Die Tageszeitung: Tod oder Wiedergeburt?

Die Zeitung von morgen darf nicht das Gesicht von gestern haben.

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Tageszeitungen haben unter der Corona-Krise gleich doppelt zu leiden. Erstens werden wegen der Ausgangsbeschränkungen weniger Zeitungen verkauft, und zweitens wird in vielen Ländern unter dem Vorwand des Kampfs gegen Corona-Fake-News die Meinungs- und Pressefreiheit beschnitten. Die Krise, in der sich das Zeitungsgeschäft befindet, wird dadurch aber nur verstärkt. Ihre Wurzeln liegen in der Digitalisierung – und in den vielfach inadäquaten Antworten, die die Zeitungen darauf gefunden haben.

Die Zeitung im Radio- und Fernsehzeitalter
Die Zeitung im Zeitalter des Internets
Die Tageszeitung: ewig gestrig?
Reformvorschläge für die Zeitung von morgen
 

Die Zeitung im Radio- und Fernsehzeitalter

„Nichts ist so veraltet wie die Zeitung von gestern.“ So sagte man früher, und so ist es Deutsche Fotothek (2)auch heute noch richtig. Allerdings müsste man mittlerweile wohl ergänzen: „… und die Nachricht von gestern.“
Zeitungen hatten lange Zeit die Funktion, die Menschen über das zu informieren, was in der Welt vor sich geht. Solange es weder Radio noch Fernsehen gab, waren sie die entscheidende Orientierungsquelle für bedeutende Entwicklungen außerhalb des eigenen engen Lebensumkreises. Selbst nach der Einführung des Radios galt dies noch lange. Denn zum einen fiel die massenhafte Verbreitung des Radios – wie etwa in Deutschland der nationalsozialistische „Volksempfänger“ gezeigt hat – auch mit dessen propagandistischer Nutzung zusammen, und zum anderen konnte sich anfangs schlicht nicht jeder ein Rundfunkgerät leisten.
Erst mit der Verbreitung des Fernsehens trat diese Bedeutung von Zeitungen allmählich in den Hintergrund. Nun versammelte sich die (westdeutsche) Familie Abend für Abend um die „Tagesschau“ und ließ sich von Mustern deutschen Anstands – wie Karl-Heinz Köpcke, dem „Mr. Tagesschau“ – die Welt direkt in die gute Stube tragen.
Allerdings kam Zeitungen hierbei immer noch eine kompensatorische und ergänzende Funktion zu. Sie konnten einseitige Tendenzen in der Berichterstattung korrigieren, Ereignisse in den Vordergrund stellen, die in den Fernsehnachrichten kaum oder gar nicht berücksichtigt worden waren, und sie konnten mit ausführlichen Hintergrundberichten punkten, die in der 15-minütigen Tagesschau keinen Platz hatten. Dies galt tendenziell selbst dann noch, als ARD und ZDF mit den längeren Nachrichtenformaten „Tagesthemen“ und „Heute Journal“ auf Sendung gingen.
Hinzu kam, dass natürlich nicht jeder jeden Abend um dieselbe Zeit vor dem Fernseher sitzen konnte. Wer die Nachrichten verpasst hatte, las sie eben am nächsten Tag in der Zeitung nach.

Die Zeitung im Zeitalter des Internets

Und heute? Muss niemand mehr auf die Tagesschau warten, um sich zu informieren. Wer Nachrichten nachhören oder nachlesen will, geht einfach ins Internet. Dort finden sich nicht nur die nackten Informationen, sondern auch eine Vielzahl von Hintergrundberichten und Kommentaren. Wer möchte, kann hier Ereignisse zudem selbst kommentieren und mit anderen das Weltgeschehen diskutieren. Es muss sich heute auch niemand mehr von einer einseitigen Berichterstattung in Rundfunk und Fernsehen bevormundet fühlen. Wer die Dinge aus einem anderen Blickwinkel betrachten möchte oder Nachrichten aus vernachlässigten Bereichen oder Weltregionen sucht, findet im Internet ebenfalls einen reich gedeckten Tisch.
Wozu brauchen wir dann noch Zeitungen? Für den örtlichen Kaninchenzüchterverein,Le Figaro illustrated-1467545_1920 (2) der vielleicht noch keinen umfassenden Internetauftritt hat, oder für die Trauer- und Hochzeitsanzeigen? Ja, vielleicht. Aber zum einen gibt es hierfür vielerorts auch werbefinanzierte Umsonst-Blättchen. Und zum anderen würde dieses Konzept mit den älteren Internetmuffeln, an die es sich richtet, aussterben. Da keineswegs alle älteren Menschen hierzu zählen, würde der Tod der Tageszeitung dann wohl sogar noch schneller eintreten, als es durch den natürlichen Generationswechsel zu erwarten wäre.
Die Frage ließe sich auch andersherum stellen. Nicht so defätistisch, sondern mutiger, zukunftsorientierter: Wie müssen Zeitungen sich verändern, wenn sie auch heute noch einen Platz in unserer Gesellschaft haben sollen? Klar ist aber: Die Zeitungen müssen sich der Zukunftsfrage stellen, wenn sie überleben wollen.
Ich weiß, man wird mich jetzt darauf hinweisen, dass mittlerweile alle großen Zeitungen Online-Redaktionen haben und sich insofern durchaus auf die veränderte Situation eingestellt haben. Ich denke hier jedoch an die Raschelblätter, an die dicken Balken auf weißem Grund, die uns noch immer von den Kiosken anschreien.
Wenn es in diesem analogen Bereich Veränderungen gibt, dann lauten sie: Boulevardisierung; mehr Tabloid-Formate; Entwicklung zum Gemischtwarenladen, der neben Nachrichten auch Bücher, Reisen, Wein und andere Nicht-News-Produkte vertreibt. Die Grundstruktur der Nachrichtenpräsentation hat sich jedoch gegenüber früher nicht verändert. Noch immer tun die Zeitungen so, als hätte jemand den letzten Tag verschlafen und müsste die Ereignisse vom Vortag haarklein buchstabiert bekommen. Als würde es kein Smartphone geben, wo sich das Geschehen von gestern nicht nur bequem nachlesen, sondern auch gezielt aufsuchen lässt und die Ereignisse zudem auf Wunsch mit Tönen und bewegten Bildern dargeboten werden.

