Kultureller Imperialismus

Zu deutschen Fernsehkrimis in der Verkleidung fremder Kulturen

Die unhinterfragte Aneignung von Elementen fremder Kulturen wird schon seit Längerem als „kulturelle Aneignung“ kritisiert. Dies hindert deutsche Fernsehanstalten allerdings nicht daran, fremde Kulturen als Kulisse für ihre Krimis zu missbrauchen.

Igitt-Index verfemter Ausdrucks- und Verhaltensweisen

Wahrlich, wir leben in politisch korrekten Zeiten! Wer gegen einen virtuellen Index verstößt, auf dem als diskriminierend empfundene Wörter und Handlungen aufgelistet sind, macht sich damit selbst zum sozialen Paria. Er braucht sich dann in gewissen Kreisen nicht mehr blicken zu lassen – was in bestimmten Settings auch mit dem Verlust von Beruf und sozialer Stellung einhergehen kann.

Einige Ausdrucks- und Verhaltensformen sind dabei in diesem Kodex des sozialkonformen Verhaltens stärker gewichtet als andere. Sie gelten gewissermaßen als Kapitalvergehen, als etwas, bei dem kein Pardon gewährt werden kann. Hierzu zählen an oberster Stelle Dinge wie „Blackfacing“ oder der Gebrauch von Wörtern aus der kolonialen Mottenkiste, wie etwa „Neger“.

Auch das Tragen von Dreadlocks kann jedoch – wenn die Frisur von Personen gewählt wird, die nicht aus einem karibischen oder afroamerikanischen Umfeld stammen – einen sozialen Skandal auslösen. Der Vorwurf lautet dann: kulturelle Aneignung! Der Gedanke dahinter: Die betreffenden Personen hätten sich gewissermaßen in das Terrain einer fremden Kultur hineingeschlichen und sich dort – wie die Archäologie in der Kolonialzeit – eines immateriellen Guts bemächtigt, dessen Benutzung ein Alleinstellungsmerkmal dieser Kultur sei.

Kulturelle Enteignung vs. kultureller Austausch

Die Übernahme von Elementen einer fremden Kultur ist nun allerdings keineswegs per se ein Akt der kulturellen Anmaßung oder gar Enteignung. Sie kann auch von Wertschätzung zeugen oder gar als Solidarität mit unterdrückten Völkern oder einer anderen Lebensweise gemeint sein. Nicht zuletzt kann sich hierin auch schlicht der lebendige Austausch zwischen verschiedenen Kulturen widerspiegeln, der eine entscheidende Antriebskraft aller kulturellen Entwicklung. Ist.

Es muss demnach jeweils nach dem Kontext gefragt werden, in dem eine Übernahme von Elementen einer anderen Kultur steht. So gesehen, wäre selbst das „Blackfacing“ nicht in jedem Fall verdammenswürdig. Wenn es etwa dazu dient, Personen in einem Rollenspiel dabei zu helfen, die Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe nachzuempfinden, kann es sogar der Eindämmung von Rassismus dienen.

Die pauschale Verurteilung bestimmter Formen des Agierens im interkulturellen Raum ist demnach zumindest fragwürdig. Dies gilt umso mehr, als diese Verurteilung selektiv erfolgt. Bestimmte Praktiken stehen auf dem Index, andere werden unhinterfragt hingenommen – obwohl sie de facto weit eher den Tatbestand der kulturellen Aneignung, wenn nicht sogar des kulturellen Imperialismus, erfüllen.

Fremde Kulturen als Würzmittel für deutsche Krimi-Monotonie

Besonders deutlich wird dieses Messen mit zweierlei Maß bei einem Blick auf die deutsche Fernsehkrimi-Landschaft. Hier gibt es seit einiger Zeit einen Trend zu einer Verlagerung der Handlungen ins Ausland.

Dabei ist allerdings nicht in erster Linie daran gedacht, Produktionen anderer Länder zu synchronisieren und dem deutschen Publikum zugänglich zu machen. Stattdessen werden mit überwiegend deutschem Personal vor Ort Filme gedreht, die lediglich den Eindruck erwecken, in und von einer fremden Kultur zu handeln.

Die Folge: Die fremden Länder und Kulturen dienen lediglich als Kulisse. Handlung, Denkmuster und Umgangsformen bleiben dagegen unverkennbar deutsch – egal, wie sehr die Filme sich bemühen, sich in das Gewand der fremden Kultur zu kleiden.

