Roy de Roy: Heimatlandverraeter
Der Song Heimatlandverraeter der österreichisch-slowenischen Band Roy de Roy ist eine engagierte Kritik an einer Doppelmoral, bei der die Berufung auf eine christliche Leitkultur durch die Missachtung christlicher Werte im Alltag konterkariert wird.
Heimatlandverraeter
Ich habe dein ewiges Theater satt!
Dein Stolz gefällt mir nicht,
dein Fahnen schwingender
Kampf um jeden Küstenstreifen!
Ich habe deine Doppelmoral satt!
Mit der Heiligen Schrift heize ich den Ofen an,
und von deinen Predigten
verpasse ich gerne mal eine oder zwei!
Ich habe deinen Faschismus satt,
deine ewigen Ausnahmeregeln –
dieser ist willkommen und jener nicht:
Ich kann es nicht mehr hören!
Aber du bleibst immer blind,
machst dir ein schönes Leben
mit deiner Kurzsichtigkeit!
Denn wer nichts sieht und hört,
fühlt sich nicht schuldig.
Ich habe dein Heimatland verraten,
ich brauche niemanden, der mich verteidigt,
wenn es ohne Verstand geschieht.
Ich habe dein Heimatland verraten –
geh doch nach Hause, du Heimatlandanbeter!
Oj oj oj, der schwachsinnige Patriot
wird seinen Kampf verlieren!
Oj oj oj, er trägt seine Heimat im Herzen,
und auf seinem Dach häuft sich der Mist!
Roy de Roy: Heimatlandverraeter (Slowenisch) aus: Civil Riots, 2013 (Album bei Bandcamp abrufbar)
Live bei BalconyTV
Christliche Leitkultur, unchristliches Handeln
Das Lied Heimatlandverraeter der Band Roy de Roy setzt sich kritisch mit der Art und Weise auseinander, wie die christliche Leitkultur in der westlichen Welt und speziell in Österreich ausgelegt wird.
Ein christliches Weltbild müsste immer die zentralen Werte des Christentums – Barmherzigkeit und Nächstenliebe – an die erste Stelle setzen. Stattdessen impliziert die Orientierung an einer christlichen Leitkultur jedoch zumeist eine Ausgrenzung all jener, die nicht in dem engeren Umfeld dieser Leitkultur aufgewachsen sind. Dabei wird dieses Konzept oft von anderen, nationalistischen Narrativen überlagert.
Auf diese Weise aber führt sich die christliche Leitkultur selbst ad absurdum. Anstatt der Stärkung von Impulsen der Barmherzigkeit und der Nächstenliebe zu dienen, werden diese unterdrückt, um die Leitkultur „rein“ zu erhalten. So tritt an die Stelle der christlichen Leitkultur ein Zerrbild derselben, ein erstarrtes, sinnentleertes Monument, dem im Alltag eine Doppelmoral aus pseudo-christlichen Lippenbekenntnissen und real praktizierter Exklusion alles Andersartigen entspricht.
Absage an eine geistlose Heimat
Folgerichtig formuliert das Lied eine explizite Absage an ein solches Verständnis von Heimat. Wenn diese „ohne Verstand“ verteidigt wird und mit bewusster Blindheit gegenüber dem Leid anderer einhergeht, so ist es offenbar ein moralisches Gebot, diese Heimat zu „verraten“, also Widerstand gegen die ihr innewohnende Inhumanität zu leisten.
Der Videoclip zu dem Song illustriert dies durch eine musizierende Armee von Untoten. Darin könnte man zum einen eine ironische Identifikation mit den radikal Ausgegrenzten – und in diesem Sinne von der Mehrheitsgesellschaft zum sozialen Tod Verurteilten – sehen. Zum anderen ließe sich die Untoten-Band aber auch als Bild für die Leblosigkeit derer deuten, die sich mit ihrem Festhalten an einem erstarrten Klischeebild einer christlichen Leitkultur selbst zum geistigen Tod verurteilen.
Roy de Roy: eine österreichische Band mit slowenischen Wurzeln

Die Band Roy de Roy ist fraglos eine Ausnahmeerscheinung in der österreichischen Musikszene. Es handelt sich bei ihr zwar um eine Wiener Band, gesungen wird aber fast ausschließlich auf Slowenisch. Das liegt daran, dass die beiden Gründer – Nikolaj Efendi und Matej Ček – der slowenischen Minderheit angehören, die in Österreich vor allem in Kärnten und zum Teil auch in der Steiermark zu Hause ist.
Dass die Band trotz der gleichzeitigen Beheimatung in der deutsch-österreichischen Sprache ihre Lieder auf Slowenisch vorträgt, ist in Österreich – wie die Bandgründer anmerken – allein schon „ein politisches Bekenntnis“. Dies beruht insbesondere auf der Art und Weise, wie in der Vergangenheit mit der slowenischen Minderheit in Österreich umgegangen worden ist.
