Finnland: Tango, Blues und Rock-Philosophen

Nordische Musikkulturen. Musikalische Sommerreise 2019, 7. Etappe

Konsta Jylhä ja kaustislaisen soittajasuvun vesa Jari Valo vuonna 1969.

Luftgitarrespielen, Handy- und Gummistiefelweitwurf, Frauentragen – Finnland ist berühmt für seine originellen Wettbewerbe. So ist es nicht überraschend, dass sich auch die finnische Musikkultur durch eine große Experimentierfreude auszeichnet, die immer wieder erfrischend neue musikalische Ansätze hervorbringt.

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INHALT:
Tanzeruption in einem Lavatanssit
Finnische Volksmusik
Der finnische Tango
Finnland singt den Blues
Finnland tanzt Humppa
Finnische Sprache und finnische Musik
Philosophische Rock-Musik
Musikalische Experimente
Links
Songs mit deutschen Übersetzungen
Tehosekoitin: Luulen niin
Pariisin Kevät: Kesäyö.
Paavoharju: Valo tihkuu kaiken läpi
Lau Nau: Elina
Kuusumun Profeetta- Ei aurinko milloinkaan laske

Tanzeruption in einem Lavatanssit

Der erste, den ich in Finnland näher kennengelernt habe, war: der Muskelkater. Ich wusste zwar, dass die Finnen einen Hang zu ausgefallenen Bewegungen haben: Luftgitarrespielen, Handy- und Gummistiefelweitwurf, Frauentragen – das alles wird gerne auch in eigenen Wettbewerben zelebriert (1). Sogar für das Steckenpferdreiten gibt es mit den „Hobby Horse Championships“ ein spezielles Veranstaltungsformat (2).

Nicht vorbereitet war ich allerdings auf die Tanzleidenschaft der FinnInnen, die sich teilweise ebenfalls in recht unkonventionellen Bewegungsformen Bahn bricht. Ich war kaum angekommen, da befand ich mich auch schon mitten in einem „Lavatanssit“ – einem traditionellen Tanzbühnenfest, für das es natürlich ebenfalls eigene Wettbewerbe gibt. De facto beschränkte sich das Tanzen allerdings nicht auf eine einzelne Bühne. Stattdessen war der ganze Ort ein einziges Meer von Tanzenden, die in und aus den diversen Lokalen quollen und draußen in der Fußgängerzone einfach weitertanzten, bis sie sich irgendwann lachend und prustend in die Arme fielen.

Orna Wachmann couple-4197322_1920Sich dem zu entziehen, war schlicht unmöglich. Nicht lange, und ich war nur noch ein Tropfen in einem Strom anderer tanzender, hüpfender, springender Tropfen – allerdings ohne mit den ungewohnten Bewegungen vertraut zu sein. Die Quittung war meine Bekanntschaft mit dem ungebetenen Gast in meinem Körper, der an meinen Muskeln zerrte wie ein junges Kätzchen an einem Wollknäuel.

Was ich jetzt schon gelernt habe, ist: Den Menschen in Finnland liegt ihre Musik im Blut. Sie ist für sie eine natürliche Ausdrucksform, eine andere Form von Sprache. Grund genug, sich ihre Musikkultur einmal genauer anzuschauen.

Finnische Volksmusik

1835 veröffentlichte Elias Lönnrot die so genannte Kalevala, eine Zusammenstellung von ihm bearbeiteter altfinnischer und karelischer Mythen und Heldensagen (3). Das 1849 in erweiterter Form erschienene Werk gilt heute als finnisches Nationalepos. Zusammen mit der 1840 herausgebrachten Volksliedsammlung Kanteletar (4) stärkte Lönnrot so das Bewusstsein für die kulturellen Wurzeln seiner Landsleute und legte die Grundlage für die Pflege des eigenen Kulturguts.

Musikstücke, die auf den von Lönnrot aufgezeichneten mündlichen Überlieferungen der finnischen Volkskultur beruhen, werden als „Kalevala-Musik“ bezeichnet. Die im Finnischen als „runo“ bezeichneten Lieder werden gerne im traditionellen Wechselgesang vorgetragen. Als Begleitinstrument dient oft die Kantele, eine griffbrettlose Kastenzither, die außer in Finnland auch in Estland und bei den in Finnland und Russland lebenden Kareliern gebräuchlich ist.