Die Tageszeitung: ewig gestrig?

Die Folge eines solchen Verharrens in veralteten Darbietungsformen ist – ein großes french-tourists-378051_1920 (2)Ron PorterGähnen. Jeder Kiosk wirkt wie eine Zeitreise in den gestrigen Tag, hoffnungslos veraltet in einer Welt, die sich über Nacht längst weitergedreht hat und schon wieder ganz andere Highlights ansteuert. Wer braucht noch die deutende Hand des Journalisten-Lehrers, der dem orientierungslosen Michel die Ereignisse von gestern erklärt? Längst sucht dieser sich doch seine eigenen Deuter im Internet. Und wo diese zu Einseitigkeit oder gar Faktenverdrehung neigen, hilft auch die einst Ehrfurcht gebietende Druckerschwärze nicht mehr. Stattdessen wird nach einem kurzen Kopfschütteln zum Panorama- oder Sportteil weitergeblättert. Am nächsten Tag verzichten die Betreffenden dann vielleicht ganz auf die Zeitung.
So hat ein Teufelskreis eingesetzt, bei dem die abnehmenden Verkaufszahlen der Zeitungen zu immer höheren Preisen und in der Folge zu weiter sinkenden Auflagen führen. Soll dieser Teufelskreis durchbrochen werden, gibt es nur zwei Möglichkeiten.
Die erste Möglichkeit ist, dass die Zeitungen sich vollständig aus der analogen Welt verabschieden und ganz auf ihre Online-Ausgaben setzen. Aus ökologischer Sicht ist das vielleicht gar nicht die schlechteste Idee. Schließlich tun Zeitungen stets so, als würde jeder alles wissen wollen, und bemühen sich, für möglichst viele Menschen das passende Leseangebot zu unterbreiten. Sie sind deshalb dicker, als sie für den Einzelnen sein müssten, und führen so zu einem unnötig hohen Ressourcenverbrauch und Abfall. Zwar sind auch Smartphones angesichts der Rohstoffe, die für ihre Herstellung benötigt werden, und der von ihnen verbrauchten Energie keine Umweltengel. Aber die Menschen nutzen sie ja ohnehin, so dass durch das Nachrichtenchecken kein zusätzlicher Schaden für die Umwelt entsteht.
Die zweite Möglichkeit zur Rettung analoger Zeitungen ist, dass man sich – gerade vor dem Hintergrund des Ressourcenverbrauchs, der mit ihnen verbunden ist – sehr genau überlegt, welche Bedeutung die traditionellen Raschelblätter für den heutigen Menschen noch haben könnten: Was können sie bieten, was das Netz nicht bieten kann? In welcher Weise können sie diesem durch ihre speziellen Darbietungsformen von Informationen überlegen sein?
Wer den zweiten Weg gehen will, muss die Zeitung allerdings vollständig neu erfinden. Das Konzept der Zeitung darf dann nicht mehr aus einer Zeit übernommen werden, als Zeitungen noch die Funktion hatten, den in ihrer engen Alltagswelt eingemauerten Menschen die Welt nach Hause zu bringen. Vielmehr brauchen wir dann eine Zeitung, die in jeder Zeile spüren lässt, dass sie sich der Existenz des Internets bewusst ist. Eine Zeitung, die das Internet nicht als Konkurrenz oder Parallelwelt begreift, sondern als etwas, das organisch mit ihr verbunden ist.

