Die unvollendete Emanzipation

Wie die Emanzipation die Emanzipation behindert

Gastbeitrag von Baronesse Rouge anlässlich des internationalen Frauentages

Lasziv Xavier Pomar

In diesem Jahr begehen die „68er“ ihr 50-jähriges Jubiläum. Instinktiv wäre man wohl geneigt zu sagen, dass damit auch die neuere (west-)deutsche Frauenbewegung 50 Jahre alt wird. Angesichts dieses reflexhaften Impulses, Frauen- und Studentenbewegung gewissermaßen als Unterströmungen eines einheitlichen Proteststroms zu betrachten, erscheint es sinnvoll, noch einmal auf die Widerstände hinzuweisen, mit denen die Studentinnen seinerzeit gerade seitens ihrer männlichen Kommilitonen konfrontiert waren. So warf etwa Helke Sander auf einer Tagung des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) ihren männlichen Genossen 1968 vor, in ihrer abstrakten Argumentationsweise die spezifischen Unterdrückungsverhältnisse, unter denen Frauen zu leiden hätten, auszublenden:

„Wir stellen fest, dass der SDS innerhalb seiner Organisation ein Spiegelbild gesamtgesellschaftlicher Verhältnisse ist. Dabei macht man Anstrengungen, alles zu vermeiden, was zur Artikulierung dieses Konfliktes zwischen Anspruch und Wirklichkeit beitragen könnte, da dies eine Neuorientierung der SDS-Politik zur Folge haben müsste. Diese Artikulierung wird auf einfache Weise vermieden. Nämlich dadurch, dass man einen bestimmten Bereich des Lebens vom gesellschaftlichen abtrennt, und ihm den Namen Privatleben gibt. (…) Diese Tabuisierung hat zur Folge, dass das spezifische Ausbeutungsverhältnis, unter dem die Frauen stehen, verdrängt wird, wodurch gewährleistet wird, dass die Männer ihre alte, durch das Patriarchat gewonnene Identität noch nicht aufgeben müssen.“

[Die Rede ist u.a. abgedruckt in: Schlaeger, Hilke (Hg.): Mein Kopf gehört mir. 20 Jahre Frauenbewegung, S. 12 – 22 (Zitat S. 13). München 1988: Frauenoffensive.]

In der Folge koppelte die Frauenbewegung sich immer stärker von der Studentenbewegung ab und verfolgte ihre Ziele in eigenen, an ihre Bedürfnisse angepassten Organisationsformen. Die Missachtung der besonderen Situation von Frauen in der patriarchalen Gesellschaft durch die männlichen SDS-Mitglieder und deren Unwille, diese Situation durch entsprechende Strategien zu verbessern, weist jedoch auch auf ein strukturelles Problem hin, unter dem die Frauenbewegung im Grunde bis heute zu leiden hat: nämlich auf die Tatsache, dass sie sich innerhalb männlich dominierter Strukturen entfalten musste, die ihrem Wesen – versteht man sie so radikal, wie sie seinerzeit gemeint war – fundamental widersprachen. Einige der problematischen Konstellationen, die sich hieraus ergeben, sollen im Folgenden zur Diskussion gestellt werden:

  1. die freie Verfügung über den eigenen Körper. Vor der 68er-Revolte war der weibliche Körper eine Verfügungsmasse des Mannes. Sex vor der Ehe war verpönt, dafür gab es dort, wo wir heute die Gefahr von Vergewaltigung in der Ehe diskutieren, eine Beischlafpflicht. Frauen, die ihre Schwangerschaft abbrechen wollten, mussten den demütigenden Gang ins Ausland antreten oder sich lebensgefährlichen Eingriffen bei Quacksalbern unterziehen. Und in der Öffentlichkeit trug die anständige Frau natürlich einen Rock – einen Rock, der ihre Weiblichkeit betonen, diese allerdings auch nicht in aufreizender Weise überbetonen sollte.

