Exhibitionismus und Prüderie – Der Fall Edathy und Widersprüche in unserer Sexualmoral

Ich stelle mir vor, im Internet wäre ein Video aufgetaucht, das Angela Merkel in eindeutiger Sado-Maso-Pose zeigt. Das Video ist natürlich – wie immer in solchen Fällen – verwackelt, aber es kann doch keinen Zweifel daran geben, dass sich unter der schwarzlackierten Hülle aus Lederstiefeln, stacheldrahtähnlichen Strapsen und Push-up-Panzer der Körper der Kanzlerin herauspellt. In der Hand hält sie eine furchterregende Peitsche, und während sie diese gebieterisch durch die Luft schwingt, wimmert unter ihr am Boden ein südländisch aussehender Mann jammervoll, aber doch mit allen Anzeichen körperlicher Erregung: „Gnade, Herrin! Ich will auch nie mehr Schulden machen!“
Fernsehen und Zeitungen berichten natürlich nur indirekt über das Video, weshalb der Server rasch unter der Last der Zugriffe zusammenbricht. Der gemeinsame Tenor der Berichterstattung ist, wie nicht anders zu erwarten, allgemeine Empörung: „Unsere Kanzlerin … Ansehen in den Schmutz gezogen … Sicherheitslücke … wahrscheinlich ein unverschämter Fake … Intimsphäre achten … auch Politiker haben ein Recht auf
Nachdem der erste Aufschrei der Entrüstung abgeklungen ist, stellen manche vorsichtig die Frage, ob es denn moralisch gerechtfertigt sei, dass die Kanzlerin sich auf diese Weise einen Lustgewinn verschaffe. Bald darauf plädieren die Ersten für eine Verschärfung der Gesetze: Sado-Maso-Praktiken sollten weiterhin erlaubt bleiben, doch wer – wie es bei der Kanzlerin in dem Video der Fall zu sein scheine – eine eindeutige Verletzungsabsicht an den Tag lege, solle künftig mit Bestrafung rechnen müssen. Sex und Gewalt müssten stärker auseinandergehalten werden.
Während andere darauf beharren, sich zu dem Video wegen der mit ihm verbundenen eklatanten Verletzung von Persönlichkeitsrechten nicht zu äußern, gerät die Kanzlerin zunehmend in Erklärungsnot. Erst versucht sie die Angelegenheit wegzuschweigen (und nährt so den Verdacht, alles sei nur Lug und Trug), dann lässt sie sich mit einem halben Dementi vernehmen – die Sequenz sei aus dem Zusammenhang gerissen, es sei nicht so gewesen, wie es das Video nahe lege –, ehe sie schließlich dem Druck der Öffentlichkeit nicht mehr standhalten kann und ihren Rücktritt erklärt.
Was soll eigentlich die ganze Aufregung? frage ich mich, als ich von dem Rücktritt höre. Leben wir denn nicht in einem freien, aufgeklärten Land, in dem jeder nach seiner Façon vögeln kann? Sex vor der Ehe, Promiskuität, offene Beziehungen, Homosexualität, Bisexualität, Transsexualität – sind das alles nicht längst olle Kamellen für uns?
Andererseits: Ist die sexuelle Revolution denn auch bei unseren Politikern angekommen? Gestehen wir auch ihnen das zu, was wir beim Rest der Bevölkerung für normal halten? Oder sind Politiker für uns nicht doch noch immer Neutren, bei denen wir unwillkürlich erschrecken, wenn wir erfahren, dass sie ein Sexualleben haben – ähnlich, wie es Kindern mit ihren Eltern ergeht?
Ja, in Frankreich mag das anders sein. Da kann ein Präsident mit einer Frau verheiratet sein, die sich nackt auf dem Cover einer auflagenstarken Zeitschrift ablichten lässt, und ein anderer Präsident unternimmt nächtliche Motorroller-Ausflüge in ein Liebesnest. Die Republik schmunzelt, sie diskutiert vielleicht Sicherheitsrisiken und fehlende Raffinesse des Liebhaber-Präsidenten – aber sie verurteilt ihn doch nicht wegen seiner amourösen Eskapaden.
Zugegeben: Auch bei uns ist akzeptiert, dass ein politisches Alpha-Tier seine Potenz dadurch unter Beweis stellt, dass es sich mit einer jüngeren Frau paart. Aber schon bei der Übertragung dieser stillschweigend akzeptierten Regel auf den weiblichen Teil der politischen Elite stellen sich Bauchschmerzen ein. Oder würden wir es etwas mit einem anerkennenden Augenzwinkern hinnehmen, wenn „Mutti“ Merkel ihren Professorengatten in die Wüste schicken und sich stattdessen einem Callboy zuwenden würde – selbst wenn dieser fortan nur ihr allein zu Willen wäre?
