Achtung, Sprachpolizei!

Wer „Flüchtling“ sagt, ist ausländerfeindlich (?)

Aus Gründen der political correctness wird in letzter Zeit verstärkt von „Geflüchteten“ statt von „Flüchtlingen“ gesprochen. Aber lässt sich Humanität einfach durch eine veränderte Wortwahl „herbeireden“?

Das Wort „Flüchtling“ unter Generalverdacht

Es ist mal wieder so weit: Nach der Einforderung des gesprochenen Gendersternchens macht sich die Sprachpolizei nun daran, das Wort „Flüchtling“ unter Generalverdacht zu stellen.
Auffällig ist jedenfalls, dass in bestimmten Medien seit einiger Zeit peinlich darauf geachtet wird, diesen Begriff zu vermeiden. Stattdessen wird lieber von „Geflüchteten“ gesprochen.
Wer bislang für einen humanen Umgang mit Menschen, die bei uns Schutz suchen, eingetreten ist oder sich gar in der Flüchtlingshilfe engagiert hat, wird sich verwundert die Augen reiben und sich fragen: Habe ich etwas falsch gemacht? War das, was ich für eine Unterstützung von Menschen in Not gehalten habe, in Wahrheit Diskriminierung?
Greifen wir also diesen verwunderten Blick auf und fragen uns: Was ist eigentlich so schlimm an dem Wort „Flüchtling“? Warum wird es plötzlich auf den Index gesetzt?

Eine toxische Nachsilbe?

Das Hauptargument gegen die Verwendung des Wortes „Flüchtling“ bezieht sich offenbar auf die Nachsilbe „-ling“. Diese kann tatsächlich, wenn sie zur Bildung von Neologismen an andere Wörter angehängt wird, einen abwertenden Klang annehmen. Beispiele wären hier etwa Worte wie „Schreiberling“, „Dummling“ oder „Primitivling“.
Anders sieht es jedoch aus, wenn die Nachsilbe lediglich allgemein der Ableitung einer Personenbezeichnung aus einem Substantivstamm dient. Hier ist die Konnotation in der Regel neutral, wie etwa die Beispiele „Lehrling“ oder „Schützling“ zeigen.
Natürlich gibt es in dieser Rubrik auch negativ konnotierte Worte wie „Sträfling“ oder „Häftling“. Die negative Konnotation ergibt sich hier jedoch nicht aus dem Suffix „-ling“, sondern aus dem, was wir mit den Begriffen assoziieren. Wäre es anders, so könnten auch Worte wie „Liebling“ oder „Schmetterling“ bei niemandem positive Assoziationen auslösen.

Asylant, Flüchtling, Geflüchtete

Nicht vergessen werden darf auch, dass das Wort „Flüchtling“ erst vor wenigen Jahren der Bekämpfung eines anderen Wortes mit deutlich abwertenden Konnotationen dienen sollte. Seine vermehrte Verwendung sollte – ebenso wie das Ausweichen auf Begriffe wie „Asyl-“ oder „Schutzsuchende“ – das mit negativen Assoziationen behaftete „Asylant“ verdrängen.
Dies ist insofern interessant, als die Nachsilbe „-ant“ weit neutraler ist als das Suffix „-ling“. Zwar gibt es auch hier negativ konnotierte Worte – wie „Querulant“ oder „Intrigant“. Im Großen und Ganzen dient die Nachsilbe aber schlicht dem sprachlichen Ausdruck von Aktivität bzw. von deren Resultat. Ein „Fabrikant“ ist jemand, der etwas fabriziert bzw. in einer eigenen Fabrik herstellen lässt. Ein „Emigrant“ ist jemand, der emigriert bzw. sich als Folge hiervon im Ausland eine neue Existenz aufbaut.
Analog dazu ist ein „Asylant“ im Prinzip einfach jemand, der in einem anderen Land Asyl beantragt und anschließend in diesem Land mit einem bestimmten Status lebt. Der Begriff legt also keineswegs unmittelbar eine abwertende Sicht auf die entsprechenden Personen nahe. Diese entsteht vielmehr – wie im Fall des Begriffs „Sträfling“ – erst dadurch, dass andere etwas Negatives mit der bezeichneten Personengruppe assoziieren.
Mit anderen Worten: Die Toxizität ergibt sich nicht aus dem Begriff selbst, sondern wird von außen in diesen hineingetragen, durch das, was andere mit ihm verbinden.

