Der Frieden nach dem Weltuntergang

Zu Angelo Branduardis Lied La favola degli aironi (Das Märchen von den Reihern)

In seinem Lied „La favola degli aironi“ (Das Märchen von den Reihern) zeichnet der italienische Singer-Songwriter Angelo Branduardi ein bemerkenswert friedliches Bild der Apokalypse. Es zeigt uns, dass die Natur sehr gut ohne den Menschen auskommen kann – der Mensch jedoch nicht ohne die Natur.

Das Märchen von den Reihern


Dort ist es,
wo die Erde sich herabgeneigt hat,
um all das aufzusammeln,
was die Zeit aufgegeben
und hinter sich gelassen hat.
Dort, wo der ruhelose Wind
an den Dünen nagt,
den Dünen mit dem Aschesand,
wo nun die Raben des Winters
sich niedergelassen haben,
dort ist es,
wo der Horizont verschwindet.

Dort ist es,
wo auch der letzte Samen
sich nicht mehr zur Frucht gehäutet hat.
Dort, wo die Erde vergessen hat,
dass vor so langer Zeit
der duftende Atem des Windes
die schillernden Flügel der Reiher benetzt hat,
dort, wo die Raben des Winters
nun alles verfinstern,
dort ist es,
wo der Horizont verschwindet.

Angelo Branduardi: La favola degli aironi; aus: Alla fiera dell’est (1976). Text von Branduardi und seiner Frau Luisa Zappa Branduardi

Live-Aufnahme aus dem Jahr 1985 (Live recording from 1985

Albumfassung (Album version):

https://www.youtube.com/watch?v=wn9Vwvcbeb4

Die friedliche Apokalypse


Angelo Branduardi zeichnet in seinem Lied die Situation nach der vollendeten Apokalypse nach: Die Bäume tragen keine Früchte mehr, der weiße Sand der Strände ist von der Asche der untergegangenen Zivilisation durchtränkt.
Zusätzlich unterstrichen wird die Endzeitstimmung durch entsprechend apokalyptische Bilder. Im Vordergrund stehen hier natürlich die Raben, die als Todesboten den Himmel verfinstern und die schillernden Flügel der Reiher wie ein Märchen aus mythischer Vorzeit erscheinen lassen. Hinzu kommt der Wind, der wieder wie zu Anbeginn der Zeiten über die Erde weht. Statt dem verheißungsvollen Duft der Blüten verbreitet er nun die Klage über den Untergang der Welt.
Natürlich ist dieser pessimistische Ausblick mit getragenen Klängen unterlegt. Das Erstaunliche ist jedoch, dass die musikalische Untermalung der Apokalypse insgesamt eher eine friedliche, tröstende Stimmung ausstrahlt. Es ist fast, als würde die Erde, nachdem sie die Trümmer der menschlichen Zivilisation zusammengekehrt hat, aufatmen, dass sie nun ein neues Kapitel in ihrer Geschichte aufschlagen kann.

Die Erde und die Menschen: Wer braucht wen?


So ermahnt uns das Lied auch, unser eigenes Wohlergehen nicht mit dem des Planeten zu verwechseln, auf dem wir leben. Der Untergang unserer eigenen Welt ist eben nicht gleichbedeutend mit dem Untergang der gesamten Welt. In der Bildsprache des Gedichts ausgedrückt: Während unser Horizont verschwindet, tut sich zugleich wieder ein neuer Horizont auf.
Die Erde hat sich schon nach ganz anderen Katastrophen als der aus den Fugen geratenen menschlichen Zivilisation wieder neu erfunden. Nicht sie braucht uns – wir brauchen sie. Nur wenn wir wieder lernen, auf ihre Sprache zu hören und unser Leben auf die Eigengesetzlichkeit ihrer Entwicklung abzustimmen, werden wir aus unserer derzeitigen Krise herausfinden können.

