Windwahn und Naturverlust – reloaded

Über den (binnen-)kolonialen Gestus beim Windkraftausbau

„Klimaschutz“ und „Windkraftausbau“ werden oft in einem Atemzug genannt. Das hat dazu geführt, dass die Kritik an der Windkraft vielfach als etwas Exotisches dargestellt und mit einem Gestus zivilisatorischer Überlegenheit abgetan wird.

Die Natur – nur noch eine Aufstellfläche für Windkraftanlagen?

„Windwahn und Naturverlust“ – so lautete im Jahr 2013 einer meiner ersten Beiträge auf diesem Blog [1]. Der Titel des Beitrags fasst das zusammen, was ich auch heute noch beim Anblick von Windkraftanlagen empfinde: Die industrieförmige Vergitterung der Landschaft mit mittlerweile über 200 Meter hohen Stahlbetontürmen führt zu einer massiven Entfremdung von der Natur.

Diese Entfremdung hat zur Folge, dass genau das zerstört wird, was die Windkraft zu schützen verheißt: eine intakte Natur und ein für Menschen verträgliches Klima. Denn durch die Zerstörung des emotionalen Bezugs zur Natur geht eben jene Achtsamkeit verloren, die nötig wäre, um die fragilen Ökosysteme vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Ihre Resilienz aber ist auch eine wesentliche Voraussetzung für die Stabilität des Klimas.

Einzelne Vögel bei der Nahrungsaufnahme oder der Brutpflege zu beobachten, wird von Klimatechnokraten heute als kitschig und kindisch abgetan. In der Tat mag bei Naturbeobachtungen von Laien stets auch ein gewisses Maß an Vermenschlichung der Tierwelt eine Rolle spielen. Eben diese Vermenschlichung ermöglicht es uns aber, das Lebendige nicht einfach nur als Material zu betrachten, das wir nach Belieben umgestalten und gegebenenfalls auch einfach beiseiteräumen können, sondern es in seinem Eigenwert zu erkennen.

Dass Tiere über weitaus größere kognitive und emotionale Kompetenzen verfügen, als die Menschheit jahrhundertelang geglaubt hat, ist mittlerweile allgemein bekannt. Dennoch wird es uns nie gelingen, in ein Vogelhirn oder -herz hineinzuschauen. Um uns in ein anderes Lebewesen hineinzufühlen, bleibt uns daher nur der Weg der Analogiebildung.

Monetäre Überredungskünste

Entsetzen zu empfinden, wenn die eigene Umwelt plötzlich von blinkenden, hechelnden Stahlbetontürmen umstellt wird, halte ich nach wie vor für eine natürliche Reaktion.

Die natürliche Empfindung mag zwar zunächst durch die soziale Konvention zurückgedrängt werden, welche die Monstrosität der Türme in „majestätische Schönheit“ umdeutet und verlangt, die industrielle Überformung der Landschaft als Notwendigkeit zu akzeptieren. Spätestens beim Blick auf den rasant fallenden Wert der eigenen Immobilie nach der Errichtung der Windkraftanlagen werden die meisten aber wohl doch ihrer natürlichen Empfindung nachgeben.

Eben hieran – an der monetären Färbung der natürlichen Empfindung – setzen auch die Strategien zur Überwindung des Protests gegen den Bau von Windkraftanlagen an. Durch eine Beteiligung an den durch die Windkraft zu erzielenden Gewinnen sollen die betroffenen Gemeinden und einzelnen Personen die Anlagen gewissermaßen durch den Filter von Geldbündeln wahrnehmen – und sie so in dem verheißungsvollen Licht immerwährenden Wachstums sehen, das auch die Sicht der Windstromindustrie bestimmt.

Kombiniert wird diese Strategie mit Bürgerversammlungen, auf denen die entsprechenden Projekte vorgestellt werden. Mitbestimmung wird dabei allerdings nur vorgetäuscht. Es geht nicht darum, ob, sondern wo und unter welchen Bedingungen die Windkraftanlagen errichtet werden.

Kolonialer Gestus bei Berichten über Windkraftkritik

Dem entspricht auch die Tendenz der Berichterstattung über die Windkraft in einem Großteil der Medien. Auch hier geht es nie um eine vorurteilsfreie Betrachtung des Für und Wider der Windkraft. Stattdessen lautet der unausgesprochene Grundbaustein aller Berichte: Die Windkraft ist gut. Sie ist das Fundament, auf dem wir unsere Zukunft bauen.

