Stürmische Zeiten

Warum ich als Windkraftprojektierer gescheitert bin

Mafioso mit Windrad

Im Schatten der Corona-Krise haben Bund und Länder weitere Ausbaumaßnahmen für die Windkraft beschlossen. Dies hat mich an Pläne erinnert, die ich in meiner Zeit als Windkraftprojektierer entwickelt habe. Vielleicht ist ja jetzt der Augenblick gekommen, sie in die Tat umzusetzen.

Als ich meine neue Stelle als Windkraftprojektierer antrat, wiederholte mein Chef mantraartig die Worte: „Die Windkraft muss nah bei den Menschen sein!“
Das leuchtete mir unmittelbar ein. Schließlich gibt es ja noch nicht überall genug Stromleitungen, um die Energie dorthin zu bringen, wo sie gebraucht wird. Und selbst wenn intensiv in den Ausbau des Stromnetzes investiert wird, ist es besser, die Energie vor Ort zu produzieren. Denn Stromtrassen zu bauen, ist teuer und aufwändig. Wo es möglich ist, sollte man besser auf sie verzichten.
So stürzte ich mich also mit Feuereifer in meine Planungen. Als Erstes erstellte ich eine Karte, auf der ich in allen größeren Städten mögliche Bauplätze für Windkraftanlagen markierte. Kleinere Brachflächen, die auch für Wohnhäuser genutzt werden könnten, sparte ich aus. Stattdessen konzentrierte ich mich auf Parks und Waldflächen.
Das Ergebnis konnte sich, wie ich fand, durchaus sehen lassen. Gerade in der deutschen Hauptstadt gab es ein reiches Angebot an potenziellen Bauplätzen. Tempelhofer Feld, Tiergarten, Grunewald – der Tisch war reich gedeckt. Überall erkannte mein kreatives Auge ideale Voraussetzungen für neue Windkraftprojekte.
Besonders stolz war ich auf meine Wannsee-Energielandschaft. Dabei wollte ich mehrere Windräder in dem See versenken und diesen als Pumpspeicherwerk nutzen, um die gewonnene Energie zu speichern. Eine bessere Idee, Wohnen und Stromproduktion miteinander zu verbinden, war doch kaum vorstellbar!
Natürlich waren im Grunewald kleinere Rodungsarbeiten erforderlich. Auch im Naherholungsbereich musste manches umgestellt werden. Angesichts des Quantensprungs, den meine Ideen für die Zukunft der Stromversorgung bedeuteten, sah ich hierin jedoch nur Nebensächlichkeiten.
Schließlich musste nun einmal jeder kleinere Opfer für die neue Energiesicherheit bringen. Außerdem hatte ich bereits Ausgleichsmaßnahmen ersonnen. Die Rodungen in der Stadt wollte ich etwa mit Wiederaufforstungen im brandenburgischen Umland kompensieren.
Für den Freizeitbereich sah mein Plan eine Konzentration auf kleinere Flächen in der unmittelbaren Umgebung der Wohnbereiche vor. Konkret wollte ich um die Freibäder herum kleinere Grünstreifen anlegen, in denen die Einwohner ihr Bedürfnis nach frischer Luft befriedigen könnten. Sollte es dort zu eng werden, müssten notfalls Zeiten festgelegt werden, zu denen den verschiedenen Aktivitäten nachgegangen werden kann: Jogging von 5 bis 7, Ballspiele von 7 bis 9, Spazierengehen von 9 bis 11, usw.
Angesichts der sauberen Zukunft, die meine Energieprojekte allen ermöglichten, hielt ich diese Beschränkungen für zumutbar. Schließlich gibt es ja auch in vielen Schwimmbädern für die verschiedenen Besuchergruppen unterschiedliche Öffnungszeiten.
Für andere Großstädte entwickelte ich ähnliche Pläne. In München fand ich etwa im Englischen Garten ideale Aufstellflächen für Windkraftanlagen, in Hamburg wollte ich das Alsterufer mit Windrädern bestücken, ebenso in Düsseldorf die Rheinpromenade.
An anderer Stelle legte ich dagegen den Rotstift an. So habe ich Projekte in Norwegen und Chile gestoppt, bei denen die Siedlungsräume der dort lebenden Samen bzw. Indios durchschnitten werden sollten. Gecancelt habe ich auch den Bau von Windkraftanlagen in einem Naturschutzgebiet des griechischen Pindos-Gebirges. Und ich habe ein paar Kollegen zurückgepfiffen, die in der Bourgogne – so die Klagen der örtlichen Bevölkerung – „schmeißfliegenartig“ um den Naturpark Morvan herumgeschwirrt seien.