Reformvorschläge für die Zeitung von morgen

Folgende Veränderungen im Erscheinungsbild von Zeitungen scheinen mir notwendig, wenn diese sich auch in Zukunft in analoger Form am Markt behaupten wollen:

  1. Die Seite 1 gehört der Gegenwart, nicht der Vergangenheit. Die Top-Meldungen sollten sich auf den Tag beziehen, an dem die Zeitung erscheint, nicht auf den vergangenen Tag. Sie sollten die Lesenden für zu erwartende Entscheidungen und Entwicklungen sensibilisieren und es ihnen erleichtern, diese einzuordnen. Dafür ist es wichtig, Hintergründe und alternative Handlungsentwürfe in übersichtlicher Form aufzubereiten.
  2. Der vergangene Tag lässt sich in Form einer Chronik abbilden, die noch einmal die wichtigsten Ereignisse zusammenfasst. Lesende könnten dadurch rasch überprüfen, ob sie irgendwelche für sie bedeutsamen Geschehnisse übersehen haben. Diese Chronik dürfte allerdings nicht im Sinne eines bloßen Wiederkäuens der Nachrichten vom Vortag gestaltet sein. Vielmehr müsste sie auch eine genauere Analyse der in den Hauptnachrichten unterrepräsentierten oder nicht differenziert genug dargebotenen Meldungen beinhalten. Diese müssten dann in der Chronik entsprechend gründlicher präsentiert werden.
  3. Jenseits der zentralen Aspekte des Weltgeschehens: Aufgabe des Vollständigkeitsanspruchs. Zeitungen sollten sich stattdessen bestimmte Profile zulegen, innerhalb derer sie die aktuellen Entwicklungen besonders facettenreich beleuchten.
  4. An die Stelle der Leserbriefspalten, die durch entsprechende Auswahl in ihrer Tendenz manipulierbar sind, müsste es eine Anbindung an die Internet-Community geben. Dort wären regelmäßige Chats zu aktuellen Themen anzubieten, an denen sich auch die MitarbeiterInnen der betreffenden Zeitungsressorts beteiligen würden. Aufgabe der Print-Ausgabe der Zeitung wäre es dann, die Diskussionstendenzen protokollartig zusammenzufassen.
  5. Verbindung aller Beiträge mit Links und Hashtags, durch die sich die Informationen im Netz vertiefen lassen. Die Zeitung könnte so zu einer Art Guide werden, einem modernen Hermes, der den Interessierten eine Orientierung in der tendenziell chaotischen Welt des Internets bietet, die maßgeblichen Informationen ordnet und wichtige Beiträge in der Art eines Vorkosters prüft und vorsortiert.
  6. Ermutigung regionaler Investigativarbeit durch LeserreporterInnen. Angebot professioneller Unterstützung und regelmäßiges Abdrucken der entsprechenden Vor-Ort-Reportagen.
  7. Verzicht auf Homestorys und Soap-Reportagen (im Stil von: „Es war noch dunkel, als sie auf die Straße trat. Sie wusste: Heute würde sie das Klima retten …“). Stattdessen: Konzentration auf Hintergrund-Interviews und investigative Recherchen, die ggf. auch durch Crowdfunding-Projekte unter der eigenen Leserschaft kofinanziert werden könnten. Dabei volle Transparenz: Offenlegung aller Quellen und Wiedergabe der (notfalls anonymisierten) Gesprächsprotokolle im Internet.

papierschiff-429747_1920 (2)Thomas Wolter

 

Bilder: 1. StockSnap: alter Zeitungsverkäufer (Paris), 2. © bpk / Friedrich Seidenstücker / Zeitungskiosk 1920; 3. Le Figaro illustré (Werbepostkarte), Pixabay; 4. Ron Porter: Zeitungsleser , Pixabay, 5. Thomas Wolter. Papierschiff, Pixabay

Ein Kommentar

  1. Der Rote Baron hat gewiss recht. Aus Sicht der Bürger bleibt noch ein Problem: die Nachrichtenflut. Die meisten Bürger sind keine ‚Hommes de Lettres‘, keine Analytiker der Zeitgeschichte; sie haben schlicht gar nicht die Zeit, sich umfassend komplementär zu informieren, bewertend zu vergleichen. Viele Leser suchen und brauchen auch die lokalen Nachrichten: Die Gemeinde erschließt ein Baugebiet („Hä, was wird dann aus meinem Garten nebendran?“

    Dann noch was Technisches: Der heutige Bildschirm (zu vernünftigem Preis) kann das gedruckte Format nicht ersetzen; man muss jede Seite als Ganzes überblicken können. Unsere Regionalzeitung, DIE RHEINPFALZ, stellt Artikel (besonders im politischen Teil) in erkennbare Zusammenhänge. Das machen andere Zeitungen wohl auch. Klar, auch das kann Gedanken lenken. Denken kann man dem Leser eben nicht ersparen.

    Kurz, Zeitungen, Informationssysteme dürfen auch nicht überfordern; sie schreiben nicht für das Bildungsbürgertum des 19.Jahrhunderts.

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