Der bedeutendste finnische Komponist, Jean Sibelius, war in seinem Frühwerk ebenfalls von der finnischen Volkskultur beeinflusst. Dies blieb auch nicht ohne Einfluss auf seine späteren Werke, in denen er die finnische Heimat und Natur zum Klingen bringt. Sibelius ist bis heute ein wichtiger Orientierungspunkt für die klassische finnische Musik. Nach ihm war auch die in Helsinki und Kuopio angesiedelte Sibelius-Akademie benannt, die 2013 mit der Theater- und der Kunstakademie zur Universität der Künste Helsinki vereinigt wurde. Der Pflege der klassischen Musikkultur dient auch die verhältnismäßig hohe Dichte an Sinfonieorchestern, von denen es in Finnland über 30 gibt.

Konsta Jylhä ja kaustislaisen soittajasuvun vesa Jari Valo vuonna 1969.

Einen gänzlich anderen Traditionsstrang stellt die „Pelimanni-„(Spielmanns-)Musik dar (5). Diese entwickelte sich im 17. Jahrhundert aus mittel- und osteuropäischen Einflüssen und war vornehmlich für die Tanzvergnügungen zuständig. Bevorzugtes Instrument war anfangs die Fiedel, später kamen noch Akkordeon und Klarinette hinzu. Auch die Kantele wurde, ergänzt um zusätzliche Saiten, teilweise für diese Art der Musik adaptiert. Bevorzugte Tänze waren, entsprechend den osteuropäischen Wurzeln, anfangs Polka und die spezifisch-skandinavische Spielart der Polska, ein aus der Polonaise und anderen höfischen Tänzen hervorgegangener Paartanz. Später wurde das Repertoire um weitere Tänze – wie etwa den Walzer – erweitert.

Die Volks- und Folkmusik wird heute in Finnland auch auf speziellen Festivals gepflegt. Diese haben zudem den musikalischen Traditionen anderer in Finnland lebender Völker – insbesondere der Samen und der Karelier – zu neuer Aufmerksamkeit verholfen. Internationale Berühmtheit hat das bereits seit 1968 bestehende Folk-Festival im westfinnischen Kaustinen erlangt.

Die Festivalkultur ist in Finnland allerdings generell sehr lebendig. Allein für Jazzfreunde gibt es mehr als 20 Festivals – was u.a. daran liegt, dass Jazzmusik durch ein eigenes Pop- und Jazzkonservatorium in Helsinki besonders gefördert wird (6). Auch für andere Musikliebhaber wird jedoch viel geboten. Von Opern- und Kammermusikfestspielen über Bluesfestivals bis hin zu Orgelnächten und Akkordeon-Festivals ist für jeden etwas dabei (7).

Der finnische Tango

Couple Dancing Tango1913 führte ein dänisches Tanzpaar im Hotel Börs in Helsinki den Tango vor, der damals gerade die europäischen Tanzsäle eroberte. Auch in Finnland erfreute sich der Tanz sogleich großer Beliebtheit. Dies erklärt sich nicht zuletzt aus der besonderen Situation, in der sich das Land damals befand. Im Zuge der finnischen Nationalbewegung hatte man die 1905 in Russland einsetzenden revolutionären Unruhen dafür genutzt, mit einem Generalstreik eine größere Unabhängigkeit von der damaligen russischen Oberhoheit zu erlangen. Nachdem diese Bemühungen zunächst von Erfolg gekrönt waren und in ein neues, liberaleres Wahlrecht gemündet hatten, setzte 1909 eine erneute Russifizierungswelle ein.

Der Tango bot vor diesem Hintergrund ein Ventil für das Gefühl der Unfreiheit und der Vergeblichkeit der Bemühungen, diese zu überwinden. Die sehnsuchtsvollen Tangoklänge wurden dabei in Finnland zu einer Moll-Variante „heruntergedimmt“. Im Vordergrund steht nicht die leidenschaftliche Ekstase, durch die das Ich die ihm in der Realität gesetzten Grenzen tanzend überschreiten kann. Stattdessen ist der finnische Tango eher eine Art getanzter Trost, ein Versuch, sich in schwierigen Zeiten aneinander festzuhalten.

Der Verknüpfung des Tangos mit der Sehnsucht nach kultureller Selbstbestimmung entsprachen auf der Ebene der Texte Anleihen bei der finnischen Volksliedtradition. Diese Tendenz verstärkte sich, als Finnland nach der 1917 erlangten Unabhängigkeit zu Beginn des Zweiten Weltkriegs erneut von der Sowjetunion angegriffen wurde. In der Folge kam es zeitweise sogar zu einem Verbot des Tangos durch die Machthaber, die darin offenbar ein unterschwelliges Aufbegehren gegen ihren Herrschaftsanspruch witterten. Nichtsdestotrotz entstanden gerade in dieser Zeit bedeutende finnische Eigenproduktionen von Tangomusik, wie etwa Syyspihlajan alla („Im Herbst unter der Eberesche“) von Arvo Koskimaa oder Liljankukka („Die Lilie“) von Toivo Kärki (8).

