Trump und wir

Was der Trumpismus mit uns macht

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„US-Präsident Donald Trump“ – ich weiß noch genau, wie lachhaft, wie unvorstellbar das vor drei Jahren klang. Heute ist es Normalität. Und genau das ist das Problem: Wir erschrecken nicht mehr darüber, dass eine Weltmacht von einem Psychopathen regiert wird. Mich macht es immer wieder fassungslos, mit welcher Selbstverständlichkeit mittlerweile über die Politik dieses Präsidentendarstellers berichtet wird.

Deshalb gibt es zu dem Thema heute gleich zwei kürzere Texte von mir. Einer ist im Stil der politischen Miniaturen gehalten und versucht, der Problematik mit dem Mittel der Verfremdung beizukommen. Der andere nimmt auf die jüngsten Eskapaden des präsidentiellen Egomanen Bezug.

Politische Miniaturen: Trump.

Das Gift der Gewöhnung. Der Trumpismus darf nicht alltäglich werden.

 

Politische Miniaturen:

Trump

Als die Wahlen zur Stadtviertelführung anstanden, stellte sich auch einer zur Wahl, den in deinem Bekanntenkreis alle nur „den Rüpel“ nannten. Sein Markenzeichen ist es, andere niederzubrüllen, anstatt mit ihnen zu reden, sie lächerlich zu machen, anstatt sich mit ihnen auseinanderzusetzen, jede Lüge zur Wahrheit zu erklären, sofern sie aus seinem Mund kommt, und ganz bewusst erpresserische Mittel einzusetzen, um die eigenen Ziele zu erreichen.

Unmöglich, dass so jemand die Wahl gewinnen kann, dachtest du.

Zwar wird die Entscheidung am Ende doch knapper, als du angenommen hast. Dennoch atmest du am Wahlabend zunächst erleichtert auf, als du von dem Stimmenvorsprung der Gegenkandidatin hörst. Erst als dir wieder bewusst wird, dass ja nach Wohnblöcken abgestimmt wird, stockt dir der Atem. Denn nach dieser Zählweise liegt der Rüpel vorn.

Viele – auch du – versuchen sich zunächst mit dem Gedanken zu beruhigen, dass das Amt des Stadtviertelführers irgendwie auf den Rüpel abfärben und ihn zur Mäßigung anhalten werde. Aber weit gefehlt: Wie ein B-Movie-Monster, das breitbeinig vom höchsten Hochhaus der Stadt herabbrüllt, stolziert er durch euer Viertel und verkündet: „Ich bin der beste Führer aller Zeiten, und ihr sollt keine anderen Führer haben neben mir!“

An seinem Ziel angelangt, benimmt er sich wie ein Hund, den man von der Kette gelassen hat. Er bellt und beißt den lieben langen Tag, bis er seine Gegner in Grund und Boden gekläfft hat. Worte oder gar ganze Sätze muss er dafür nicht von sich geben. Nun, da er Stadtviertelführer ist, müssen andere sein Gebell deuten. Und wehe, dies geschieht nicht zu seiner Zufriedenheit! Dann werden die Missverstehenden schneller weggebissen, als sie „Wau“ sagen können.

Je länger der bellende Beißer an der Macht ist, desto häufiger ertappst du dich dabei, wie deine anfängliche Verachtung für ihn in eine Art ängstliche Bewunderung umschlägt. Denn so abstoßend das Auftreten des Pitbull-Polterers auch sein mag – seine Methoden sind durchaus erfolgreich. Dein Viertel gehört zu den reichsten der Stadt – die anderen Viertel können es sich schlicht nicht leisten, es sich mit ihm zu verderben. So heben viele sich ihre Rachgelüste für später auf und tun einstweilen, wozu sie erpresst werden.

Auch du selbst hast dich schon in der Kunst des subtilen Drohens geübt. Zudem legst du bei deinen Äußerungen längst nicht mehr so viel Wert darauf, dass sie der Wahrheit entsprechen. Wichtiger ist dir, dass Gespräche zu dem von dir gewünschten Ergebnis führen – und zwar möglichst rasch und ohne die langwierige Berücksichtigung von allerlei Einwänden und Bedenken. Vorbei sind nun die Zeiten lästigen Argumentierens. Im Notfall ziehst du einfach einen Lügen-Trumpf aus der Tasche. Wenn du den nur laut genug auf den Tisch knallst, bringt er die anderen – so hast du festgestellt – todsicher zum Schweigen.

So verändert sich deine Welt, ohne dass du es merkst. Das Zerrbild, das du und dein heimlich verehrtes Idol über sie gelegt haben, ist schon so dicht gewebt, dass die wahren Konturen der Welt kaum noch zu erkennen sind. Und wer die Wahrheit der Lüge leugnet, wird einfach niedergebellt, bis er genauso taub und tumb ist wie die, deren Gottgleichheit er in Frage gestellt hat.

