Ennui, Rebellion und Eskapismus – Deutschsprachige Liedermacher 1965 – 1985

In einer mehrteiligen Reihe geht es ab heute auf rotherbaron um die Zeit von 1965 bis 1985 im Spiegel ausgewählter Werke deutschsprachiger Liedermacher. Den Anfang macht Franz-Josef Degenhardts Lied Deutscher Sonntag, eine Art Sittengemälde des bundesdeutschen Alltags im Jahr 1965.

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Teil 1: Franz Josef Degenhardt: Deutscher Sonntag

Die Bundesrepublik Deutschland im Jahr1965

1965 befand sich das deutsche Wirtschaftswunder auf seinem Höhepunkt: Das Nettoeinkommen der Erwerbstätigen stieg um 6,5 Prozent, es wurde fleißig konsumiert und für den Erwerb kostspieliegerer Konsumgüter gespart, man ließ auf ausgedehnten Busreisen die Postkartenidyllen südlicher Landschaften an sich vorüberziehen und genoss die größer werdende Freizeit.

Die Arbeitslosigkeit lag 1965  bei 0,7 Prozent. Praktisch herrschte also nicht nur Vollbeschäftigung, sondern Arbeitskräftemangel. So hatte man schon seit 1955 Anwerbeabkommen mit anderen Ländern abgeschlossen, um ausländische Arbeitnehmer nach Deutschland zu holen. Auf das erste Abkommen mit Italien waren Abkommen mit Griechenland und Spanien (1960), der Türkei (1961), Marokko und Südkorea (1963) sowie Portugal (1964) gefolgt. Bevor die Reihe der Abkommen 1968 mit Jugoslawien abgeschlossen wurde, wandte man sich 1965 an Tunesien.

Es ist interessant zu sehen, wie anders man damals, als man auf sie angewiesen war, auf ausländische Arbeitnehmer schaute. Zwar ging es auch seinerzeit nicht um kulturellen Austausch. Was man suchte, waren vielmehr „Gastarbeiter“, zeitlich befristete Arbeitssklaven, die man wieder wegschicken wollte, wenn sie ihre Schuldigkeit getan hatten. Dennoch war man weit davon entfernt, Menschen, die wegen der besseren wirtschaftlichen Lage in Deutschland ihrer Heimat den Rücken zuwandten, als „Wohlstandsflüchtlinge“ zu diskreditieren. Auch bekam niemand hektische Flecken und keifte hysterisch von „Islamismus“ oder „kultureller Entfremdung“, weil Menschen aus Nordafrika zeitweilig in Deutschland lebten und arbeiteten.

Der einzige Wermutstropfen für die von ihrer wirtschaftlichen Wiederauferstehung berauschten Deutschen war 1965 die Inflation, die mit 3,24 Prozent relativ hoch war. Die Bundesbank mahnte vor diesem Hintergrund vor einer Überhitzung der Konjunktur und forderte eine rigidere Haushaltspolitik. Tatsächlich rutschte Deutschland 1966/67 auch in die erste Rezession der Nachkriegszeit: Die Arbeitslosigkeit stieg 1967 auf 2,1 Prozent, erstmals seit Kriegsende waren die Staatsausgaben deutlich höher als die Einnahmen.

Verglichen mit späteren Wachstumseinbrüchen war zwar auch diese Konjunkturdelle relativ harmlos. Dennoch reichte sie aus, eine allgemeine Krisenstimmung zu befeuern. Die Gründe dafür lagen weniger in der wirtschaftlichen Entwicklung selbst als vielmehr in der vorherigen Verklärung des „Wirtschaftswunders“, das fast schon als eine Art Religionsersatz fungierte und so alles andere überstrahlte. Es vermittelte einem das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben, und verhinderte so eine Auseinandersetzung mit der Verstrickung der Einzelnen in die nationalsozialistischen Verbrechen.

Die Folgen davon konnten am 10. März 1965 beobachtet werden, als der Deutsche Bundestag über die Frage debattierte, ob Mord auch weiterhin nach 20 Jahren verjähren sollte. Hintergrund waren die im Namen der nationalsozialistischen Ideologie begangenen Morde. Zwar einigte sich der Bundestag damals auf eine Verlegung des Stichtags, ab dem die Verjährungsfrist berechnet werden sollte, auf das Gründungsjahr der Bundesrepublik (1949), ehe 1979 nach mehreren weiteren Debatten die Verjährung für Mord komplett abgeschafft wurde. 1965 aber sprach Rainer Barzel, der Fraktionsvorsitzende und spätere Kanzlerkandidat der CDU/CSU, im Bundestag noch von der „Ehre der deutschen Soldaten“, die bei einer Verlängerung der Verjährungsfrist ebenso wenig beschädigt werden dürfe wie die Ehre jener, die nur aus „politischem Irrtum“ gemordet hätten. Seine Argumentation folgte damit eben jenem Gedanken eines angeblichen „Befehlsnotstands“, mit dem auch später noch immer wieder die Verbrechen von „Hitlers  willige[n] Vollstreckern“ – so der Titel des bahnbrechenden Werks von Daniel Goldhagen über den Holocaust (1996) – entschuldigt wurden.

