Selbstbetrug als Keim des Krieges

Bulat Okudshawas Lied über mein Leben (Und die erste Liebe …)

Mit wenigen Worten zeichnet der russische Dichter Bulat Okudshawa in einem seiner berühmtesten Lieder nach, wie Verblendung in tödlichen Selbstbetrug mündet. Das Lied lässt sich auch auf den Krieg in der Ukraine beziehen.

Lied über mein Leben [Und die erste Liebe …]

Und die erste Liebe – die verbrennt das Herz,
und die zweite Liebe – die schmiegt sich an die erste an,
nun, und die dritte Liebe – der Schlüssel zittert im Schloss,
der Schlüssel zittert im Schloss, der Koffer ist in der Hand.

Und der erste Krieg – der ist niemandes Schuld,
und der zweite Krieg – der ist irgendjemandes Schuld,
und der dritte Krieg – der ist ganz allein meine Schuld,
und meine Schuld – die ist für alle sichtbar.

Und der erste Verrat – Nebel in der Dämmerung,
und der zweite Verrat – betrunkenes Taumeln,
und der dritte Verrat – der ist finsterer als die Nacht,
der ist finsterer als die Nacht, der ist schrecklicher als der Krieg.

Булат Окуджава (Bulat Okudshawa/Okudzhava/Okudschawa/Okudžava): Песенка о моей жизни (Lied über mein Leben) / А как первая любовь (Und die erste Liebe …)

Russische Gitarrenlyrik als gesungener Widerstand

Bulat Okudshawa (1924 – 1997) gilt als einer der wichtigsten Vertreter der russischen Gitarrenlyrik. Wie er selbst erläutert, wurde die Gitarrenlyrik in den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts „in den Moskauer Küchen geboren“, wo sie „in einem engen Kreis Gleichgesinnter“ vorgetragen worden sei.
Mit ihrem „Anspruch, (…) selbständig zu denken und offen ihre Ablehnung der orthodoxen Ideologie zum Ausdruck zu bringen“, habe die Gitarrenlyrik eine „Sprengladung aus Zivilcourage“ entfaltet. Aus diesem Grund sei sie „von der Macht verfolgt, aber von den Verfolgten verehrt“ worden.
Laut Okudshawa handelte es sich bei den zur Gitarre vorgetragenen Autorenliedern nicht um Lieder im üblichen Sinne, sondern eher um „eine Methode des Gedichtvortrags, ein Mittel, sein Bekenntnis verständlich zu machen“. Dabei erfüllte das spätere gemeinsame Singen der Lieder allerdings auch die Funktion einer gegenseitigen Bestätigung im oppositionellen Geist.
Zudem erleichterte die Liedform auch die Verbreitung des kritischen Gedankenguts. Dies geschah zum einen über den „Magnitisdat“, das eigenständige Kopieren der Musik auf Tonbändern – als Gegenstück zum „Samisdat“, dem inoffiziellen Druck von literarischen Werken. Zum anderen konnten die Lieder aber auch schlicht durch den gemeinsamen Gesang verbreitet werden. Dabei kam den Gitarrenlyrikern zugute, dass das gemeinsame Singen in Russland ein viel selbstverständlicherer Teil der Geselligkeitskultur ist als in anderen Ländern, wo man mit Sangeskultur eher Karaoke oder Mallorca-Gegröle assoziiert.

