Die Adventszeit – eine Illusion?

Wie wir dem Luftschloss des Friedens Leben einhauchen könnten

Hoffnungsvoll laufen wir in der Adventszeit dem Frieden entgegen. Wie schön wäre es doch, wenn wir dieses Jahr nicht am 24. Dezember mit dem Laufen aufhören würden!

Der Zauber der Adventszeit

Täusche ich mich, oder ist die Sehnsucht nach der Adventszeit in diesem Jahr tatsächlich noch stärker als sonst?

Corona, Klimakatastrophe, Inflation, und jetzt auch noch dieser schreckliche Krieg – da scheint der Wunsch, sich aus der endgültigen, ausweglosen Finsternis der Novemberhöhle in jene andere Dunkelheit zu flüchten, die von einem geheimnisvollen Stern erleuchtet wird, besonders groß zu sein.

Ehrlich gesagt: Mir geht es genauso. Auch in mir ist dieser Traum von einem Zauberstab erwacht, der uns alle in der Adventszeit in friedliebende Wesen verwandelt; von dem Lebkuchenduft, der mit dem Paradies der Kindheit auch die Unbefangenheit von Kindern im Umgang miteinander in unsere Herzen zurückzaubert; von dem Weihnachtspunsch, der wie ein uralter Zaubertrank alles Böse in sich zusammenfallen lässt.

Zerbrechliche Friedensillusion

Es mag ja sogar sein, dass der Zauber der Adventszeit auf die meisten von uns genauso wirkt; dass wir plötzlich die berauschende Wirkung des Mitgefühls und der Barmherzigkeit entdecken, die unsere Sinne für die Verbundenheit mit allem anderen Sein so viel intensiver  schärfen und unser Bewusstsein so viel stärker erweitern als jede noch so ausgefallene Droge.

Nur leider: Dieser kurze Barmherzigkeitsrausch bringt uns dem Frieden nicht wirklich näher. Es ist wie an einem schönen Frühlingsmorgen, wenn wir uns von der milden Maisonne umschmeicheln lassen und dem Hymnus auf das Leben lauschen, den die Vögel dazu ausbringen. Irgendwann betritt garantiert ein Nachbar diese Bühne des Friedens, um der Welt mit seiner Motorsäge seine Vorstellung von Ordnung aufzuzwingen. Und dann bricht die ganze schöne Friedensillusion von einer Sekunde zur anderen in sich zusammen.

So ähnlich ergeht es uns derzeit auch mit unserem Nachbarn im Osten – nur dass er mit der Kahlschlagmethode nicht nur in seinem eigenen Garten Tabula rasa machen möchte, sondern gleich ein ganzes Land dem Erdboden gleichmachen und ein ganzes Volk auslöschen möchte.

Damit zeigt sich auch hier: Selbst wenn 99 Prozent der Menschheit in Frieden leben wollen, reicht doch das eine verbliebene Prozent, um diesen Wunsch zur Illusion werden zu lassen. Und weil niemand weiß, ob in einer Welt mit mittlerweile rund 8 Milliarden Menschen irgendwo einer gerade seine Finger über einem Startknopf für Vernichtungswaffen schweben lässt, bestimmt die Minderheit, die friedliches Verhalten als ausbeutbare Schwäche anderer ansieht, die gesamte Agenda.

Der Stern des Friedens lebt von unserem Glauben an ihn

Auch in Russland sehnen sich die meisten Menschen nach einer Welt des Friedens. Sie haben aber das Pech, derzeit von einer skrupellosen Clique beherrscht zu werden, die sich die Welt nach ihren Vorstellungen zurechtbomben möchte. Und solange die Gefahr besteht, dass irgendwo auf der Welt solche Cliquen anderen gewaltsam ihren Willen aufzwingen wollen, werden unsere Beziehungen untereinander von Misstrauen bestimmt sein. Der wichtigste Dünger für die Saat des Friedens ist jedoch – gegenseitiges Vertrauen.

So ist leider auch der Palast des Friedens, in dem wir uns in der Adventszeit wähnen, ein reines Luftschloss.

Für den geheimnisvollen Stern, auf den wir in dieser Zeit zulaufen, gilt dies allerdings nicht. Richtig ist: Wir müssen an ihn glauben, um ihn Wirklichkeit werden zu lassen. Sein Licht  ist immer nur so stark, wie wir es durch den Glauben an ihn werden lassen. Wenn unser Glaube jedoch stark genug ist, können wir damit zumindest das Fundament legen für jenen Palast des Friedens, nach dem wir uns alle so sehr sehnen.

Kleiner Tipp am Rande: Auf LiteraturPlanet startet am 1. Dezember eine musikalische Friedensrallye: ein musikalischer Adventskalender, der ganz dem Frieden gewidmet sein wird.

Bild: Thomas Cole (1801 – 1848): Der Engel erscheint den Hirten (1833/34); Chrysler Museum of Art, Norfolk/Virginia.

4 Kommentare

  1. Vom Frieden träumen? Mit Waffen herbeiführen? Unter Führung der Nsto?

    Frieden liegt in der Wahrheit. Von den Massenmerdien kommt sie nicht. Von der deutschen Regierung kommt sie nicht. Von der westlichen Wertegesellschaft kommt sie nicht. Aber unisono benennen seine vertreter, wer der Böse ist.

    Ich mach nicht mit.