Nachdem der Tango sich so zu einem Element der nationalen Selbstvergewisserung entwickelt hatte, blieb er auch in der Nachkriegszeit äußerst populär. Zuvor eher in den städtischen Tanzlokalen zu Hause, wurde er nun auch vermehrt bei Dorffesten getanzt. Den Höhepunkt erreichte der Siegeszug des Tangos in den 1960er Jahren, als er, mit dem Tangosänger Reijo Taipale als nationalem Zugpferd, in den Charts mit der nun auch in Finnland populären Beatles-Kultur konkurrierte.

Danach wurde der Tango kurzzeitig von Einflüssen der internationalen Musikszene in den Hintergrund gedrängt. Vor allem die jüngere Generation orientierte sich nun eher an den modernen Rock- und Pop-Klängen – wobei auch hier rasch die Bemühung um eine eigenständige Adaption dieser musikalischen Trends einsetzte (s.u.). Mit dem 1985 im westfinnischen Seinajöki ins Leben gerufenen „Tangomarkt“ erhielt der Tango jedoch einen erneuten Popularitätsschub, der ihn noch fester in der finnischen Tanz- und Musikkultur verankerte. Die Tangokönige und -königinnen, die alljährlich auf dem Tangofestival gekürt werden, steigen rasch zu Stars der Tangoszene auf, denen in Finnland die Tür zu einer Karriere als professionelle Tänzer offen steht.

Mittlerweile gibt es noch weitere Tangofestivals in Finnland, etwa das winterliche „Snow-Tango-Festival“ und das Festival des „Welttangos“ im südfinnischen Tampere (9).

Finnland singt den Blues

Wer den Tango mag, sollte eigentlich auch etwas für den Blues übrig haben. Und richtig: Auch der Blues hat in Finnland Wurzeln geschlagen. So konstatiert der Blues-Gitarrist Esa Kuloniemi: „Wir Finnen neigen zur Melancholie, wir mögen Tango, russisch-slawisch gefärbte Musik. Der Blues entspricht uns Finnen irgendwie“ (10).

Kerttu sunset-1367090_1920Nachdem der Blues in den 1960er Jahren zunächst als „Beifang“ der internationalen Pop- und Rock-Kultur nach Finnland gelangt war, entwickelte sich, angeführt von der Band Chicago Overcoat, im darauffolgenden Jahrzehnt allmählich eine eigenständige Blues-Szene. Dabei bemühte man sich ausdrücklich nicht, das Original zu kopieren, sondern nutzte den Blues-Stil als Basis für eigene musikalische Experimente. Laut dem Blues-Musiker Micke Bjorklof entspricht dies auch dem Wesen des Blues, der „offen für alles“ sei. Demzufolge sind „die eigenständigsten finnischen Bluesbands“ für ihn auch „die, die sich nicht als reine Bluesartisten verstehen, die sich selbst einbringen, die in erster Linie Künstler sind“ (10).

Ein aktuelles Beispiel für eine finnische Blues-Sängerin ist Mirel Wagner, eine Singer-Songwriterin aus Espoo bei Helsinki mit äthiopischen Wurzeln. Für ihr Debütalbum When the cellar children see the light of day ist sie 2014 mit dem Nordic Music Award ausgezeichnet worden. Wagner stört sich nicht daran, dass viele es „exotisch“ finden, „wenn ein finnisches Mädchen mit dunkler Haut amerikanischen Blues singt“. Mit ihrer Musik folge sie einfach ihren Gefühlen. Der Blues ist also schlicht der passende Ausdruck für das, was sie bewegt (11).

Wagners Texte weisen, wie der Titel des Albums bereits vermuten lässt, eine klar sozialkritische Tendenz auf. So heißt es etwa in dem Song The Dirt, in dem, verbunden mit einem eindrucksvollen Videoclip, die Ausweglosigkeit eines Lebens in Armut besungen wird: „You can’t drink the dirt, (…) you can’t eat the dirt, (…) you can’t breathe the dirt, (…) but you’ll be in the dirt“ (12). In dem Song No Death, der die Klage einer Mutter um ihr totes Baby thematisiert, steigert sich die Sozialkritik fast zu einem Schmerzensschrei über das alltägliche Elend, in dem so viele Menschen leben müssen.

