Ein archaischer Ritt in die Freiheit

Zu dem Song Raido der norwegischen Band Wardruna

Die norwegische Band Wardruna hat sich von den altgermanischen Runen zu Songs inspirieren lassen. Einer davon kreist um die Metaphorik des Reitens und die besondere Beziehung zwischen Reiter und Pferd.

Podcast:

Background-Musik: Alana Jordan: Dreamless (Pixabay)

Der Ritt

Schwarzes Gewölk verdüstert meinen Geist.
Die Ferne lockt, die Sehnsucht pocht in mir.
Trägst du mich fort von hier,
weit fort von hier?

Treuer Gefährte, ich verspreche dir
duftende Säcke, angefüllt mit dem Gold der Felder!
Nur trage mich fort,
fort auf den Schwingen des Windes,
fort, weit fort von hier,
Raido!

Es ruht der Sturm in mir, es fliegt der Geist
im Rhythmus deiner Hufe.
Dein Herz verschmilzt mit meinem,
du schenkst die Freiheit mir im wilden Ritt,
Raido!

Im Flug zur Ferne habe, treuer Gefährte!
unsre Kräfte ich erschöpft.
Schön ist im Sattel der Galopp –
den Träger wird er bald erschöpfen,
Raido,
Raido!

Und doch wird der Ritt auf dir
mich weiter tragen, so viel weiter!
Denn wir sind eins,
aneinander gefesselt,
ineinander verstrickt.
Durch unsere Bande
binden wir die ganze Welt
im rastlosen Reisen an uns.

Wenn du mich trägst,
trägst du uns beide in die Ferne.
Denn wir sind eins,
aneinander gekettet,
ineinander verstrickt.
Durch unsere Bande
binden wir die ganze Welt
im rastlosen Reisen an uns.

Wardruna: Raido aus: Runaljod – Ragnarok (2016)

Videoclip:

Wandel in der Betrachtung von „Volkskunst“

Wer sich heute mit „Volkskunst“ beschäftigt, läuft schnell Gefahr, in die rechte Ecke gestellt zu werden. Das liegt daran, dass der Bezug auf das Volk im Laufe des 19. Jahrhunderts immer stärker aggressiv-nationalistische Züge angenommen hat. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ist daraus die „völkische“ Bewegung hervorgegangen, die in Deutschland der Nährboden des Nationalsozialismus war.

Spulen wir aber zum Anfang des 19. Jahrhunderts zurück, so ergibt sich ein ganz anderes Bild. Damals stellte der Bezug auf die Volkskunst etwas Emanzipatorisches, wenn nicht sogar Revolutionäres dar.

Der Grund dafür ist, dass „Kunst“ jahrhundertelang als Vorrecht der höfischen Gesellschaft galt. Dem „Volk“ wurde allenfalls die Fähigkeit zur Erzeugung monotoner Rhythmen zur Untermalung seiner Arbeitstätigkeit oder seiner orgiastischen Feste zugestanden.

Die Entdeckung der Volkskunst in der Romantik

In der Romantik hat sich dieses Bild grundlegend gewandelt. Nun sah man in den Manifestationen der Volkskunst auf einmal Schätze, die es zu bergen, zu kodifizieren und so für die Nachwelt zu erhalten galt.

Hierfür wurden Sammlungen angelegt, in denen Lieder und Erzählungen des Volkes zusammengefasst wurden. In Deutschland waren dies etwa die Märchenbücher der Gebrüder Grimm und die Sammlungen mit Volksliedtexten, die Clemens Brentano und Joseph von Eichendorff zwischen 1805 und 1808 in drei Bänden herausgebracht haben (Des Knaben Wunderhorn).

Darüber hinaus wurden Aspekte der Volkskunst nun aber auch vermehrt als Ausgangspunkt für eigene künstlerische Arbeiten genutzt. So greifen viele Kunstmärchen und Kunstlieder der Romantik erzählerische Motive und Klangsequenzen der Volkskunst auf.

Volkskunst als Mittel der kulturellen Selbstvergewisserung in nordischen Ländern

Ähnliche Tendenzen gab es auch in den nordischen Ländern. Dort kam ihnen vielfach sogar eine noch größere Bedeutung zu, da sie auch dazu dienten, sich gegenüber bestehenden Fremdherrschaften der eigenen kulturellen Identität zu vergewissern.