Gerade am weitgehenden Wegfall solcher Kleidernormen lässt sich erkennen, wie selbstverständlich die Freiräume sind, die sich Frauen im Umgang mit dem eigenen Körper erstritten haben. Abgesehen von einigen wenigen öffentlichen Anlässen ist es heute jeder Frau selbst überlassen, wie sie sich kleidet. Wenn frau möchte, kann sie heute das ganze Jahr über in Jeans und Turnschuhen herumlaufen. Im Sommer kann sie sich aber auch nach Gutdünken für luftigere Kleidung entscheiden. Diese kann schlicht zweckmäßig sein – Schlabber-T-Shirt, ausgebeulte Shorts und Flip-Flops –, aber auch die Freude am eigenen Körper herausstellen und dessen Formen betonen.

Hierbei ergibt sich nun jedoch das Problem, dass diese Freiheit im Umgang mit dem eigenen Körper sich in einem Umfeld vollzieht, in dem der weibliche Körper weiterhin als Objekt männlicher Begierden und Machtphantasien missbraucht wird. Dies gilt für die Werbung, in der der weibliche Körper in verkaufsfördernder Weise mit dem Produkt verbunden und so zu etwas Warenförmigem herabgewürdigt wird, ebenso wie für die direkte Degradierung des weiblichen Körpers zu einem käuflichen, der Gewalt der Mannes unterworfenen Objekt in Prostitution und Pornographie.

Der freiheitlich-emanzipatorische Diskurs, der Frauen beim lockeren Umgang mit dem eigenen Körper bestimmt, trifft so auf den überkommenen patriarchalischen Diskurs, in dem Frauen nur als Objekte in einer von männlichen Subjekten gelenkten Welt fungieren. Dadurch besteht die Gefahr, dass der emanzipatorische Code im alten, patriarchalischen Sinn decodiert wird, die subjektiv empfundene Freiheit also objektiv die Gefahr neuer Unfreiheit heraufbeschwört.

Konkret führt dies dazu, dass Frauen in bestimmten Situationen – etwa beim abendlichen Spaziergang im Park oder nachts in der U-Bahn – ihre körperliche Freiheit nur um den Preis einer erhöhten Gefahr männlicher Übergriffe ausleben können. Darüber hinaus hat auch die jüngste Diskussion um Burka- und Burkini-Verbote, bei der weibliche Nacktheit im öffentlichen Raum speziell von Männern als Ausdruck westlicher Freiheit eingefordert worden ist, gezeigt, wie stark der emanzipatorische Diskurs hier von dem Anspruch des Mannes, freie Sicht und damit das Gefühl des jederzeitigen Zugriffs auf den weiblichen Körper zu haben, vereinnahmt worden ist.

Ob im Namen der „droits de l’homme“ die Nacktheit des weiblichen Körpers oder im Namen der Scharia dessen Verhüllung propagiert wird, ist damit letztlich nur ein gradueller Unterschied. In beiden Fällen geht es um die Verfügungsgewalt des Mannes über den weiblichen Körper.

  1. uneingeschränkte Teilhabe am Arbeitsmarkt. In der Nachkriegszeit war man zunächst in frühere Verhaltensmuster zurückgefallen, bei denen die Frau sich um „Heim und Herd“ zu kümmern hatte, während der Mann den Lebensunterhalt der Familie verdiente. Dies begünstigte auf Seiten der Frauen ein Gefühl der Entmündigung und des Abgeschnittenseins vom öffentlichen Leben, in dem frau nur als Anhängsel des Mannes, als „Gattin von“, vorkam. Haushalt und Familie wurden so für die Frau zu einem Käfig, den sie nur unter Aufsicht des Mannes verlassen durfte. Wollte sie einer Arbeit nachgehen, so musste sie dafür in der Bundesrepublik bis 1957 eine schriftliche Erlaubnis ihres Gatten, des „Haushaltsvorstands“, vorlegen, der auch allein als „geschäftsfähig“ galt. Und noch bis 1976 konnten Männer unter Verweis auf eine mögliche Verletzung der „Haushaltspflichten“ verlangen, dass ein Arbeitsverhältnis ihrer Gattinnen aufgelöst wurde.

Dies ist heute bekanntermaßen nicht mehr so. Frauen haben heute nicht nur freien Zugang zum Arbeitsmarkt, sondern können sich auch in ehemals reinen Männerdomänen (Kfz-Mechaniker, Elektroinstallateur, Dachdecker etc.) beruflich betätigen. Dies bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass damit das mit der Forderung nach Teilhabe am Arbeitsleben verbundene Ziel – ein selbstbestimmtes Leben zu führen – erreicht worden wäre. Denn die Rahmenbedingungen, unter denen das Arbeitsleben sich bei uns vollzieht, haben sich ja nicht grundlegend verändert.