Über Angelo Branduardi


Der 1950 geborene Cantautore erhielt am Genueser Konservatorium Niccolò Paganini eine Ausbildung als Violinist und studierte in Mailand Philosophie.
Internationale Anerkennung als Musiker erlangte er, als er in den 1970er Jahren Elemente der Folk-Musik mit traditionellen Lied- und Märchentexten verband. So basiert etwa eines seiner bekanntesten Canzoni, Alla fiera dell’est, auf dem jüdischen Pessah-Lied Chad gadja (Kleines Lämmchen). Auch Walther von der Vogelweides Gedicht Under der linden (Unter der Linde) hat Branduardi in einem gleichlautenden Lied (Sotto il tiglio) aufgegriffen.
Ein weiterer Schwerpunkt von Branduardi ist die Renaissancemusik, an die er in zahlreichen Stücken anknüpft. Die dazugehörigen Texte sind dabei teilweise explizit religiöser Natur. Dies gilt insbesondere für sein Album L‚infinitamente piccolo aus dem Jahr 2000, das dem Heiligen Franziskus gewidmet ist. In diesem Zusammenhang ist auch die „Kirchentour“ zu sehen, in deren Verlauf Branduardi 2014 in mehreren deutschen Gotteshäusern aufgetreten ist.
Durch die häufige Bezugnahme auf Märchen und Sagen klingen Branduardis Texte oft auch dann „märchenhaft“, wenn sie – wie La favola degli aironi – keinen expliziten Bezug zu volkstümlichen Quellen aufweisen. Verfasst worden ist der Text zu diesem Lied, wie auch in vielen anderen Fällen, als Gemeinschaftsprojekt des Musikers mit seiner Frau Luisa Zappa Branduardi.

Bilder: Hans Thoma (1839 – 1924): Wundervögel  (Wonderbirds; 1892); Raleigh, North Carolina Museum of Art (Wikimedia commons); Richard Huber: Der italienische Musiker Angelo Branduardi im Januar 2014 beim Auftaktkonzert zu seiner Kirchentour in der evangelischen St. Mathäuskirche am Münchner Altstadtring (Wikimedia Commons)

2 Kommentare

  1. Ihr Bild vom „friedlichen“ Ende der Menschheit ist zugleich poetisch und beklemmend. Tatsächlich könnte sich die Natur nach einem Verschwinden des Menschen in vielen Bereichen regenerieren – der Mensch selbst aber ist biologisch vollständig von funktionierenden Ökosystemen abhängig. Sauberes Wasser, fruchtbare Böden, Nahrung, ein stabiles Klima und die Bestäubung von Pflanzen sind keine bloßen Annehmlichkeiten, sondern Voraussetzungen menschlichen Lebens. Das Millennium Ecosystem Assessment der UN beschreibt ausdrücklich diese enge Verbindung zwischen Ökosystemen und menschlichem Wohlergehen. (UNEP – UN Environment Programme)

    Gerade aus dieser ökologischen Abhängigkeit ergibt sich die menschenrechtliche Bedeutung des Umweltschutzes. Wenn menschliches Leben nur innerhalb funktionsfähiger Ökosysteme möglich ist, dann ist der Zugang zu einer sauberen, gesunden und nachhaltigen Umwelt eine grundlegende Voraussetzung für die Wahrnehmung anderer Rechte – etwa des Rechts auf Leben, Gesundheit, Nahrung und Wasser. Die UN-Generalversammlung hat diese Einsicht 2022 ausdrücklich anerkannt und mit 161 Ja-Stimmen bei 8 Enthaltungen das Recht auf eine saubere, gesunde und nachhaltige Umwelt als Menschenrecht bestätigt (A/RES/76/300). (Digitale Bibliothek)

    Dieses Menschenrecht ist zugleich ein ethischer Auftrag. Weil unsere Lebensweise die ökologischen Grundlagen auch künftiger Generationen und anderer Lebewesen beeinflusst, dürfen wir Natur nicht lediglich als verfügbares Mittel behandeln. Die Anerkennung des Umweltrechts verpflichtet Staaten und Gesellschaften dazu, Umweltzerstörung zu begrenzen, Ressourcen gerecht zu nutzen und besonders verletzliche Menschen zu schützen. Nicht die Natur muss sich dem Menschen unterwerfen; vielmehr muss der Mensch seine Wirtschafts- und Lebensweise so verändern, dass menschliches Leben und natürliche Lebensgrundlagen dauerhaft gemeinsam bestehen können.

    Auch philosophisch liegt darin vielleicht die tiefere Botschaft von Branduardis „La favola degli aironi“: Die Natur braucht unsere Zivilisation nicht – wir aber brauchen die Natur. Der „Frieden nach dem Weltuntergang“ wäre deshalb kein menschlicher Frieden, sondern nur das Ergebnis unseres Scheiterns. Frieden im eigentlichen Sinn beginnt dort, wo der Mensch seine ökologische Abhängigkeit anerkennt und daraus Verantwortung ableitet: gegenüber den heute Lebenden, gegenüber den kommenden Generationen und gegenüber der Mitwelt. Bewahrung der Schöpfung ist dann keine romantische Nebensache, sondern eine Überlebens- und Gerechtigkeitsfrage. Vgl. auch Gen 2,15: Der Mensch soll den Garten „bebauen und bewahren“.

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