Indem nun aber deutsche Denk- und Verhaltensmuster auf eine andere Kultur übertragen werden, wird diese zwangsläufig in ihrem Eigenwert und Eigensinn negiert. Sie wird missbraucht, um dem eigenen monotonen Alltag einen Hauch exotischer Würze zu verleihen.

Berlino Brunetti: Deutsche Schauspielpolizei in Venedig

Die Probleme beginnen oft schon bei den Buchreihen, die nicht selten als Vorlage für die Fernsehfilme dienen. So hat etwa Donna Leon, die Schöpferin des venezianischen „Commissario Brunetti“, lange in Venedig gelebt. Vieles von dem, was sie in ihren Romanen beschreibt, hat somit eine Wurzeln in real erlebtem Geschehen. Dennoch ist den Romanen anzumerken, dass die Autorin eben keine Italienerin ist, sondern aus den USA stammt.

Dies mag mit ein Grund dafür sein, dass sie selbst sich gegen eine Übersetzung ihrer Romane ins Italienische ausgesprochen hat. Die Stereotypen und Klischees, die darin enthalten sind, wären so wohl allzu augenfällig geworden – erst recht für ein italienisches Publikum.

Nichtsdestotrotz bemühen sich die Romane um Differenzierung und eine authentische Beschreibung des Personals. Die Phantasie des Lesepublikums kann sich so immerhin einen echten italienischen Commissario erschaffen.

Dies gilt für die deutschen Verfilmungen der Romane allerdings nicht. Deutsche Schauspieltruppen vor einer venezianischen Kulisse vermitteln hier durchweg die Vorstellung einer nach Venedig verlegten Berliner Polizeibehörde. Es gibt noch nicht einmal die Bemühung, dialektale Färbungen der Aussprache zu unterdrücken – und so wenigstens auf der Ebene der Sprache den Eindruck des Ausflugs eines deutschen Schauspielensembles in die blaue Lagune zu konterkarieren.

Kulturell anmaßende Pseudonyme

Noch deutlicher wird dieser Kulturimperialismus dort, wo die deutschen Autoren der Buchvorlagen bereits mit ihren Pseudonymen den Anspruch erheben, für die fremde Kultur zu sprechen. Dies ist etwa bei den Bretagne-Krimis um den „Commissaire Dupin“ der Fall, deren Autor sich dafür den bretonisch (bezeichnenderweise aber auch nach „banal“) klingenden Namen „Jean-Luc Bannalec“ zugelegt hat.

Gleiches gilt für die im Diogenes-Verlag erscheinenden Capri-Krimis. Auch hier erweckt der Autorenname – „Luca Ventura“ – den Eindruck von Authentizität – obwohl es sich de facto um eine deutschsprachige Krimi-Reihe handelt.

Diese Rechnung geht allerdings nicht auf. Beim Lesen der Romane wird schnell deutlich, dass hier vor dem Hintergrund einer Urlaubskulisse die Befindlichkeiten einer saturierten deutschen Mittelschicht verhandelt werden.

Dies gilt insbesondere für die durchgehende Fokussierung auf Homosexualität und Fragen der Geschlechterpolarität, die jede Bemühung um regionale Authentizität zunichtemacht. Auch in diesem Fall dient also die fremde Kultur lediglich als Kulisse, vor deren Hintergrund die Probleme der eigenen Kultur beleuchtet werden.

Das Fremde: Spiegel oder Duplikat des Eigenen?

Grundsätzlich ist gegen literarische Ansätze, bei denen mehrere Kulturen aufeinandertreffen, nichts einzuwenden. Es kann sogar befruchtend sein, die engen Grenzen der eigenen Kultur zu überschreiten und sich selbst im Spiegel einer fremden Kultur zu betrachten. So gewinnt man Distanz zum eigenen Ich und zur eigenen Kultur und kann beides so aus einer neuen Perspektive betrachten. Dies war und ist das Fundament aller literarischen Reiseberichte.

Problematisch wird es jedoch, wenn so getan wird, als wäre die fremde Kultur ein Abbild der eigenen Kultur – wenn das Eigene also nicht vor dem Hintergrund des realen Fremden gespiegelt, sondern als Teil von diesem dargestellt bzw. auf es projiziert wird.  Dann legen sich die eigenen Denkmuster wie ein Vorhang über die fremde Kultur. Auf diese Weise wird die Eigenart des Fremden negiert und dieses damit seiner Würde beraubt.

