Wenn andere die Zeche für dein Versagen bezahlen müssen
Fortuna Düsseldorf ist in der vergangenen Saison in die 3. Liga abgestiegen. Die Konsequenzen dafür mussten aber nicht die betreffenden Spieler tragen, sondern die Angestellten des Vereins, die in Massen entlassen wurden. Was sagt das über unser Bild des Fußballs aus?
„Fortuna Düsseldorf“ – Label und lebendiger Organismus
Die Ratten verlassen das sinkende Fußballschiff
Das teuerste nicht geschossene Tor der Geschichte
Wie der sportliche Abstieg der einen zu sozialem Abstieg anderer führt
Hoppenheim, Volkswagenburg und Bayerkusen
Reformvorschläge 1: die sportliche Ebene
Reformvorschläge 2: die soziale Ebene
„Fortuna Düsseldorf“ – Label und lebendiger Organismus
Wer Fortuna Düsseldorf ist? Die Frage scheint zunächst leicht zu beantworten zu sein. Laut Wikipedia handelt es sich dabei um einen Verein aus der nordrhein-westfälischen Hauptstadt, der hauptsächlich für seine Fußballabteilung bekannt ist, jedoch auch in Handball, Triathlon und Laufsport aktiv ist. Der 1895 gegründete Verein blickt auf eine lange Geschichte zurück und war auch bereits einmal (1933) Deutscher Meister im Fußball und zweimal (1979 und 1980) DFB-Pokalsieger [1].
Das Problem bei dieser Antwort: Sie ist sehr abstrakt. Sie spricht von dem Verein, als würde es sich dabei um ein eigenes Wesen handeln, das vor 131 Jahren geboren wurde und seitdem durch die Sportgeschichte wandert. Wir alle wissen aber: Ein solches „Fortuna Düsseldorf“ gibt es nicht. Leben erhält das Konstrukt vielmehr nur durch die Vereinsmitglieder und die Aktiven, die unter seinem Label Sport treiben.
Auf der Ebene der Mitglieder ergibt sich dabei eine gewisse Kontinuität, aus der sich auch eine bestimmte Vereinskultur ableiten lässt. Ähnliches gilt für den Jugend- und Amateurbereich sowie für die weniger profitträchtigen Abteilungen des Vereins.
Im Profifußball steht das die Kontinuität und Identität signalisierende abstrakte Label des Vereinsnamens jedoch im Widerspruch zu der starken Fluktuation im Bereich der Spieler. „Fortuna Düsseldorf“ ist hier faktisch lediglich die Sammelbezeichnung für den vom Management zusammengestellten Kader. Die einzelnen Spieler haben dabei in der Regel keine engere Bindung an den Verein oder zu der Region, in der er beheimatet ist.
Die Ratten verlassen das sinkende Fußballschiff
Nun ist das Phänomen der Söldnerspieler, die jeweils beim Meistbietenden anheuern, natürlich nicht auf Fortuna Düsseldorf beschränkt. Es ist hier aber besonders augenfällig.
Von den 38 Spielern, die in der Saison 2025/26 in der Männermannschaft der Fußballprofis unter Vertrag standen [2], finden sich im Kader für die neue Saison nur noch ganze fünf Aufrechte wieder [3]. Der Rest hat sich in alle Fußballwinde verstreut.
Man könnte auch sagen: Die Ratten haben das sinkende Fußballschiff verlassen. Denn der Grund für das fast vollständige Auseinanderbrechen der Mannschaft war der Abstieg des Vereins aus der 2. Liga.
In jedem Einzelfall lassen sich die Gründe für den Vereinswechsel natürlich nicht rekonstruieren. Bei manchen Spielern wird wohl – wie aktuell offenbar auch bei der Berliner Hertha – der Verein ein Interesse an dem Fortgang der Spieler gehabt haben, weil sich mit den Transfererlösen Geld in die klammen Kassen spülen ließ.
Das Grundproblem bei dem Umbruch in Düsseldorf ist jedoch die Tatsache, dass sich gerade bei Leistungsträgern oft gar keine Transfererlöse erzielen ließen. Denn weil niemand mit dem Abstieg gerechnet hatte, waren auch die meisten Verträge nicht darauf ausgerichtet.
Das teuerste nicht geschossene Tor der Geschichte
Die eher auf Auf- als auf Abstieg ausgerichtete Erwartungshaltung kann man dem Verein auch kaum vorwerfen. Das Stadion, in dem die Mannschaft ihre Heimspiele austrägt, bietet Platz für über 50.000 Fans und zählt damit zu den Top Ten in Deutschland. Auch mit seinen 36.000 Mitgliedern weist der Verein ein erstligareifes Potenzial auf.