 

Das Gift der Gewöhnung

Der Trumpismus darf nicht alltäglich werden

Die Gewöhnung – das ist das Schlimmste an Donald Trump. Wir haben uns daran gewöhnt, dass der Präsident der immer noch führenden Weltmacht seine Verlautbarungen als Twitter-Stummelsätze in die Welt rülpst. Und wir empfinden es nicht als Widerspruch hierzu, darüber zu diskutieren, welche Ziele der Gernegroß im Weißen Haus mit seiner Politik verfolgt.

Als hätte dieser Präsidentendarsteller andere Ziele als die eigene Glorie! Als wäre er überhaupt imstande, die Strategiepapiere seiner Berater zu verstehen! Als hätte er ein Interesse daran, die Baby-Bildchen zu studieren, in die sein Betreuerstab die Vorhaben der ihn umwabernden Camarilla für ihn übersetzt!

Nordkoreanische Freunde, iranische Terroristen

Auch wenn der Anti-Präsident auf dem Präsidententhron den nordkoreanischen Diktator hofiert, gegenüber dem Iran aber jahrelange diplomatische Kärrnerarbeit mit einem Federstrich zerstört, erkennen wir darin keinen Widerspruch. Wir fragen nicht nach den Interessen, die dahinter stehen, nach der teuren amerikanischen Ölförderung via Fracking, die aufgrund der – eben durch die Abschneidung des Iran vom Ölmarkt – erhöhten Ölpreise rentabler wird. Wir akzeptieren es, dass eine Diktatur mit einer Atombombe hofiert und eine Diktatur ohne Atombombe kriminalisiert wird; dass Diplomatie also nur dort als Mittel der Verständigung eingesetzt wird, wo es aufgrund der militärischen Stärke des Gegners unumgänglich erscheint.

Wir übernehmen sogar die Sprachregelung der amerikanischen Fake-Zelebranten und bezichtigen den Iran der Erpressung, wenn er eine entschiedenere Haltung der europäischen Friedensapostel gegen die Sanktionen der USA einfordert. Dass der wahre Erpresser im Weißen Haus sitzt und alle Welt mit eigenen Sanktionen bedroht, die sich nicht seiner Politik der Aushungerung des Iran beugen, nehmen wir gar nicht mehr wahr.

Selbst unser Bild des Iran lassen wir uns von den Soap-Terroristen der Washingtoner Administration diktieren. Der Iran – das sind für uns nur noch die bösen Mullahs, die die Welt mit Terror und Verderben überziehen wollen. Dass es auch hier Hardliner und kompromissbereite Reformer gibt, interessiert uns nicht mehr. Dass der Iran über eine jahrtausendealte Kultur verfügt, von der die Instant-Kultur der USA so weit entfernt ist wie ein Schnellrestaurant von orientalischer Esskultur – geschenkt. Dass „der Iran“ keineswegs identisch ist mit dem ihm aufgepfropften Mullah-Regime – egal. Der Feind muss durch und durch böse sein, sonst würde die Hand am Knopf des Bombenwerfers vielleicht doch vor der Tat zurückschrecken.

DER STAAT BIN ICH!

Die USA – das war für uns einmal das Land der „Bill of Rights“, die Wiege der Menschenrechte, zumindest was ihre Übertragung in eine Verfassung anbelangt. Jetzt finden wir es auf einmal ganz normal, dass hier ein Präsident permanent am Kongress vorbeiregiert, dass unliebsame Medien als „Volksfeinde“ verunglimpft werden und das Unabhängigkeit der Justiz durch die Einsetzung mullahhafter Richter bedroht wird.

Längst benehmen wir uns gegenüber dem Psychopathen jenseits des großen Teichs wie Menschen, die in einer Beziehung krankhaft auf eine andere Person fixiert sind. Wir ducken uns nicht nur weg vor den verbalen Schlägen, mit denen der Gewaltverherrlicher uns dafür abstraft, dass wir uns nicht seinen militaristischen Neigungen beugen. Wir entschuldigen uns sogar dafür, nicht so waffengeil zu sein wie er, und geloben für die Zukunft Besserung.

Erpressung als Mittel der Politik

Erpressung ist für uns zu einem akzeptablen Mittel der Politik geworden. „Wenn du mir nicht gibst, was ich haben möchte, hau‘ ich dir aufs Maul“ – das klingt in unseren Ohren nicht mehr nach Schulhof-Rambo. Stattdessen verhalten wir uns wie Box-Fans, die auf der Tribüne verfolgen, ob der von ihnen favorisierte Schläger oder doch dessen Gegner über die bessere Schlagtechnik verfügt. Wir akzeptieren eine Politik der Stärke, die allein darauf beruht, mit Drohgebärden kurzfristige Interessen durchzusetzen. Der Abscheu gegenüber dem bekennenden Manierenmissachter ist heimlicher Bewunderung gewichen: Endlich mal einer, der dem China-Express ein Stopp-Schild hinhält! Der langfristige Schaden, der mit dieser ostentativen Verweigerung diplomatischer Rücksichtnahme und einer Kooperation auf Augenhöhe verbunden ist, wird gar nicht mehr bedacht.