Abfärbung von Einstellungen auf die Begriffe: Das Beispiel „Hilfsschule“

So gesehen, ist es ganz egal, ob wir von „Flüchtlingen“ oder „Geflüchteten“ sprechen. Entscheidend ist nicht die gewählte Bezeichnung, sondern die Einstellung, die wir mit den betreffenden Personen verbinden.
Das Wort „Asylant“ erhielt einst eine abwertende Konnotation, weil es mit hetzerischen Wortkombinationen wie „Asylbetrug“ oder „Asylantenschwemme“ assoziiert wurde. Ähnlich diskriminierende Wortverbindungen sind aber nicht nur für das Wort „Flüchtling“, sondern auch im Falle der angeblich neutraleren Bezeichnung „Geflüchtete“ denkbar.
Wie wenig ein Wort gegen den Kontext ausrichten kann, in dem es verwendet wird, zeigt auch ein Blick auf die Schule. „Helfen“ und „Fördern“ sind wohl unbestritten positiv konnotierte Begriffe. Dennoch erhielt die „Hilfsschule“ ebenso wie die „Förderschule“ mit der Zeit einen pejorativen Beiklang, weil beide im Volksmund als „Dummenschule“ galten. Die spätere Bezeichnung „Sonderschule“ brachte die faktische Aussonderung von Kindern wenigstens offen zum Ausdruck, wurde aber eben deshalb bald wieder in der Mottenkiste diskriminierender Begriffe verstaut.
Auch hier hat sich gezeigt: Egal, wie positiv die Bezeichnungen klangen – die diskriminierende Aussonderungspraxis hat sich doch immer auf sie übertragen und sie mit der Zeit negativ gefärbt. Dies ist selbst bei der heutigen Bemühung um Inklusion zu beobachten, die mit der Abschiebung benachteiligter Kinder aufräumen möchte. Wenn die entsprechenden Kinder – wie bei manchen Lehrkräften üblich – als „I-Kinder“ bezeichnet werden und so verdächtig nach „Igitt-Kindern“ klingen, überlagern auch hier wieder die alten diskriminierenden Sichtweisen die neue Begrifflichkeit.

Wie die Sprache unsere Wirklichkeitswahrnehmung beeinflusst

Ganz allgemein stellt sich vor diesem Hintergrund die Frage: Was kann die Sprache überhaupt bewirken? Hat sie tatsächlich die Macht, unsere Sicht der Wirklichkeit unmittelbar zu beeinflussen?
Diese sprachphilosophische Fragestellung verweist uns auf die Sapir-Whorf-Hypothese, wie sie Benjamin Lee Whorf (1897 – 1941), unter Bezugnahme auf seinen Lehrer Edward Sapir (1884 – 1939), in mehreren, zu einem Großteil erst nach seinem Tod erschienenen Schriften entwickelt hat. In deutscher Sprache erschien 1956 Sprache – Denken – Wirklichkeit, eines der bis heute meistdiskutierten sprachphilosophischen Werke.
Whorfs Thesen zur Beeinflussung der Sprache durch das Denken gründeten vor allem auf Studien zu den Sprachen der Hopi und der Inuit. Die Hopi-Sprache führte Whorf etwa zu der Erkenntnis, dass deren anders geartete Zeitformen und die stärkere Verbindung von Zeit und Raum in der Sprache ein anderes Verständnis der Zeit und ihrer Beziehung zu räumlichen Kategorien mit sich brächten.
Die Sprache der Inuit lieferte Whorf Einblicke in den Zusammenhang von geistiger Differenzierung und Begrifflichkeit. So gelangte er zu der Auffassung, dass ein verstärkter Umgang mit Schnee zu einer größeren Vielfalt an Begriffen für die verschiedenen Formen von Eis und Schnee und damit auch zu einer differenzierteren Wahrnehmung des Phänomens „Schnee“ führe.

Differenzierende Sprache, differenzierende Wahrnehmung

Whorfs Thesen sind in der Sprachwissenschaft umstritten. Bis zu einem gewissen Grad lassen sie sich aber auch im Selbstversuch testen. Wenn wir etwa nicht allgemein von „Gartenvögeln“ sprechen, sondern von „Zeisigen“, „Stieglitzen“, „Gimpeln“, „Meisen“, „Finken“ etc., nehmen wir die Vogelwelt auch differenzierter wahr. Und wenn wir nicht einfach nur von „Meisen“ sprechen, sondern von „Blaumeisen“, „Kohlmeisen“, „Sumpfmeisen“, „Haubenmeisen“, „Tannenmeisen“ etc., nehmen wir auch die Welt der Meisen differenzierter wahr.
Die differenziertere Wahrnehmung hat hier auch eine konkrete Bedeutung für unseren Umgang mit der Tierwelt. Wenn wir die verschiedenen Vogelarten besser voneinander unterscheiden können, fällt es uns auch eher auf, wenn einzelne Vogelpopulationen zurückgehen. Speziell im Fall der Meisen ist derzeit der Fokus auf die Blaumeisen wichtig, die durch ein bestimmtes Bakterium stark gefährdet sind.
Übertragen auf die Diskussion um die korrekte Bezeichnung von in Deutschland Schutz suchenden Menschen würde dies bedeuten: Wir sollten nicht immer neue Oberbegriffe erfinden, sondern stärker auf Begriffe zurückgreifen, die das individuelle Schicksal der Menschen abbilden.
Die Frage ist allerdings, ob die Sprache hiermit nicht überfordert wäre. Wir brauchen nun einmal Oberbegriffe, mit denen wir uns rasch auf einen Kontext beziehen können, unabhängig von seiner Komplexität. Abgesehen davon könnte die Differenzierung hier auch unbeabsichtigt neuen Diskriminierungen Vorschub leisten, indem etwa „Vertriebene aus der Ukraine“ in manchen Ohren positiver klänge als „marokkanische Arbeitsmigranten“.
Schließlich gibt es ja schon jetzt eine Bevorzugung mancher Flüchtlingsgruppen gegenüber anderen. Dies lässt sich an der polnischen Grenze ebenso beobachten wie in der deutschen Außenpolitik, für die beispielsweise das Schicksal der seit Jahrzehnten in Vertriebenen-Camps ausharrenden Saharaui aufgrund des Interesses an guten wirtschaftlichen Beziehungen zu Marokko von deutlich untergeordneter Priorität ist.