Finnland tanzt Humppa

Ende der 1950er Jahre präsentierten ein paar Musiker in einer finnischen Radiosendung eine parodistische Version eines Foxtrotts, der in den 1930er Jahren durch das Dallapé-Orchester in Finnland populär geworden war. Es sollte ein Gag sein – aber aus dem Gag wurde der bis heute erfolgreichste Tanz Finnlands. Als die Tanzbegeisterten nach mehr verlangten, ging aus dem Radio-Spaß eine Band hervor, die mit ihrem Namen (Humppa-Veikot: „Humppa-Jungs“) auch die Bezeichnung für den neuen Tanz prägte. „Humppa“ erwies sich dabei als sehr einprägsamer Begriff, weil er sprachlich den Rhythmus nachbildet, der für den Tanz charakteristisch ist. Sein Erfinder, Antero Alpola, soll hierzu von der Bezeichnung für Tuba spielende Musiker auf dem Münchner Oktoberfest inspiriert worden sein (13).

Nach einer ersten Erfolgswelle ebbte die Begeisterung für den Tanz in den 1970er JahrenEläkeläiset_-_Ilosaarirock_2013_-_06 Wikimedia allmählich ab. Das änderte sich, als die 1993 gegründete Band Eläkeläiset („Die Rentner“) begann, Cover-Versionen bekannter Songs im Humppa-Stil aufzunehmen. Der parodistische Effekt des Humppa wurde dabei noch durch schräge Instrumente wie singende Sägen oder ein Schlagzeug aus Keksdosen verstärkt. Hinzu kam, dass die Liedtexte oft nicht wortgetreu übersetzt, sondern in gezielt humoristischer Weise ins Finnische übertragen wurden.

Die Band nahm bald auch ausländische Veranstaltungsorte in ihre Tourneelisten mit auf. So wurde ihr Markenzeichen – Humppa-Musik und deren Nutzung für parodistische Cover-Versionen – auch im Ausland populär. Mittlerweile gibt es auch andernorts, u.a. in Deutschland, entsprechende Musikgruppen.

In Finnland hat sich das Rad der Musikgeschichte unterdessen schon wieder weitergedreht. So vermischt die 2009 gegründete Band Jaakko Laitinen & Väära Raha („Falschgeld“), deren Mitglieder aus Lappland stammen, die Humppa-Musik mit Balkan-Folk. Dem entspricht auch eine Erweiterung der Instrumentenpalette um Bouzouki, Trompete und Kontrabass. Das Ergebnis ist eine Tanzmusik, die auch jüngeren Menschen auf unwiderstehliche Weise in die Beine fährt (14).

Finnische Sprache und finnische Musik

In einem Interview aus dem Jahr 2014 beklagt sich der junge finnische Rapper Noah Kin darüber, dass die großen Musiklabels in Finnland Songs in der Landessprache bevorzugen würden. Dies benachteilige ihn als Rapper massiv, da die finnische Sprache sich nicht für Rap-Songs eigne: „Im Englischen kannst du Worte ausspucken, wenn du aber Finnisch singst, musst du die Worte zerhacken, viele kannst du einfach nicht strecken, wie du willst, ohne den Sinn zu ändern – Finnisch hat keinen Flow“ (11).

Diese Äußerung ist in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich. Zunächst einmal lenkt sie den Blick auf die Tatsache, dass dem Singen in der Muttersprache in Finnland eine größere Bedeutung beigemessen wird als in anderen nordischen Ländern. Dies muss nicht unbedingt als Ausdruck von Borniertheit gewertet werden. Vielmehr lässt sich darin bei einem Land, das auf eine jahrhundertelange Geschichte der Fremdherrschaft zurückblickt, auLylyTregfinland-991244_1920ch ein Schutzreflex sehen, ein Versuch, die eigene kulturelle Identität zu bewahren. Verstärkt werden könnte dieser Impuls dadurch, dass das Finnische nicht – wie die anderen nordischen Sprachen – zur germanischen, sondern zu der viel kleineren finno-ugrischen Sprachfamilie gehört.

Hinzu kommt, dass die Aneignung fremder Musikstile in Finnland stets auch über das Mittel einer Übertragung der Texte in die Muttersprache erfolgt ist. Das Nachsingen in der eigenen Sprache war in vielen Fällen eine Form des Lernens, durch die einem die neuen Stile allmählich ins Blut übergingen. Das Ende dieses Lernprozesses waren eigene Werke, die dann zuweilen – in einer Umkehrung dieses Prozesses – wieder ins Englische übersetzt oder gleich in der Weltsprache geschrieben wurden, um sich auch im Ausland Gehör zu verschaffen.

Dies lässt sich gut am „Suomi-Rock“ beobachten, der in den 1960er Jahren mit finnischen Cover-Versionen englischer Top-Hits startete, ehe im darauffolgenden Jahrzehnt Künstler wie Juice Leskinen vermehrt mit eigenen Rock-Songs an die Öffentlichkeit traten (15). Und heute assoziiert man mit der finnischen Rock-Musik Bands wie Sunrise Avenue oder HIM, die mit ihren Welterfolgen in der englischen Sprache zu Hause sind bzw. waren (HIM hat sich 2017 aufgelöst) und ihrerseits von anderen Bands gecovert werden.