In allen Fällen fand ich, die Projekte passten nicht zu der Devise meines Chefs, die Windkraft solle „nah bei den Menschen“ sein. In den betroffenen Gebieten leben jeweils nur wenige Menschen, die nicht auf den Windstrom angewiesen sind. Die nötigen Eingriffe in Natur und Kultur hielt ich deshalb nicht für verhältnismäßig.
Außerdem fürchtete ich, die Projekte könnten dem deutschen Ansehen im Ausland schaden. In Norwegen war es ja sogar schon zu diplomatischen Verwicklungen gekommen. Und gab es nicht in Griechenland noch immer Bestrebungen, alte Reparationsforderungen für von Deutschland im Zweiten Weltkrieg begangene Verbrechen wieder auf den Tisch zu bringen? War es dann klug, das alte imperiale Gehabe wieder aufleben zu lassen? Konnte das nicht sogar neue Reparationsforderungen nach sich ziehen?
Nachdem ich mein Feld abgesteckt hatte, machte ich mich an die Ausarbeitung der Projekte. Ich hatte bereits meine Fühler nach einem schönen Filetstück im Tiergarten ausgestreckt und malte mir bereits die feierliche Eröffnungsfeier für den Windpark aus, den ich dort errichten wollte – da gelangten über irgendwelche dunklen Kanäle Informationen über meine Pläne an die Öffentlichkeit.
Es gab einen ungeheuren Aufschrei. Gleich nach dem ersten Artikel kam es zu Massenprotesten in allen großen Städten. In Berlin entlud sich die Empörung sogar in Unruhen, gegen die die Erster-Mai-Krawalle ein Kindergeburtstag waren.
Am Tag danach zitierte mein Chef mich in sein Büro. „Sind Sie denn von allen guten Geistern verlassen?“ fuhr er mich an. „Den Imageschaden, den Sie uns in ein paar Tagen zugefügt haben, können wir ja in Jahrzehnten nicht wieder gutmachen!“
„Aber Sie haben doch selbst gesagt, dass die Windkraft nah bei den Menschen sein soll“, verteidigte ich mich.
Der Chef sah mich fassungslos an. „Das war doch nicht wörtlich gemeint! Nah bei den Menschen zu sein bedeutet für uns: Ein paar Bauern und Bürgermeister als Verbündete vor Ort mit ins Boot holen, damit sich die Projekte reibungsloser umsetzen lassen. Und vor allem: Den Städtern Anteile verkaufen, damit sie die Windkraft auf dem platten Land gut finden. Aber doch nicht den Städtern ihr Wohnumfeld zubauen! So zerstören Sie doch die ganze Akzeptanz, die wir uns mit all unseren teuren Werbemaßnahmen mühsam erarbeitet haben!“
Ich hoffte, das Gewitter sei nun vorübergezogen. Leider kam mein Chef aber jetzt erst richtig in Fahrt. „Und was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht, unsere Projekte im Ausland abzublasen? Auch damit haben Sie doch eine jahrelange Aufbauarbeit zerstört!“
„Entschuldigen Sie“, stammelte ich kleinlaut, „aber ich dachte eben, wegen des deutschen Ansehens im Ausland sollten …“
Aber der Chef ließ mich nicht ausreden. „Sie sollen hier nicht denken, sondern funktionieren!“ schrie er mit hochrotem Kopf. „Sie haben das auszuführen, was man Ihnen aufträgt, sonst nichts! Was glauben Sie denn, warum wir seit Jahren den Green New Deal propagieren? Das ist doch die ideale Verpackung für unser Geschäftsmodell! Und was machen Sie? Anstatt unsere Interessen zu vertreten, zerstören Sie die Verpackung, mit der wir sie durchsetzen können!“
Ich entschied mich, lieber klein beizugeben. „Na gut“, murmelte ich. „Dann weiß ich ja jetzt Bescheid. Es soll nicht wieder vorkommen.“
Mein Chef hatte sich noch immer nicht beruhigt. „Natürlich wird es nicht wieder vorkommen!“ fauchte er. „Weil Sie nämlich entlassen sind – fristlos! Und denken Sie gar nicht erst daran, auf eine Abfindungszahlung zu spekulieren! Machen Sie sich lieber auf eine saftige Entschädigungsklage gefasst!“
Benommen von dem Worthagel, der auf mich eingeprasselt war, verließ ich das Büro. Ich packte meine Sachen zusammen und trat hinaus auf die Straße. Ein stürmischer Wind empfing mich und schubste mich von allen Seiten, mit dem spielerischen Enthusiasmus eines Hundes, den man von der Leine gelassen hat.