Zwar gibt es durchaus Arbeitstätigkeiten, durch die man/frau sich selbst verwirklichen und sozial eingebunden fühlen kann. Allerdings haben bei Weitem nicht alle Beschäftigten das Glück, einer solchen Arbeitstätigkeit nachgehen zu dürfen – und das möglichst noch in Form einer Festanstellung mit allen Schikanen. Noch immer wird die Gesundheit zahlreicher Menschen durch Schichtarbeit ruiniert, noch immer werden Tätigkeiten im Interesse eines zweckrationalen Betriebsablaufs in kleinste Einheiten segmentiert und so für diejenigen, die sie ausführen, ihrer Sinnhaftigkeit beraubt. Etliche andere Erwerbstätigkeiten sind schon in sich selbst monoton und bieten keine kreativen Freiräume. Und die zahlreichen prekären Beschäftigungsverhältnisse, die zudem auch den Konkurrenz- und Erwartungsdruck bei den nicht prekär Beschäftigten erhöht haben, wirken sich gewiss auch nicht stressmindernd aus.

Wer einer solchen Arbeit – die de facto ja gar keine Arbeit ist, sondern eine automatisierte Tätigkeit, die bei nächster Gelegenheit von echten Automaten übernommen wird – nachgeht, tut dies nicht, um sich selbst zu verwirklichen, sondern schlicht deshalb, weil er auf den Lohn für seine Sklavendienste angewiesen ist.

Nun mag es Frauen geben, die angesichts des entfremdenden Charakters unserer Arbeitswelt doch lieber zu Hause bleiben wollen. Sie sehen sich dabei allerdings mit dem Problem konfrontiert, dass die gesellschaftlichen Normen in Bezug auf die Rolle der Frau, verglichen mit den 1950er Jahren, mittlerweile in ihr Gegenteil umgeschlagen sind. Eine Frau, die sich heute gegen eine Teilnahme am Erwerbsleben entscheidet und vielleicht ihre Mutterrolle mit kreativen Formen von Heimarbeit oder auch mit sozialem oder ökologischem Engagement verbindet, steht automatisch unter Rechtfertigungsdruck.

Dass diese normative Neugewichtung der Frauenrolle sich so vollständig und verhältnismäßig schnell vollzogen hat, liegt nicht zuletzt daran, dass sich sowohl der Staat als auch die Arbeitgeber Vorteile davon versprechen. Der Staat profitiert davon, indem er Mütter in materieller Not mit fürsorglicher Geste auf die Vorzüge finanzieller Selbstbestimmung verweisen und sie zur Arbeitsagentur schicken kann. Und die Arbeitgeber können sich so über ein größeres Angebot an Arbeitskräften freuen, was bei – infolge zunehmender Automatisierungsprozesse und Produktionsverlagerung ins Ausland – tendenziell abnehmender Nachfrage den Preis für die Einheit Arbeitskraft reduzieren helfen und die Gefügigkeit der Belegschaft verbessern kann.

Besonders problematisch ist diese Entwicklung für allein erziehende Frauen. Wenn Gleichberechtigung hier so interpretiert wird, dass die Zumutbarkeit für die Annahme von Arbeitsstellen immer großzügiger ausgelegt wird, während gleichzeitig der Druck auf die Väter, ihren Unterhaltsverpflichtungen nachzukommen, abnimmt, werden Frauen letztlich zu Opfern einer falsch verstandenen bzw. mutwillig missgedeuteten Emanzipation.

 

  1. Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Diese heute selbstverständliche Forderung war nie der Traum der 68er-Frauen. Denn ihnen ging es ja gerade um die Überwindung der alten Familie, als der Keimzelle der bürgerlichen Gesellschaft, deren autoritäre, postfaschistische Strukturen sie zu überwinden trachteten. Ihr Ideal waren vielmehr neue Formen des Zusammenlebens der Geschlechter, bei denen Vater und Mutter nicht mehr auf bestimmte Rollen festgelegt wurden und dieses Rollenverständnis demzufolge auch nicht an ihre Kinder weitergaben. Verwirklicht werden konnte dies am ehesten über eine Durchbrechung des Vater-Mutter-Kind-Schemas in kommuneförmigen Wohnprojekten, die den Kindern eine Vielfalt an Bezugspersonen boten.