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    1. Das ist in diesem Fall nicht schwer: Ohne Putin und Russland gäbe es diesen Krieg nicht. Es gab keinen Angriff auf Russland, sondern einen Überfall auf die Ukraine. Und ich denke, es ist kein Produkt der Massenmedien, dass außer so ein paar totalitärer Staaten wie der Iran nahezu alle Länder der Erde diesen Überfall als Terror bezeichnen. Und Putin führt auch Krieg gegen das eigene Volk. Leider ist Verständnis für diesen Amokläufer ein gwaltiger Tritt in die Magengrube derer, die ein anderes, ein friedliches, ein weltoffenes Russland wollen. Und das sind Tausende, die in Gefängnissen sitzen, vielleicht schon von Putins Schergen getötet wurden oder im Exil leben. Fast alle bekannten Rockikonen, DichterInnen, WissenschaftlerInnen, MenschenrechtlerInnen in Russland hoffen auf ein anderes, ein friedliches Russland Sie fühlen sich im Stich gelassen. Und das schon lange, als sich westliche Länder Putin wegen des „billigen“ Gases an den Hals geworfen haben. Dabei war seine Handschrift schon immer blutig: Grozny, die Tötung abertausender Zivilisten, Kinder: Das war Putins Einstieg in die Politik. Danach half er Aleppo dem Erdboden gleich zu machen. Seine Aggression richtet sich immer gezielt gegen zivile Ziele. Er geht zynisch und kalt über Leichen. Er nimmt im Kauf, dass in diesem Winter abertausende UkrainerInnen erfirieren werden. Er nimmt in Kauf, dass tausende von Menschen in Afrika wegen fehlender Getreidelieferungen verhungern werden. Das ist ihm egal, weil es NUR um sein Macht geht. So bitter es ist: Wenn der Westen nachgibt, sind als Nächstes das Baltikum und Polen dran. Dugin, sein „Vordenker“ träumt von einer diktatorischen Herrschaft über ganz Europa. In seinen Schriften findet sich eine extrem gefährliche Verknüpfung von Religion, panslawischer ideologie und Gewalt. Leider beschäftigen sich zu wenige tatsächlich mit Putin, seiner Herkunft, seinem Denken und seinen „Theoretikern“ wie eben Dugin.
      Ich lebe jedenfalls lieber in einer unvollkommenen Demokratie mit Fehlern als in einer derart menschenverachtenden Diktatur voller schmutziger Lügen und irrationaler Ideologien.. Das erinnert allenfalls noch an die iranischen Mullahs und die Taliban. Mit meinem kritischen Blog würde ich in Russland schon im Gulag sitzen.
      Alle, die sich nicht sicher sind, wer hier der Aggressor ist, sollten wirklich den Oppositionellen, den russsichen Künstlerinnen, WissenschaftlerInnen und den echten Soldatenmüttern zuhören und nicht den Inszinierungen des Kreml Glauben schenken. Ich persönlich kenne keine Russen, die Putins Überfall auf die Ukraine noch gut finden und den Krieg richtig. Sie haben alle Angst und hoffen, dass sie nicht als Kanonenfutter für diesen sinnlosen Überfall enden. Viele Menschen in Russland sind „abgetaucht“ in ihr Privatleben. So lange noch keiner der Familie in diesem sinnlosen Überfall gestorben ist, leben sie ihr Leben so gut es geht, weiter. Hass auf die Ukrainer und den Westen wird nur von Scharfmachern im russischen Fernsehen und von kremltreuen Menschen, die ausschließlich russisches Staatsfernsehen schauen, verbreitet. Ein russischer Autor hat sogar geschrieben, dass viele in Russland unzufrieden und auch wütend sind, weil unter Putin nichts voran geht.. und Putin versteht es als Geheimdienstler diese Wut umzulenken. Ähnliches hat ja auch Hitler vermocht. Ich bin überzeugt: Der größte Teil der russischen Bevölkerung möchte Frieden und „davonkommen“. Und ich fühle mit denen, die ein anderes Russland bauen möchten: Eines, in dem die Menschenrechte, die Meinungsfreiheit geachtet wird. Das, was ich selbst in Ansätzen in Russland der 90er Jahre erleben durfte.

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      1. Zustimmung. Ich verstehe die Relativierungen dieses verbrecherischen und sinnlosen Überfalls auch nicht. Ich trauere aber auch um Russland. Mögen viele in meinem Heimatland an den Stern glauben … und nicht an Putin, der sich selbst für Gott hält, der aus dem Chaos eine neue Weltordnung schafft. Novaya Gazeta: „Nach Putin werden Ruinen bleiben, ein demoralisiertes Land, die schnöde Verachtung der ganzen Welt. Der von Putin geschaffene Staat ist nur gut für ihn – er wird mit ihm verschwinden. Und alles muss neu gemacht werden.“ – Hoffen wir auf das Neue, das unter einem guten, friedvollen Stern steht.

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  2. In diesem Text steckt viel Wahrheit und Weisheit. Je mehr Menschen an den „Stern“ glauben und in der Adventszeit sich mal aus der Hektik des Alltags ausklinken, desto friedlicher wird es. Leider gibt es auch Menschen wie Putin, die mit einer Kerze in einer Kirche stehen und dabei rein gar nichts empfinden. Aufgesetzter Glaube ohne Frieden im Herzen ist schlimmer als ehrlicher Unglaube. Nach dem Lesen des Textes sah ich meine Heimatstadt Berlin vor mir mit all ihrer Hektik, schreiender Armut, zur Schau gestelltem Materialismus … und am Himmel ein Stern, der funkelt und den niemand angesichts der ungeheuren Lichtverschmutzung bemerkt. Dabei könnte in ihm die Rettung liegen …

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