Konformismus in Japan

1. Geistesgeschichtliche Hintergründe

In einer neuen, vierteiligen Reihe auf rotherbaron geht es in den kommenden Wochen um Konformismus in Japan. Am Anfang steht heute die Frage nach den geistesgeschichtlichen Hintergründen für die in Japan stärker als anderswo ausgeprägten Tendenzen zur Unterordnung des Einzelnen unter das Kollektiv.

Der Aufstieg der Samurai zur dominierenden Kraft im Staat

Für den starken Anpassungsdruck in der japanischen Gesellschaft gibt es zwei wesentliche Begründungsstränge: einen geistigen und einen historischen. Beide hängen freilich eng miteinander zusammen.

Auf der Ebene der historischen Entwicklung ist insbesondere auf die Kultur der Samurai zu verweisen. Der Begriff geht auf das japanische Wort für „Diener“ („Saburai“) zurück. Dies verweist darauf, dass die Samurai ursprünglich als professionelle Krieger dem Kaiser dienen sollten. Als eigene Kriegerkaste ersetzten sie seit dem Ende des achten Jahrhunderts die Wehrpflichtigen, die sich als untauglich für eine erfolgreiche Kriegsführung erwiesen hatten.

Mit der Zeit wurden den Samurai auch Verwaltungsaufgaben übertragen. So fungierten ihre Anführer („Tōryō“) etwa auch als eine Art Landesfürsten in einzelnen Provinzen – anfangs auf Zeit, schließlich aber auch mit vererbbaren Adelstiteln. Auf diese Weise wurden die Samurai zu einem immer stärkeren Machtfaktor im japanischen Staat.

Dies kulminierte Ende des 12. Jahrhundert schließlich in der Einführung des Shōgunats. Der Shōgun – ursprünglich nur der oberste militärische Berater des Kaisers (Tennō) – erlangte dabei die eigentliche Macht im Staate, während die Aufgaben des Kaisers sich auf den zeremoniell-repräsentativen Bereich beschränkten [1].

Bushidō – der Ehrenkodex der Samurai und seine soziale Bedeutung

Als führende Kraft im Staat hatten die Samurai auch starken Einfluss auf dessen Kultur und Geistesleben. Prägend war dabei insbesondere der Ehren- und Verhaltenskodex der Samurai. Dessen Name – „Bushidō“ – leitet sich von dem Begriff „Bushi“ für einen Angehörigen des Kriegerstandes ab und bedeutet „Weg des Kriegers“ [2].

Von zentraler Bedeutung in diesem Kodex war die Loyalität gegenüber den jeweiligen Anführern, dem Kaiser, den Eltern und allgemein dem Kollektiv. So wurde die militärische Forderung nach unbedingtem Gehorsam und der Unterordnung des eigenen Lebens unter die Bedürfnisse der Gemeinschaft ein fester Bestandteil des gesellschaftlichen Wertekanons.

An erster Stelle steht so jeweils nicht der Einzelne, sondern das Kollektiv. Entscheidend ist stets die Frage, ob man mit dem eigenen Leben dem Kollektiv dient oder ihm zuwiderhandelt. Letzteres wird – gemäß den strengen Regeln des Bushidō – nicht einfach nur als persönliches Versagen interpretiert. Es gilt vielmehr als Schande, die nicht nur die betreffende Person, sondern auch deren Angehörige betrifft. In der Bushidō-Logik bedeutet ein solcher Gesichtsverlust den sozialen Tod, der angesichts der bestimmenden Bedeutung des Kollektivs kaum anders als im realen Freitod münden kann.

Die japanische Rezeption des Konfuzianismus

Die jahrhundertelange Machtfülle der Samurai bzw. Bushi im japanischen Staat mag dazu beigetragen haben, dass der Bushidō-Kodex einen prägenden Einfluss auf die japanische Kultur entfaltet hat. Allerdings wäre es hierzu wohl kaum gekommen, wenn die in diesem Kodex vertretenen Werte nicht auch von anderen in Japan einflussreichen Lehren verbreitet worden wären.

An dieser Stelle kommen nun der Konfuzianismus und der Shintoismus ins Spiel. Beide haben auf je eigene Weise dazu beigetragen, den Gedanken eines absoluten Vorrangs des Kollektives zu verstärken.

Konfuzius, der von ca. 551 bis 479 vor Christus in China gelebt hat, passt insofern zu dem Bushidō-Kodex, als in seiner Lehre dem menschlichen Zusammenleben eine zentrale Rolle zukommt. Allerdings geht es dabei nicht primär um Unterordnung, sondern um eine Form sozialer Harmonie, die durch gegenseitiges Verständnis und Rücksichtnahme erreicht werden soll. Der Weg führt hier gewissermaßen von der Harmonie im Mikrobereich des sozialen Miteinanders zur übergeordneten Harmonie eines Lebens im Einklang mit dem Ganzen des Kosmos.

Bei der seit dem fünften nachchristlichen Jahrhundert erfolgten Rezeption der konfuzianischen Lehre in Japan wurde allerdings der Aspekt der Achtung vor den Ahnen und den Älteren stark in den Vordergrund gestellt. So wurde der Konfuzianismus hier dazu genutzt, die Loyalität des Volkes gegenüber den Herrschenden religiös zu untermauern. In diesem Sinne wurde er auch im Kontext der Samurai-Kultur rezipiert [3].