Es ist zwar keineswegs so, dass diese Bemühungen um eine Abkehr von der traditionellen Familie folgenlos geblieben wären. Es gibt mittlerweile vielfältige Formen von Patchworkfamilien, Familien mit gleichgeschlechtlichen Eltern und Mehrgenerationenprojekte, die die hermetische Enge der alten Familienstrukturen aufbrechen. Nichtsdestotrotz ist die Familie auch heute noch die Keimzelle der Gesellschaft. Wenn Frauen gleichberechtigt am Erwerbsleben teilnehmen wollen (oder sollen), ist daher die Frage entscheidend, ob sich die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern hier im Vergleich zu früher entscheidend geändert hat.

Dabei muss man wohl feststellen: Trotz Elternzeit und Hausmannromantik bleibt der Großteil der „Reproduktionsarbeit“ noch immer an den Frauen hängen. Damit hat die Gleichberechtigung hier de facto eine Mehrbelastung der Frau zur Folge. Denn in aller Regel ist sie es eben, die neben ihrer Erwerbstätigkeit auch noch für die häuslichen Arbeiten zuständig ist und den Hauptteil der Kindererziehung zu tragen hat. (In der DDR und anderen realsozialistischen Ländern, wo beide Geschlechter gleichermaßen in das Arbeitsleben eingebunden waren, hatten Frauen diese Erfahrung schon viel früher gemacht. Die Verhältnisse, von deren Abschaffung ihre Geschlechtsgenossinnen im Westen träumten, assoziierten sie daher mit Freiräumen, die ihr eigener Staat ihnen versagte.)

Auch hier ist es denkbar, dass frau sich eines Tages fragt, warum sie eigentlich die Erfüllung ihres Daseins darin sehen soll, Barcodes über den Scanner einer Discounterkasse zu ziehen, während gleichzeitig eine Tagesmutter ihre Erfüllung in der Erziehung der von ihr an diese abgegebenen Kinder finden darf. (Übrigens: Warum gibt es eigentlich keine „Tagesväter“?) Aber selbst wenn es sich dabei um eines jener „gebärfreudigen“ Muttertiere handeln sollte, nach denen die Herren unserer Rentenkassen lechzen, wird der Wunsch nach einer vorübergehenden Konzentration auf die Mutterrolle doch mit dem Stigma der Rückständigkeit behaftet bleiben.

Einerseits stellt „man“ es also als eine Art patriotische Pflicht der Frauen dar, dem deutschen Staat ausreichend Rentenzahler zu gebären. Erfüllt frau jedoch diesen Wunsch und möchte sich dann auch selbst um den Nachwuchs kümmern, so dankt man ihr dies mit Herablassung und der Unterstellung, arbeitsscheu zu sein.

Diese Abwertung der Mutterrolle färbt auch auf den Fürsorgebereich im Allgemeinen ab. Dieser in einem kapitalistischen, auf Produktion und Wachstum ausgerichteten System ohnehin mit Argwohn betrachtete – weil nicht gewinnträchtige – Bereich wird so noch weiter abgewertet. Die Leidtragenden sind auch hier die Frauen, die im Pflege- und Erziehungsbereich nach wie vor den Großteil der Arbeitskräfte stellen.

Paradoxerweise hat die Forderung nach einer gleichberechtigten Teilhabe am Arbeitsleben die Ungleichbehandlung von Frauen damit teilweise sogar noch verstärkt und zu einer Verfestigung der Geringschätzung jener Arbeitstätigkeiten beigetragen, die als „typisch weiblich“ gelten.

  1. Frauen an die Macht! Das Ziel der Frauenbewegung war es von Anfang nicht nur, Frauen die schlichte Teilhabe und Mitwirkung an der Gesellschaft zu ermöglichen. Vielmehr sollten Frauen durch die Übernahme gesellschaftlicher Führungspositionen auch zur Transformierung der alten patriarchalischen Strukturen beitragen.

