Populismus und Autoritarismus, Teil 9
Der Aufstieg des autoritären Populismus geht einher mit einem Rückfall in patriarchale Männlichkeitskonzepte. Von den entsprechenden Gesellschaftsmodellen profitieren heute auch Frauen – allerdings auf Kosten eines emanzipatorischen Verständnisses von Weiblichkeit.
Autorität und autoritärer Charakter
Die Renaissance des Autoritätskonzepts geht einher mit der Wiederauferstehung eines anderen Gespenstes, das man ebenfalls längst in der Mottenkiste einer reaktionären Vergangenheit begraben glaubte – des Ideals einer männlich-patriarchalen Vorherrschaft.
Um den Zusammenhang zwischen beiden Entwicklungen zu verstehen, lohnt es sich, einen Blick zurück auf die 1930er Jahre zu werfen, als am Frankfurter Institut für Sozialforschung die Grundlagen für die Erforschung des „autoritären Charakters“ gelegt wurden. Vervollständigt wurden diese Arbeiten in Genf, Paris und später in New York, wohin das Institut nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten umziehen musste.
Der Kern des autoritären Charakters ist vielfach beschrieben worden. Der entscheidende Aspekt ist die typische „Radfahrer-Mentalität“, bei der nach oben gebuckelt und nach unten getreten wird. In den Worten Erich Fromms, der sich dem autoritären Charakter aus psychoanalytischer Perspektive genähert hat, stellt sich die Psyche eines entsprechenden Menschen wie folgt dar:
„Er bewundert die Autorität und strebt danach, sich ihr zu unterwerfen; gleichzeitig aber will er selbst Autorität sein und andere sich gefügig machen“ (Fromm 1941, S. 163).
Nährboden für den autoritären Charakter in der Weimarer Republik
Fromms Charakterisierung des autoritären Charakters erinnert nicht zufällig an militärische Rangordnungen, bei denen die absolute Gefolgschaftstreue gegenüber der nächsthöheren Person in der Hierarchie mit der Einforderung eines ebenso uneingeschränkten Gehorsams gegenüber den eigenen Untergebenen einhergeht.
Die sich daraus ergebende eng gefügte Befehlskette kann von den Betreffenden als eine Form von Halt empfunden werden, da darin alle einen klar definierten Platz und eine entsprechende Funktion haben. Die Übertragung derartiger militärischer Organisationsstrukturen auf das zivile Leben ist deshalb gerade für jene Menschen attraktiv, die in ihrem Alltagsleben einen Verlust von sozialer Integration und geistiger Orientierung erleben.
In der Weimarer Republik gab es gleich einen doppelten Nährboden für eine solche geistig-soziale Krise. Auf die Verlusterfahrungen nach dem verlorenen Krieg folgte 1929 die Weltwirtschaftskrise, welche die kaum verheilten Wunden wieder aufbrechen ließ.
In beiden Fällen waren insbesondere Männer von den säkularen Krisen betroffen. Frauen hatte der Krieg zu einem Emanzipationsschub verholfen, da sie in den Kriegsjahren vielfach die zuvor von Männern ausgeführten Arbeitstätigkeiten übernommen hatten. Zwar wurden sie nach Kriegsende wieder an den heimischen Herd zurückgedrängt, doch zeigen Mode und Auftreten der Frauen in den 1920er Jahren, dass das neu gewonnene Selbstbewusstsein – zumindest in der öffentlich sichtbaren Mittel- und Oberschicht – nichtsdestotrotz erhalten blieb.
Für Männer ergab sich daraus ein doppeltes Frustrationspotenzial. Zu der schwierigen Arbeitsplatzsuche kam die Beschädigung des Selbstverständnisses als „pater familias“ hinzu, der mit seiner Erwerbstätigkeit das Überleben der Familie sichert und, daraus abgeleitet, auch deren Geschicke lenkt.
