Über hausgemachte Engpässe in der Medikamentenversorgung
Immer häufiger ist bei Nachfragen nach Medikamenten in Apotheken in letzter Zeit zu hören: „Derzeit nicht lieferbar.“ Das liegt auch an den Strukturen unseres Gesundheitssystems.
Ein in sich widersprüchliches Versorgungssystem
Der Patentschutz für neuartige Wirkstoffe: ein zweischneidiges Schwert
Abhängigkeit der Entwicklung neuer Medikamente von Renditeerwartungen
„Seltene Krankheiten“ sind gar nicht so selten
Langfristige Preissteigerungen durch kurzfristiges Sparen bei Generika
Problematische Verlagerung der Produktion ins Ausland
Gesundheitsmaximierung statt Gewinnmaximierung
Ein in sich widersprüchliches Versorgungssystem
Die Versorgung mit Medikamenten ist in Deutschland – wie auch in anderen Industrieländern – durch in sich widersprüchliche Strukturen gekennzeichnet:
- Während die Pharmaindustrie auf hohe Gewinnmargen angelegt ist, sind das staatliche Gesundheitssystem und die einzelnen Menschen auf bezahlbare Preise angewiesen.
- Während Pharmafirmen an möglichst wenig Konkurrenten für einzelne Produktgruppen interessiert sind, ist für Staat und Kranke Konkurrenz ein wichtiger Aspekt für bezahlbare Medikamente.
- Einerseits ist der Staat in einem solchen System damit als regulatorische Instanz gefragt, die ein unkontrolliertes Ansteigen der Preise verhindert. Andererseits kann ein zu starkes Eingreifen in den Markt aber gerade dazu führen, dass einzelne Firmen aus dem Wettbewerb ausscheiden und so am Ende genau jene Monopolstellungen großer Player entstehen, die durch das Eingreifen verhindert werden sollen.
Aus diesen Widersprüchen ergeben sich im Alltag der Gesundheitsversorgung eine Reihe von Problemen und Konflikten. Einige davon werden im Folgenden angesprochen.
Der Patentschutz für neuartige Wirkstoffe: ein zweischneidiges Schwert
In die Entwicklung neuer Medikamente müssen Pharmafirmen viel Zeit und Geld investieren. In der Regel dauert es mehrere Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, bis aus Grundlagenforschung, Testreihen und den verschiedenen Studienphasen ein Medikament hervorgeht, das die staatliche Zulassung erhält.
Damit sich diese Entwicklungskosten amortisieren, gibt es für neue Wirkstoffe einen Patentschutz. Dieser beträgt in der Europäischen Union 20 Jahre. Da der Patentschutz allerdings ab der Anmeldung des Wirkstoffs gerechnet wird und von da an noch einige Zeit bis zur Marktreife des Medikaments verstreicht, deckt der tatsächliche Patentschutz in der Regel nur bis zu 15 Jahre ab. Nach Ablauf dieser Zeit können von anderen Firmen auf dem gleichen Wirkstoff basierende Medikamente („Generika“) auf den Markt gebracht werden.
Dies führt dazu, dass Pharmafirmen in der Zeit, in der sie ein Monopol auf den von ihnen entwickelten Wirkstoff besitzen, so viel Gewinn wie möglich mit dem betreffenden Medikament zu generieren versuchen. Bei frei verkäuflichen Medikamenten werden dazu entsprechende Werbekampagnen gestartet. Bei rezeptpflichtigen Medikamenten wird versucht, Krankenkassen und Ärzteschaft vom Nutzen des neuen Wirkstoffs zu überzeugen – in letzterem Fall gerne auch mit „Fortbildungsangeboten“ in exquisitem Ambiente.
Bieten die neuen Wirkstoffe völlig neue Ansatzpunkte für die Behandlung von Krankheiten, so sind diese Kampagnen womöglich sogar hilfreich. Problematisch wird es jedoch, wenn die neuen Medikamente lediglich alternative Therapien ermöglichen, die nicht unbedingt erfolgversprechender sein müssen als bei der Benutzung bereits am Markt etablierter Wirkstoffe.
