eingeschlafen. Du deckst ihn zu und legst den Arm um ihn. Gleichmäßig geht der Wellenschlag seines Atems auf dich über. Du spürst seine Wärme, diese weiche, unendlich fragile Hülle, unter der das Wunder des Lebens pocht.
Du denkst wieder an das, was du deinem Kind nicht gestehen kannst: an die zwei Gesichter der Zivilisation. An die Vulkane, die auch inmitten der Zivilisation ausbrechen können, von ihr selbst erschaffen, von ihr selbst geduldet. An die Eruption der Gewalt, die Tobsuchtsanfälle der Menschheit, in denen auf einmal Einzelne aufstehen und die dunkle Seite der Technik nutzen, um alles auszulöschen, was sie mit ihrer hellen Seite geschaffen hat. Diese blindwütige Raserei, die mit ihrem Bekenntnis zur orgiastischen Gewaltanwendung auch alles andere Licht zerstört, das der menschliche Geist hervorgebracht hat.
Das Tropfgeräusch ist lauter geworden. Vielleicht hat jemand einen Eimer untergestellt, um das kostbare Wasser zu sammeln. Auch der rasselnde Atem der alten Frau ist jetzt deutlicher zu hören – oder kommen dir die Geräusche in der Dunkelheit einfach nur lauter vor?
Was für eine Finsternis! Wird noch einmal eine Kerze angezündet werden? Oder wird diese Nacht des menschlichen Geistes am Ende alles unter sich begraben, woran du je geglaubt hast?

Ein Kommentar

  1. Danke für diesen Text, der versucht, deutlich zu machen, was der Krieg für die Menschen bedeutet. Mittlerweile wird so abgestumpft über den Krieg berichtet als würde es um ein Spiel mit Zinnsoldaten gehen. Um einen solchen Text wie diesen zu schreiben, muss man sehr viel Fähigkeit des Mitfühlens und – leidens haben. Und genau dieser Zugang verschwindet…

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