Dies galt für Finnland, das lange zum schwedischen Hoheitsgebiet gehört hatte und im 19. Jahrhundert als Großfürstentum Teil des Russischen Reichs war, ebenso wie für Norwegen, das seit Ende des 14. Jahrhunderts unter dänischer Vorherrschaft gestanden hatte und im 19. Jahrhundert in den schwedischen Machtbereich geriet.

Unter den norwegischen Komponisten, die das Augenmerk auf die Musik des Volkes gerichtet und diese als Grundlage für eigene Werke genutzt haben, ragen insbesondere zwei Namen heraus: Johan Severin Svendsen (1840 – 1911) und Edvard Grieg. Beide haben in ihren Werken Elemente nordischer Musik und nordischer Sagen aufgegriffen. Dafür konnten sie auch auf Sammlungen norwegischer Volkslieder zurückgreifen, die Jørgen Engebretsen Moe (1813 – 1882) und Ludvig Mathias Lindeman (1812 – 1887) herausgebracht hatten.

Volkskunst in Zeiten von Fantasyliteratur

Die Zeiten, in denen der Bezug auf Trolle und Elfen als Zeichen für emanzipatorische Bestrebungen des Volkes und kulturelle Selbstfindungsprozesse verstanden werden konnte, sind allerdings lange vorbei. Wer heute den Elfenwald besingt, gerät damit zwangsläufig in die Nähe von  Fantasy-Welten, die längst ein fester Bestandteil der Unterhaltungsindustrie geworden sind.

Für nordische Kulturen ergibt sich daraus ein grundlegendes Dilemma. Einerseits besteht die Gefahr, Klischees zu bedienen, wenn man Volkssagen und -mythen aufgreift. Andererseits würde man, indem man diese meidet, die Aneignung kultureller Elemente durch die Unterhaltungsbranche unwidersprochen hinnehmen. Dies aber würde zugleich einen Rückfall in jene Entfremdung von der eigenen Kultur bedeuten, gegen die die Rückbesinnung auf die Kunst des Volkes in der Romantik einst angekämpft hatte.

Eine solche Rückbesinnung kann durchaus auch heute noch ihren Sinn haben – wenn auch unter gänzlich anderen Vorzeichen. War sie früher ein Mittel, die kulturelle Eigenständigkeit gegenüber einzelnen Fremdherrschern zu betonen, so lässt sich heute damit allgemein die Vielfalt der Kulturen gegenüber einer globalen Instantkultur behaupten.

Das musikalische Runen-Projekt der Band Wardruna

Wer der Stereotypenfalle entgehen, gleichzeitig aber nicht auf den Bezug auf Elemente der eigenen kulturellen Vergangenheit verzichten möchte, ist dabei allerdings auf eine beständige kritische Selbstreflexion angewiesen. Vor allem benötigt man dafür ein durchdachtes Konzept, das die Motive der Sagen- und Märchenwelt nicht aus Gründen der Publikumswirksamkeit aufgreift, sondern damit ein bestimmtes, genau umrissenes künstlerisches Ziel verfolgt.

Eben diesen Weg beschreitet das Musikprojekt Wardruna. Es wurde 2003 von  Einar Selvik (Künstlername Kvitrafn), dem ehemaligen Schlagzeuger der Black-Metal-Band Gorgoroth, zusammen mit Kristian Eivind Espedal („Gaahl“) und Lindy Fay Hella ins Leben gerufen.

Die Gründung der Band war von dem Wunsch motiviert, die in der germanischen Runenreihe Futhark verborgene spirituelle Kraft zum Leben zu erwecken. Dafür sind auf drei zwischen 2009 und 2016 erschienenen Alben jeweils acht der insgesamt 24 Runen als eine Art meditative Basis für musikalische Kreationen genutzt worden.

Auch der Name der Band spielt auf das Ziel des musikalischen Projektes an. Er setzt sich zusammen aus „ward“ (Schutzgeist, Hüter/-in) und „runa“ (raunen, Geheimnis, Verborgenes) und bedeutet folglich so viel wie „Geist, der das Geheimnis hütet“ bzw. davon „raunt“.