In diesen Fällen kann der Amortisierungsdruck, unter dem die Firmen stehen, dazu führen, dass bewährte Therapieansätze ohne Not durch die neuartigen Wirkstoffe ersetzt werden. Dies kann nicht nur die Kosten unnötig in die Höhe treiben, sondern auch zu einer Verunsicherung und schlechteren Versorgung der Betroffenen führen.
Abhängigkeit der Entwicklung neuer Medikamente von Renditeerwartungen
Die zeit- und kostenaufwändige Entwicklung neuer Medikamente hat zur Folge, dass die Unternehmen entsprechende Investitionen nur dann tätigen, wenn die neuen Wirkstoffe eine hinreichend hohe Rendite erwarten lassen.
Dies ist am ehesten dann der Fall, wenn sich mit den Medikamenten weit verbreitete Krankheiten oder Beschwerden behandeln lassen. So werden immer neue Wirkstoffe zur Behandlung von Allergien oder Bluthochdruck entwickelt. In anderen Fällen stagniert die Forschung dagegen, obwohl mit entsprechenden Anstrengungen längst Durchbrüche hätten erzielt werden können.
Besonders deutlich wird dies bei den „neglected tropical diseases“ (NTDs), also den „vernachlässigten Tropenkrankheiten“ [1]. Diese Krankheiten werden nicht etwa deshalb von der Pharmaindustrie „vernachlässigt“, weil die Entwicklung entsprechender Präparate schwieriger ist als in anderen Fällen. Der Grund für die mangelnde Fokussierung auf sie liegt vielmehr in der Tatsache, dass sich mit entsprechenden Wirkstoffen kaum Gewinne erzielen lassen.
Zwar betreffen diese Krankheiten Millionen von Menschen, hauptsächlich in afrikanischen Ländern. Da jedoch weder die Betroffenen selbst noch die dortigen Regierungen über die Mittel verfügen, mit denen sich die Entwicklungskosten der Firmen refinanzieren ließen, machen diese lieber einen Bogen um die entsprechenden Krankheiten.
Bei der Behandlung von wurmbedingten Gesundheitsstörungen hat dies sogar dazu geführt, dass ein potenziell auch für Menschen hilfreicher Wirkstoff zunächst nur für Haustiere zur Marktreife gebracht worden ist – denn das ist ein weitaus lukrativerer Markt [2].
„Seltene Krankheiten“ sind gar nicht so selten
Nicht anders sieht es bei der Behandlung seltener Krankheiten aus. Darunter werden in der Medizin Krankheiten verstanden, von denen nicht mehr als fünf von 10.000 Menschen betroffen sind.
Was nach wenig klingt, summiert sich zu einer weitaus größeren Gruppe von Menschen, wenn man die Gesamtzahl der geschätzt bis zu 8.000 seltenen Krankheiten berücksichtigt. Dann nämlich kommt man allein in Deutschland auf eine Zahl von vier Millionen Betroffenen [3]. Da jedoch für jeden Einzelfall andere Wirkstoffe entwickelt werden müssten, ist auch hier die Investition in entsprechende Projekte für die Industrie uninteressant.
Auch in der universitären Forschung sind seltene Krankheiten vielfach eher ein Exotenthema. So gibt es hier noch zahlreiche Wissenslücken. Der Seltenheitscharakter hat zudem zur Folge, dass die Krankheiten oft gar nicht oder zu spät erkannt werden.
Zwar existieren mittlerweile an spezialisierten Kliniken Zentren für die Behandlung der entsprechenden Krankheiten. Dafür müssen diese jedoch zuvor erst einmal diagnostiziert oder zumindest vermutet werden.
Überdies ist Kosteneffizienz nicht nur für die Industrie, sondern auch für das staatliche Gesundheitssystem ein zentraler Entscheidungsfaktor. So stehen die Kliniken bei der Verwendung von Ressourcen für seltene Krankheiten unter einem beständigen Rechtfertigungsdruck, der die Arbeitsbedingungen für das auf die seltenen Krankheiten spezialisierte medizinische Personal zusätzlich erschwert.
