Die Kultur der Achtsamkeit

Plädoyer für einen dialogischen Freiheitsbegriff

Die Betonung individueller Freiheitsrechte ist ein Kernelement jeder Demokratie. Die Überbetonung des Freiheitsgedankens kann andererseits aber auch dazu führen, dass die Freiheit sich selbst aufhebt, indem die Freiheit einiger weniger die Unfreiheit vieler anderer bedeutet.

Politische Freiheit als Kernelement westlicher Kulturen

Wenn die Freiheit sich selbst aufhebt

Die Lebensexiliere der Freiheit: Achtsamkeit und Dialog

Das Gift des Egoismus

Der Staat als Vermittler zwischen verschiedenen Freiheitsentwürfen

Wenn das Recht des Stärkeren Freiheitsrechte aushebelt

Wege zu einer Kultur der Achtsamkeit

Politische Freiheit als Kernelement westlicher Kulturen

Wenn uns jemand bitten sollte, den Kern unserer Kultur in einem Wort zusammenzufassen, würden viele von uns wohl antworten: Freiheit.

„Westen“ und „Freiheit“ – das sind für uns fast schon Synonyme. Vor dem Hintergrund der überall auf der Welt grassierenden Seuche des neuen Autoritarismus und Totalitarismus ist es ja auch nur allzu verständlich, dass wir diesen in der Tat zentralen Aspekt unserer Kultur besonders betonen.

Solange es hierbei darum geht, den Wert von Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit herauszustellen, die Freiheit also politisch zu buchstabieren, ist dies auch durchaus sinnvoll. Denn auf diese Weise lässt sich gerade das akzentuieren, was wir im Vergleich zu den autoritären Staaten gleich welcher Couleur für ein besonders schützenswertes Gut halten.

Wenn die Freiheit sich selbst aufhebt

Gerade die emphatische Betonung der Freiheit führt allerdings dazu, dass wir den Freiheitsbegriff immer wieder überstrapazieren. Dieser kann dann zu einer leeren Worthülse in Politikerreden werden, wo er alles und nichts oder im Extremfall sogar das Gegenteil dessen bedeutet, was mit ihm gemeint ist.

Vor allem aber kann dies in ein Verständnis von Freiheit münden, bei dem diese im Sinne einer Abwesenheit aller Grenzen für das Individuum interpretiert wird, im Sinne eines uneingeschränkten Ausagierens der eigenen Bedürfnisse. Eine solche Freiheit aber hebt sich selbst auf, da sie impliziert, dass die Freiheit einiger weniger zugleich die Unfreiheit vieler anderer nach sich zieht.

Dass eine Freiheit ohne alle Regeln und Grenzen in ein Chaos mündet, in dem sie am Ende selbst untergeht, weiß jede Kindergärtnerin. Das Bewusstsein, dass die eigene Freiheit niemals auf Kosten der Freiheit anderer durchgesetzt werden darf, ist die Lebensader jeder Form von Freiheit. Wer sie durchtrennt, untergräbt die Freiheit und erstickt sie im Extremfall.

Die Lebensexiliere der Freiheit: Achtsamkeit und Dialog

Achtsamkeit ist daher das Lebenselixier der Freiheit. Sie bedeutet, dass in einer Gemeinschaft alle ein Gespür für die Bedürfnisse anderer entwickeln – und dass dieses Gespür all ihre Handlungen begleitet. Ziel muss es sein, dass der Schmerz oder Verlust, den eine eigene Handlung anderen zufügt, genauso stark empfunden wird, als würde man ihn sich selbst zufügen.

Zwei Haupthindernisse stehen einer solchen Maxime im Weg. Die erste besteht darin, dass wir uns noch nicht einmal selbst gut genug kennen, um vorherzusehen zu können, welche Handlungen uns am Ende guttun und welche uns mehr Schaden als Nutzen bringen. Wie sollen wir da angesichts der Vielfalt menschlicher Persönlichkeitsstrukturen vorhersehen können, welche unserer Handlungen von anderen Menschen als störend empfunden werden?

So ist das zweite Lebenselixier der Freiheit der Dialog. Wenn wir Zweifel haben, ob eine Handlung von anderen als störend empfunden wird, sollten wir im Vorfeld offen mit ihnen darüber reden. Und wir sollten stets bereit sein, andere ernst zu nehmen und auf sie zuzugehen, wenn sie Lebensäußerungen von uns als Einschränkung ihrer Freiheit empfinden.