Zu dem hier präsentierten Lied Okudshawas

Das hier wiedergegebene Gedicht Okudshawas ist auch unter dem Titel Lied über mein Leben bekannt geworden – was die besondere Beziehung des Autors zu diesem Text unterstreicht. Schließlich musste er mit 14 Jahren miterleben, wie sein (georgischer) Vater trotz aktiver Mitarbeit in der Kommunistischen Partei als trotzkistischer Renegat erschossen und seine (armenische) Mutter in ein Arbeitslager gesteckt wurde.
Das tödliche Potenzial des Verrats hat Okudshawa, der vier Jahre darauf als 18-Jähriger an die Front geschickt wurde, also schon früh am eigenen Leib erfahren. Dieser steht auch im Zentrum des Liedes über mein Leben. Es beruht zunächst auf einer Gegenüberstellung von Liebes- und Kriegsrausch: Wie man sich Hals über Kopf in die erste Liebe stürzt, so mag man auch den Krieg zunächst aus einem pubertär-leidenschaftlichen Heldenmut heraus bejahen. In diesem Sinne ‚passiert‘ der „erste Krieg“ wie die „erste Liebe“ einfach, ohne dass jemand dafür schuldig zu sprechen wäre.
Dauert der Krieg aber an, mündet die erste Kriegshandlung in weitere und lässt den Krieg zum Dauerzustand werden, so lässt sich dies nicht mehr wie eine kurze Aufwallung der Gefühle in einem Streit unter Freunden abtun. Da der Krieg dann gezielt geschürt werden muss, lassen sich auch konkrete Schuldige für ihn benennen. Geschieht dies nicht und dauert der Krieg nichtsdestotrotz weiter an bzw. zementiert sich als kriegerische Haltung des Staates, so ist es die Schuld jedes Einzelnen, wenn er sich dem nicht entgegenstellt.
Diese Überlegungen münden unmittelbar in die dritte Strophe, in der es um den „Betrug“ („obman“) geht – wobei dies hier wohl eher im Sinne eines Selbstbetrugs, der in Verrat an einem selbst und den eigenen Idealen mündet, zu verstehen ist. Auch hier lassen sich wieder Parallelen zur Liebe ziehen: Eine Liebe, die sich ihrer selbst nicht bewusst wird und damit auch nicht den konkreten Anderen meint, an dem sie sich entzündet, wird zur Selbstliebe und damit zum Selbstbetrug bzw. zum Verrat an sich und anderen.
Gleiches gilt für eine Auseinandersetzung mit dem Krieg, die auf einer emotional-pubertären Ebene verharrt und sich die langfristigen Folgen der Gewaltspirale nicht bewusst macht. Auch dies erscheint als Verrat am Selbst bzw. am Ideal der Menschlichkeit. Dabei mag dieser Selbstbetrug anfangs noch einer kleinen, entschuldbaren Schwäche, einem rauschhaften Zustand und dem daraus folgenden „betrunkene[n] Taumeln“ geschuldet sein. Als Dauerzustand ist er jedoch „schrecklicher als der Krieg“, da er dessen Herrschaft erst ermöglicht.

Zur Aktualität des Liedes 1: die innnerrussische Perspektive

Das Lied lässt sich sowohl auf die Situation in Russland selbst als auch auf den Umgang des Westens mit der derzeitigen Kreml-Führung beziehen.
Was zunächst die innerrussische Perspektive anbelangt, so müssen wir uns hier vor allem vor Augen führen, dass die Putinisten schon sehr lange auf der Kriegsklaviatur spielen. Bereits im Tschetschenienkrieg ging dies mit einer expliziten Abwertung anderer – hier der „kaukasischen“ – Völker einher. Im Vordergrund stand hier jedoch noch das Legitimationsmuster der Terrorbekämpfung.
Mit dem Krieg gegen Georgien im Jahr 2008 und insbesondere mit der Annexion der Krim und dem Einmarsch im Donbass wurde das Motiv der Terrorabwehr jedoch mehr und mehr von einem panslawistischen Narrativ abgelöst. Dabei ging es zunehmend um die Wiederherstellung der alten imperialen Größe Russlands, die mit der Sowjetunion verlorengegangen war.
Bezogen auf Okudshawas Lied, wäre eine anfänglich zustimmende Haltung zu der kriegerischen Politik vielleicht nicht entschuldbar, aber doch verständlich. Geknechtet vom westlichen Raubtierkapitalismus, suchten viele in Russland Ende der 1990er Jahre nach einem neuen nationalen Orientierungspunkt. Da war es verständlich, dass manche nach dem imperialen Strohhalm griffen, den Putin ihnen reichte.
Je mehr die äußere Aggression aber mit innerer Unterdrückung einherging, desto gefährlicher wurde eine Zustimmung zur Politik des neuen Zaren aber auch für das eigene Volk. Wer jetzt die Augen nicht öffnete, schadete sich selbst und anderen.
Dies gilt verstärkt vor dem Hintergrund des aktuellen Überfalls auf die Ukraine. Wer jetzt weiter die Augen vor den gewalttätigen Folgen der Kreml-Politik verschließt oder sie gar gutheißt, macht sich damit endgültig zum Mittäter.

