Politisch korrekt, sprachlich inkorrekt

Wie falsch verstandenes Gendern die Realität verzerrt

Im Bemühen um eine gendergerechte Sprache werden in letzter Zeit häufiger Veränderungen an der Sprache vorgenommen. Diese gehen allerdings nicht selten auf Kosten der sprachlichen Genauigkeit und des Bemühens um konkrete soziale Veränderungen.

Ebbt der Rausch des Genderns ab?

Täusche ich mich, oder ebbt der große Gender-Sprechrausch in letzter Zeit ein wenig ab? Hat vielleicht das Machtwort des Rats für deutsche Rechtschreibung etwas bewirkt – die unzweideutige Klarstellung, dass das Gendersternchen kein Teil der deutschen Rechtschreibung ist [1]?

Oder lässt die Verunsicherung vieler Kinder und Lehrkräfte, die nicht mehr wissen, wie sie korrekt schreiben sollen, die Gender-Puristen zurückrudern? Sind sie es vielleicht sogar selbst leid, ständig Stopp-Zeichen zum Gedenken an die Gendergerechtigkeit in ihren Sprachfluss einbauen zu müssen?

Leider überträgt sich dieses Zurückrudern – wenn es denn überhaupt existiert – nicht auf die geschriebene Sprache. Hier sind nach wie vor ganze Texte von Doppelpunkten, Unterstrichen und Sternchen zerschnitten.

Bei amtlichen Verlautbarungen und Selbstbelobigungen der Parteien ist mir das egal – solche Texte haben noch nie zu meiner bevorzugten Lektüre gehört. Leider sind aber auch journalistische Beiträge noch immer viel zu oft von Genderzeichen aller Art durchschnitten. Hier schmerzt mich die Verbeugung vor dem erhobenen Gender-Zeigefinger weit mehr. Von vielen Texten wende ich mich nur mit großem Bedauern ab, weil mir die Inhalte interessant erscheinen, mich die Umlenkung aller Aufmerksamkeit auf die gendergerechte Sprache aber zu sehr ablenkt.

Beispiele für Realitätsverzerrung durch Gendern

Hinzu kommt, dass nach der heftigen Kritik an dem gesprochenen Gendersternchen längst versucht wird, alternative Formen gendergerechter Sprache zu etablieren. Teilweise entstehen dabei durchaus Varianten, die tragfähige Kompromisse darstellen. In manchen Fällen kommt es jedoch auch dazu, dass die political correctness auf Kosten der sprachlichen Genauigkeit durchgesetzt wird. Hierfür im Folgenden ein paar Beispiele.

Irreführender Wechsel zwischen weiblichem und männlichem Geschlecht

Der Wechsel zwischen weiblichem und männlichem Geschlecht bei Personenbezeichnungen erscheint gerecht, führt aber in der Praxis zu sprachlichen Ungenauigkeiten. Ein Beispiel dafür ist ein Satz wie: „In Deutschland fehlt es an Ärztinnen und Krankenpflegern.“

Der Satz ist erkennbar von dem Bemühen geprägt, in Erinnerung zu rufen, dass medizinische Berufe von Angehörigen beider Geschlechter ausgeübt werden. Darüber hinaus möchte er der Vorstellung entgegenwirken, dass ärztliche Berufe eher von Männern und pflegerische Berufe eher von Frauen ausgeübt werden.

Das ehrenwerte Anliegen führt hier allerdings gleich in doppelter Hinsicht zu einer Verzerrung der Realität. Zum einen ist es nun einmal so, dass der Anteil weiblicher Pflegekräfte in Deutschland 2022 bei 82 Prozent lag [2] – hier die männliche Form zu wählen, führt also in die Irre. Zum anderen weckt der oben zitierte Satz aber auch die Vorstellung, dass bei ärztlichen Berufen speziell weibliches und bei pflegerischen Berufen speziell männliches Personal fehlt.

Dabei wäre die sprachliche Irrfahrt hier vollkommen unnötig. Anstatt auf einzelne Berufsgruppen hinzuweisen und sich dann um eine politisch korrekte Bezeichnung der die Tätigkeit Ausübenden zu bemühen, könnte man auch schlicht sagen: „In Deutschland fehlt es an medizinischem Personal.“ Dies wäre nicht nur politisch, sondern auch sprachlich und inhaltlich korrekt.

Falsche Darstellung prozentualer Anteile

Eine weitere Auswirkung des Bemühens um eine gendergerechte Sprache ist es, bei der Wiedergabe von Umfrageergebnissen neben der männlichen auch die weibliche Form zu nennen. Dies führt dann etwa zu einem Satzanfang wie: „Jede und jeder Fünfte ist für/gegen …“

Ein solcher Satzanfang geht unter zwei Aspekten an der Realität vorbei. Zum einen wird bei vielen Umfragen keineswegs zwischen männlichen und weiblichen Befragten unterschieden. Zum anderen ist es jedoch – selbst wenn dies der Fall sein sollte – höchst unwahrscheinlich, dass die Umfrageergebnisse bei Männern und Frauen genau deckungsgleich sind.

