Zu dem Song Africa des malischen Singer-Songwriters Habib Koité
In seinem Song Africa fordert der malische Singer-Songwriter Habib Koité seine Landsleute auf, sich lieber auf die eigenen kulturellen und materiellen Ressourcen zu besinnen, anstatt sich von westlicher Hilfe abhängig zu machen.
Afrika
Die Söhne Afrikas wollten spazieren gehen.
Weit, weit sind sie gegangen,
bis an die Grenzen des Kontinents,
wo sie gelernt haben,
wie die Dinge anderswo laufen.
Wir selbst haben früher immer
alle Welt bei uns aufgenommen
mit unserem angeborenen Sinn für Gastfreundschaft,
unserer natürlichen Würde und Noblesse.
Als wir nun aber auf unserem Spaziergang
die Schwelle zur Welt der anderen überschreiten wollten,
hat man uns an der Grenze
in Ceuta [an der Meerenge von Gibraltar] gesagt:
"Sorry, aber euer angeborener Sinn für Gastfreundschaft
existiert bei uns nicht!"
Also sind die Söhne Afrikas heimgekehrt,
getreu dem Sprichwort:
"Besser eine unansehnliche Frau als ein leeres Zimmer!"
Zwar hatten sie von den kostbaren Hilfeleistungen
von denen jenseits der Grenze gehört.
Aber nun hatten sie erst mal genug
von den leeren Versprechungen.
// Hilfe … Hilfe … Schluss mit der Hilfe für Afrika! //
Afrika: zur Armut verdammt!
Afrika: zur Korruption verdammt!
Afrika: ein Sumpf aus korrupten Eliten!
Afrika: Kriege und Völkermorde!
Die Vereinten Nationen haben entschieden:
Die Armut soll bekämpft werden.
Die Aids-Epidemie soll bekämpft werden.
Die Kindersterblichkeit soll bekämpft werden.
Mama Afrikas eigener Reichtum soll bekämpft werden.
// Hilfe … Hilfe … Schluss mit der Hilfe für Afrika! //
Die Utopie der Gerechtigkeit …
Hilfe … Schluss mit der Hilfe für Afrika!
Solidarität …
Hilfe … Schluss mit der Hilfe für Afrika!
Die Illusion ist trügerisch, aber Träumen ist erlaubt!
Schluss mit der Hilfe für Afrika!
Afrika wird seinen Weg schon irgendwie gehen.
Schluss mit der Hilfe für Afrika!
Mein Stolz als Afrikaner heißt: Mambo!
Schluss mit der Hilfe für Afrika!
Wir sitzen alle im gleichen Boot!
Schluss mit der Hilfe für Afrika!
Afrika wird seinen Weg schon irgendwie gehen …
Habib Koité mit der Band Bamada: Africa (bis zum Refrain auf Bambara gesungen, danach auf Französisch) aus: Afriki (2007; vollständiges Album auf Bandcamp abrufbar)
Unplugged-Fassung mit Vusi Mahlasela:
Albumfassung:
Westliche Mildtätigkeit? – Nein, danke!
Immer wieder – besonders oft in der Weihnachtszeit – fordern diverse Hilfsorganisationen uns dazu auf, für die Armen dieser Welt zu spenden. Besonders oft sind dabei Menschen in Afrika Objekte der weihnachtlichen Barmherzigkeitsaufwallungen.
Die Frage ist nur: Wollen sie in Afrika unsere Barmherzigkeit überhaupt haben? Wollen sie ein Objekt unserer Mildtätigkeit sein, ein Spiegel für das gottgefällige Europa?
In dem Song Africa von Habib Koité und seiner Band Bamada, der die Probleme des Kontinents aus einer Innenperspektive thematisiert, lautet die Antwort ganz eindeutig: Nein!
Bekenntnis zu den eigenen Wurzeln
Das Lied von Koité – einem 1958 im Senegal geborenen Künstler, der im malischen Bamako lebt – würde, von einem Europäer gesungen, ohne Zweifel als rassistisch gebrandmarkt werden. Denn die mantraartig wiederholte Kernaussage lautet: „Assez aidé Africa!“ („Afrika ist genug geholfen worden.“) Auch das Bekenntnis zu einer „fierté nègre“, einem „schwarzen Stolz“, der sich im „Mambo“ – einem in Kuba entstandenen Musik- und Tanzstil mit afrikanischen Wurzeln – manifestiere, klingt in europäischen Ohren nach einem abwertenden Stereotyp.
Von einem Afrikaner geäußert, erhalten die Worte allerdings eine andere Akzentuierung. Das Bekenntnis zum Ungezwungenheit und Lebensfreude ausstrahlenden Mambo erscheint dann als Appell, sich der eigenen kulturellen Wurzeln bewusst zu bleiben und sich beim Auf- und Umbau afrikanischer Gesellschaften daran zu orientieren. Dieser Appell ergibt sich in dem Lied unmittelbar aus der Absage an die europäische Kultur und ihre Fremdenfeindlichkeit, die der eigenen „angeborenen“ Gastfreundlichkeit gegenübergestellt wird.
