Gladbeck und der Kreml

Über mangelnde mediale Distanz zu Gewalttätern

Putin und seine Getreuen dürfen die kruden Begründungen für ihre Gewaltorgien in der Ukraine noch immer öffentlich verbreiten. Diese mediale Selbstinszenierung von Gewalttätern erinnert an das Geiseldrama von Gladbeck.

Rückblende: Das Geiseldrama von Gladbeck

Medienvertreter als Mittäter

Mediale Selbstinszenierung von Gewalttätern damals und heute

Der Amoklauf der russischen Armee und das Gladbecker Geiseldrama

Das schleichende Gift der Gewaltlogik des Kremls

Die Gewalt der Worte

Fazit: keine medienpolitische Zäsur nach Gladbeck

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Rückblende: Das Geiseldrama von Gladbeck

Köln, 18. August 1988: Nach einem Bankraub haben Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner im nordrhein-westfälischen Gladbeck zwei Bankangestellte als Geiseln genommen und mit ihnen ein Fluchtauto bestiegen.
Nach einer Irrfahrt über Bremen in die Niederlande, in deren Verlauf die Geiselnehmer einen Bus mit 32 Personen gekapert hatten, sind die Täter in einem neuen Fluchtauto mit zwei Geiseln in Köln angekommen. Unterwegs ist eine erste Geisel erschossen worden, weil Polizisten eigenmächtig die zwischenzeitlich zugestiegene Freundin Rösners festgenommen hatten.

Medienvertreter als Mittäter

Nun steht der Fluchtwagen mitten in Köln. Medienvertreter umringen ihn und reißen sich um Interviews mit den Tätern.
Frage eines Journalisten an den am Steuer sitzenden Hans-Jürgen Rösner: „Sie rechnen sich aber immer noch Chancen aus, zu einem positiven Ende für sich selbst und auch für die Geiseln zu kommen?“
Darauf Rösner, bedeutungsschwer nickend: „Ja.“
Rösner und Degowski paffen gemütlich ihre Zigaretten, die Journalisten nippen an ihrem Kaffee. Eine Szene wie bei einem Interview mit einer Kult-Band kurz vor ihrem Auftritt – wäre da nicht die Waffe, die Degowski der Geisel Silke Bischoff unentwegt an den Hals hält.
Schließlich fragt einer der Journalisten Degowski: „Gibt es noch zusätzliche Geldforderungen?“
Antwort Degowskis: „Nein. Das wollen wir aus dem ganz einfachen Grund nicht haben: Sonst werden die noch bestusster. Die sind ja immer heißer hinter uns her – obwohl ich schon einen umgelegt habe.“
Es blieb nicht bei dem scheinbar neutralen Frage-und-Antwort-Spiel. Die Nähe zu den Tätern zog die Journalisten unwillkürlich in deren Bann. Am Ende wurden sie selbst zu Mittätern, indem sie den Verbrechern den Weg aus der Stadt wiesen und sie sogar auf verdeckte Ermittler aufmerksam machten, die sich den Tätern als zusätzliche Geiseln anbieten könnten.
Den blutigen Showdown, zu dem es kurz darauf auf der Autobahn kam, musste Silke Bischoff mit ihrem Leben bezahlen. Die beiden Geiselnehmer wurden zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

Mediale Selbstinszenierung von Gewalttätern damals und heute

An die Szenen von damals muss ich immer wieder denken, wenn von den „Verhandlungen“ Russlands mit der Ukraine berichtet wird. Auch hier richtet der Gewalttäter die Waffe auf sein Opfer, während er über die Bedingungen verhandelt, unter denen er zu einem Gewaltverzicht bereit sein könnte. Und auch hier dürfen die Täter ihre Gewaltphantasien vor aller Welt ausbreiten, als wäre es das Alltäglichste von der Welt, seine Forderungen mit einem Blutrausch zu untermauern.
Frage eines Journalisten an den russischen Verhandlungsführer: „Sie rechnen sich aber immer noch Chancen aus, zu einem positiven Ende für sich selbst und auch für die Geiseln zu kommen?“
Darauf der Verhandlungsführer großmütig: „Ja, bei Kiew morden wir jetzt sogar schon etwas weniger, als Zeichen des guten Willens.“
Frage der Medienvertreter: „Gibt es noch zusätzliche Forderungen?“
Antwort des russischen Verhandlungsführer: „Nein. Wir begnügen uns mit den bekannten Forderungen. Wir werden ja jetzt schon von aller Welt angegriffen dafür – obwohl unsere Forderungen nur recht und billig sind und wir unsere Entschlossenheit bei ihrer Durchsetzung zur Genüge unter Beweis gestellt haben.“

Der Amoklauf der russischen Armee und das Gladbecker Geiseldrama

Natürlich werden manche jetzt einwenden, man könne eine banale Geiselnahme nicht mit einem Krieg vergleichen. Und es stimmt ja auch: Es gibt einige bedeutsame Unterschiede zwischen den beiden Gewalttaten:

• Die russische Armee hält ihren Geiseln die Waffe nicht einfach nur an den Hals. Sie tötet vielmehr täglich Hunderte Menschen, während sie über die Durchsetzung ihrer Forderungen verhandeln lässt.
• Der Überfall gilt nicht einer kleinen Bankfiliale, sondern einem ganzen Land.
• Verhandler und Gewalttäter sind nicht identisch. Übertragen auf das Gladbecker Geiseldrama, ist die aktuelle Situation so, als würden Degowski und Rösler im Kreml sitzen, während andere für sie die Drecksarbeit erledigen.
• Eine Verurteilung der Gewalttäter erscheint illusorisch, polizeiliches Eingreifen ausgeschlossen.