Dies bedeutet keineswegs, dass wir grundsätzlich auf das Ausleben unserer Freiheit verzichten sollten, wenn sie von anderen als Grenzübertritt empfunden wird. Es geht lediglich darum, immer dialogbereit zu bleiben und im gemeinsamen Gespräch auszuloten, wie die eigene Freiheit so ausgelebt werden kann, dass sie die Freiheit anderer nicht verletzt oder zumindest nicht in unzumutbarer Weise einschränkt.

Das Gift des Egoismus

Das zweite Haupthindernis eines Freiheitsverständnisses, in dem die Sensibilität für die Freiheitsbedürfnisse anderer eine zentrale Rolle spielt, ist schlicht unser Egoismus. Auch hiervon kann jede Kindergärtnerin ein Lied singen. Egal, wie sehr auf die Einbeziehung aller am Dialog über die Regeln für das Interagieren und Kommunizieren geachtet wird – am Ende gibt es doch immer einige, die es gerade als Ausdruck ihres Freiheitsstrebens empfinden, diese Regeln zu brechen.

Derartige Regelübertretungen können dann selbst wieder zum Thema gemacht und im Dialog zu überwinden versucht werden. Treten sie aber wiederholt auf, muss es auch Sanktionen geben, um die Freiheit aller anderen zu schützen. Verzichtet man darauf, so setzt sich am Ende immer der Stärkere durch.

Denn – das hat uns das vergangene Jahr ja wieder einmal gezeigt: Wenn die einen zum Friedensgebet niederknien und auch nur ein einziger anderer auf den Knopf für seine Raketenwerfer drückt, wird sich immer der mit dem Raketenknopf durchsetzen.

Im Alltag ist das nicht anders: Wenn die einen sich zur Vogelbeobachtung versammeln und auch nur ein einziger Nachbar ein Kettensägenmassaker veranstaltet, wird er damit ebenfalls die Freiheit aller anderen zunichtemachen. Lärm schlägt Muße, Destruktivität schlägt Kontemplation, Gedankenlosigkeit erstickt den Geist – obwohl doch gerade Letzterer für Fortbestand und Weiterentwicklung der Gesellschaft überlebenswichtig ist.

Der Staat als Vermittler zwischen verschiedenen Freiheitsentwürfen

Für den Philosophen Thomas Hobbes (1588 – 1679) war genau diese menschliche Neigung zu Egoismus und Destruktivität der Grund für die Entstehung von Staaten.

Weil am Ende alle unter dem Egoismus aller anderen leiden würden, hätten die Menschen – so führt Hobbes in seinem Hauptwerk Leviathan (1651) aus – einen Teil ihrer Macht bewusst an eine höhere Instanz abgegeben. Deren Aufgabe sei es, durch die Aufstellung und Durchsetzung entsprechender Regeln ein gedeihliches Zusammenleben der ihrer Natur nach absolute Macht anstrebenden Individuen zu ermöglichen.

Diese Gedanken lassen sich auch auf die zwischenstaatliche Ebene übertragen. Dabei geben dann verschiedene Staaten Macht an eine höhere Instanz ab, um den friedlichen sowie ökonomisch und kulturell fruchtbaren Austausch zwischen ihnen zu gewährleisten.

Die Legitimation eines Staatswesens ergibt sich vor diesem Hintergrund aus der Frage, ob das jeweilige Regelwerk die nötige Balance zwischen Grenzziehungen für individuelle Freiheit und der Ermöglichung des Auslebens dieser Freiheit wahrt.

Auf der internationalen Ebene bezieht sich die Legitimation ebenfalls zuallererst auf die Frage, ob gemeinschaftliche Institutionen, das Völkerrecht und darauf aufbauende Verträge ihren Zweck erfüllen, also in erster Linie gewalttätige Lösungen zwischenstaatlicher Konflikte verhindern oder zumindest schnellstmöglich beenden helfen. Außerdem muss die internationale Kooperation natürlich auch zu tragfähigen Lösungen für globale Probleme führen – handle es sich dabei nun um Fragen des Umwelt- und Klimaschutzes, der Verteilung des globalen Reichtums oder etwa der Seuchenbekämpfung.