Resümee in fünf Thesen

Was bedeutet das alles nun für die sprachliche Etikette bei der Bezeichnung von Menschen, die vor Hunger, Krieg und Verfolgung fliehen? Wie können wir sicherstellen, dass wir mit Worten niemanden diskriminieren oder Diskriminierung Vorschub leisten?
Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht. Meine eigene Position würde ich in folgenden Thesen zusammenfassen:

  1. Entscheidend sind nicht die gewählten Begriffe, sondern die Einstellungen gegenüber den Menschen, die damit bezeichnet werden. Es ist deshalb wichtig, die Bemühung um eine nicht-diskriminierende Wortwahl mit einer aktiven Bekämpfung von Vorurteilen zu verknüpfen.
  2. Jeder Begriff unterliegt Abnutzungstendenzen und steht in der Gefahr, mit abwertenden Assoziationen infiziert zu werden. Als Mittel dagegen empfiehlt sich eine differenzierende, abwechslungsreiche Wortwahl. Statt pauschal von „Geflüchteten“ zu sprechen, erscheint es daher sinnvoller, etwa von „syrischen Kriegsvertriebenen“, „jemenitischen Bürgerkriegsopfern“ oder „politisch Verfolgten aus der Türkei“ zu sprechen. Auf diese Weise erhalten die Schutzsuchenden und ihr je unterschiedliches Schicksal wenigstens ansatzweise ein Gesicht.
  3. „Black is beautiful!“ Analog zu diesem Kampfbegriff, wie er einst in den USA und im südafrikanischen Black Consciousness Movement verwendet wurde, lassen sich auch im Falle von Menschen, die von Flucht und Vertreibung betroffen sind, mit negativen Assoziationen behaftete Begriffe positiv umdeuten. Im Falle des Begriffs „Flüchtling“ wäre dies etwa dadurch möglich, dass er stärker mit dem Aspekt der durch die Zuwanderung bewirkten kulturellen Vielfalt und Horizonterweiterung verbunden wird.
  4. Wichtiger als die korrekte Begriffswahl ist das unterstützende Handeln. Wer sich nicht konkret für geflüchtete Menschen engagiert, hilft ihnen auch nicht, indem er sich eine politisch korrekte Wortwahl für sie ausdenkt. Dies birgt vielmehr die Gefahr in sich, dass eine Art „verbaler Ablass“ entsteht, mit dem man sich mit der vermeintlich „sauberen“ Wortwahl von der realen Hilfe für andere freikauft.
  5. Der erzieherische Wert einer sprachlichen political correctness ist äußerst zweifelhaft. Die bemühte Einführung nicht organisch gewachsener Begriffe kann vielmehr auch den gegenteiligen Effekt haben. Der ständig verbal erhobene Zeigefinger kann eine Trotzreaktion auslösen, bei der am Ende nicht nur die korrekten Begriffe abgelehnt werden, sondern auch jene Humanität, die sie der Idee nach fördern sollen.

Bild: 愚木混株 Cdd20 : Karikatur, Sprache (Pixabay)

5 Kommentare

  1. Danke für diese fundierten Überlegungen. Leider sind die Beiträge zum Thema meist sehr oberflächlich oder polemisch. Die Thesen am Schluss finde ich überzeugend. Ich kann die Hoffnung, dass man durch eine bewusste Sprache Bewusstsein schafft, nachvollziehen, aber die Beobachtung ist eine andere… Der genannte Trotz. Und „bewusst“ ist die politisch korrekte Sprache ja auch nicht.

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      1. Ganz einfach:Weil es sich um eine reine sprachliche Konvention in bestimmten Kreisen handelt. Bewusstheit setzt Reflexion voraus. Ob dies stattfindet? Ich habe große Zweifel!

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