Zu Fritz Widmers Lied vom Sundig
In seinem Lied vom Sundig beschreibt der Schweizer Liedermacher Fritz Widmer ein typisches Sonntagsidyll. Dieses ist jedoch wie auf einem Vulkankegel von plötzlichen Gewalteruptionen bedroht.
Podcast:
Fritz Widmer: Lied vom Sonntag
Wenn die Großmutter still in den Garten geht
und die Kirchenglocke schweigt,
der Klaus mit seiner Freundin an der Aare spazieren geht,
der Herr Lang in sein Auto steigt,
dann fängt der Sonntag so richtig an,
im Radio läuft etwas von Smetana,
die Sonne scheint, und die Kirche ist leer,
die Kinder kommen frisch gewaschen daher.
Schon fährt der Herr Lang mit hundertdreißig Sachen
dem Bootshaus am Bielersee entgegen,
und die Großmutter fängt einen Marienkäfer
auf den Himbeeren und sagt: „Sieh mal an!“
Im Radio sind gediegene Worte zu hören
von Hofmannsthal, am Aare-Ufer,
da liegen der Klaus und sein Mädchen am Hang
und umarmen einander genüsslich.
Jetzt gehen die Leute in die Beizen und in die Biergärten,
viele hocken im Stadion.
Der Herr Lang fährt bei Walperswil
frontal in ein anderes Auto.
Die Großmutter schaut Fernsehen, es läuft ein Tierfilm,
Das ist immer wieder schön, sagt sie, das mit den Tieren.
Die Kinder fahren auf der Straße um die Wette
mit ihren Tretrollern.
Und der Rettungswagen hupt, und vom Karussell
tönt ein Walzer von Johann Strauß herüber,
und Zürich schlägt Young Boys [Bern] vier zu zwei.
„Stell das Radio ab“, sagt Klaus.
Und seine Freundin sagt: „Ich denke, wir sollten langsam aufbrechen.“
Der Herr Lang liegt in Aarberg im Bezirksspital,
und die Leute vom anderen Auto sind tot.
Die Großmutter macht es sich vor dem Fernseher bequem.
Aare: in den Berner Alpen entspringender Fluss, der im Bezirk Zurzach im Kanton Aargau in den Rhein mündet
Fritz Widmer: Lied vom Sundig (berndeutscher Originaltext auf fritz-widmer.ch, PDF) nach einer Melodie des schwedischen Dichters und Komponisten Carl Michael Bellmann (1740 – 1795) aus: Abraham & Co (gemeinsames Album mit Jakob Stickelberger, 1973)
Cover-Version von Christoph Mächler (aus dem Fritz Widmer gewidmeten Album Türeschletze – Türenschlagen; 2008)
Lakonische Aneinanderreihung des Unvereinbaren
In Fritz Widmers Lied vom Sundig wird die Oberfläche sorgloser Sonntagsvergnügungen einem darunterliegenden Grauen gegenübergestellt [1].
Während die in ihrem Garten herumspazierende Großmutter, die auf der Straße spielenden Kinder und die Sonntagsausflügler das Bild eines ländlichen Idylls zeichnen, blitzt in der grundlosen Raserei eines Autofahrers die Aggressivität auf, die von diesem Idyll übertüncht wird. Das Ergebnis ist eine Frontalkollision, bei der die Insassen des anderen Autos ums Leben kommen.
Durch die lakonische Aneinanderreihung des Unvereinbaren macht Widmer deutlich, dass beides – Totschlag und vermeintliche Idylle – untrennbar miteinander zusammenhängt. Sein Lied erinnert damit an den vorherrschenden Schweizer Erzählstil der 1960er Jahre, dessen zentrales Charakteristikum ein betonter Lakonismus war.
Erzähler wie Peter Bichsel, Kurt Marti oder auch Jürg Federspiel haben auf diese Weise die emotionslose Hinnahme der Grausamkeiten, mit denen der Wohlstand in der bürgerlichen Gesellschaft erkauft wird, ebenso widergespiegelt wie die resignative Mutlosigkeit jener, die ein diffuses Ungenügen an den bestehenden Verhältnissen empfinden [2].
Max Frischs Psychogramm seiner Schweizer Landsleute
Widmers Lied vom Sundig lässt sich auch auf das Psychogramm beziehen, das Max Frisch in seinen Essays, Dramen und Romanen von seinen Schweizer Landsleuten entworfen hat.
In seinem 1954 erschienenen Roman Stiller lässt Frisch seinen Protagonisten den Grundsatz der „kaufmännischen Vernünftigkeit“ als prägendes Element der Schweizer Gesellschaft herausstellen. Dieser zwinge seine Landsleute, so heißt es in dem Roman, „um des Handels willen (…) höflich zu sein mit den Mächtigen“ [3]. Daraus ergebe sich einerseits das selbstwertsteigernde Gefühl, mit Letzteren auf einer Stufe zu stehen – andererseits aber auch die Gefahr der Kumpanei mit den Verbrechen der Mächtigen.
In einer Rede aus dem Jahr 1974 veranschaulicht Frisch diese Gefahr mit dem Verweis auf die restriktive Flüchtlingspolitik der Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Daneben erwähnt er auch die unrühmliche Rolle der Schweiz während des Militärputschs in Chile 1973, als, so Frisch,
„unsere Botschaft in Santiago de Chile (…) in entscheidenden Stunden und Tagen keine Betten hat[te] für Anhänger einer rechtmäßigen Regierung, die keine Betten such[t]en, sondern Schutz vor barbarischer Rechtlosigkeit und Exekution (mit Sturmgewehren schweizerischer Herkunft) oder Folter“ [4].
