Vermummungsgebot

Magritte Die Liebenden

Über eine Woche Vermummungszwang in Deutschland zeigt: Die Maßnahme führt vor allem dazu, dass die Abstandsregeln weniger streng befolgt werden. Sie ist also dysfunktional.
Dass trotzdem an der Regelung festgehalten wird, liegt zunächst einmal an der Trägheit der deutschen Politik, die nicht dafür bekannt ist, Fehler zuzugeben. Außerdem lieben wir hierzulande die Symbolpolitik: Das Klima hat sich gegen uns verschworen? Dann stellen wir alle Landschaften mit den Stahlbetonpfeilern der Windkraftanlagen zu, um es gnädig zu stimmen! Ein fieses Virus bedroht uns? Dann verkleiden wir uns alle als gesichtslose Zombies, um es zu erschrecken!
So lohnt es sich vielleicht, sich noch einmal die möglichen Langzeitfolgen der Zwangsmaßnahme vor Augen zu führen: Was macht es mit uns, wenn wir uns wochenlang Verschleierungsgeboten unterwerfen, die wir bislang nur von streng gläubigen Frauenhassern kannten?

Alptraum

Schweißgebadet fährst du aus dem Schlaf hoch. Instinktiv schüttelst du dich, um die Nachwehen des Alptraums, der dich heimgesucht hat, abzustreifen.
Im Traum war jedes Gesicht, dem du begegnet bist, zu einer unförmigen Masse zerflossen. Jedwede Kontur war verschwunden, ein Gesicht war wie das andere. Sie bauten sie vor dir auf wie Wellen in der Brandung, die zerfielen, sobald du dich ihnen nähertest.
Nur die Augen lösten sich nicht auf. Sie allein blieben zurück. Gehetzte, verängstigte Augen, die sich von den Gesichtern lösten und dich von überallher anstarrten: aus den Wolken, aus den Bäumen, von den Gehwegen, aus dem Gebüsch. In ihrer Furcht wirkten sie ausgesprochen bedrohlich, wie bei einem in die Enge getriebenen Tier, das zubeißen würde, wenn man ihm zu nahe käme.
Du erhebst dich von deinem Bett und trittst ans Fenster. Auf die Straße schauend, musst du feststellen: Der Alptraum ist Wirklichkeit geworden. Jedes Gesicht ist zu einem blauen Stein erstarrt, zu einem Eisblock, der sich wie im ewigen Eis an den anderen Eisschollen vorbeischiebt.
Kein Lächeln widersetzt sich mehr den unerbittlich geraden Schneisen des Alltags. Starr folgen die Augen den Wegen, die andere für sie gebahnt haben.

Ein halbes Jahr darauf hast du erneut einen Alptraum. Dieses Mal zerfließen die Gesichter nicht vor deinen Augen. Stattdessen ist nun jedes Detail überdeutlich zu erkennen. Alles sieht aus, als würde man es durch eine Lupe betrachten. Sind die Lippen wirklich schon immer so wulstig gewesen? Die Wangen so hohl? Die Nasen so spitz?
Während du diesen Gedanken nachhängst, öffnet sich auf einmal das Tor eines Mundes. Du erschrickst über die Dunkelheit, die sich dahinter auftut. Reflexartig versuchst du zu fliehen – aber es ist zu spät. Der Mund weitet sich zum Schlund, ein giftiger Atem entströmt ihm, der dich an deinen Ort bannt. Hilflos musst du zusehen, wie der Schlund zu einem Abgrund wird, der dich in seine finstere Tiefe hinabsaugt.
Wieder stehst du von deinem Bett auf und trittst ans Fenster. Und wieder musst du feststellen: Der Alptraum hat nur einen anderen Ausdruck gefunden für das, was Wirklichkeit geworden ist.
Zwar haben alle die blauen Schleier abgelegt, die bis vor Kurzem ihre Gesichter verdeckt hatten. Die Gesichter aber sind nicht mehr dieselben. Die Schleier haben sich ihren Zügen eingebrannt, auch unbedeckt wirken die Gesichter maskiert. Keine Regung zeigt sich auf ihnen, die Lippen sind fest verschlossen, eine heruntergelassene Schranke, die jeden Fremden abwehrt.
Auch die Augen sehen noch immer aneinander vorbei, ängstlich darum bemüht, sich einen Weg durch den Menschendschungel zu bahnen. Niemand wagt es, dem anderen zu nahe zu kommen. Und wenn doch einer den anderen berührt, zuckt dieser zurück, als hätte er eine heiße Herdplatte angefasst.
Ein jeder erzittert vor der Existenz des anderen. Ein jeder ist für den anderen eine lebensgefährliche Bedrohung. Niemand kennt mehr einen schlimmeren Feind als den, der seine Nähe sucht.

MAGRITTE-THE-LOVERS-I

 

Bilder: René Magritte: Der Kern der Geschichte; Die Liebenden I und II

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