Philosophische Rock-Musik

Der vielleicht interessanteste Aspekt an der Äußerung von Rapper Noah Kin ist aber, dass er der finnischen Musik die Eignung für Rap-Musik abspricht. Dies mag stimmen oder auch nicht – es wirft, als Selbstauskunft eines Rappers, aber in jedem Fall ein Schlaglicht auf den Zusammenhang von finnischer Sprache und Musik. Auffallend ist nämlich, dass überdurchschnittlich viele finnische Songs – entsprechend der oben zitierten Aussage des Blues-Gitarristen Esa Kuloniemi, wonach die Finnen einen Hang zur Melancholie hätten – eine reflexive und/oder melancholische Tendenz aufweisen.

Auch die Rock-Musik stellt hier keine Ausnahme dar. So hat die legendäre Rock-Band Tehosekoitin („Mixer“), die von 1991 bis 2004 existierte, mit ihrer 14 Minuten langen Rock-Oper Luulen niin („Mir scheint“) fast so etwas wie ein finnisches Dust in the Wind vorgelegt – allerdings mit einer deutlich philosophischeren Durchdringung der Thematik. Und die Band Pariisin Kevät („Pariser Frühling“) besingt in ihrem Song Kesäyö („Sommernacht“) eine Art von Kairos, einen Augenblick außerhalb der Zeit, in dem das Leben unvermittelt in seinem Wesen erfahrbar wird. Das Dämmerlicht finnischer Mittsommernächte, das in seiner Aufhebung der klaren Grenze zwischen Tag und Nacht den gewohnten Rhythmus des Lebens durchbricht, erscheint dabei als nahe liegender Ausgangspunkt für einen solchen vorübergehenden Austritt aus der Zeit.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob der finnische Hang zur Melancholie auch in der Sprache Spuren hinterlassen hat. Weist diese womöglich eine Affinität zu kontemplativeren Liedtexten auf, während ihr das aggressive Stakkato des Rap fremd ist?

Silu_Seppala_Leningrad_Cowboys_1995Vielleicht ist es aber auch gar nicht in erster Linie die finnische Sprache, die sich gegen den assoziativen Sprach-„Flow“, wie er für den Rap charakteristisch ist, sperrt. Möglich ist auch, dass dieser der finnischen Musikkultur widerspricht – für die eben nicht eine assoziativ-intuitive, sondern eher eine reflexive Herangehensweise an die Musik kennzeichnend ist. Dies gilt durchaus auch für die zahlreichen parodistischen Musikformate, die es in Finnland gibt. Schließlich ist die humoristische Auseinandersetzung mit dem musikalischen Original ja nur möglich, wenn dessen Wesen zuvor reflexiv durchdrungen worden ist. Zu denken ist hierbei nicht nur an die Humppa-Bands, sondern auch an die Rock-Parodisten der Leningrad Cowboys mit ihren ironischen Coverversionen bekannter Songs und ihren phantasievollen Bühnen-Outfits. Ironie schließt dabei immer auch Selbstironie mit ein.

Musikalische Experimente

Die finnische Musikkultur weist nicht nur eine große Originalität in der Adaption fremder Musikstile auf. Vielmehr zeichnet sie sich auch sonst durch eine große Experimentierfreude aus, die immer wieder erfrischend neue musikalische Ansätze hervorbringt.

Sturrax Finnland aurora-2232730_1920So kombiniert etwa die Band Paavoharju in ihrem Song Valo tihkuu kaiken läpi („Das alles durchdringende Licht“) elektronische Musik mit kontemplativem Gesang, der durch die leichte Hallwirkung Anklänge an den Kirchengesang aufweist. Dies passt gut zu dem Liedtext, der eine Art von Epiphanie-Erfahrung thematisiert: das plötzliche Hervorbrechen des wahren Wesens des Seins hinter dem alltäglichen Erscheinungsbild der Dinge. Dem entspricht auch die Grundausrichtung der Band, bei der es sich um ein musikalisches Projekt asketischer Christen handelt.

