Leuchtendes Geschenk

Ein Nikolaustraum von Bruder Norabus

Was wäre, wenn der Nikolaus dir ein Geschenk machen würde, das all deine Wünsche auf einmal erfüllt? Wie würde dieses Geschenk wohl aussehen? – Ein Nikolaustraum von Bruder Norabus.

Träume und Offenbarungen

Letzte Nacht hatte ich einen seltsamen Traum. Einen Traum, der mich die ganze Welt in einer anderen Farbe sehen lässt. Einen Traum, der mir das Gefühl gibt, ein Anderer zu sein. Einen Traum wie eine Wasserscheide, der das Gestern für immer vom Morgen trennt.

Leider ist es hier im Kloster kaum möglich, sich mit anderen über seine Träume auszutauschen. Abt Ägidius ist der Überzeugung, dass jeder Traum eine Einflüsterung des Bösen sei, der damit unseren Geist verwirren wolle. Wenn aber Gott im Schlaf zu uns spreche, so handle es sich dabei nicht um einen Traum, sondern um eine Offenbarung. Diesen Unterschied erkenne ein gläubiger Mensch sofort.

Ich bin mir da aber nicht so sicher. Wenn, wie es immer heißt, die Wege des Herrn unergründlich sind – liegt es da nicht nahe, dass auch seine Sprache unergründlich ist? Ist es wirklich so, dass wir es immer intuitiv erkennen, wenn unser Schöpfer zu uns spricht? Kann es nicht sein, dass die Logik des Göttlichen der unseren so sehr widerspricht, dass wir gerade dann taub sind für seine Botschaften, wenn sie uns am meisten betreffen?

Ich für meinen Teil habe jedenfalls beschlossen, jeden Traum ernst zu nehmen. Und weil Bruder Ägidius es nicht gern sieht, wenn wir Mönche uns über die nächtlichen Ausflüge unseres Geistes unterhalten, muss ich mich eben in stiller Kontemplation damit auseinandersetzen. Vielleicht ist das ja sogar besser so. Schließlich ist jeder Traum zunächst einmal eine ganz persönliche Botschaft, die zuallererst den Träumenden selbst etwas angeht.

Verloren in stürmischer See

In meinem Traum befand ich mich auf einem alten, morschen Schiff in stürmischer See. Geifernd tobten die Wellen um die bedrohlich ächzenden Planken. Es schien nur eine Frage der Zeit zu sein, wann sie das Schiff mit allem, was darauf war, in ihrem finsteren Bauch begraben würden.

Das Schiff hatte eine sehr eigentümliche Form. Ich wusste, dass es ein alter Dreimaster war, wie ich ihn hundertfach auf alten Stichen gesehen hatte. Im Nebel verschwammen die Konturen des Schiffes jedoch zu einem geisterhaften Gebilde, das ganz andere Assoziationen in mir wachrief. Ein bisschen erinnerte es mich an das Haus meiner Eltern, ein bisschen aber auch an unsere Klosterkirche. Wenn mal wieder ein Blitz die Orkannacht erhellte, meinte ich in dem Mast in der Mitte sogar das Kruzifix zu erkennen, das hinter dem Altar in die Höhe ragt.

Hierzu passte auch, dass ich mich auf dem Schiff zusammen mit meinen Mitbrüdern befand. Verzweifelt führten sie den aussichtslosen Kampf gegen den unsichtbaren Feind, der unser Leben mit dem ganzen Arsenal seiner Wetterwaffen zu vernichten drohte.

Auch ich selbst hielt ein Tau in meinen Händen. Wie eine schuppige Schlange wand es sich zwischen meinen Fingern, meine Haut war schon ganz wund davon.

Wundersame Rettung

Dann geschah etwas Seltsames. Für einen kurzen Moment legte sich der Sturm. Ganz still war es auf einmal, unheimlich still, so, als würden die Sturmgespenster sich zu einem letzten, alles vernichtenden Angriff sammeln.

Gleichzeitig sah ich aber eine Gestalt über das Schiff gehen, von der ein ganz besonderes Leuchten ausging. War sie es etwa, die der wilden Horde der Angreifer Einhalt gebot? Und um wen handelte es sich bei ihr eigentlich? War das Abt Ägidius? Oder doch eher eine ganz andere, ganz fremde Person? Aber wie kam die so plötzlich auf das Schiff?

Im nächsten Augenblick fand ich mich in einem langen Flur wider. Er sah aus wie der Gang vor den Kajüten im Bauch des Schiffes, erinnerte mich aber auch an den Flur im Haus meiner Eltern. Vor jeder Kajüte nahm ich einen schwachen Lichtschein wahr.

Und plötzlich wusste ich: Es war der Tag des Heiligen Nikolaus! Was vor den Kajüten schimmerte, mussten also die Stiefel sein, in denen für jeden von uns ein kleines Geschenk verborgen war.

Während die Planken um mich herum unter der wieder zunehmenden Gewalt des Orkans ächzten, ging ich vorsichtig auf das leuchtende Etwas vor meiner Kajüte zu.  Je näher ich ihm kam, desto heller schimmerte es mir entgegen. Als ich meine Hand aber mit klopfendem Herzen danach ausstreckte, verwandelte es sich in eine reine, konturlose Flamme, die mit einem angenehm wärmenden Zischen in mich überging.

Alles, was von ihr übrigblieb, war eine Schüssel mit einem warmen Brei. Da unsere Vorräte schon vor Tagen zur Neige gegangen waren, verschlang ich ihn mit großem Appetit. Nie habe ich etwas Köstlicheres gegessen.

Ein unsichtbarer Hafen

Als ich mich wieder an Deck begab, hatte sich der Sturm gelegt. Meine Mitbrüder lehnten an der Reling und blinzelten in die Sonne, die sich gerade wieder durch die Wolken wühlte.

Sie sahen erschöpft aus, doch gleichzeitig nahm ich an ihnen dasselbe Leuchten wahr, das mir zuvor in dem Gang vor den Kajüten entgegengeschimmert war. Dieses Mal schien das Leuchten aber nicht von den äußeren Konturen auszugehen. Es war kein Widerschein der Sonne. Eher hatte ich den Eindruck, dass das Leuchten aus dem Inneren meiner Mitbrüder drang.

Die unheimliche Stille, die eben noch das Schiff umflüstert hatte, war einer vollkommenen Ruhe gewichen. Es war, als hätten wir uns den Sturm nur eingebildet; als wäre er nur der äußere Ausdruck einer inneren Unruhe gewesen, die uns heillos durch die Welt getrieben hatte; als wären wir ganz plötzlich bei uns selbst angekommen; als hätte das unbestimmbare Leuchten vor unseren Kajüten jeden von uns mit dem beschenkt, was ihm am meisten gefehlt hatte.

Ja, das war es: Es war, als hätten wir alle in einen Spiegel geblickt, der sein Bild unmerklich in uns zurückgeworfen und uns so mit unserem Gegenbild vervollständigt hätte.

Ein unaussprechliches Geschenk

Dies also ist der Traum, der mich nicht mehr loslässt. Selbst jetzt, nachdem ich ihn niedergeschrieben habe, ist er noch immer ein unauflösbares Rätsel für mich.

Vielleicht hätte ich auch gar nicht versuchen sollen, ihn in Worte zu fassen. Womöglich kann die Sprache der Worte der Bildersprache des Traumes einfach nicht gerecht werden.

Ohnehin hat sich das Leuchten des Traumes in mir am Ende nicht in abstrakte Begriffe oder Gedanken übersetzt. Was mich seitdem erfüllt, ist eher eine nie gekannte innere Stimmung, ein ganz bestimmtes Gefühl, für das mir die Worte fehlen. Wenn ich es umschreiben müsste, würde ich es wohl mit einem Wort charakterisieren, das meine Finger so ehrfürchtig erzittern lässt, dass ich es kaum zu schreiben wage: Erlösung.  

Bild: Bruno: Erleuchtung (Pixabay)

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