So müssten bei der gewählten Ausdrucksweise also die Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Befragten konkret benannt werden. Sofern dies nicht nötig oder in den Umfrageergebnissen nicht abgebildet ist, empfiehlt es sich, sich einer neutralen Ausdrucksweise zu bedienen, also schlicht die Prozentzahlen zu nennen: „20 Prozent der Befragten sind für/gegen …“

Ungenaue Bezeichnung von Tätigkeiten

Sehr beliebt ist in den Laboratorien für gendergerechte Sprache auch die Ersetzung herkömmlicher Berufs- und Beschäftigungsformen durch neue, aus dem Partizip Präsens abgeleitete Substantive.

In einigen Fällen ist es dabei bereits gelungen, neue Bezeichnungen zu entwickeln, von denen die alten Termini allmählich verdrängt werden. Das bekannteste Beispiel dafür ist vielleicht „Studierende“.

Ein solcher Austausch von Tätigkeitsbezeichnungen ist jedoch erstens nicht von einem Tag auf den anderen möglich und kann zweitens ebenfalls zu verzerrten Darstellungen führen. Dies gilt etwa für die immer häufiger zu hörende Umwandlung der Bezeichnung „Mitarbeiter“ in „Mitarbeitende“.

Hier ist zu bedenken, dass das Suffix „-er“ im Deutschen eine bedeutungstragende Funktion hat. So ist der Begriff „Mitarbeiter/Mitarbeiterin“ mit der Vorstellung einer ständigen, festen Mitarbeit und Anstellung in einem Betrieb verbunden. Das Suffix verweist in diesem Fall also auf den gewohnheitsmäßigen, vertraglich geregelten Aspekt der Tätigkeit.

Der Terminus „Mitarbeitende“ lässt dagegen an Personen denken, die nur vorübergehend in einem Tätigkeitsbereich aushelfen bzw. sich ohne feste Bindung an den Betrieb an einer Aufgabe beteiligen. Der Begriff ist also in der Form, in der er verwendet wird, nicht nur irreführend. Wer – wie jene, die eine gendergerechte Sprache postulieren – an die Prägung des Denkens durch die Sprache glaubt, könnte in der sprachlichen Neuschöpfung sogar ein Einfallstor für die Unterminierung von Arbeitnehmerrechten sehen, da der Begriff den Gedanken der Austauschbarkeit von Arbeitskräften impliziert.

Auch in diesem Fall stellt sich wieder die Frage, warum die Sprache mit fragwürdigen Neologismen belastet werden soll, wenn es doch gute, geschlechtsneutrale Alternativen gibt. Eine solche wäre in diesem Fall etwa der gut etablierte und allseits akzeptierte Ausdruck „Beschäftigte“.

„Geflüchtete“ sind nicht immer „Flüchtlinge“

Auch der Begriff „Flüchtling“ steht seit einiger Zeit auf dem Index. Hier sind die Vorbehalte nicht nur im Gender-Diskurs begründet, sondern wurzeln auch allgemein in dem Bedürfnis nach political correctness.

Kritisiert wird hier die Nachsilbe „-ling“, der eine abschätzige Konnotation unterstellt wird. Dies ist allerdings nicht notwendigerweise der Fall – wie das Nebeneinander von „Liebling“ und „Dummling“ zeigt [3].

Vor allem aber verweist das Wort „Flüchtling“ auf ein anderes Assoziationsfeld als das substantivierte Partizip Perfekt „Geflüchtete“. Die unterschiedlichen Konnotationen werden deutlich an einem Satz wie: „Die Kinder haben sich vor der Standpauke der Eltern in ihr Zimmer geflüchtet.“

Das Flüchten erscheint hier als temporäres Ausweichmanöver, als Versuch, sich einer unangenehmen Situation vorübergehend zu entziehen. Mit der Lebensrealität von Flüchtlingen hat dies herzlich wenig zu tun. Denn der Begriff impliziert ja gerade, dass aus dem kurzfristigen Flüchten ein Dauerzustand geworden ist, der die gesamte Lebenssituation der betreffenden Personen prägt.

So birgt der Begriff „Geflüchtete“ die Gefahr in sich, die Bedrohungen, Entbehrungen und Diskriminierungen, unter denen Menschen auf der Flucht zu leiden haben, zu verharmlosen. Er kann damit gerade das Gegenteil dessen bewirken, was mit ihm intendiert ist.

Wer sich an der Nachsilbe „-ling“ stört, sollte daher besser auf Termini ausweichen, die der prekären Lage des betreffenden Personenkreises eher gerecht werden. Mit Begriffen wie „Vertriebene“ oder „Verfolgte“ gibt es hier gute Alternativen. Sie bieten zudem den Vorteil, leichter sprachlich erweitert werden zu können („politisch Verfolgte“, „von religiösen Extremisten Vertriebene“) und so zugleich auf die Fluchtursachen hinzuweisen.