Wenn wir nun aber unseren Politikern, als wichtigen Repräsentanten der öffentlichen Ordnung und, der Idee nach, vorbildlichen Vertretern unseres Normensystems, sexuelle Freizügigkeit verweigern – könnte es dann nicht sein, dass wir am Ende doch nicht so locker sind, wie wir uns selbst gerne sehen? Dass doch weit mehr Adenauer-Prüderie in unseren Adern zurückgeblieben ist, als wir wahrhaben möchten?
Nehmen wir zum Beispiel diese sorgenschweren Gesichter, die seit geraumer Zeit auf Plakatwänden für Safer Sex werben. Wir erfahren, dass die abgebildeten Personen „es“ machen, und auch, wie sie „es“ machen – aber beides bleibt doch jenseits unserer Vorstellung, weil die Gesichter eine andere Sprache sprechen. Was hängen bleibt, ist die Botschaft, dass man „es“ machen sollte, um die eigene Leistungsfähigkeit unter Beweis zu stellen, so, wie man ja auch jeden Tag sein Häuflein macht, um funktionsfähig zu bleiben.
Ich frage mich, ob all diese vögelnden Kopffüßler nicht symptomatisch sind für ein bestimmtes, am Ideal der kindlichen Reinheit orientiertes Körperkonzept, dessen Bedeutung in letzter Zeit auch auf anderen Feldern zugenommen hat. Dies zeigt sich nicht nur an dem verstärkten Trend zur Intimrasur, sondern auch an einer FKK-Kultur, die für ein unverkrampftes Verhältnis zur Nacktheit plädiert, gleichzeitig aber die sexuelle Erregung, die natürlicherweise dadurch ausgelöst werden kann, anstößig findet.
Man könnte nun lange darüber spekulieren, woher dieser Trend zu einem im Kern regressiven Ideal des Körpers rührt. Ist die Safer-Sex-Kampagne für eine klinisch reine Sexualität daran schuld, der wir durch ihre Übertragung in die Sphäre der kindlichen Reinheit ihren medizinischen Beigeschmack nehmen wollen? Oder wecken die Unüberschaubarkeit und der Leistungsdruck der modernen Gesellschaft in uns den Wunsch nach einer Rückkehr in die Welt der kindlich-unbeschwerten Lust?
Jedenfalls braucht man kein besonderes Kombinationsvermögen, um vorauszusagen, dass ein kindlich-regressives Ideal des Körpers ein geeigneter Nährboden für Pädophilie ist. Oder, vorsichtiger ausgedrückt: dass dieses Ideal im kindlichen Körper seine vollkommenste Entsprechung findet. Das Sammeln und lustvolle Betrachten entsprechender Bilder ist demzufolge eher das Symptom einer allgemeinen soziokulturellen Entwicklung, als dass es ein normabweichendes Verhalten darstellen würde. Die öffentliche Empörung über Sebastian Edathy, der eben dies getan hat, gleicht denn auch für mich der lauthals bekundeten Abneigung gegenüber Homosexuellen, mit der manche Männer nur ihre eigenen homosexuellen Neigungen verdrängen. Das vermeintlich Andersartige ist hier nur ein Spiegel, in dem man das erkennt, was man an sich selbst nicht zu akzeptieren bereit ist.
Darüber hinaus stellt sich natürlich die Frage, ob man Sebastian Edathy nicht einfach verübelt, dass das Bild des Politiker-Neutrums durch ihn beschädigt worden ist. Indem er für uns als Mensch aus Fleisch und Blut erkennbar wurde, hat sein Fall nämlich ganz nebenbei auch auf die Problematik eines Politikerlebens hingewiesen, in dem man sich nach einem 16-Stunden-Tag nachts in einem sterilen Hotelzimmer wiederfindet. Manch einer mag dann versucht sein, die aufkommenden Einsamkeitsgefühle mit der vorgetäuschten Nähe der Körperwelten des Netzes zu betäuben.
Was soll, so frage ich mich, vor diesem Hintergrund ein Gesetz bewirken, das sich doch vor allem aus dem Wunsch speist, Edathys Verhalten als normwidrig zu brandmarken, es nachträglich als strafbare Handlung einzustufen oder, noch besser: es ungeschehen zu machen? Wollen wir verbieten, dass in Zukunft jemand beim Anblick nackter Kind am Strand sexuell erregt wird? Sollen anzügliche Gedanken künftig schon im Vorfeld zensiert werden? Oder wäre es nicht doch besser, sich über ein Körperbild Gedanken zu machen, das Widersprüche in unserer Sexualmoral offenbart, unsere uneingestandene Prüderie zu thematisieren, die sich ein Ventil in abseitigen Formen von Sexualität sucht und unsere sexuellen Bedürfnisse in Bahnen lenkt, die unser theoretisches Verständnis aufgeklärter sexueller Beziehungen konterkarieren?

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