Langfristige Preissteigerungen durch kurzfristiges Sparen bei Generika
„Kosteneffizienz“ ist auch das Stichwort, wenn es um die Ursachenforschung für Probleme auf einem anderen Gebiet der Gesundheitsversorgung geht – dem der Generika.
Die Nachahmerpräparate standen 2025 insgesamt nur für 5,9 Prozent der Aufwendungen, die Krankenkassen für Arzneimittel tätigen mussten, und machten nur ein Prozent ihrer Gesamtausgaben aus [4]. Gleichzeitig waren jedoch vier Fünftel (81 Prozent) aller verkauften Medikamente Generika.
Nachahmerpräparate sind somit ebenso kostengünstig wie essenziell für die Medikamentenversorgung. Dennoch setzen die Krankenkassen gerade hier den Sparhebel an und tun alles, um die gegenüber den Originalmedikamenten ohnehin schon reduzierten Preise weiter zu drücken.
Konkret werden für die Verschreibung von Generika vorab Verträge mit den Herstellern abgeschlossen. Dabei handeln die Krankenkassen Rabatte aus und geben den Zuschlag jeweils an denjenigen Produzenten, der ihnen das beste Angebot unterbreitet. Den Rabatt erhalten sie dann über eine Rückzahlung eines Teils des von den Apotheken an die Hersteller überwiesenen Betrags zurück [5].
Das Verfahren hat zur Folge, dass die Vertragspartner der Krankenkassen beim über diese abgewickelten Verkauf der entsprechenden Generika bevorzugt werden. Langfristig reduziert das die Zahl der Anbieter, da manche bei dem ruinösen Preiskampf schlicht nicht mithalten können. Je geringer aber die Zahl der Konkurrenten um den Zuschlag der Krankenkassen ist, desto größer wird auch deren Marktmacht – was auf lange Sicht zu Preissteigerungen führen muss.
Problematische Verlagerung der Produktion ins Ausland
Hinzu kommt, dass die niedrigen Preise meist nur noch durch eine Verlagerung der Produktion ins Ausland garantiert werden können. Hergestellt werden die Präparate dann hauptsächlich in Asien, vornehmlich in China.
Wozu das führt, war während der Corona-Pandemie hautnah zu spüren: Sobald die Lieferketten nicht mehr reibungslos funktionieren, kommt es zu Angebotseinschränkungen. Besonders kritisch wird es, wenn dies Medikamente betrifft, für die es keine Ausweichmöglichkeiten gibt.
Der Druck auf die Preise gefährdet nicht nur die Versorgungssicherheit, sondern hat auch eine bedenkliche Abhängigkeit von einer in den vergangenen Jahren zunehmend selbstbewusst bis selbstherrlich auftretenden Supermacht zur Folge.
Werden hier, möglicherweise ausgelöst durch den chinesischen Anspruch auf Taiwan, ähnliche Sanktionen notwendig wie derzeit gegenüber Russland, würde die Antwort folglich nicht in einer Drosselung von Gaslieferungen, sondern in einer Kappung der Medikamentenversorgung bestehen. Dann würde es in etlichen Bereichen sehr schnell zu gefährlichen Engpässen kommen.
Unzureichende Gegenmaßnahmen
Angesichts der unübersehbaren Probleme, die das bestehende System der Medikamentenversorgung zeitigt, wird teilweise auch gegenzusteuern versucht.
In Deutschland etwa wurden Anfang 2023 die Festbeträge für zahlreiche Kinderarzneimittel – insbesondere für fiebersenkende Säfte – ausgesetzt, um Anreize für die Ankurbelung der Produktion zu schaffen. Zudem wurden Großhändler von Arzneimitteln zu einer Erhöhung der Lagerbestände bei besonders kritischen oder stark nachgefragten Medikamenten verpflichtet.
In den USA werden Firmen, die Medikamente gegen „neglected tropical diseases“ auf den Markt bringen, von der US Food and Drug Administration (FDA) mit Vouchers belohnt, die ihnen die beschleunigte Zulassung neuer Medikamente ermöglichen. Die Vouchers können auch an andere Firmen verkauft werden, was in der Vergangenheit bereits Millionengewinne ermöglicht hat.