Die multiple Verunsicherung durch Kriegserlebnisse, Arbeitsplatzverlust und unklare soziale Rolle machte viele Männer anfällig für die Verführung durch Politiker, die sich als starke Führer gerierten und sich so als Projektionsfläche für die von sozialem Bedeutungsverlust Betroffenen anboten. Dies gilt umso mehr, als dabei gleichzeitig eine rassische Kernidentität definiert wurde, die es erlaubte, dieser nicht entsprechende Menschen zu Sündenböcken zu stempeln, an der die Deklassierten ihr Bedürfnis nach Rache für die verlorene Autorität ausleben konnten.
Der autoritäre Charakter und das Ideal des „starken Mannes“
Wie in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg existiert auch heute vielerorts wieder ein günstiger Nährboden für die Ausbildung eines autoritären Charakters. Die Globalisierung hat viele Menschen nicht nur in wirtschaftlicher, sondern auch in geistiger Hinsicht zu Verlierern gemacht. Zu Arbeitsplatzverlust bzw. dem Abrutschen in prekäre Arbeitsverhältnisse kommt das Aufbrechen tradierter Normen und Deutungsmuster hinzu. Das Zusammenrücken der Welt und die Migration führen heute allen überdeutlich die Beschränktheit – und folglich auch die eingeschränkte Gültigkeit – des eigenen Weltbilds vor Augen.
Gerade in ökonomischen Krisen und dem dadurch drohenden sozialen Abstieg sind jedoch klare geistige Orientierungsbojen ein wichtiger Halt. Daraus ergibt sich eine gewisse Anfälligkeit für den populistischen Sirenengesang, der die aus den Fugen geratene Welt sowohl in materieller als auch in geistiger Hinsicht auf simplizistische Weise zu heilen verspricht. Dafür werden Menschen mit Migrationshintergrund pauschal zu Sündenböcken für den sozialen Abstieg der Einheimischen gestempelt, während gleichzeitig die Rückkehr in die engen Grenzen des Weltbilds vor der Globalisierung verheißen wird.
Ein wichtiger Aspekt ist dabei das Ideal des starken Mannes, der zu Hause das Sagen hat und draußen in der Welt die Dinge regelt, während seine Frau am heimischen Herd auf ihn wartet. Autorität erwirbt er dabei nicht – wie es der ursprüngliche römische Begriff „auctoritas“ impliziert – durch das auf seinen gesellschaftlichen Leistungen beruhende Ansehen, sondern schlicht durch seine biologische Identität als Mann.
Dies verbindet die Autorität qua Geschlecht auch mit dem autoritären Charakter. Denn auch dieser zeichnet sich ja durch eine hohle, angemaßte Autorität aus, bei der die eigene existenzielle Unsicherheit durch die Machtausübung gegenüber anderen – bei gleichzeitiger Identifikation mit einem starken Führer – zu kompensieren versucht wird.
Zwiespältige Rolle der Emanzipation
Die weibliche Emanzipation spielt bei alledem eine zwiespältige Rolle. Auf der einen Seite dient sie Männern, die sich als soziale Verlierer empfinden, als Feindbild. So existiert in Form der so genannten „Mannosphäre“ ein ganzes Netzwerk von Internetforen, in denen Männer von der weltweiten Verschwörung der Frauen raunen und sich ihren Phantasien von der erneuten Zurückdrängung der Frau in ihre vormoderne Rolle als Dienerin des Mannes hingeben.
Auf der anderen Seite gibt es jedoch auch Frauen, die sich selbst an vorderster Front an dieser restaurativen Bewegung beteiligen. Die Emanzipation dient in diesem Fall paradoxerweise der Eindämmung der Emanzipation. Oder, anders ausgedrückt: Einzelne Frauen leben ihre Emanzipation so aus, dass sie der Emanzipation anderer Frauen schaden.
Zu beobachten ist diese Entwicklung sowohl auf politischer Ebene als auch im Kontext einzelner sozialer Rollen. Für den ersten Aspekt stehen etwa die großen rechtspopulistischen Parteien in Europa, in denen immer häufiger Frauen in führende Positionen aufsteigen. Sie propagieren dabei ein Weltbild, in dem mächtige, selbstbewusste Frauen wie sie eigentlich gar nicht vorgesehen sind.