Die slowenische Minderheit in Österreich
Während die slowenische Volksgruppe im einstigen Vielvölkerstaat Österreich noch ein selbstverständlicher Teil der K.u.k.-Monarchie war, sah sie sich seit deren Zerfall im Jahr 1918 zunehmend Verfolgungen ausgesetzt. Nachdem der slowenischen Minderheit zunächst in der „Windischentheorie“ die eigene sprachlich-kulturelle Identität abgesprochen worden war, wurde sie unter dem Nationalsozialismus gezielt in Konzentrationslager deportiert.
Noch in den 1970er Jahren wurde in Kärnten eigens eine Wahlkreisreform beschlossen, um einen Einzug von Vertretern der slowenischen Minderheit ins Parlament zu verhindern. Im so genannten „Ortstafelstreit“ wehrte sich die Mehrheitsbevölkerung lange dagegen, dass Ortsschilder in Regionen mit slowenischem Bevölkerungsanteil auch den slowenischen Ortsnamen anzeigten.
Treibende Kraft war dabei die FPÖ, die in Kärnten jahrelang die Regierungsgeschäfte bestimmte. Erst 2011 wurde den Slowenen in einem kleinkrämerischen Kompromiss zugestanden, dass Ortsschilder dann die slowenische Ortsbezeichnung mit anzeigen dürfen, wenn mindestens 17,5 Prozent der Einwohner der slowenischen Minderheit angehören.
Slowenische Absetzbewegungen von der österreichischen Mehrheitskultur
Dass in diesem nationalistischen Umfeld viele Angehörige der slowenischen Minderheit das Weite gesucht haben und in die weltoffeneren Städte oder gleich ganz nach Slowenien ausgewandert sind, ist leicht nachvollziehbar. So ist der Anteil der slowenischen Minderheit in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gesunken.
Stellten die Slowenen Ende des 19. Jahrhunderts noch ein Viertel der Bevölkerung Kärntens, so war ihr Anteil bis zum Ende des 20. Jahrhunderts auf etwas über zwei Prozent gesunken. In einzelnen Gemeinden sind sie allerdings auch stärker vertreten.
Als Konsequenz aus dieser jahrzehntelangen Diskriminierung der eigenen Volksgruppe spricht sich die Band Roy de Roy für sprachliche und regionale Vielfalt, gleichzeitig aber gegen Nationalstaatsgrenzen aus. Ihr Ideal ist ein Anarchismus, der sich an der Utopie der Herrschaftsfreiheit orientiert, dabei aber humanen Regeln für den zwischenmenschlichen Umgang folgt und demzufolge keineswegs, wie es die Gegner anarchistischer Theorien oft unterstellen, mit Chaos zu assoziieren sei.
Ihre politischen Überzeugungen bringt die Band auch unzweideutig in ihren Songtexten zum Ausdruck. Mindestens ebenso deutlich transportiert sie ihre Ideale jedoch über ihre Musik, die Balkan-Folk-Klänge mit Polka-Punk-Elementen zu einem sehr „tanzbaren“, lebensfrohen Mix verknüpft. Es ist eine Musik, die einen unmittelbar spüren lässt, wie schön das Leben ohne den Rassismus und die schwülstigen Männergesangsvereine der Burschenschaftsfraktion sein könnte.
Aussagen der Bandmitglieder entnommen aus:
Gmeiner, Raffaela: Interview mit Nikolay Efendi, Sänger der Band Roy de Roy. Imblog.at, 26. April 2018.
Schöpfer, Lucia: Erfrischend politisch. Die Kärntner Slowenen Roy de Roy beim Konzert in Klagenfurt. In: lautstark. Zeitschrift der Österreichischen Hochschülerinnen- und Hochschülerschaft an der Universität Klagenfurt,S. 26 f.; 15. Januar 2014, Themenheft „über Revolutionen; mit Electro-Musik raus aus dem Alltag“.
Bilder / Images: Egon Kaše: Der slowenisch-österreichische Komponist Pavle Kernjak (1899 – 1979) mit seinen Enkelkindern, 1969 (Wikimedia commons). Als Angehöriger der slowenischen Volksgruppe in Kärnten hat Kernjak zur Wiederentdeckung der eigenen slowenischen Musiktraditionen und damit zur Stärkung der slowenischen Identität beigetragen. Robert Wetzlmayr: Die Band Roy de Roy bei einem Auftritt in Vöcklabruck / Oberösterreich, 2017 (Wikimedia commons)
Hintergrundmusik: Geoff Harvey: Balcan Accordion Music (Pixabay)
Da bin ich bei dir
LikeGefällt 1 Person