Wenn man sich heute umsieht, ist kaum zu bestreiten, dass in dieser Hinsicht durchaus Erfolge zu verzeichnen sind. Wir haben eine Bundeskanzlerin, eine Verteidigungsministerin und eine Frau an der Spitze einer der zentralen Institutionen des globalen Kapitalismus, des IWF. Und zumindest im Falle unserer Bundeskanzlerin wird „man“ – ohne deshalb ein begeisterter Anhänger ihrer Politik sein zu müssen – wohl zugeben können, dass sie andere Umgangsformen kultiviert als die Patriarchen Adenauer und Kohl oder das Alphatier Schröder.

Hinzu kommt, dass sich – allen Widerständen männlicher Seilschaften zum Trotz – auch in der Wirtschaft die Anzahl weiblicher Führungskräfte sukzessive erhöht. Dabei belegen Untersuchungen, dass dies sogar eine höhere Produktivität bewirkt, da Frauen in Führungspositionen vorausschauender und verantwortungsbewusster mit Ressourcen umgehen. Auf der sozialen Ebene hat dies einen schonenderen Umgang mit der Belastbarkeit von Arbeitskräften und demzufolge einen geringeren Krankenstand zur Folge (vgl. u.a. die vom Peterson Institute for International Economics, Washington, 2015 hierzu vorgelegte Studie).

In der Summe gilt allerdings nach wie vor: This is a man’s world! Dies bedeutet, dass Frauen sich, wollen sie in dieser Welt zu Macht und Ansehen gelangen, an deren Regeln anpassen müssen. Sie müssen also, grob gesagt, ein Stück weit „männliche“ Verhaltensformen annehmen und „männliche“ Denkmuster internalisieren, um in der Männerwelt akzeptiert zu werden.

Diese Tendenzen werden noch verstärkt durch den Gender-Diskurs, der die Mann-Frau-Polarität hinterfragt und die Assoziierung spezifischer Eigenschaften mit den Geschlechtern auf soziale Zuschreibungsprozesse und eine darauf aufbauende Sozialisation zurückführt. Zu Recht wird vor diesem Hintergrund gefragt, warum Frauen als „Karriereweiber“ und „Mannweiber“ diskreditiert werden, wenn sie nach Macht streben, während dasselbe Verhalten bei Männern als Durchsetzungsstärke und Führungskompetenz interpretiert wird. Ganz offensichtlich beruhen derartige Diffamierungen auf dem alten Topos des „edlen Weibes“, das zu gut ist für diese Welt und deshalb besser zu Hause bleiben sollte.

Auf der anderen Seite geht mit der teilweisen Anpassung von Frauen an die Regeln der Männerwelt die ursprüngliche Hoffnung der Frauenbewegung, durch eine Beteiligung von Frauen an der Macht der Gesellschaft ein menschlicheres Gesicht zu geben, verloren. Besonders deutlich wird dies, wenn es als Beleg für die Modernität und Aufgeklärtheit einer Gesellschaft gilt, dass auch Frauen Soldatinnen oder Jägerinnen werden, das Handwerk des Tötens also ebenso routiniert und geschäftsmäßig betreiben können wie Männer.

Man kann nicht sagen, dass Frauen damit wider ihre Natur handeln – und wenn, dann gilt das ebenso für Männer. Dennoch zeigt diese Entwicklung, dass die Frauenbewegung dabei ist, eine ihrer zentralen Utopien – die einer Welt, in der die Umgangsformen nicht mehr am steinzeitlichen „Wer-hat-den-Größten“-Habitus ausgerichtet, sondern von einer tief empfundenen Wertschätzung und Achtung vor jedem einzelnen Leben geprägt sind – zu verspielen.

  1. Gleichberechtigung als Gleichbehandlung. Um ihrer Forderung nach gesellschaftlicher Gleichberechtigung Nachdruck zu verleihen, pochten emanzipationsbewusste Frauen anfangs auch auf strikte Gleichbehandlung. Dies schloss beispielsweise auch bestimmte Formen männlicher Höflichkeit – wie etwa die Praxis, Frauen in den Mantel zu helfen – aus, weil frau darin nur eine andere Ausdrucksform männlicher Herrschaft erblickte. Ziel war es, das Klischeebild des „schwachen Weibes“ zurückzudrängen und es durch die Vorstellung einer eigenen, genuin weiblichen Stärke („Frauen-Power“) zu ersetzen.