Die hohen Kosten westlicher Hilfen
Vor diesem Hintergrund wird auch die Hilfe der Europäer und der übrigen Welt für den afrikanischen Kontinent problematisiert. Zwar würden dadurch, wie der Text einräumt, Armut, Kindersterblichkeit und Epidemien bekämpft. Bezahlt werden müsse dies jedoch, so die Kritik in dem Song, damit, dass „Mama Afrika“ alles aufzugeben habe, was sie aus sich selbst heraus hervorbringe. Dies lässt sich sowohl auf die autochthonen Kulturen beziehen als auch auf die Rohstoffe, deren Ausbeutung de facto die unhinterfragte Gegenleistung für die Hilfeleistungen darstellt.
Angesichts der bevormundenden Art der Unterstützung plädiert das Lied dafür, auf diese Art der Hilfe zu verzichten. Koité verschweigt nicht, dass viele afrikanische Probleme hausgemacht sind: Die im „Treibsand“ ihrer Habgier versinkenden afrikanischen Regierungen, die Kriege und die Völkermorde zeigen, dass die Utopie eines solidarischen, sozial gerechten Afrikas einstweilen nichts weiter ist als eine „trügerische Illusion“.
Bei den sich daraus ergebenden humanitären Katastrophen ist westliche Hilfe natürlich nicht nur erwünscht, sondern dringend notwendig. Hier besteht der Skandal denn auch nicht in einer falsch verstandenen oder schlecht organisierten Hilfe, sondern darin, dass den Hilfsorganisationen von der Weltgemeinschaft zu geringe finanzielle Mittel zugesagt und diese zudem oft nicht rechtzeitig oder gar nicht ausgezahlt werden.
Diese Form der Nothilfe stellt Koité auch keineswegs in Frage. Mit seinem Song wendet er sich lediglich gegen eine Form des westlichen Umgangs mit afrikanischen Ländern, die deren Möglichkeiten, sich selbst zu helfen, beschneidet. Denn die Gewalt, der Hunger und die sozialen Verwerfungen, unter denen die Länder des Kontinents leiden, sind ja ebenfalls eng mit ihren Beziehungen zum wohlhabenderen Teil der Welt verbunden.
Die Kriege werden genährt von den Waffenschmieden der Industrienationen, die Bereicherung der korrupten Eliten wäre undenkbar ohne die Geschäftspartner im Westen, die sich auf die einträglichen Geschäftsbeziehungen mit ihnen einlassen. Und das soziale Elend beruht zumindest teilweise auch darauf, dass die Exporte nach Afrika den Aufbau einer unabhängigen afrikanischen Industrie – und eines damit verbundenen Arbeitsmarkts – behindern.
Über Habib Koité

Habib Koité wurde 1958 im Senegal geboren. Da sein Vater die Eisenbahnstrecke Dakar-Bamako mitbetreute, zog die Familie ein Jahr nach Koités Geburt nach Mali um. Dort wuchs er als eines von 18 Kindern in einer afrikanischen Großfamilie auf.
Unter Koités Vorfahren finden sich zahlreiche Griots – afrikanische Barden, die auf Festen und Marktplätzen für den Gesang und die damit einhergehende Tradierung der Geschichte der jeweiligen Völker zuständig sind. In Koités Familie wurde diese Tradition von seiner Mutter fortgeführt, die Koité schon früh auf der Gitarre begleitete. Sein besonderes musikalisches Talent veranlasste die Familie, ihn an der Kunsthochschule in Bamako Musik studieren zu lassen.
Zusammen mit der 1988 gegründeten Band Bamada schlug Koité einen Weg als professioneller Musiker ein, der ihn bald auch über die Grenzen Malis hinaus bekannt machte. Koités Werke lassen sich keineswegs nur dem Ethno-Folk zurechnen. Vielfach handelt es sich eher um Singer-Songwriter-Stücke mit ethno-musikalischen Elementen. Für diese greift Koité auch immer wieder auf nicht-afrikanische Musikrichtungen zurück.
Teilweise hat Koité sich allerdings auch ganz bewusst den musikalischen Traditionen seiner malischen Heimat zugewandt und diese in seinen Werken wiederaufleben lassen. Dabei hat er sich auch darum bemüht, mit seiner Musik Brücken zwischen den verschiedenen Volksgruppen in Mali zu schlagen.
In besonderem Maße gilt dies für Desert Blues,ein gemeinsames Projekt mit einer Musikgruppe der Tuareg, einem im Norden Malis lebenden Nomadenvolk, das in der Vergangenheit immer wieder in blutige Auseinandersetzungen mit anderen Volksgruppen verwickelt war. Den französischen Filmemacher Michel Jaffrenou hat das Projekt 2006 zu dem Film Jusqu’à Tombouctou („Bis nach Timbuktu“) inspiriert.
Kolonialismus heute. Zur Kontinuität kolonialer Strukturen.
Bilder: Rapheal Nathaniel (Nigeria): Kinder auf der Straße; Rs-foto: Habib Koité bei einem Auftritt anlässlich des Nürnberger“Bardentreffens“ (Wikimedia commons)