In den entsprechenden Berichten geht es folglich weniger um die Windkraft selbst als um jene, die sich erdreisten, sich kritisch mit ihr auseinanderzusetzen. Sie werden dabei aus einer ähnlichen Perspektive betrachtet wie einst die indigenen Völker von den Kolonialmächten. Wie diese zwar die Lebensweise der autochthonen Völker mit Interesse beschrieben, sie aber gleichzeitig der eigenen zivilisierten Lebensweise für unterlegen hielten, werden auch die Anti-Windkraft-Proteste aus der Distanz von Menschen thematisiert, die von der Überlegenheit der eigenen, windkraftfreundlichen Position überzeugt sind.

Die Berichterstattung spiegelt damit das wider, was den Menschen in den Windindustriegebieten real passiert. Denn de facto haben wir es hier ja ebenfalls mit einer Form von Kolonialismus zu tun – in diesem Fall mit einem Binnenkolonialismus. Massenhaft werden ländliche Gebiete auf dem Altar des Windkraftausbaus entstellt – auf dem Rücken der dort lebenden Menschen.

Windkraftkritik – eine Erfindung der AfD?

Naturnahe Lebensweisen, die doch eigentlich im Interesse von Natur- und Klimaschutz gefördert werden müssten, werden damit zugunsten städtischer Lebensweisen zurückgedrängt. Die propagandistische Begleitmusik dazu lautet: Der Traum von naturnahen Lebensweisen ist im Grunde ein Relikt völkischen Heimatkitsches.

In Deutschland wird dies gerne mit dem Verweis auf die AfD und ihre windkraftkritischen Töne begründet. Dies beruht allerdings auf einer Verwechslung von Ursache und Wirkung. Die kritische Auseinandersetzung mit der Windkraft hat ja keineswegs ihren Ursprung in der AfD. Es ist vielmehr genau umgekehrt: Erst war die Kritik da, dann hat die AfD sie sich auf ihre Fahnen geschrieben.

Der Grund dafür ist, dass die AfD als populistische Partei all jene Stimmungen aufgreift, von denen sie an der Wahlurne zu profitieren hofft. Dass die Partei nun Anti-Windkraft-Parolen nachplappert, ist damit lediglich ein Zeichen für das Ausmaß, das die Protestbewegung mittlerweile erreicht hat. Der herablassende Umgang mit dieser spielt damit auch Parteien am rechten Rand in die Hände, die keine Skrupel haben, sich jede Form von Unmut für ihre Zwecke zunutze zu machen.

Windkraftkritik auf Nebenschauplätzen: Die Europäische Auster

Dort, wo die Windkraft direkt thematisiert wird, wird sie stets mit einem Heiligenschein versehen. Kritik an ihr kommt dabei meist nur aus der Perspektive ihrer scheinbaren Entkräftung zur Sprache – wenn also Forschungen angeblich schädliche Auswirkungen der Windkraft widerlegt haben. Dass dabei mehr oder weniger diskrete Zuwendungen der Windstromlobby – ähnlich wie früher in der Tabak- und Atomstromindustrie – ein windkraftfreundliches Forschungsdesign gefördert haben könnten, wird in den Bereich der Verschwörungstheorien verwiesen.

Steht die Windkraft jedoch nicht im Vordergrund, so sind auf einmal doch kritische Töne zu hören. Ein Beispiel dafür ist ein Bericht über den Rückgang der „Europäischen Auster“ in der Nordsee. Dieser wird darin auch auf die Freisetzung von Schwermetallen durch den Windkraftausbau zurückgeführt.

Interessant ist dabei nicht nur die Thematisierung der Problematik an sich. Bezeichnend ist auch, dass hier plötzlich eine Ausdrucksweise möglich ist, welche das Gewalttätige der mit der Windkraft verbundenen Eingriffe in die Natur unmittelbar vor Augen führt. So ist in dem Bericht davon die Rede, dass im Sediment enthaltene Schwermetalle aufgewirbelt werden, „wenn die Fundamente der Turbinen 30 Meter tief in den Meeresboden gerammt werden“ [2].

Wo sich die Fassadendemokratie selbst entlarvt: Ein Blick nach Tansania

Auch die Methoden, die zur Durchsetzung des Windkraftausbaus verwendet werden, erscheinen erst dann in einem kritischen Licht, wenn es gar nicht in erster Linie um die Windkraft selbst geht.

Ein Beispiel dafür ist ein Projekt in Tansania, durch dessen Unterstützung der Volkswagenkonzern seine Klimabilanz aufhübschen möchte [3]. Das Projekt sieht einen tiefen Eingriff in die Weidewirtschaft der in dem Gebiet lebenden Massai vor: Sie sollen die Weideflächen für ihr Vieh künftig nicht mehr in Abhängigkeit von den jeweiligen Witterungsverhältnissen und in Absprache mit den Nachbargemeinden, sondern nach einem genau festgelegten, rotierenden System nutzen.