In beiden Fällen bleiben die Gegenmaßnahmen jedoch innerhalb des auf Profit angelegten Systems. Sie können deshalb auch wieder neue, in dessen Strukturen angelegte Probleme zeitigen.
So führte die Aussetzung der Festbeträge für Kinderarzneimittel zu teils drastischen Preiserhöhungen [6]. Die Forderung nach einer Erhöhung der Lagerbestände geht wiederum an der Realität der modernen „Just-in-time“-Lieferketten vorbei. Ein Ausbau der Lagerbestände wäre zudem mit zusätzlichen Kosten verbunden, die dann wieder auf die Preise aufgeschlagen werden müssten.
Das Voucher-System wird von Firmen wiederum vor allem dann genutzt, wenn sie sich damit einen Vorsprung gegenüber vergleichbaren Produkten der Konkurrenz verschaffen können. Sie erhalten dann vorübergehend eine marktbeherrschende Stellung bei bestimmten Behandlungsmethoden und rufen entsprechend hohe Preise für ihre Präparate auf.
Die Vouchers gehen damit zu Lasten von Menschen, die auf die neuen Wirkstoffe angewiesen sind, sie sich unter den gegebenen Umständen aber nicht leisten können. Zu nachhaltigen Fortschritten bei der Bekämpfung von vernachlässigten Tropenkrankheiten haben sie dagegen nicht geführt [7].
Gesundheitsmaximierung statt Gewinnmaximierung
Eine substanzielle Verbesserung bei der Medikamentenversorgung wäre demnach nur dann zu verwirklichen, wenn Grundlagenforschung und die Entwicklung neuer Wirkstoffe stärker in staatliche Verantwortung übergehen würden. Hierfür müssten Forschungsinstitute und universitären Einrichtungen entsprechend ausgestattet werden.
Die Pharmaindustrie wäre dann hauptsächlich für die Herstellung der Medikamente zuständig. Dabei müsste allerdings stärker als derzeit auf eine Preisgestaltung geachtet werden, die eine größere Autarkie in der Medikamentenproduktion ermöglicht.
Dieser Wandel müsste begleitet sein von einem grundlegenden Paradigmenwechsel in der Gesundheitsversorgung. Das oberste Ziel wäre dann nicht mehr „Gewinnmaximierung“, sondern „Gesundheitsmaximierung“. Im Mittelpunkt würden also nicht mehr Zahlen auf einem Konto stehen, sondern der einzelne Mensch und seine Lebensqualität.
Nachweise
[1] Nähere Informationen zu dem Thema finden sich auf der Websit des Deutschen Netzwerks gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten: Was sind NTDs? Dnts.de.
[2] Vgl. Keller, Martina: Erst die Katze – dann der Mensch. Über das Versagen des globalen Pharmamarkts. WDR/Deutschlandfunk/SWR, 16. Dezember 2025.
[3] Vgl. Smiljanic, Mirko: Seltene Krankheiten. Wenn Forschung nicht lukrativ ist. Deutschlandfunk, Hintergrund, 28. Februar 2016.
[4] Vgl. Progenerika.de: So war das Jahr 2025 für den Generika-Markt.
[5] Vgl. Tschorn, Ursula: Was sind Arzneimittel-Rabattverträge? Definition und Funktionsweise; go.pharmazie.com, 16. September 2026. Eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Problematik bietet ein Feature von Katja Scherer: Krank gespart. Warum in Deutschland Arzneimittel fehlen. WDR, 28. Dezember 2025.
[6] Vgl. apotheke-adhoc.de: Fiebersäfte: Preiserhöhung um bis zu 76 Prozent; 25. Januar 2023.
[7] Vgl. Goh, Maple / Outterson, Kevin / Kesselheim, Aaron, S.: Priority without progress: the FDA’s neglected tropical disease voucher program after 18 years; academic.oup.com, 29. Januar 2026.