Wenn das Recht des Stärkeren Freiheitsrechte aushebelt

Dass Staat und internationale Institutionen den mit ihrer Existenz verbundenen Erwartungen in vollem Umfang gerecht werden, wird wohl kaum jemand behaupten wollen. Die Erfahrung lehrt uns, dass leider auch das Dach der internationalen Institutionen keinen ausreichenden Schutz vor einer Übervorteilung einzelner durch andere bietet. Korruption, Lobbyismus und nationale Egoismen sind eben ein sehr starkes Gift, das sich auch durch die dicksten institutionellen Dächer frisst.

Auch auf nationaler Ebene kann von einer idealen Balance zwischen dem Ausagieren individueller Freiheitsbedürfnisse und dem Schutz anderer Freiheitsrechte keine Rede sein. Gerade beim Lärmschutz ist das Versagen des Staates geradezu total. Egal ob Bau-, Verkehrs- oder Freizeitlärm: Überall steht die Freiheit der Lärmenden über der Freiheit derer, die für ihre Arbeit oder schlicht ihre Muße der Ruhe bedürfen – und das, obwohl die extrem gesundheitsschädlichen Auswirkungen des Lärms schon seit langem unstrittig sind.

Wege zu einer Kultur der Achtsamkeit

So stehen wir hier vor einem Hase- und Igel-Problem: Wir brauchen eine Kultur der Achtsamkeit, um staatliche Stellen dazu zu bringen, ihrer Aufgabe eines angemessenen Ausgleichs zwischen den unterschiedlichen Freiheitsentwürfen der Einzelnen gerecht zu werden. Andererseits können gerade von staatlichen Stellen gesetzte Regeln eine neue Sensibilität für die Freiheitsrechte anderer schaffen – wie etwa die Einführung eines strengeren Nichtraucherschutzes gezeigt hat.

Für die Stärkung einer Kultur der Achtsamkeit gibt es daher zwei Wege: den der entsprechenden Einflussnahme auf staatliche Stellen und den einer individuellen Übung in größerer Sensibilität. Ersterer Weg ist lang und steinig. Er verlangt viel Überzeugungsarbeit und eine gute Vernetzung mit maßgeblichen Organisationen und Entscheidungsträgern – und steht daher nicht allen von uns offen.

An unserer eigenen Sensibilität können wir dagegen jederzeit arbeiten. Wie das funktionieren und was das bedeuten kann, soll in den folgenden Posts dieser Reihe anhand von ein paar Beispielen deutlich gemacht werden.

Bild: Unbekannt: Fifty-fifty (1922); Library of Congress, Washington (Wikimedia)

Der nächste Beitrag dieser Reihe erscheint am kommenden Mittwoch.

2 Kommentare

  1. Mein Gefühl: Die Rücksichtslosigkeit nimmt immer weiter zu und die soziale Kontrolle nimmt ab. Vielleicht eine Folge des Kapitalismus als Gesellschaftsform. Hierzu gehört Konsum als Surrogat für Lebensqualität, Selbstoptimierung statt Entwicklung von Gemeinsinn und ein bisschen Sozialdarwinismus (das von Ihnen angesprochene Recht des Stärkeren). Lange Zeit wurde Kapitalismus mit Demokratie gleichgesetzt. An China und Russland sieht man, dass diese Wirtschaftsform sich auch wunderbar mit Totalitarismus verbinden lässt.
    Wenn wir davon ausgehen, dass dem Staat die personellen Mittel zur Durchsetzung von Regeln fehlen und den Regierenden der politische Wille die „Schwächeren“ und Sensibleren zu schützen, dann bleibt nur die Veränderung der Gesellschaft „von unten“. Hier müsste am ehesten in der Bildung von der Kita an angesetzt werden. Das ist nicht ganz einfach, denn teilweise verstoßen die Bildungsziele dann gegen die Lebensauffassung der Eltern. Und wer jemals bei einem gymnasialen Elternstammtisch war, dem läuft es kalt den Rücken herunter. Kindererziehung als verlängerter Ego-Trip. (Natürlich gibt es Ausnahmen). Ich finde die Gedanken im Essay gut und wichtig, bin aber etwas ratlos.

    Gefällt 1 Person

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