Klavdia Petrivna: Imperatori
Die ukrainische Sängerin Klavdia Petrivna hat ihre Lieder zunächst anonym veröffentlicht, ihr Inkognito aber mittlerweile gelüftet. In ihrem Song Imperatori legt sie den lebensfeindlichen Kern des Eroberungsdenkens bloß.
Imperatoren
Alles verändert sich um mich her.
Seltsame Strahlungen und Schwingungen
gehen von den Menschen aus.
Alle drängen mich in eine Richtung.
Ich lebe zwischen Anarchisten,
sie drängen mich zu einer Antwort,
sie drohen und sie provozieren,
sie halten sich für Imperatoren.
// Vieles haben sie verloren,
die Imperatoren.
Mit der Zeit hat sie das Glück verlassen
und sie waren verloren,
die Imperatoren. //
So ist das im Leben, ihr Imperatoren:
Man muss sich entscheiden!
Wollt ihr als Stein den Flusslauf hemmen
oder als Sonne darauf glitzern,
dem Weg des Flusses folgend?
Wollt ihr Hoffnung geben oder nehmen?
Sie aber kämpfen, ohne die Freiheit zu kennen.
Sie sehen die Welt durch die Gitterstäbe
ihres Imperatorenkäfigs und spüren es nicht:
Sie sind von Anfang an verloren,
die Imperatoren.
Клавдія Петрівна (Klavdia Petrivna): Імператори (Imperatori)
Song (veröffentlicht am 13. Oktober 2023; auch enthalten auf dem im Dezember 2023 herausgebrachten Album Klavdia Petrivna – Всі Пісні / збірка пісень: Alle Songs / Songsammlung
Geburt eines musikalischen Gespenstes
Anfang Juli 2023 erschienen auf TikTok Demoversionen von Songs, die sogleich großen Anklang fanden. Einen Monat später veröffentlichte eine gewisse „Klavdia Petrivna“ auf ihrem Telegram-Kanal ein sieben Songs umfassendes Mini-Album. Auch dieses erfreute sich auf Anhieb großer Beliebtheit.
Das Problem bei der Sache: Wer „Klavdia Petrivna“ war, blieb ungewiss. Der Name war der Protagonistin des 1917 veröffentlichten Romans Aufzeichnungen des schiefnäsigen Mephistopheles von Wolodymyr Wynnytschenko entlehnt.
Angesichts des großen Zuspruchs, dessen sich die Songs erfreuten, gab es zahlreiche Spekulationen darüber, wer oder was sich hinter „Klavdia Petrivna“ verbirgt. Die Theorien reichten von einer schüchternen jungen Sängerin über eine bekannte Größe des Showbusiness, die mit den Songs anonym etwas Neues ausprobieren wollte, bis hin zu der Vermutung, hinter Musik und Stimme verberge sich ein mit künstlicher Intelligenz initiiertes Projekt.
Ein Gespenst tritt an die Öffentlichkeit
Eine ironische Reaktion auf die Suche nach der Identität der Künstlerin war der Song Znaidy mene (Finde mich!), mit dem „Klavdia Petrivna“ Anfang 2024 an die Spitze der ukrainischen Charts stürmte. Als ihr im Februar 2024 ein renommierter Musikpreis verliehen werden sollte, wurde dieser von der populären Sängerin Маша Кондратенко (Mascha Kondratenko) entgegengenommen. Spekulationen, dass sie sich hinter dem Musikgespenst verberge, bestätigten sich jedoch nicht.
Stattdessen gab die Künstlerin im Sommer schließlich ihr Inkognito auf. Nun ist bekannt, dass es sich bei ihr um die 2005 im Lemberger Gebiet geborene Соломія Опришко (Solomija Opryschko) handelt. Sie hat ein Konservatorium absolviert und als Violinistin sowohl in Kammer- als auch in Symphonieorchestern mitgewirkt. Das Interesse an ihrem ersten öffentlichen Auftritt war so groß, dass dieser in den Kiewer Sportpalast verlegt werden musste.
Gründe für den Erfolg des Musikprojekts
Der Erfolg der Sängerin beruht zunächst wohl auf der mitreißenden Musik, die Ethno-Pop mit elektronischen Sound-Elementen mixt. Daneben fühlen sich viele in der Ukraine aber wohl auch von den Texten der Sängerin angesprochen.
Die Songs behandeln teilweise alltägliche Themen und machen natürlich auch nicht vor der Liebe Halt. Es gibt aber auch Texte, die sich auf die aktuelle Situation der Ukraine beziehen lassen. Hierzu zählt auch der Song Імператори (Imperatori / Imperatoren).
Das Liedblickt aus der Vogelperspektive auf das Treiben jener machtgierigen und eroberungssüchtigen Potentaten, unter denen die Ukraine aktuell so sehr zu leiden hat. Es erinnert an die vielen gestürzten Herrscher und zerfallenen Riesenreiche der Vergangenheit und fragt vor diesem Hintergrund, welchen Sinn all das Provozieren und Bedrohen anderer, das Streben nach Macht über andere und nach der Eroberung ihrer Territorien hat.
Wäre es nicht sinnvoller, das Leben unterstützend zu begleiten, anstatt seine Entfaltung durch diktatorische Gesetze zu hemmen? Was nützen all die Eroberungen, wenn sie mit der Preisgabe der Freiheit bezahlt werden müssen? Ist ein Imperator, der den Wert der Freiheit nicht kennt oder achtet, überhaupt ein Eroberer? Verliert er nicht mit jedem Stück Land, das er gewinnt, ein Stück mehr von dem, was das Leben ausmacht?
Eine Zusammenfassung der Spekulationen über die Identität von Klavdia Petrivna findet sich auf RBK Ukraina: Іванна Пашкевич: Хто насправді Клавдія Петрівна і чому її всі люблять: біографія, вік, пісні і цікаві факти (Iwanna Paschketitsch: Wer Klavdia Petrivna ist und warum alle sie lieben: Biographie, Alter, Lieder und interessante Fakten); rbc.ua, 29. April 2024.
Bild: Thanasis Papazacharias: Statue bei Sonnenuntergang (Pixabay)