Phantasielose Kopfgeburten

Die Bemühungen um eine gendergerechte Sprache sind demnach vielfach vor allem eines: phantasielos. Für diejenigen, die das generische Maskulinum als männliche Machtdemonstration empfinden, hält die Sprache zahlreiche Alternativen bereit. Sie lassen sich mit etwas Phantasie und Kreativität an die Stelle der beanstandeten Ausdrucksweisen setzen, ohne dass sich jemand daran stört.

Stattdessen wird das Streben nach einer gendergerechten Sprache oft mit dem Holzhammer in die bislang üblichen Begrifflichkeiten hineingezwungen. Entsprechend unnatürlich wirken die sprachlichen Kopfgeburten. In seinem ebenso apodiktischen wie bürokratisch-akribischen Anspruch auf Um- und Anverwandlung der bisherigen Ausdrucksformen wirkt der Gender-Diskurs in diesem Punkt zuweilen sogar fast schon inhuman.

So müffelt ein sprachliches Konstrukt wie „Syrer:innen“ verdächtig nach Aktenzeichen und Formularen, in denen die betreffenden Menschen sprachlich korrekt, aber ohne Berücksichtigung ihrer Lebensrealität registriert werden. In der sozialen Wirklichkeit entspricht dem ein Schwanken zwischen gleichgültiger Duldung und kaltblütiger Abschiebung. Die Wendung „Menschen aus Syrien“ lässt dagegen weit eher die konkreten Einzelschicksale und die Bereitschaft, sich auf diese einzulassen, durchschimmern.

Hinzu kommt, dass die Zerschneidung der Worte unter der Fahne der Gendergerechtigkeit sehbehinderten und blinden Menschen unnötig Schwierigkeiten bereitet. Auch hier entfaltet der inklusive Anspruch de facto eine exklusive Wirkung.

Sprachliche Veränderungen als Surrogat für gesellschaftlichen Wandel

Einmal mehr stellt sich die Frage, warum das durchaus unterstützenswerte Bemühen um eine gendergerechte Gesellschaft nicht zuerst an der Realität ansetzt; warum also nicht diese die Sprache, sondern Letztere die Wirklichkeit verändern soll.

Fakt ist jedenfalls, dass die soziale Realität in vielen Bereichen völlig unberührt ist von dem gendergerechten Umbau der Sprache. Noch immer reproduzieren die Bekleidungsindustrie oder auch Sendungen wie Germany’s Next Topmodel ganz ungeniert Geschlechterrollenklischees. Statt alle Energie auf den vermeintlich gendergerechten Umbau der Sprache zu verwenden, erschiene es sinnvoller, sich hier für konkrete Veränderungen einzusetzen.

Dies hätte womöglich weit eher eine bewusstseinsverändernde Wirkung. Der Ausbruch aus dem Korsett der alten Geschlechterrollenstereotypen könnte so unmittelbar in seiner befreienden Kraft erlebt werden.

Auch Menschen, deren Schiffe auf der Flucht im Mittelmeer untergehen, haben wenig davon, wenn sie statt als „ertrunkene Flüchtlinge“ als „ertrunkene Geflüchtete“ bezeichnet werden. Was sie stattdessen brauchen, ist eine humanere Einwanderungspolitik.

So stellt sich, wenn sich alle Veränderungsbemühungen auf die Sprache konzentrieren, die Frage, ob wir es hier nicht mit einer Alibiveranstaltung zu tun haben. Wird die Sprache auf dem Altar von political correctness und Gendergerechtigkeit geopfert, weil der Mut zu echter sozialer Veränderung fehlt?

Die Hoffnung, dass sich auf diese Weise irgendwann auch die Realität ändert, grenzt jedenfalls an magisches Denken. Stattdessen werden durch die Vergewaltigung der Sprache auch jene vergrault, die einer humanen, gendergerechten Transformation der Gesellschaft eigentlich positiv gegenüberstehen.

Nachweise

[1]    Wörtlich heißt es in den jüngsten Empfehlungen des Rats für Deutsche Rechtschreibung zu den Gender-Sonderzeichen: „Diese Wortbinnenzeichen gehören nicht zum Kernbestand der deutschen Orthografie. (…) Ihre Setzung kann in verschiedenen Fällen zu grammatischen Folgeproblemen führen, die noch nicht geklärt sind“ (zit. nach WDR: Gendern: Keine neue Empfehlung vom Rat für Rechtschreibung; 14. Juli 2023).

[2]    Vgl. Radkte, Rainer: Geschlechterverteilung unter Pflegekräften in Deutschland. Statista.com, 7. August 2023.

[3]    Ausführliches Essay zum Thema: Achtung, Sprachpolizei! Wer „Flüchtling“ sagt, ist ausländerfeindlich (?); rotherbaron.com, 15. September 2022.

Bild: Breno Cardoso: Daumen runter (pexels.com)

3 Kommentare

  1. Interessant!- Normalerweise gibt es zwei Arten mit dem „Gendern“ umzugehen. Völlig unreflektierte Übernahme von neuen Sprachregelungen, auch wenn Nonsens dabei rauskommt oder genauso unreflektierte, aggressive Ablehnung. Ihr Essay empfinde ich mal als eine überfällige kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit der Thematik. Danke dafür!

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