Nachweise

Gut, ich gebe es zu: Ich war nie Windkraftprojektierer, und ich werde wohl auch nie einer sein. Wie jede Geschichte, enthält aber auch meine kleine Horror-Story einen wahren Kern. Dieser betrifft vor allem die Zunahme deutscher Windkraftprojekte im Ausland. Hierzu abschließend ein eine kleine Liste des Grauens, nach Ländern geordnet (in Klammern die Namen der beteiligten deutschen Unternehmen):

Chile:
Boddenberg, Sophia: Größter Windpark Chiles: 77 Windräder als neue Nachbarn für die Mapuche. Deutschlandfunk, 7. Februar 2019. [WPD]
Windkraft-Journal: Nordex Group erhält Auftrag über 33 Turbinen für 156-MW-Windpark in Chile. 25. Februar 2020. [Nordex]

Finnland:
Börse Online: Nordex gewinnt Aufträge für Ikea-Windparks in Finnland. 23. Oktober 2018. [Nordex]
 
Frankreich:
Brunet, Laure: Des éoliennes dans le Morvan? [Windräder im Morvan?] Le Journal du Centre, 10. Dezember 2019. [Nordex, Global Wind Power / Enertrag] [französischer Bericht über die verschiedenen Versuche deutscher Windkraftbetreiber, den Naturpark Morvan mit Windrädern zu bestücken; die Versuche sind bislang größtenteils an der engagierten örtlichen Umweltschutzbewegung gescheitert]

Griechenland:
Windkraft-Journal: Die Nordex Group gewinnt Projekte über insgesamt 108 MW in Griechenland. 12. März 2019. [Nordex]
zu den Naturzerstörungen durch die Projekte und die Proteste dagegen vgl.:
Winkelmann, Edith: Umweltschützer gegen Landschaftszerstörung in Griechenland: Landschaftszerstörung durch Windkraftindustrieanlagen im Pindos. Ruhrkultour, 14. Mai 2018.

Indien:
IWR-Pressedienst: Nordex erhält 300-MW-Auftrag für Großprojekt in Indien. 8. Januar 2019. [Nordex]
IWR-Pressedienst: Siemens Gamesa liefert Windkraftanlagen nach Indien. 31. Januar 2019. [Siemens]
zu den problematischen Auswirkungen von Windstromprojekten in Indien vgl.:
Hörig, Rainer: Menschenrechtsverletzungen in Indien: Windpark im Regenwald. Taz, 22. Juni 2011.

Niederlande:
Windkraft-Journal: Vestas erhält Auftrag über 46 MW mit maßgeschneiderter Lösung für Standorte mit starkem Wind in den Niederlanden. 13. Mai 2020. [Vestas] 

Norwegen:
Naturschutzinitiative: Stadtwerke München (SWM) planen gigantischen Windpark in Norwegen und zerstören einzigartige Naturgebiete und Lebensräume! 9. Mai 2019. [Stadtwerke München]
zum diplomatischen Konflikt um das Windstromprojekt vgl.:
Wolff, Reinhard: Konflikt um Windkraft im Ausland: Norwegen als „Stromkolonie“. Taz, 17. April 2020.

Türkei:
Pantua, Daniela: Enercon schließt Großprojekt über 564 MW in der Türkei ab. EUWID, 27. April 2020. [Enercon]
Windbranche.de: Größter Windenergie-Auftrag der Türkei startet mit deutscher Beteiligung. 11. Februar 2014. [EnBW]
zur Problematik der Entsorgung ausgedienter Windräder am Beispiel (u.a.) deutscher Windräder in der Türkei:
Etscheit, Georg: Windräder: Neunzig Meter Schrott. Die Zeit, 13. Februar 2019.

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