Diese realitätsferne Trennung der Deutschen in eine Riege ehrenhafter Staatsdiener und eine Clique barbarischer Nazi-Horden, die Erstere zu Taten gezwungen hätten, die ihrem eigentlichen Wesen fremd gewesen seien, spiegelte sich auch in dem politischen Führungspersonal der Bundesrepublik wider. So wurde nach den Bundestagswahlen 1965 mit Richard Jaeger ein Politiker zum Justizminister ernannt, der 1933, im Jahr der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, in die SA eingetreten war. Seit 1949 hatte er ununterbrochen dem Bundestag angehört. Einen Namen gemacht hatte er sich vor allem dadurch, dass er ein entschiedener Befürworter der Wiedereinführung der Todesstrafe war, sich aber gleichwohl nach den Nürnberger Prozessen für die Aufhebung der Todesurteile gegen NS-Kriegsverbrecher eingesetzt hatte. Als Vizepräsident des Deutschen Bundestags tat er sich 1970 dadurch hervor, dass er sich gegen den Auftritt von Hosen tragenden Frauen im Parlament aussprach.

Von außen betrachtet, hatte das deutsche Wirtschaftwunder damit etwas Gespenstisches an sich. Während die konservative Elite es als Ausweis nationaler Größe deutete und die Arbeitstugend der Deutschen mit einer allgemeinen Tugendhaftigkeit gleichsetzte, die Krieg und Nationalsozialismus überdauert hätte, gab sich die breite Mehrheit der Bevölkerung mit einer kindlich wirkenden Lust der bunten Welt des Konsums hin. Unter dieser scheinbar sorglosen, auf Hochglanz polierten Oberfläche wucherten die Gräuel der Vergangenheit weiter, all die Verbrechen, an denen die „anständigen Deutschen“ angeblich keine Schuld traf. Es war ein Leben wie in einer der alptraumhaften Visionen Alfred Kubins, ein Leben wie auf einem Vulkan, der jederzeit von neuem ausbrechen konnte.

Franz Josef Degenhardts Deutscher Sonntag – ein sonntägliches Sittengemälde

Eben diese Atmosphäre einer bedrohlichen Behaglichkeit klingt auch in Franz Josef Degenhardts Lied Deutscher Sonntag aus dem Jahr 1965 an. Der Liedermacher beschreibt darin einen typischen deutschen Sonntag jener Zeit, mit Kirchgang,  Sonntagsbraten, nachmittäglichem Verdauungsspaziergang und abendlichen „Mattscheibenspäßchen“.

Dass die Aufzählung der Sonntagsrituale Unbehagen verursacht, liegt zunächst an dem Unfreien, Gezwungenen, das die immer gleichen Abläufe ausstrahlen. Dies scheinen auch die Betreffenden selbst so zu empfinden – was etwa deutlich wird, wenn die Frauen ihre Männer „heimlich vorwärts schieben“, da diese lieber in die Kneipe als in die Kirche gehen würden. Daneben sorgt jedoch auch die Wortwahl dafür, dass sich Gefühle des Widerwillens einstellen. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn vom „Bratenschweiß“ die Rede ist, der aus den „Fenstern dampft“, oder von den Mägen, die in der „fette[n] Stille“ „quellen“.

Das Lied spricht das Bedrohliche, das unter der Oberfläche des scheinbar friedlichen Sonntags lauert, jedoch auch direkt an. So tauchen an zwei Stellen plötzlich beängstigende Geräusche auf, deren Herkunft nicht eindeutig geklärt werden kann. In einem Fall handelt es sich dabei um einen nicht näher definierten Schrei, im anderen um einen Knall.

Dass damit auf die vergangenen Kriege angespielt wird, wird deutlich, wenn als Zielorte der Nachmittagsspaziergänge „Schlachtfeldstätten“ genannt und die „Greise“ erwähnt werden, die auf den Parkbänken „an Sedan denken“. Die rührseligen Volkslieder vom „Wiesengrund“, wo „am Bach ein Birklein stund“, kontrastieren dabei auf dissonante Weise mit den ‚geröhrten‘ Chören der Stammtischbrüder, die ihre Soldatenlieder grölen, um „im Geiste mitzutreten, / mitzuschießen, mitzustechen“.

In der Summe gerinnt die Sonntagsruhe so zu einer Friedhofsruhe, die wie ein Intermezzo zwischen zwei Kriegen erscheint. Dadurch, dass die Gräueltaten des eigenen Volkes entweder hinter der Fassade eines brüchigen Friedens verborgen oder zu Heldentaten umgedeutet werden, dadurch, dass das Verhalten der Einzelnen ebenso selbstgefällig-pharisäerhaft bleibt wie vor dem Krieg, wären die Betreffenden auch jederzeit wieder zu einem neuen Krieg zu verführen. Das Ergebnis ist eine Art von Gemütlichkeit, die empfindsame Gemüter  – wie es in dem Lied heißt – ‚frieren‘ lässt

Degenhardt, Franz Josef: Deutscher Sonntag; aus: Spiel nicht mit den Schmuddelkindern (1965)

        Liedtext

 

Bild: BetsyArt: Retro (pixabay)

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