Lyrische Formen in postmodernen Zeiten

Ilona Lay, Reichensteiner Poetik-Vorlesungen, Teil 4

Wer auf der Höhe der Zeit sein will, weist traditionelle Dichtungsformen mit dem umstürzlerischen Eifer der Moderne von sich. Das Problem dabei: Wir leben längst in postmodernen Zeiten, die ein neues, abgeklärteres Verhältnis zur Tradition erfordern.

Lyrisches Sprechen als Fremdsprache und als fremde Sprache

Anachronistischer Modernismus

Dichtung als Glasperlenspiel mit der Tradition

Gedichtbeispiel: Ilona Lay: Heiligabend

Lyrisches Sprechen als Fremdsprache und als fremde Sprache

Als Zwischenresümee aus den bisherigen Etappen dieser Vorlesungsreihe lässt sich festhalten: Das Formeninventar der Dichtung legt dem künstlerischen Ausdruckswillen zwar Fesseln an. Die sich daraus ergebende disziplinierende Wirkung kann für den künstlerischen Lernprozess jedoch auch förderlich sein.
Hier lassen sich durchaus Analogien zu den Lernprozessen an einer Kunsthochschule ziehen. Auch dort zielt die Auseinandersetzung mit den grundlegenden Maltechniken ja nicht darauf ab, sich sklavisch an diese zu halten. Vielmehr ist gerade ihre Beherrschung die Voraussetzung dafür, frei mit ihnen umgehen und sie entsprechend abwandeln oder auch ganz verwerfen zu können.
Disziplinierend ist die Anwendung bestimmter Metren oder Reimformen aber auch deshalb, weil dies ein intensives Feilen an dem lyrischen Produkt erforderlich macht. Wer sich an formal-lyrische Vorgaben halten muss, kann eben nicht den erstbesten Ausdruck wählen. Dies lässt sich als unzulässige Beschränkung werten, kann jedoch auch als Motivation gesehen werden, neue, andersartige Ausdrucksformen zu entwickeln, die ansonsten vielleicht unentdeckt geblieben wären.
Generell entspricht das Sich-Abarbeiten an der Form einer intensiven Übung in lyrischem Sprechen. Dies ist nicht anders als beim Fremdsprachenlernen, wo einem Prosodie und Füllwörter, welche die gesprochene Sprache erst lebendig erscheinen lassen, erst durch eine entsprechende Praxis in Fleisch und Blut übergehen. Auch hier erfordert das souveräne Sich-Bewegen in der Sprache nicht nur die Kenntnis von deren Grundlagen, sondern auch eine entsprechende Übung im Umgang damit.

Anachronistischer Modernismus

Bleibt die Frage, ob manche lyrischen Formen heute nicht schlicht unzeitgemäß sind. Lassen sich heutige Gestimmtheiten und Zustände in einem antiken Versmaß schlüssig ausdrücken? Darf man heute noch Oden schreiben?
Seltsam: Derselbe Geist der Moderne, der die Fessel jedweder Form empört zurückweist, weil er dadurch seine Freiheit in unzulässiger Weise eingeschränkt sieht, spricht jenen, die sich einer tradierten Formensprache bedienen, die Freiheit hierzu ab. Die dichterische Freiheit gilt also nur dort, wo sie sich als formlose Freiheit manifestiert.
Ein solches Dichtungsverständnis entspricht exakt dem künstlerischen Ideal der Moderne, in der sich die rasch wechselnden Ismen darin überboten, sich als Zerstörer der alten Formen hervorzutun. Dies gilt selbst noch für die experimentelle Lyrik des 20. Jahrhunderts. Auch sie entwickelte ihre die Sprache, die Sätze und zuletzt auch die Wörter in ihre Einzelteile zerlegenden Sprachspiele aus ihrer Auseinandersetzung mit einer Dichtung, die sich an einer nicht mehr für gültig gehaltenen Ganzheitlichkeit und Sinnhaftigkeit (wie sie sich in der Form manifestierte) orientierte.

Dichtung als Glasperlenspiel mit der Tradition

Das Problem ist nur: Die Moderne ist vorbei – wir leben längst in postmodernen Zeiten. Kennzeichnend für die Postmoderne ist aber nicht mehr der Kampf gegen das Alte, Überkommene. Sie zeichnet sich vielmehr durch die Einsicht aus, dass alles schon einmal da war. Am Ende der Geschichte angelangt, werden die aufgehäuften Kunstschätze nicht mehr zertrümmert, sondern neu bewertet und betrachtet, mit dem Blick eines Kindes, das schon jedes erdenkliche Spielzeug geschenkt bekommen hat: Manches kann man vielleicht noch einmal ausprobieren, manches anders verwenden als früher, manches sieht man womöglich, älter geworden, auch in einem neuen Licht.
Wir dagegen benehmen uns nicht wie Kinder der Postmoderne, sondern wie pubertierende Greise, die aus einer generalisierten Auflehnungshaltung heraus alles zurückweisen, was nach Kontinuität riecht. Dadurch aber berauben wir uns selbst unserer Entwicklungsmöglichkeiten.
Anstatt doch noch zu versuchen, in eine neue Epoche einzutreten und neuartige Kunstformen zu entwickeln oder aber als postmoderne Glasperlenspieler mit den vorhandenen Formenschätzen zu jonglieren, verharren wir in einer ostentativen Verweigerungshaltung. Diese aber ist unproduktiv, weil sie nicht mehr, wie in der literarischen Moderne, aus der Auseinandersetzung mit scheinbar übermächtigen literarischen Vorbildern neue Formen von Literatur generiert, sondern sich lediglich aus der unspezifischen Ablehnung der überlieferten Formen speist.

Gedichtbeispiel: Ilona Lay: Heiligabend

Da die Autorin für diese Vorlesung kein Gedichtbeispiel vorgesehen hat, sei an dieser Stelle eines ihrer eigenen Werke zitiert. Das Gedicht orientiert sich von der Form her – mit seinem umschließenden Reim und dem daktylisch grundierten Rhythmus – relativ streng an traditionellen Formen von Dichtung. Ton und Inhalt entsprechen allerdings ganz und gar nicht dem harmonischen Ideal der „schönen Künste“. So mögen die Verse hier exemplarisch für eine Anverwandlung tradierter Dichtungsformen stehen, bei der diese dem Ausdruck gegenwärtiger Problem- und Stimmungslagen dienen.

Heiligabend

Hütte aus Armut es schreit
im Dunkeln ein frierender Mund
die Hand die vergebens um Wärme sich müht
der Blick der verloren im Fieber glüht
reibt sich der Wind an den Fenstern wund.

Hütte aus Armut es starrt
am Grab ein vergess’nes Gesicht
ein Schiff das vergebens um Heimat sich müht
ein Schoß der verstoßen vor Käufern kniet
tagt vor den Fenstern des Winters Gericht.

Hütte aus Armut es schweigt
ein Licht das einsam im Dunkeln erwacht
der Mund der vergebens um Glauben sich müht
das Feuer das eisig im Finstern glüht
lauert am Fenster das Fallbeil der Nacht.

Bildnachweis: Lothar Dieterich: Mann vor einem Buchgeheimnis (Pixabay)

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