In der Tat wäre die Fortuna 2024 auch um ein Haar wieder in der Bundesliga gelandet: Auf einen 3:0-Auswärtssieg in der Relegation beim VFL Bochum folgte im Rückspiel ein 0:3 und das Scheitern im Elfmeterschießen. Die Glücksgöttin Fortuna hatte der Verein hier definitiv nicht auf seiner Seite. Und das sollte auch so bleiben. Ähnlich unglücklich kam nämlich der Abstieg in die 3. Liga zustande: Ein einziges Tor hätte gereicht, um sich wenigstens in die Relegation zu retten, ein weiteres Tor hätte sogar für den rettenden 15. Platz gereicht.
Es war womöglich das teuerste nicht geschossene Tor in der Geschichte des deutschen Fußballs. Statt 17 Millionen Euro – wie in der 2. Liga – gibt es auf einmal nur noch 1,2 Millionen an Fernsehgeldern [4]. Und auch wenn die leidgeprüften Fortuna-Fans dem Verein mit 19.000 Abos für die Heimspiele in der neuen Saison ein finanziell wirksames Treuebekenntnis ausgesprochen haben, werden die weniger attraktiven Gegner in der 3. Liga wohl auch bei den Zuschauerzahlen zu Einbußen führen.
Wie der sportliche Abstieg der einen zu sozialem Abstieg anderer führt
Die logische Konsequenz hieraus müsste lauten: Die Spieler haben’s verbockt, also bekommen sie jetzt weniger Geld. Wer wieder mehr Kohle mit seinem Gekicke erwirtschaften möchte, muss sich eben ganz anders ins Zeug legen als in der Abstiegssaison.
Aber – siehe oben – diese Logik gilt im Fußball nun einmal als „naiv“. Die Spieler, die mit ihrem mangelnden Engagement dem Verein die Misere eingebrockt haben, gehen anderswo vor Anker, der Verein muss eine völlig neue Mannschaft zusammenstellen. Von dem, was wir in der vergangenen Saison als „Fortuna Düsseldorf“ wahrgenommen haben, bleibt nur eine leere Hülle übrig. Das Innenleben sieht ab sofort ganz anders aus.
Dabei bewegen wir uns allerdings nur auf der Ebene der Spieler, die sowohl bei Erfolg als auch bei Misserfolg in der jetzt angelaufenen Saison im nächsten Jahr vielleicht wieder ganz andere sein werden. Und genau dies offenbart die ganze Tragik des Abstiegs der Fortuna. Denn eben das, was den Verein eigentlich ausmacht, was ihm Kontinuität und Identität verleiht, ist dadurch teilweise zum Einsturz gebracht worden.
Den sportlichen Abstieg der Spieler mussten nämlich andere mit sozialem Abstieg bezahlen: 60 Verträge hat der Verein im Geschäftsstellen- und Marketingbereich nach dem Abstieg durch die verringerten Einnahmen auflösen müssen. 60 Menschen, die sich für den Verein engagiert haben, haben ihre Jobs verloren, weil andere versagt haben.
Hoppenheim, Volkswagenburg und Bayerkusen
Deutlich wird so auch, wie das Reden in Abstrakta ganz konkrete soziale Ungerechtigkeiten überdeckt. Im alltäglichen Spielbetrieb stehen die Vereinsnamen für die Spieler, die gerade für den Verein aktiv sind. Dies drängt die Tatsache in den Hintergrund, dass der Verein langfristig eher von der Verkäuferin im Fanshop getragen wird oder von dem Mitarbeiter in der Scouting-Abteilung, der die betreffenden Spieler überhaupt erst für den Verein entdeckt.
Die Konsequenz aus dieser Erkenntnis lautet: Die Managerspiele, bei denen man sich eine Mannschaft zusammenstellen und je nach Erfolg der ausgewählten Spieler Punkte sammeln kann, sind im Grunde ein exaktes Abbild der Realität. Statt mit Vereinsnamen sollten wir die Kader im Grunde nach dem jeweiligen Manager benennen, der die Mannschaft zusammengestellt hat. Denn nicht der Verein, sondern das Management ist es eben, durch welches das Gesicht des Teams geprägt wird.
Die Möglichkeiten des Managements wiederum hängen eng von den Finanztöpfen ab, mit denen es jonglieren kann. Zwar gibt es immer wieder Ausnahmen wie Elversberg oder Heidenheim, wo durch langfristig angelegte Strukturen und geschicktes Scouting auch mit geringen Mitteln konkurrenzfähige Teams zusammengestellt werden. In der Regel gilt aber eben doch die Gleichung: Viel Zaster = viel Erfolg.