Diese Form der Betrachtung des Fremden steht in der Tradition der exotistischen Romane der Kolonialzeit, in denen die autochthonen Kulturen in den kolonisierten Gebieten ebenfalls nicht in ihrem Eigenwert dargestellt wurden.  Stattdessen dienten sie wahlweise als abschreckendes Gegenbild zur zivilisierten Welt oder wurden zu einem von allen Irrwegen der Zivilisation unberührtes Paradies stilisiert.

Political correctness als Mittel sozialer Distinktion

Deutlich wird somit, dass bei dem Vorwurf der „kulturellen Aneignung“ sehr selektiv vorgegangen wird. Manches wird pauschal verurteilt, obwohl es auch differenzierter betrachtet werden könnte. Anderes wird auch dann nicht kritisch hinterfragt, wenn es offensichtlich kulturell übergriffig ist.

Dies bedeutet dann aber, dass der Code der political correctness nicht mit einer entsprechenden Empfindung für die Problematik des kulturellen Imperialismus verbunden ist. Es geht dabei also lediglich darum, vordergründig ein als sozial erwünscht geltendes Verhalten zu zeigen.

Im Mittelpunkt der entsprechenden Sprach- und Verhaltenskodizes steht damit weniger der Respekt vor anderen Kulturen oder Personengruppen als der Wunsch, die eigene Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe zu bezeugen und diese nach außen hin abzugrenzen. Indem man sich durch eine bestimmte Wortwahl und Handlungsweise auf den Thron moralischer Überlegenheit stellt, kann man auf all jene herabblicken, die den entsprechenden Kodex nicht befolgen.

Diese Form der sozialen Distinktion erreicht aber im Endeffekt das Gegenteil des Bezweckten:

  • Bei der Elite der political correctness führt die Fixierung auf die Ebene von Begriffen und Symbolen dazu, dass das Gefühl für die eigentliche Problematik dessen, was durch die political correctness verhindert werden soll, verloren geht.
  • Bei allen anderen kann der Überlegenheitsgestus jener Elite dazu führen, dass nicht nur die politisch korrekte Sprach- und Handlungsweise abgelehnt wird, sondern auch der Respekt vor dem Andersartigen, dem sie der Idee nach dienen soll.

Bild: Deutscher Krimi in Venedig (KI)

3 Kommentare

  1. Lieber rotherbaron,

    Ihr Beitrag benennt ein reales Problem: Kultur kann zur exotischen Kulisse werden, insbesondere unter kolonialen Machtverhältnissen\. Edward Saids *Orientalism* zeigt, wie westliche Wissens\- und Repräsentationsordnungen den „Orient“ stereotypisieren und in ein Verhältnis von Über\- und Unterordnung einordnen\. Dieser Ansatz ist für die Analyse von Literatur, Film und Fernsehen relevant, muss jedoch am jeweiligen Material belegt werden und lässt sich nicht pauschal auf sämtliche Kulturen und Medien übertragen\.

    Nicht jede kulturelle Übernahme ist daher kulturelle Enteignung, und nicht jede kulturelle Darstellung stellt kulturellen Imperialismus dar\.

    Homi K\. Bhabhas Konzept der **kulturellen Hybridität** beschreibt Identität als Ergebnis von Übersetzung, Differenz und Aushandlung\. Der „Third Space“ bezeichnet einen Zwischenraum, in dem kulturelle Bedeutungen neu entstehen\. Bhabhas Theorie bietet ein Instrument zur Analyse kultureller Vermischung, ersetzt jedoch keine empirische Untersuchung\. Die Vorstellung kultureller Reinheit ist angesichts historischer Austausch\-, Übersetzungs\- und Konfliktprozesse nicht haltbar\. Auch die europäische Kulturgeschichte wurde durch griechische, römische, jüdische, christliche, islamische, afrikanische, asiatische und amerikanische Einflüsse geprägt\. Kultureller Austausch findet allerdings häufig unter ungleichen Bedingungen statt\.

    Die UNESCO\-Konvention von 2005 verbindet den Schutz kultureller Vielfalt mit internationalem Austausch, kultureller Zusammenarbeit und Menschenrechten\. Kulturelle Vielfalt soll daher nicht durch Abschottung, sondern durch respektvolle und möglichst gleichberechtigte Begegnung bewahrt werden\.