Sprachlich drückte sich dies in einem Protest gegen die männlich geprägte Begriffswelt aus, in der Frauen stets nur implizit mitgemeint waren, also nur in ihrer Funktionalität innerhalb der patriarchalischen Gesellschaft vorkamen. Als Folge hiervon spricht der politisch korrekte Diskurs heute von „Wählerinnen und Wählern“, „Studentinnen und Studenten“, „Bürgerinnen und Bürgern“ etc.

Als im Zuge des Gender-Diskurses die Grenzen zwischen den Geschlechtern zu verschwimmen begannen und die mit „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ verbundenen Eigenschaften als Produkte sozialer Zuschreibungen statt als Resultate biologischer Konstitution beschrieben wurden, erwies sich die anfangs als fortschrittlich empfundene Sprachregelung jedoch als hinderlich. Denn diese betont ja gerade die Polarität der Geschlechter und schließt so Misch- und Übergangsformen, die im Rahmen der Intersexualitäts- und Transgender-Debatte verstärkt Beachtung finden, aus. Um die alte Bipolarität zu überwinden, werden daher seit einiger Zeit verstärkt neutrale Begriffsformen („Studierende“, „Wählende“ etc.) propagiert.

Das Problem dabei ist allerdings, dass bei aller Offenheit für neue, die alten Geschlechterrollenklischees durchbrechende Verhaltensformen und Denkmuster doch die körperliche Konstitution von Männern und Frauen unterschiedlich bleibt. Diese Banalität zu missachten, hatte etwa in der Medizin lange Zeit schwerwiegende Folgen für Frauen. Indem hier nämlich stillschweigend am männlichen Körper orientierte Diagnose- und Behandlungsformen auf Frauen übertragen wurden, übersah „man“ etwa allzu oft die Anzeichen für einen Herzinfarkt, der sich bei Frauen grundlegend anders äußert als bei Männern. Gleichberechtigung manifestiert sich damit hier gerade in „Ungleichbehandlung“, also in der Etablierung eigener Behandlungs- und Diagnoseformen für Frauen.

Das Beispiel zeigt, dass die Gender-Forderung nach einer Aufweichung und Überwindung der alten Geschlechterrrollenklischees nicht mit der Ebene des „Sexus“ – also der biologischen Konstitution und den Erfordernissen im Umgang mit ihr – konfundiert werden darf. Andernfalls besteht die Gefahr, dass die Emanzipation sich gerade bei so zentralen Aspekten wie dem der Gesundheitsvorsorge gegen die Frauen selbst richtet.

Wie man sieht, besteht das zentrale Problem der Frauenbewegung darin, dass diese als evolutionärer Prozess innerhalb der Strukturen einer patriarchalen Gesellschaft angelegt war. Daraus ergab sich die Gefahr, dass emanzipatorische Ideen ihrerseits von den Strukturen, die durch eben diese Ideen verändert werden sollten, affiziert, neutralisiert oder gar in ihr Gegenteil verkehrt werden konnten.

Dieses strukturelle Problem ließe sich nur dann überwinden, wenn wir – wenigstens für eine Übergangszeit – zum Matriarchat zurückkehren würden. Dann ließen sich zahlreiche Missstände auf einen Schlag beheben. Frauen würden per Erlass als Vorstandsvorsitzende der großen Unternehmen eingesetzt, männliche Vorstandsmitglieder einstweilen nur als „Quotenmänner“ geduldet. Erzieherinnen würden das gleiche Gehalt beziehen wie Studienräte, Krankenschwestern und Altenpflegerinnen wie Fußballer entlohnt (deren Gehalt sich dadurch ganz von selbst auf ein normalsterbliches Maß reduzieren würde). In der Schule gäbe es das Fach „HSK“ – Hauswirtschaft, Säuglingspflege und Kindererziehung –, in dem speziell männliche Kinder und Jugendliche unterrichtet würden. Und statt einer Scharia-Polizei hätten wir dann vielleicht eine „Maria-Polizei“, die Männer für anzügliche Blicke zur Rede stellen und sie bei der Gelegenheit auch gleich dazu auffordern würde, ihre schweißnassen Bierbäuche vor dem empfindsamen weiblichen Blick zu verhüllen.

 

Bild: Xavier Pomar: Lasziv, 2011. Quelle: flickr.com: Xavier Pomar

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: