Weltmeisterliche Langeweile

Ein Zwischenruf zur Fußball-WM in Katar

Die Fußball-WM in Katar ist bislang vor allem eins: ein gutes Schlafmittel. Sie wirkt wie eine Kulissenstadt, wo der Fußball wie nach einem Drehbuch für ein  B-Movie inszeniert wird.

Fußballkater ohne Rausch

Gut, ich gebe es zu: Ich habe doch mal in die Fußball-WM reingeschaut. Schließlich bekommen unsere Rundfunkanstalten davon, dass ich krampfhaft wegschaue, ja auch nicht die 214 Millionen Euro zurück, die sie für die Übertragungsrechte berappt haben.

Wenn man mich als Zuschauer direkt zur Kasse gebeten hätte, wäre allerdings genau das mein Impuls: Ich will mein Geld zurück! Selten habe ich ein langweiligeres Fußballturnier gesehen.

Empfinde ich das vielleicht nur so, weil ich kein Marokkaner bin? Fehlt mir einfach der patriotische Rausch?

Ehrlich gesagt: Darauf kann ich ganz gut verzichten! Die Homestorys von den werdenden Helden, die schon nach dem erduselten Unentschieden gegen Spanien wieder einsetzten, vermisse ich ganz und gar nicht.

Klar, die Diskussion, die Fußball-Deutschland stattdessen führt, ist auch nicht gerade erbaulich. Tenor: „Hätten wir bloß nicht gegen die FIFA aufgemuckt! Hätten wir bloß unsere Fußball-Heroen nicht dazu animiert, ihr Gehirn einzuschalten! Jeder weiß doch: Fußballer haben ihr Hirn im Fuß – müssen sie es anderweitig verwenden, bekommen sie einen Knoten in die Beine.“

Alles nicht sehr schmeichelhaft für die Ballgenies – aber immer noch besser als eine fußballerische Steilvorlage für die politischen Rechtsaußen.

Geisterspiele mit Publikum

Aber woher kommt es dann, dieses kaum zu unterdrückende Gähnen beim Ansehen der Spiele?

Meine persönliche Ursachenforschung kommt auf einen Dreiklang an Gründen. Da wäre zunächst einmal die mangelnde Stimmung in den Stadien. Sie erinnert fast an die Corona-Geisterspiele – nur dass die Geister mit ihren weißen Gewändern dieses Mal leibhaftig im Stadion sitzen.

Dass die Ölscheichs wie Ölgötzen auf ihren Sitzen hocken, ist ihnen eigentlich kaum zu verdenken. Die Hysterie um das Ballgeschiebe muss ihnen ähnlich exotisch vorkommen wie uns die Ekstase bei einem Kamelrennen. Der Unterschied ist nur, dass wir nie auf die Idee kommen würden, eine Weltmeisterschaft im Kamelrennen auszutragen.

Zweiter Gähnfaktor: die Stadien. Wenn man nicht wüsste, dass sie mit Blut gebaut worden sind, würde man sie auf den ersten Blick vielleicht für imposante Bauten halten. Aber eben nur auf den ersten Blick. In Verbindung mit der Opernball-Stimmung stellt sich rasch der Eindruck ein, in einer Kulissenstadt zu Gast zu sein – in einem Filmstudio oder überhaupt in einer virtuellen Welt, die uns nur vorgaukelt, etwas mit Fußballatmosphäre zu tun zu haben.

Ob das wohl auch ein Grund dafür ist, dass die Spiele größtenteils ablaufen wie nach einem vorgefertigten Drehbuch? Im Achtelfinale haben sich jedenfalls fast durchweg die Favoriten durchgesetzt – und wenn nicht, musste man eine 120-minütige Nullnummer über sich ergehen lassen, ehe das Elfmeterschießen einen aus dem Tiefschlaf geweckt hat.

Vielleicht hängen die Nullnummern aber auch mit den erdrückenden Stadionkulissen zusammen, die die Ölmilliardäre – oder vielmehr die Heloten, die dafür bluten mussten – in den Wüstensand gesetzt haben. Wer so deutlich auf die Milliarden hinweist, die im modernen Fußballbusiness wortwörtlich auf dem Spiel stehen, muss sich nicht wundern, wenn die Taktik endgültig die Oberhand über den Spielwitz gewinnt.

Wie der Fußball sich durch die Angst vor dem Verlieren selbst verliert

Damit bezeichnet diese WM den Endpunkt einer Entwicklung, die den Fußball schon seit geraumer Zeit prägt. Aus den Fußballkünstlern von einst werden immer häufiger Maurermeister, die alles daransetzen, ja kein Tor zu kassieren – um dann mit einem Lucky Punch kurz vor Schluss Kasse zu machen.

Die Frage ist nur, wie lange das noch funktioniert. Irgendwann merkt auch der Letzte, dass Baldriantee wirksamer ist als ein solcher Schlafwagenfußball. Wer ehrlichen Fußball sehen möchte, besucht dann vielleicht lieber ein Kreisligaspiel und tauscht sich nebenbei mit seinen Kumpeln über den neusten Tratsch in seinem Viertel aus.

So könnte sich denn in absehbarer Zukunft der Kreis schließen. Nach seinem absurden Ausflug in die Welt der Milliardäre könnte der Fußball wieder das werden, als was seine Fans ihn einst lieben gelernt haben: die schönste Nebensache der Welt.   

Bild: Dimitri Vetsikas: Junge im Stadion (Pixabay)

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