Zu dem Song Raido

Das Lied Raido kreist um die fünfte Rune des älteren, allen germanischen Stämmen gemeinsamen Futharks. Entsprechend der Bedeutung der Rune („Reiten“/“Ritt“, im übertragenen Sinn auch „Reise“) thematisiert das Lied die Metaphorik des Reitens und die besondere Beziehung zwischen Reiter und Pferd – das dabei zugleich als „Raido“ angesprochen wird.

Zugleich stellt der Song auch die existenzielle Bedeutung, die dem Reiten in früheren Jahrhunderten in den nordischen Ländern zukam, heraus. In einer von Urwäldern und wilden Fjorden beherrschten Landschaft war das Reiten die einzige Möglichkeit, die engen Grenzen der kleinen Siedlungen zu überwinden. So war „Reiten“ zugleich eine Chiffre für „Freiheit“.

Dies klingt in dem Text ebenso an wie in dem Videoclip, der einen Ritt durch weitgehend unberührte Natur und über menschenleere Strände zeigt. Musikalisch wird die archaische Dimension des Reitens durch die Integration von Elementen der Volkskunst in den Song zum Ausdruck gebracht. Dies zeigt sich zum einen durch den zeitweiligen Wechselgesang und den getragenen Gesangsvortrag, zum anderen aber auch durch volkstümliche Instrumente, wie sie auch im Videoclip zu sehen sind.

Klare Positionierung gegen Nationalismus

Wer sich mit altgermanischen Traditionen und Runenmystik beschäftigt, steht natürlich immer in der Gefahr, damit auch völkische Kreise anzusprechen. Einar Selvik grenzt sich allerdings unzweideutig von den entsprechenden Gruppen ab.

Die Hinwendung zur altnordischen Vergangenheit hat für ihn ausschließlich den Sinn, ein vertieftes Bewusstsein für die eigenen Wurzeln zu erlangen. Dabei betont er zugleich, dass dies kein Selbstzweck sein sollte:

„Deine Wurzeln sind nicht wichtig, bloß weil sie deine Wurzeln sind – da muss schon noch etwas mehr sein, dass es wert macht, sie weiterzuführen. Da gibt es vieles, dass es durchaus wert ist, erinnert zu werden und von dem man lernen kann – statt sie einfach nachzuahmen. Bei Wardruna geht es darum, neue Samen zu säen, etwas zum Wachsen zu bringen und Bestimmtes zu erinnern.“

Diese Form der selbstkritischen Verwurzelung in der eigenen kulturellen Vergangenheit ist für Selvik auch eine Voraussetzung für einen toleranteren und offeneren Umgang mit anderen Kulturen:

„Personen, die sehr gut über die Geschichte ihrer Kultur Bescheid wissen, verstehen auch mich besser. Man wird dadurch selbstsicherer und fühlt sich dementsprechend weniger bedroht von den Traditionen anderer.“

Die Art, wie Selvik und Wardruna sich auf die nordische Kultur beziehen, ist folglich von dem Gegenteil einer nationalistischen Vereinnahmung der Vergangenheit bestimmt. Dementsprechend betont Selvik denn auch, dass Migration und der lebendige Austausch zwischen den Kulturen schon immer ein integraler Bestandteil der nordischen Kultur waren:

„Die nordische Geschichte ist durchzogen von Migration! Völker sind gewandert, Kulturen haben sich verflochten und neue Kulturen geschaffen. Die nordische Tradition, wie wir sie heute kennen, ist tatsächlich das Ergebnis der Migration verschiedener Völker, die von vielen unterschiedlichen Orten kamen und eine gemeinsame Kultur entwickelt haben. Das ist schon immer passiert und wird immer passieren. Habt daran Teil und hört auf, solche Angst davor zu haben.“

Die Zitate von Einar Selvik sind einem von Manuel Berger mit dem Sänger geführten Interview entnommen: „Nordische Tradition ist das Ergebnis von Migration“; laut.de, 18. Januar 2021.

Mehr Musik aus Norwegen:

Norwegen: Balladen und Bukowski, Rock und Runen; auch in: Nordische Musikkulturen. Schweden, Dänemark, Färöer, Island, Grönland, Norwegen, Finnland (PDF), S. 75 – 90.

Bild: Christine Sponchia: Pferd (Pixabay)

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