Wenn materieller Wohlstand die geistige Freiheit aushöhlt
Die Konzentration auf materiellen Wohlstand führt, wie Frisch bereits 1960 ausgeführt hat, nicht nur dazu, dass Moral und Menschenrechte für das Handeln der Regierung eine untergeordnete Rolle spielen. Das Ergebnis sei vielmehr ein vollständiger Verzicht auf Visionen. So werde, wie Frisch weiter ausführt, „das Wort ‚Utopie‘ bei uns ausschließlich im negativen Sinn verwendet“. Dadurch würden den Menschen, so Frisch, „nicht nur die Utopien, sondern überhaupt alle radikalen Wünsche sozusagen mit der Muttermilch abgewöhnt“ [5].
Als Konsequenz hieraus sei „die Angst vor der Zukunft geradezu das Grundgefühl der Schweizer Zeitgenossen“ [6]. In seinem Roman Stiller bezieht Frisch diese Gefühlslage auf die verbreitete Angst der Menschen in der Schweiz,
„eines Tages vielleicht arm zu sein, ihre Angst vor dem Leben, ihre Angst, ohne Lebensversicherung sterben zu müssen, (…) ihre Angst davor, dass die Welt sich verwandeln könnte, ihre geradezu panische Angst vor dem geistigen Wagnis“ [7].
So führt die Angst vor der Veränderung, das phantasielose Beharren auf dem Status quo, zugleich zu einer geistigen Unfreiheit, welche die materielle Unabhängigkeit konterkariert. Dabei behindert die Angst, bei Letzterer Einbußen zu erleiden, auch allgemein die Entfaltung der menschlichen Freiheit, da diese sich im Kern als geistige Freiheit manifestiert.
Eben diese geistige Unfreiheit spricht auch aus Fritz Widmers Lied vom Sundig. Eben weil die Menschen sich darin ganz auf eine oberflächliche Form materieller Freiheit konzentrieren, büßen sie ihre geistige Freiheit ein und nehmen inhumane gesellschaftliche Tendenzen als unvermeidlichen Teil ihres Alltags hin.
Über Fritz Widmer
Fritz Widmer (1938 – 2010) trat nach einem Anglistik- und Germanistikstudium 1965 in den Schuldienst ein. Gleichzeitig schloss er sich den Berner Troubadours an, einer Gruppe von im berndeutschen Dialekt singenden Liedermachern, die in wechselnden Zusammensetzungen gemeinsam, aber auch allein auftraten.
Besonders eng war Widmers Zusammenarbeit mit Mani Matter, mit dem er außer gemeinsamen Liedern auch ein Krimi-Musical schrieb. Nachdem Matter bereits 1972 bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war, brachte Widmer das Musical gemeinsam mit Jacob Stickelberger, der ebenfalls daran mitgearbeitet hatte, erfolgreich zur Aufführung. Auch einige noch unveröffentlichte Chansons Matters spielte er mit Stickelberger ein.
Widmer trat auch als Übersetzer von Liedern aus anderen Sprachen in Erscheinung, etwa des schwedischen Dichters und Komponisten Carl Michael Bellmann (1740 – 1795). Zuweilen unterlegte er – wie für das Lied vom Sundig – auch eigene Texte mit Melodien Bellmanns. Daneben verfasste er, ebenfalls im Dialekt, Romane und widmete sich dem Werk Hermann Hesses, des Großvaters seiner Frau. Hinzu kamen zahlreiche Zeitungskolumnen.
Nach der anfänglichen Zusammenarbeit mit den Berner Troubadours trat Widmer später verstärkt mit seiner eigenen Band auf, in der auch seine beiden Töchter mitspielten.
Nachweise
[1] Das Lied weist auffallende Ähnlichkeiten zu einem Lied von Franz Josef Degenhardt auf; vgl. den Beitrag Sonntägliche Gemütlichkeit auf den Kriegsgräbern. Zu Franz Josef Degenhardts Lied Deutscher Sonntag.
[2] Beispiele für diesen Erzählstil finden sich in RB: Alte und neue Perlen. Einladung zu einer Buchmesse in meinem Lesekabinett, PDF), Kapitel 5.
[3] Frisch, Max: Stiller. Roman (1953/54). In: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge 1931 – 1985, herausgegeben von Hans Mayer unter Mitwirkung von Walter Schmitz, Band 3, S. 359 – 780, hier S. 547. Frankfurt/Main 1986: Suhrkamp.
[4] Frisch, Max: Die Schweiz als Heimat? Rede zur Verleihung des Großen Schillerpreises (1974). In: Ebd., Bd. 6, S. 509 – 518, hier S. 517.
[5] Frisch, Max: Die Schweiz ist ein Land ohne Utopie. Essay für den Züricher Buchclub Ex Libris, als Antwort auf die Frage: „Ist der Schweizer Dichter ein Außenseiter?“ (1960). In: Ebd., Bd. 4, S. 258 f.
[6] Frisch, ebd.
[7] Frisch, Stiller (s. 3), S. 548.
Mehr zur Kleinkunstszene in der Schweiz nach 1945:
Das Kabarett und seine Gedichte. Ein dichterischer Rückblick auf die Geschichte des deutschsprachigen Kabaretts (PDF), S. 296 ff.
Mehr zu deutschsprachigen Liedermachern:
Ennui, Rebellion und Eskapismus. Deutschsprachige Liedermacher 1965 – 1985 (PDF)