Auch jenseits der politischen Ebene wird Emanzipation von nicht wenigen Frauen im Sinne eines beruflichen Aufstiegs innerhalb der bestehenden patriarchalen Strukturen interpretiert. Andere sehen es gerade als Ausdruck weiblicher Stärke, in eben jene Reservate der Gewaltausübung vorzudringen, die früher als rein männliche Domäne galten – etwa im Bereich der Jagd oder des Militärs.
Patriarchale „Dividende“ – auch für Frauen
Den von R.W. Connell geprägten Begriff der „hegemonialen Männlichkeit“ muss man vor diesem Hintergrund wohl etwas weiter fassen. Gemeint war damit ursprünglich, dass in der patriarchalen Gesellschaft nicht alle Männer gleichermaßen an der Macht teilhaben. Vielmehr gibt es dominante Gruppen, die durch ihre soziale Rolle und einen damit verbundenen Habitus über mehr Einfluss verfügen als andere.
Allerdings geht Connell davon aus, dass von den grundsätzlich männlich bestimmten Machtstrukturen auch jene Männer profitieren, die nicht über das Maximum an gesellschaftlichem Einfluss verfügen. Diese von Connell so genannte „patriarchale Dividende“ ist umso stärker, je vollständiger sich die Betreffenden an die entsprechenden sozialen Normen anpassen.
Derartigen Anpassungsprozessen unterziehen sich nun aber auch immer mehr Frauen, die in der patriarchalen Gesellschaft in Machtpositionen aufsteigen. Damit profitieren auch sie von der „patriarchalen Dividende“. Erkauft wird dies mit einer Art von verstümmelter Emanzipation. Die konkrete Emanzipation einzelner Frauen geht dabei auf Kosten einer Emanzipation, die „Weiblichkeit“ in symbolischer Weise als Gegenkonzept zum Patriarchat verstanden und so mit der weiblichen Selbstbefreiung zugleich eine Überwindung patriarchaler Strukturen assoziiert hatte.
Auf diese Weise verblasst das Gegenbild zu den mit der patriarchalen Gesellschaft verbundenen autoritären Strukturen allmählich. Dies erleichtert es insbesondere populistischen Parteien vom rechten Rand, mit ihrem autoritaristischen, rückwärtsgewandten Gesellschaftsmodell auf Stimmenfang zu gehen.
Literatur
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Connell, R.W. / Hearn, Jeff / Kimmel, Michael (eds.): Handbook of Studies on Men and Masculinities. New York 2004: SAGE.
Delfs, Stefanie / Märzhäuser, Antonia: Der autoritäre Mann. Doku über Frauenhass im Netz; SWR (im Rahmen des ARD-Radiofeatures), 3. Dezember 2023.
Fromm, Erich: Sozialpsychologischer Teil. In: Studien über Autorität und Familie. Forschungsberichte aus dem Institut für Sozialforschung, S. 77 – 135. Paris 1936: Alcan; auch in Ders.: Gesamtausgabe (Stuttgart 1980/81: DVA), hg. von Rainer Funk, Bd. 1: Analytische Sozialpsychologie, S. 141 ff. München 1989: dtv.
Ders.: Die Furcht vor der Freiheit (engl. zuerst 1941, dt. 1945). Frankfurt/Main 1983: Ullstein.
Henkelmann, Katrin / Jäckel, Christian / Stahl, Andreas / Wünsch, Niklas / Zopes, Benedikt (Hgg.): Konformistische Rebellen. Zur Aktualität des autoritären Charakters. Berlin 2020: Verbrecher Verlag.
Johanssen, Jacob: Die Mannosphäre. Frauenfeindliche Communities im Internet. Köln 2023: Herbert von Halem Verlag.
Metz, Markus / Seeßlen, Georg: Kulturkampf in Italien. Der Angriff der Rechten auf die Demokratie. Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 18. Februar 2024 [über die Förderung rechtsnationalen Gedankenguts durch die italienische Regierung unter Giorgia Meloni].
Roepert, Leo (Hg.): Kritische Theorie der extremen Rechten. Analysen im Anschluss an Adorno, Horkheimer und Co. Bielefeld 2023: transcript.
Sugiura, Lisa (2021). The Incel Rebellion: The Rise of the Manosphere and the Virtual War Against Women (PDF oder Ebook, open access). Bingley 2021: Emerald.

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