In einigen Fällen müsste das Team folglich noch nicht einmal den Namen des Managements tragen, sondern den des Investors, der Letzterem die nötigen Mittel zur Verfügung stellt. Daraus ergäben sich dann Bezeichnungen wie „Hoppenheim“, „Volkswagenburg“ oder „Bayerkusen“.
Reformvorschläge 1: die sportliche Ebene
Die missbräuchliche oder zumindest missverständliche Benutzung von Vereinsnamen erfordert so auf zwei Ebenen ein Umdenken. Die eine Ebene betrifft den sportlichen, die andere den sozialen Bereich.
Auf der sportlichen Ebene sollte man darüber nachdenken, wenigstens nicht den Mitteleinsatz an sich, sondern den geschickten Umgang mit den bereitgestellten Mitteln in den Vordergrund zu stellen. Voraussetzung dafür wäre freilich, dass alle Teams einer Liga über die gleichen Beträge für den Spielbetrieb verfügen.
Dafür könnte man etwa die Fernsehgelder nicht mehr abhängig vom Erfolg, sondern gleichmäßig an alle Teams verteilen und zudem einen Deckel für die einzusetzenden Mittel festlegen. Und insofern dabei ohnehin das Management eine größere Rolle spielt als der Verein, der dem Team den Namen gibt, könnte man auch auf eine bessere geographische Verteilung der zu einer Liga zugelassenen Mannschaften achten. So ließe sich endlich mit dem Skandal aufräumen, dass fast der gesamte Osten Fußball-Deutschlands bis heute als dritt- oder viertklassig abgetan wird und die Fans dort weniger Zugang zu der Beletage des Fußballs haben.
Reformvorschläge 2: die soziale Ebene
Auf der sozialen Ebene müssten dringend Maßnahmen ergriffen werden, die verhindern, dass Unbeteiligte die Zeche für das Versagen von Söldnerspielern oder schlecht wirtschaftendem Management zahlen müssen.
Das heute etablierte System, wonach die Teams unabhängig von dem Bezug der Spieler zu den jeweiligen Vereinen zusammengestellt werden, wird man dabei wohl kaum ändern können. Allerdings ließe sich bei den teils recht üppigen Gehältern der Spieler sehr wohl eine prozentuale Abgabe einführen, die im Notfall eine soziale Absicherung der Beschäftigten des Vereins sicherstellt.
Diese Abgabe könnte wie eine von den Spielern finanzierte Versicherung funktionieren, die einspringt, wenn der Verein die Gehälter der Angestellten nicht mehr bezahlen kann. Eventuell könnte man dies auch mit einem Bonus für die Spieler verknüpfen, der ausgezahlt wird, wenn der Versicherungsfall nicht eintritt.
Von außen betrachtet, erscheint ein solches System logisch und gerecht. Allerdings würde das auch in vielen anderen Bereichen der Wirtschaft gelten, wo ein Versagen des Managements ebenfalls mit Massenentlassungen kompensiert wird, während die Verantwortlichen nicht selten noch mit fetten Abfindungen verabschiedet werden. Leider ist der Fußball hier – wie in vielen anderen Fällen auch – eben mal wieder ein bloßer Spiegel der Gesellschaft.
Also wird die Antwort auf diesen Einwurf wohl lauten: „Träum weiter!“ Aber immerhin: Träumen ist erlaubt. Und wie sang schon John Lennon in seinem legendären Song Imagine? „You may say, I’m a dreamer – but I’m not the only one!“
Nachweise
[1] Wikipedia.org: Fortuna Düsseldorf
[2] Transfermarkt.de: Kader von Fortuna Düsseldorf für die Saison 2025/26.
[3] Kicker.de: Fortuna Düsseldorf: Kader 2026/27
[4] Sportschau.de: Fortuna Düsseldorf – wie wird aus einem Absteiger ein Aufsteiger? 4. August 2026.
Bild: Collage unter Verwendung von Sibya: Maus (Pixabay)
dieses zeigt sich ebenfalls in der real-politik. Nicht Personen lassen sich wählen, sondern Parteien die wiederum den ausgewählten“Karder“ repräsentieren.
Übrigens, sehr gut dargestellt! Erübrigt sich eigentlich die Frage, ob Spiele, wenn genügend Geld geboten wird, manipulativ sein können…🤔
In diesem Sinne allen einen schönen Tag ✌️
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