Der Nutzen dieses Projektes ist umstritten. Auch die internationale Organisation VERRA, die das Projekt im Rahmen freiwilliger Kohlenstoff-Ausgleichsmaßnahmen zertifizieren soll, stand in der Vergangenheit wegen ihrer Zustimmung zu Projekten mit zweifelhaftem Nutzen in der Kritik.

Dessen ungeachtet ist das Projekt vor Ort massiv vorangetrieben worden. Die Vorgehensweise kommt einem dabei seltsam vertraut vor: Mitbestimmung wird zwar propagiert, beschränkt sich de facto aber darauf, die Dorfräte durch Geldzahlungen von dem Projekt zu „überzeugen“.

Die übrige Dorfgemeinschaft wird über den wahren Charakter des Projektes im Unklaren gelassen. Dies betrifft auch mögliche zukünftige Verdienstausfälle durch die eingeschränkte Weidenutzung. Hiervon wären dann nämlich nicht nur die Dorfräte, sondern alle in den Dorfgemeinschaften lebenden Menschen betroffen.

Neokolonialismus und Binnenkolonialismus

Vorgetäuschte Mitbestimmungsmöglichkeiten, Geld als Überredungsmittel, Verschweigung der langfristigen Kosten – es gibt einige Parallelen zwischen dem Umgang mit den Massai in Tansania und den Methoden zur Durchsetzung des Windkraft in ländlichen Gebieten Deutschlands. In beiden Fällen herrscht ein kolonialer Gestus vor, der den betroffenen Menschen aus einer Position der angemaßten Überlegenheit heraus etwas aufzwingt, was ihren tatsächlichen Interessen widersprechen kann.

Natürlich ist die kolonialistische Herangehensweise im ländlichen Afrika noch um einiges ausgeprägter. Die Menschen verfügen dort oft gar nicht über festgeschriebene Besitzrechte an dem genutzten Land, über keine oder nur eingeschränkte Zugangsmöglichkeiten zum Internet und auch über weniger Erfahrungen mit den Umgangsformen profitorientierter Großkonzerne. So ist die Gefahr einer Übervorteilung hier noch größer als anderswo.

Dennoch werden unter dem Brennglas des Neokolonialismus in Afrika auch die Strukturen des Binnenkolonialismus beim Windkraftausbau hierzulande klarer erkennbar. Die Folgen sind in beiden Fällen vergleichbar: Wo um Zustimmung geworben werden soll, entsteht Misstrauen. Dies kann sich dann auch negativ auf die gesamte Diskussion um den Klimawandel und die Maßnahmen zu seiner Eindämmung auswirken.

Windkraftkritik – gut fürs Klima!

Eine offenere Auseinandersetzung mit der Windkraft, die auch deren nachteilige Auswirkungen berücksichtigt, erscheint somit aus mehreren Gründen unerlässlich. Sie würde die Glaubwürdigkeit der Energiewendeprojekte erhöhen und den Menschen das Gefühl geben, daran mitwirken zu können, anstatt von einer Energiewendewalze überrollt zu werden.

Dies wäre nicht nur gut fürs Weltklima, sondern auch fürs Demokratieklima.

Nachweise

[1]    Windwahn und Naturverlust – Wie die Windenergie uns von der Natur entfremdet; rotherbaron, 2. April 2013.

[2]    Nickoleit, Katharina: Die Spur der toten Austern: Alarm in der Nordsee. Deutschlandfunk, 29. Juni 2026 (Zitat bei Minute 18:15).

[3]    Hart, Annalena: Tansania – VW-Klimaprojekt bedroht die Weidewirtschaft der Massai. Deutschlandfunk Kultur, Weltzeit, 16. September 2026.

Vertiefte Auseinandersetzung mit der Thematik [mit weiterführenden Links]:

Das Windstromkartell. Ein Glossar. Wie die Windkraft-Lobby zur Durchsetzung ihrer Ziele Natur, Gesundheit und Demokratie schädigt; überarbeitete Ausgabe 2023 [PDF; als Ebook unter dem Titel „Kritik der Windkraft“ erschienen].

Das Heilige Windrad als Höllenmaschine. Natur- und klimaschädliche Auswirkungen der Windkraft; überarbeitete Ausgabe 2025 [PDF; Glossar mit kurzen Einführungstexten und Links zu den einzelnen Aspekten].

Bild: IH: Collage

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