Das schleichende Gift der Gewaltlogik des Kremls

Das Ausmaß an Gewalt, mit dem die russische Armee die Ukraine überzieht, mag in der Tat nicht mit einem lokalen Geiseldrama vergleichbar sein. Für die einzelne Person, die den Geiselnehmern in die Hände fällt, spielt es jedoch keine Rolle, ob sie allein ist oder ein Opfer unter Tausenden.
Auch die verständnisinnige Nähe der Berichterstatter zu den Gewalttätern ist für ein einzelnes Opfer ebenso schwer zu ertragen wie für ein ganzes Volk, das zum Opfer eines anderen Volkes wird. Gerade in dieser Hinsicht sind beide Ereignisse sehr gut miteinander zu vergleichen.
Was damals die sensationslüsternen Journalisten vor dem Fluchtauto waren, sind heute die Neutralitätsapostel in den Redaktionsstuben. Streng bemühen sie sich darum, Opfer und Gewalttäter gleichermaßen zu Wort kommen zu lassen und die Dinge von beiden Seiten zu betrachten. Auch die Sicht des Gewalttäters muss angemessen berücksichtigt werden. Das Ausüben und das Erleiden von Gewalt sind nur zwei Seiten einer Medaille, beide haben ihre eigene Logik und Berechtigung.
Dies jedenfalls kommt als Tendenz heraus, wenn man die russische Angriffslogik unhinterfragt zitiert. In einem schleichenden Prozess ist der Ukraine ihr Selbstbestimmungsrecht immer weiter abgesprochen worden. Auf einmal ist es ganz selbstverständlich, dass der Kreml darüber entscheidet, mit wem das Nachbarland sich verbünden darf, wie weit bei künftigen Angriffen des Nachbarn sein Anspruch auf Selbstverteidigung reicht und welche Territorien (vorerst) ukrainisch bleiben dürfen.

Die Gewalt der Worte

Es ist schon kurios:
Das Hakenkreuz ist verboten, aber Putins Nazi-Jargon darf unkommentiert zitiert werden.
Genderbewegte Sprachpuristen legen jedes Wort auf die Goldwaage, bevor sie es in die Welt entlassen, um ja niemanden von ihrer Rede auszuschließen oder damit zu kränken. Die realitätsverzerrenden Anschuldigungen und absurden Beleidigungen der Kreml-Kamarilla gegen die Ukraine werden dagegen verlesen, ohne mit der Wimper zu zucken.
In unzähligen Tabuzonen wird eine neutrale Berichterstattung ganz bewusst vermieden. Parteienstaat, Windkraft, Gendersternchen – in all diesen Bereichen sucht man vergeblich nach einer ausgewogenen, das Für und Wider abwägenden Diskussion. Ausgerechnet im Falle eines Vernichtungskriegs gegen ein anderes Volk haben manche Redaktionsstuben nun aber das Ideal einer ausgewogenen Berichterstattung ausgerufen.

Fazit: keine medienpolitische Zäsur nach Gladbeck

Das Geiseldrama von Gladbeck war auch in medienpolitischer Hinsicht ein Einschnitt. Der Pressekodex wurde verschärft, und es wurden Verhaltensregeln für den künftigen medialen Umgang mit entsprechenden Gewaltverbrechen vereinbart.
Zum 30. Jahrestag des Geiseldramas betonte Volker Stennei, Sprecher des Deutschen Presserats, 2018 noch einmal die Mitverantwortung der Journalisten für den damaligen Ablauf der Ereignisse. „Mit Liveberichten und -interviews“ hätten sie „den Tätern eine bis dahin beispiellose öffentliche Bühne“ geboten. Dies sei „ein Synonym für Fehlentwicklungen in den Medien“ gewesen und „gleichzeitig eine Zäsur für das Verhalten von Journalisten“.
Wenn man sich die Berichterstattung über die vom Kreml angeordneten Amokläufe der russischen Armee in der Ukraine anschaut, könnte man zu dem Schluss gelangen: Die Zäsur hat nicht stattgefunden. Noch immer üben Gewalttäter eine unwiderstehliche Faszination aus, der manche sich offenbar nur schwer entziehen können.

Eine Kurzdokumentation zum Geiseldrama von Gladbeck findet sich bei Histoclips: 1988 – Das Drama von Gladbeck; 14. Dezember 2018.

Zitate von Volker Stennei aus: Deutscher Presserat zu 30 Jahren Gladbeck: Journalisten dürfen sich nicht instrumentalisieren lassen; rnd.de.

Bild: Peter Welleman: Präsident Putin beim Ausführen des Medien-Hundes, April 2008 (Wikimedia commons)

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