Die Entwicklung des Shintoismus zu einer Staatsreligion

Der Shintoismus war ursprünglich eine animistisch geprägte Religionsform, die zugleich eine spezifisch japanische Gründungsmythologie umfasste. Die Shintō-Religion zeichnet sich folglich durch eine polytheistische Ausrichtung aus: Sie kennt eine Vielzahl von Gottheiten („Kami“), die jeweils in eigenen Shintō-Schreinen verehrt werden. Dabei kann es sich um Naturgottheiten handeln, aber auch um Götter in Menschengestalt [4].

Als höchstes Wesen wird im Shintoismus die Sonnengottheit, Amaterasu, verehrt. Da der japanische Kaiser, der Tennō, als Abkömmling dieser Gottheit angesehen wird, ist er in der Shintō-Religion nicht nur das natürliche geistige Oberhaupt. Er gilt zugleich auch als Gott-Kaiser.

Darüber hinaus ist so im Shintoismus der Keim zur Staatsreligion angelegt. Dies machte sich verstärkt in der so genannten Meiji-Restauration bemerkbar, als nach 1868 unter dem Kaiser Mutsuhito die Herrschaft des Shōgunats gebrochen und der Kaiser wieder zur mächtigsten Instanz des Landes gemacht wurde. Gemäß seiner propagandistischen Herrschaftsdevise „Meiji“ („aufgeklärte Herrschaft“) ist Mutsuhito als „Meiji-Tennō“ in die Geschichte eingegangen [5].

Um die Macht des Tennō geistig zu untermauern, wurde seinerzeit der Shintoismus eng mit einer Verehrung des Kaisers verknüpft, also praktisch zu einer Staatsreligion umgewidmet. Dadurch kam es insbesondere zu einer Abwertung des Buddhismus, der lange Zeit synkretistisch mit dem Shintō-Glauben verbunden worden war.

Die Sakralisierung der Macht

Bereits im 18. Jahrhundert hatte es Tendenzen gegeben, den japanischen Glauben von „Fremdeinflüssen“ zu reinigen. Dabei hatten sich insbesondere Anhänger des Konfuzianismus hervorgetan. Hierauf konnte die patriotische Einfärbung des Shintoismus Ende des 19. Jahrhunderts aufbauen [6].

Somit verband sich hier die konformistische Auslegung des Konfuzianismus mit der nationalistischen Interpretation des Shintoismus. Dies wirkte sich im Sinne eines verstärkten Appells an Gehorsamspflicht und Unterordnung unter staatliche Autoritäten aus.

Indem fortan jeder Gang zu einem Shintō-Schrein als Verbeugung vor dem Gott-Kaiser galt, wurde die Macht des Tennō und damit letztlich allgemein die staatliche Autorität mit einer Aura göttlicher Entrücktheit und damit Unhinterfragbarkeit umkränzt. Dies erwies sich insbesondere im Zuge des aufkommenden Militarismus im 20. Jahrhundert als fatal.

Nachwirkungen dieser Vereinnahmung des Shintō-Kultes für die Sakralisierung staatlicher Macht sind bis heute zu beobachten. An erster Stelle ist hier der Yasukuni-Schrein zu nennen, an dem neben den Opfern des Krieges auch einiger maßgeblicher Täter – insbesondere der nach dem Zweiten Weltkrieg als Kriegsverbrecher verurteilten japanischen Militärangehörigen – gedacht wird [7].

Nachweise

[1]    Zu Kultur und Geschichte der Samurai gibt es einen Überblick auf dem JapanweltBlog von Gunar Fenner: Samurai – Japans legendäre Krieger aus vergangenen Zeiten; 8. Juli 2025.

[2]    Für einen ersten Überblick über die zentralen Elemente des Bushidō-Kodex vgl. ebd. Im Westen ist der Kodex bekannt geworden durch das 1899 erschienene Buch Bushido – The Soul of Japan von Inazo Nitobe, das im Netz auf verschiedenen Portalen abrufbar ist.

[3]    Zur Konfuzianismus-Rezeption vgl. Elberfeld, Rolf: Japanische Philosophie in deutscher Sprache (PDF). In: Heisig, James W. (Hg.): Japanese Philosophy Abroad, S. 155 – 171. Nagoy 2004: Nanzan Institute for Religion and Culture. Ein Überblick über Studien zum Einfluss des Konfuzianismus auf die japanische Kultur und Geschichte findet sich in der Sammlung philosophiegeschichtlicher Literatur der Universität Hildesheim.

[4]    Vgl. Singleton, Chase: Die Ursprünge des Shintoismus. Eine umfassende Erforschung der prähistorischen Wurzeln, der mythischen Ursprünge und der Entwicklung von Japans einheimischer Religion von der Antike bis zur Gegenwart. Kindle Ebook, 2023.

Für eine kurze Einführung in den Shintoismus vgl. Fenner, Gunar: Shintō-Schrein: Wie funktioniert die japanische Religion? JapanweltBlog, 16. April 2021.

[5]    Vgl. Krebs, Gerhard: Das moderne Japan 1868 – 1952. Von der Meiji-Restauration bis zum Friedensvertrag von San Francisco. München 2009: Oldenbourg.

[6]    Vgl. hierzu den Eintrag im Online-Lexikon der Universität Wien: Neo-Konfuzianismus und konfuzianischer Shintō.

[7]    Zu dem umstrittenen Yasukuni-Schrein gibt es einen Hintergrundartikel mit Bildergalerie auf deutschewelle.com: Seelenregister mit Kriegsverbrechern; 29. Dezember 2016.

Bild: Katorisi: Männer bei der Verbeugung vor einem Shintō-Schrein, 26. November 2007 (Wikimedia commons)

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