Ebenfalls psychedelischer Natur ist die Musik von Laura Naukkarinen (Künstlername Lau Nau). Die Künstlerin, die auch Film- und Theatermusik komponiert, setzt dabei allerdings vermehrt auf klassische Instrumente. Ihre Lieder sind oft sehr persönlicher Natur. So verknüpft sie in dem Videoclip zu ihrem Song Elina traumartige Bildsequenzen mit einem nostalgischen Rückblick auf das vergangene Leben des eigenen oder eines fremden Ichs. „Elina“ ist abgeleitet von „Helena“, was auf Griechisch „leuchten“ oder „strahlen“ bedeutet. Demnach scheint das Lied also um den verlorenen „Glanz“ früherer Jahre zu kreisen.

Die 1994 zunächst unter dem Namen Moon Fog Project gegründete Gruppe Kuusumun Profeetta um Bandleader Mika Rättö kombiniert Rock-Musik mit Elementen von Jazz und klassischer Musik. Entsprechend dieser Crossover-Ausrichtung wird die Band auch gerne unter dem Label „Progressive Rock“ einsortiert. Stilprägend sind allerdings eher die philosophischen Texte Rättös, die den Songs oft das Gepräge von Singer-Songwriter-Musik geben. Gleichzeitig weisen die Lieder teilweise jedoch auch Anklänge an die traditionelle finnische Volksliedkultur auf. So taucht man in Ei aurinko milloinkaan laske („Die Sonne geht nie unter“) in einen ganzen Kosmos philosophischer Fragestellungen ein, die mitten hineinführen in die uralten Menschheitsthemen, um die auch Mythos und Volkssagen kreisen.

Links

(1) Frietsch, Martina: Finnland: Skurrile Weltmeisterschaften; planet-wissen.de, 29. August 2018.

(2) Kaiser, Peter: Reiten auf dem „Hobby Horse“: Das netteste Pferd auf der ganzen Welt; Deutschlandfunk Kultur, Nachspiel, 9. Juni 2019.

(3) Asplund, Anneli / Mettomäki, Sirkka-Liisa Mettomäki: Kalevala: Das finnische Nationalepos; thisisFinland, finland.fi, herausgegeben vom finnischen Außenministerium, Oktober 2000, aktualisiert 2017 [mit weiterführenden Links]; ferner:

Heider, Hildburg (Redaktion): Der finnische Orpheus. Musik des Kalevala [mit Hörbeispielen]. Schweizer Radio und Fernsehen (SRF), Passage, 25. Juli 2011 (Sendung wiederholt am 7. Juli 2017).

(4) Bosley, Keith: Finland’s other epic: The Kanteletar; finland.fi, herausgegeben vom finnischen Außenministerium, März 2000 [mit ins Englische übersetzten Beispielen von Liedtexten].

(5) Moll, Michael und Christian („The Mollis“): Die spinnen, die Finnen; 33. Bardentreffen Nürnberg, 1. bis 3. August; FolkWorld 37 (11/2008) [mit Hörbeispielen zu finnischer Volksmusik, die im Mittelpunkt des Festivals stand].

(6) Die Zeit: Was hört Finnland? (ohne Autorenangabe); zeit-online.de, 8. November 2006.

(7) Eine Übersicht über die bedeutendsten finnischen Festivals findet sich auf Finland festivals (festivals.fi).

(8) Vgl. die Einspielungen von Henry Theel mit dem Dallapé-Orchester (Syyspihlajan alla, 1942) bzw. mit dem Rytmi-Orchester (Liljankukka, 1945).

(9) Jaakkola, Jutta: Finnischer Tango: Geschichtliche Entwicklung und stilistische Merkmale; Informationszentrum der finnischen Musik, 2000; gepostet auf fintouring.de.

(10) Zitate entnommen aus: Gürtler, Bernd: Musikszene in Nordeuropa: Wie der Blues nach Finnland kam; Deutschlandfunk Kultur, Tonart, 28. Mai 2015.

(11) Zitate entnommen aus: Greiner, Steffen: Von Elchen, Skwee und weißen Nächten: So klingt Finnland; intro.de, 18. August 2015.

(12) Videoclip zum Song von Mirel Wagner: The Dirt; Liedtext in den Kommentaren.

(13) Vgl. wikipedia.com: Humppa.

(14) Vgl. das Porträt von global-Music.de über Jaakko Laitinen & Väära Raha (mit Hörbeispiel).

(15) Svenja & Mareen: Coversongs in Finnland. Von Humppa bis Metal; balticcultures.uni-greifswald.de, 24. August 2016.

Mehr Links zu Finnland  in Teil 1 der Musikalischen Sommerreise 2018:  Mit dem fliegenden Teppich nach Nordkarelien

 

Songs mit deutschen Übersetzungen

Tehosekoitin: Luulen niin

aus: Varoittava esimerkki (1998)

Liedtext mit englischer Übersetzung

Freie Übertragung:

Mir scheint

Unbedeutend, vergeblich –
alles auf der Welt ist so vergeblich.
Was war, wird sein,
endlos dreht sich das Rad der Zeit.
Die Sonne geht auf, die Sonne geht unter,
der Wind weht über ihren Tod hinweg,
so scheint mir,
so scheint mir.