Zur Aktualität des Liedes 2: die außerrussische Perspektive

In Bezug auf die Haltung des Westens gegenüber der Politik Putins lässt sich eine ähnliche Dreistufigkeit feststellen, wie sie Okudshawa in seinem Lied beschwört.
Am Anfang stand der Schulterschluss mit Russland. Dem zu Beginn des Jahrtausends noch jung und dynamisch wirkenden Kreml-Herrscher nahm man es nur allzu gerne ab, dass er wie man selbst gegen islamistische Terroristen kämpfen wolle. Über seine Geheimdienstvergangenheit sah man da noch wohlwollend hinweg.
Das zunehmend aggressive Auftreten der Kreml-Führung gegenüber Nachbarstaaten und die immer repressivere Politik im Inneren hatten dann zwar eine allmähliche Entfremdung von dem vermeintlichen neuen Verbündeten im Osten zur Folge. Erst der Einmarsch in der Ukraine im Jahr 2014 bewirkte jedoch ein substanzielles Umdenken.
Die wirtschaftlichen und insbesondere die energiepolitischen Verflechtungen mit Russland, die in der Zeit des Honeymoons mit dem heutigen Autokraten entstanden sind, ließen jedoch bis zu der jetzt erfolgten Eskalation der Gewalt viele zögerlich agieren, wenn es um eine Distanzierung von der autoritär-imperialen Politik des Kremls ging.
Dabei lässt sich auch hier unzweideutig festhalten: Die anfängliche Blindheit gegenüber den wahren Absichten der neuen Kreml-Führung mag vor dem Hintergrund des Wunschs nach friedlichen Beziehungen mit dem mächtigen Nachbarn im Osten verständlich gewesen sein. Wer nach 2014 jedoch noch immer nicht entschieden gegen die aggressive Politik der Kreml-Riege Stellung bezog und ihr nach Kräften Einhalt zu gebieten suchte, machte sich mitschuldig an dem Krieg, den der Autokrat und seine Getreuen – detailliert dokumentiert von westlichen Geheimdiensten – vorbereiteten.
Diese Schuld ist wiederum gleichbedeutend mit einem Verrat an allem, worauf westliche Demokratien theoretisch beruhen – insbesondere der Idee universeller, unteilbarer Menschenrechte.

Okudshawa-Zitate aus: Okudshawa, Bulat: Geleitwort. In: Lebedewa, Katja: Komm Gitarre, mach mich frei! Russische Gitarrenlyrik in der Opposition, S. 7 f. Berlin 1992: edition q.

Mehr zum Thema: Der Krieg als Verrat am Selbst. Anti-Kriegslieder in der russischen Gitarrenlyrik.


2 Kommentare

  1. Ich finde die Reihe mit verschiedenen Anti-Kriegsliedern ganz toll und informativ. Vor allem finde ich es gut, dass Sie auch russische Dichter aufgenommen haben. Ich setze die Lieder im Unterricht ein. Die Schüler*innen (Berufsschule) wollen über den Krieg sprechen. Die ständigen Bilder des Krieges belasten sie. Schnell kommen negative Gefühle gegen „die Russen“ auf. So kann man zeigen, dass es auch in Russland schon immer Menschen gab, die für den Frieden eingestanden sind.

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