Die Methode Trump macht Schule

„US-Präsident Donald Trump“ – es erschreckt uns nicht mehr, diese Wortverbindung zu hören. Stattdessen färbt die Würde des Amtes auf unsere Wahrnehmung dieses Egomanen ab, der die ganze Welt in Gefolgsleute und Gegner einteilt. So hat seine Art, sich einfach seine eigene Realität zusammenzulügen und alles zu leugnen, was ihr widerspricht, längst weltweit Nachahmer gefunden. Überall auf der Welt blüht auf einmal die Rücksichtslosigkeit auf, die skrupellose Durchsetzung eigener Macht- und Wirtschaftsinteressen. Zahlreiche Trump-Nachahmer kopieren die zynische Kriminalisierung der Armen, nachdem sie gesehen haben, dass dies mehr Erfolg verspricht als jedes noch so ausgefeilte Sozialprogramm. Selbst diejenigen, denen eine solche Politik schadet, folgen ihr ja, wenn man ihnen nur eindringlich genug vorgaukelt, dass sie selbst auf der Seite der Starken stehen.

Spiegelbild Trump

So stellt sich am Ende die beunruhigende Frage, wie es so weit kommen konnte, dass die lustvolle Leugnung der Normalität Normalität werden konnte. Und hier müssen wir uns wohl eingestehen: Die Realsatire, die derzeit im Weißen Haus aufgeführt wird, hätte nie Realität werden können, wenn sie nicht längst in der Luft gelegen hätte. Das Skript für die Aufführung dieses Theaterstücks war längst geschrieben – es musste nur noch jemand die Bühne betreten, der skrupellos genug war, die Hauptrolle zu übernehmen.

Trumps gigantische Grenzmauer ist nichts Neues. Sie ist nur die übersteigerte Vision einer Grenzziehung, die auch in Europa schon seit Jahren betrieben wird. Die Haltung des „America first“ ist nur das offene Bekenntnis zu einer egozentrischen, im Wortsinn mörderischen Rücksichtslosigkeit, die auch andernorts schon seit Längerem gängige Politik ist. Warum teilen, wenn man alles für sich selbst haben kann? Wozu Verständigung suchen, wenn man anderen seinen Willen aufzwingen kann? Weshalb in einen Dialog eintreten, wenn man die Glaubwürdigkeit anderer durch Diffamierungskampagnen so nachhaltig beschädigen kann, dass niemand ihnen mehr zuhört?

Die Präsidentenkarikatur im Weißen Haus hält folglich uns allen den Spiegel vor. Wozu es führen kann, wenn dieses verzerrte Spiegelbild seinen Schrecken verliert und man sich am Ende gar in es verliebt, müssten wir in Deutschland eigentlich am besten wissen.

 

Bild: Jackie Ramirez (USA): Trump-Danger (Pixabay)

  3 comments for “Trump und wir

  1. Mai 13, 2019 um 2:59 am

    Nein, die Gegenkandidatin hätte ich nie gewollt. Trump gibt der Hässlichkeit des Imerpiums ein Gesicht, das ist immerhin ehrlich. Gruss von Regulus

    Gefällt 1 Person

    • Mai 13, 2019 um 9:13 am

      Herzliche Grüße zurück!- Es gibt aber auch in diesem „Imperium“ viele demokratische und tolerante Menschen, die unter dieser Regierung leiden. Dies betrifft vor allem KünstlerInnen, WissenschaftlerInnen, Intellektuelle, aber auch Menschen anderer Hautfarbe, mit Behinderungen und anderer sexueller Orientierungen. Trotz allem war die USA ein Land der Bürgerrechte. Der Rassismus war nie tot, aber unter der Decke. Jetzt ist die Stunde von Rassisten und Verächtern der Demokratie angebrochen und die „Guten“, die dieses Land hat, leiden. Außenpolitisch ist das Ganze auch verheerend …und Trump setzt einen Trend, der auch in anderen Ländern salonfähig wird: Erdogan, Orban ……..usw. Wir sollten uns an diesen Psychopathen und seinen kindischen Narzißmus, seine Rüpelhaftigkeit und Gewalt auf keinem Fall gewöhnen.

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      • Mai 13, 2019 um 2:33 pm

        Da stimme ich auf jeden Fall zu. Ich denke, die Menschen haben noch gar nicht realisiert, wie gross das Leiden ist.

        Gefällt 1 Person

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