    Auch deutsche Kriminalromane, die in Venedig, der Bretagne oder auf Capri spielen, sind differenziert zu beurteilen\. Entscheidend ist nicht allein, wer eine Geschichte erzählt, sondern wie sie erzählt wird:

    – Werden Menschen auf Klischees reduziert?
    – Werden Machtverhältnisse ausgeblendet?
    – Dient die fremde Kultur lediglich als exotische Verkaufsfolie?
    – Kommen unterschiedliche Perspektiven zu Wort?

    Diese Fragen knüpfen an Saids Repräsentationskritik an, sind jedoch keine unmittelbar aus *Orientalism* abgeleiteten Kriterien\. Said untersuchte nicht speziell deutschsprachige Kriminalromane\.

    Ähnliches gilt für Pseudonyme wie Jean\-Luc Bannalec oder Luca Ventura\. Ein fremdländisch wirkender Name kann mit kulturellen Erwartungen arbeiten, belegt allein jedoch keinen kulturellen Imperialismus\. Maßgeblich sind die Darstellung, die Vermarktung, die wirtschaftlichen Beziehungen, die Sichtbarkeit betroffener Gruppen und die konkreten Machtverhältnisse\.

    Eine kritische Kulturwissenschaft sollte Machtverhältnisse sichtbar machen, ohne neue kulturelle Grenzen zu errichten\. Der Europarat verbindet den interkulturellen Dialog mit Menschenrechten, Demokratie, gegenseitigem Respekt und gleicher Würde\. Der Titel *Living Together as Equals in Dignity* bezeichnet das einschlägige Weißbuch; seine Anwendung auf kulturelle Aneignung ist eine interpretierende Übertragung\.

    Auch das Gebot „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ (Lev 19,18; Mk 12,31) legt keine bestimmte Position zur kulturellen Aneignung fest\. Es kann jedoch als Aufforderung verstanden werden, den anderen nicht zum bloßen Objekt zu machen\. Respekt bedeutet weder kulturelle Gleichmacherei noch Abschottung\.

    Aus der Feststellung, dass einige Formen kultureller Aneignung problematisch sind, folgt nicht, dass kulturelle Aneignung grundsätzlich problematisch ist\. Kulturelle Vermischung wird insbesondere dann problematisch, wenn sie mit Entwürdigung, Machtmissbrauch, Ausbeutung oder bewusster Stereotypisierung verbunden ist\.

    Das Ziel sollte daher nicht kulturelle Reinheit sein, sondern **kulturelle Begegnung auf Augenhöhe**\.

    ## Quellen

    Edward W\. Said, *Orientalism*, New York: Pantheon Books, 1978\.

    Homi K\. Bhabha, *The Location of Culture*, London/New York: Routledge, 1994\.

    UNESCO, *Convention on the Protection and Promotion of the Diversity of Cultural Expressions*, Paris, 20\. Oktober 2005: https://www\.unesco\.org/en/legal\-affairs/convention\-protection\-and\-promotion\-diversity\-cultural\-expressions\.

    Council of Europe, *White Paper on Intercultural Dialogue: “Living Together as Equals in Dignity”*, Straßburg, 2008: https://www\.coe\.int/t/dg4/intercultural/Source/White%20Paper\_final\_revised\_EN\_080424\.pdf\.

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  2. Das sind wichtige Gedanken. Mich nerven die typisch deutschen Ermittler auch, die so tun als seien sie Waliser, Franzosen oder Italiener. Da finde ich einen guten bayerischen Heimatkrimi (Föhnlage!!!) besser. Wir haben ja auch in Deutschland genug verschiedenes Lokalkolorit. Und das Urlaubsambiente macht dröge deutsche Ermittler /Schauspieler auch nicht interessanter. Man kann seine eigene Kultur auch verfremden, kritisieren, satirisch behandeln. Dabei kommt dann auch Interessanteres heraus.

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  3. Ja, diese merkwürdig expansive Art irgendwelche ersponnenen Krimihandlungen in andere Länder zu verlegen fand ich schon immer degoutant. Morde auf dem Jakobsweg, der Lissabon Krimi, der Kroatien-Krimi usw. usw. Es ist im Grunde eine Unverschämtheit. Man müsste mal forschen, ob Fernsehanstalten in anderen Ländern das auch so machen.

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