So habe ich mich darangemacht,
alles mit meinem Geist zu durchdringen,
alles, was getan wird und was geschieht.
Aber ich habe wieder nur Staub gefunden.
Das Falsche kann niemals das Richtige werden,
und wo viel Weisheit ist, da ist auch viel Schmerz,
so scheint mir
so scheint mir.

Also habe ich versucht, glücklich zu sein,
zu tun, was mir Spaß macht,
und die Früchte meiner Anstrengungen zu genießen
in der kurzen Zeitspanne meines Lebens.
Und ich habe mein Leben genossen, bis mir wieder einfiel:
Die Zeit hält nicht an, und sie lässt sich nicht zurückdrehen,
so scheint mir,
so scheint mir.

So wurde ich meines Lebens überdrüssig.
Meine Lieder verflogen im Wind,
im Summen der Fliegen
in meinen Ohren, als ich begriff:
Die Weisen werden sterben wie die Toren,
das Schöne wird verschwinden wie das Böse,
so scheint mir,
so scheint mir.

Für alles kommt die Zeit,
die Zeit wird alles hinwegfegen.
Niemand kann sein Ende
oder sein Schicksal vorhersehen,
deshalb werde ich jeden Moment festhalten.
Es gibt eine Zeit für die Liebe und eine Zeit für den Hass,
so scheint mir,
so scheint mir.

Es kann keinen Zweifel mehr geben,
endlich ist mir klargeworden:
Es ist wichtig, zu verstehen,
dass man das Wichtige nicht verstehen kann.
Das, wovon du reden kannst, kann nicht die Wahrheit sein,
und was du ausdrücken kannst, hat keinerlei Bedeutung,
so scheint mir,
so scheint mir.

Pariisin Kevät: Kesäyö

aus: Kaikki on satua (2012)

Liedtext mit Übersetzungen in mehrere Sprachen

Freie Übertragung

Sommernacht
 
Im Dämmerlicht sitzend,
versank ich in einem Augenblick,
der nie zu enden schien.
Die Stille umfing mich
wie ein lebendiges Wesen und wisperte:
„Hab keine Angst vor der Welt …“
Wir saßen beieinander,
und das Universum schaute auf uns herab.

Und funkelnd übergoss die Sommernacht
mit Tränen mein Gesicht.

Ich erwache an einem Strand,
die Nacht ist heller als der Tag,
die Sternenfähren gleiten in den Morgen.
Eingehüllt in einen Umhang des Vergessens,
weiß ich nicht mehr,
wie ich hierher gelangt bin.
Nur an Luftschiffe kann ich mich erinnern,
die der Himmelsküste entgegenschweben.

Und funkelnd übergoss die Sommernacht
mit Tränen mein Gesicht.

Im Dämmerlicht sitzend,
warte ich noch immer auf den Augenblick,
der nie enden wird,
auf die Stille, die mich umfangen wird
wie ein lebendiges Wesen und mir zuraunen wird:
„Nichts bleibt … Alles entschwindet …“
Lichtschauer fliehen über den Himmel,
fröstelnd spüre ich sie auf meiner Haut.

Und funkelnd übergoss die Sommernacht
mit Tränen mein Gesicht.

Paavoharju: Valo tihkuu kaiken läpi

aus: Yhä hämärää (2005)

Liedtext mit englischer und französischer Übersetzung

Freie Übertragung:

Das alles durchdringende Licht

Wie der Atem der alles umfließenden Luft,
so weht über dem weiten Wasser der Geist
und erweckt in mir eine Sehnsucht
nach einer Sehnsucht.

Zweige, die sich neigen,
die über das Wasser streichen
und mein Spiegelbild verwischen,
hinter dem dein Bild erscheint.

Wellen, die sich wölben
über den Spiegel meiner Seele
und sie reinigen von ihren Bildern,
hinter denen ein klareres Bild aufleuchtet.

Lau Nau: Elina

aus: Poseidon (2017)

Videoclip mit englischer Übersetzung des Liedtextes in den Kommentaren

Freie Übertragung:

Elina

Wenn ich könnte,
würde ich zehn Jahre zurückgehen in der Zeit
und aus den im Wind wehenden Weidenhaaren
ein neues Leben pflücken.

Elina … Elina …

Ich würde mein Kind in die Arme nehmen,
und mit dir an meiner Seite,
versunken in deine auf das Kissen gezeichneten Haare,
würde ich dem Geflüster der Weiden lauschen.

Elina … Elina …

Kuusumun Profeetta- Ei aurinko milloinkaan laske

aus: Jatkuvasti maailmaa pelastamaan kyllästynyt supersankari (2002)

Song mit Liedtext und englischer Übersetzung in den Kommentaren

Freie Übertragung:

Die Sonne geht niemals unter

Die Sonne geht niemals unter,
der Mond und die Sterne entschwinden nicht im Licht des Tages.
Der Regen, die Stürme und der Wind haben für alle dieselbe Realität.
Das Schweigen und der einsame Schrei in der Nacht
kommen aus derselben gequälten Seele,
die ihre Fragen in gebeugter Haltung im Tempel stellt
und dabei auf demselben richtenden, niemals vergebenden Stein kniet.

Gibt es eine absolute Wahrheit,
die den Weg der Gerechten gegenüber den anderen Wegen auszeichnet?
Gibt es Gedanken und Handlungen, die die Verirrten vor sich selbst schützen?
Wer kann am Ende sagen,
dass er mehr im Recht war als die anderen?
Nur weil er die ewige Schwäche des Verlangens kannte,
die er in sich trug seit seiner Geburt?

Können wir nicht, statt des Heiligen Grals,
nach hell schimmerndem Engelshaar suchen,
dessen Berührung uns unmittelbar verbindet mit dem Himmel,
als Gnadenanker für die Verdammten dieser Erde?
Aber müssten solche Engelssaiten
nicht eher das Heulen der zusammenstürzenden Galaxien hörbar machen?
Und wenn sie existieren:
Wie soll dein Finger sie erreichen?

Kann das Leben in uns sich selbst verstehen?
Sehen wir den Schuss, nachdem wir ihn abgegeben haben?
Sind wir nur verlorene Schafe,
die über die Wiese wandern, auf der Suche nach einem Hirten?
Gehört Jesus Christus zu den Hirten?
Oder ist er einer von uns?

Kannst du genug Gold gewinnen
aus den ewig fließenden Flüssen,
um dem Feuer das Recht abzukaufen, alles niederzubrennen,
um den stürmischen Ozean zu besänftigen
und den sich verdüsternden Himmel?
Reichen die Edelsteine dieser Erde aus
für all die Schmuckbedürfnisse unserer Könige?
Gibt es wirklich so viele davon,
dass sie uns am Ende Erlösung bringen können
von allem Bösen?

Der Augenblick der Hoffnung ist zu wertvoll, um ihn zu verlieren.
Deshalb nehmen wir den Kampf darum wieder auf,
sobald der Kampf zu Ende ist,
denn der Kampf ernährt den Kampf.

Wer hat den höchsten Turm bezwungen?
Wer hat am tapfersten gekämpft?
Wer ist erdrückt worden von der Last seiner Bedeutungslosigkeit?
Wer hat seine Geburt verfehlt?

Es ist einfach, zu glauben,
dass du eine Sonne bist, die niemals untergeht,
dass du den Strahlen gleichst, die in der Ferne
hinter dem bleichen Gebirge hervorbrechen.
Es ist schwer, zuzugeben,
dass du nur ein zufälliges Geflüster bist,
ein flüchtiger Sonnenfunken,
der nicht dem Tagesanbruch nahe ist,
sondern der alles verfinsternden Nacht.

 

Bildnachweise:

Titelbild: Leo Torppa: Tiedosto:Konsta Jylhä –Quelle. Elävä perintö -wiki. wiki.aineetonkulttuuriperinto.fi.

  1. Orna Wachmann: Tanzendes Paar (Pixabay)
  2. Rook76: Finnische Briefmarke 1997 (fotolia)
  3. Kerttu: Sonnenuntergang an einem See in Finnland (Pixabay)
  4. Tuomas Vitikainen: Konzert der Gruppe Eläkeläiset. (Wikimedia Commons)
  5. Lyly Treg: Finnland (Pixabay)
  6. Kotivalo: Silu Seppälä of Leningrad Cowboys, playing bass balalaika, 1995 (Wikimedia Commons)
  7. Sturrax: Nordlicht in Finnland (Pixabay)

  1 comment for “Finnland: Tango, Blues und Rock-Philosophen

  1. Rena S.
    August 25, 2019 um 10:13 am

    Vielen herzlichen Dank für diesen gut recherchierten, gut lesbaren und hochinteressanten Beitrag. So etwas Fundiertes findet man leider selten im Netz. Ich liebe Finnland und interessiere mich für Musik, aber hier habe ich viel Neues erfahren. Diese Reihe „Musikalische Streifzüge“ ist insgesamt interessant. Man muss sich nur die Zeit nehmen. ..;-)

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