Der Krieg gegen die Ukraine als Krieg gegen die Welt

Zu den weltweiten Auswirkungen des Terrors in der Ukraine

Der russische Angriff auf die Ukraine ist ein Angriff auf die ganze Welt. Der Dritte Weltkrieg hat längst begonnen. Die Angst vor ihm ist deshalb auch kein Argument, dem Morden in der Ukraine tatenlos zuzuschauen.

Weltkriegsgefahr? Der Weltkrieg hat längst begonnen!

Mit jedem Tag, den die Terrorangriffe der russischen Armee in der Ukraine fortdauern, ist es unerträglicher, danebenstehen und dem brutalen Morden zuschauen zu müssen.
Die einzige Möglichkeit, das Morden wenigstens einzudämmen, wäre die Einrichtung einer Flugverbotszone über der Ukraine. Dies wird jedoch von der NATO noch immer mit dem Argument abgelehnt, dass dies den Dritten Weltkrieg auslösen könnte.
Die Wahrheit ist jedoch: Der Dritte Weltkrieg hat längst begonnen. Es geht nicht mehr darum, seinen Ausbruch zu verhindern, sondern seine Ausweitung zu verhindern.
Die Ukraine ist eben nicht jenes unbedeutende Stück Land, als das es von anderen westlichen Regierungen lange genug missachtet worden ist. Sie umfasst vielmehr eine Fläche von über 600.000 km² und ist damit so groß wie Deutschland und Italien zusammen.
Wenn man so ein Land in Brand setzt, bleibt das nicht ohne Auswirkungen auf den Rest der Welt. Der Angriff auf die Ukraine war deshalb von Anfang an ein Angriff auf die ganze Welt.
Um konkreter zu werden: Es lassen sich mindestens vier Bereiche benennen, in denen der Überfall auf die Ukraine unmittelbar kriegsähnliche Auswirkungen auf die ganze Welt hat. Im Einzelnen sind dies:

• die Energieversorgung;
• die Ernährungssicherheit;
• die Finanzwirtschaft;
• die Werteordnung der Weltgemeinschaft.

Auf den ersten Punkt brauche ich hier nicht näher einzugehen. Weil er der einzige ist, der uns alle unmittelbar betrifft, wird er ohnehin schon überbetont.
Schauen wir uns also stattdessen die anderen Punkte genauer an.

Krieg gegen die Werteordnung der Weltgemeinschaft

Der Tatbestand der unterlassenen Hilfeleistung gilt nicht bei Völkermord.
Dies ist derzeit die Handlungsweise der Weltgemeinschaft gegenüber der Ukraine. Eine Haltung, die schon für sich genommen schwer erträglich ist. In Bezug auf die Ukraine ist sie allerdings noch einmal schwerer hinnehmbar als in anderen Fällen.
Denn die Ukraine will ja schon seit vielen Jahren NATO-Mitglied werden. Die Aufnahme in das Bündnis ist jedoch mit Rücksicht auf Russland auf den St. Nimmerleinstag verschoben worden. Dass man dem Land nun unter Verweis auf die fehlende Bündniszugehörigkeit substanzielle Hilfe verweigert, ist an Zynismus kaum zu überbieten.
Die mangelnde Unterstützung der Ukraine ist somit gleich in mehrfacher Hinsicht eine moralische Bankrotterklärung des Westens. Sie entlarvt das Bekenntnis zur Unteilbarkeit der Menschenrechte als hohles Pathos. Wenn man dem Völkermord vor den Augen der Weltgemeinschaft weiter tatenlos zusieht, kann man sich hinterher auch UNO, Europarat und all die anderen kostspieligen Diplomatietheater sparen.
Darüber hinaus ist die Passivität des Westens jedoch mit einem der Kernsätze der Aufklärung unvereinbar, nämlich mit Immanuel Kants „praktischem Imperativ“ (1). Demnach existiert der Mensch, wie „überhaupt jedes vernünftige Wesen, (…) als Zweck an sich selbst“. Er darf folglich niemals „bloß als Mittel zum beliebigen Gebrauche für diesen oder jenen Willen“ benutzt werden, sondern muss „in allen seinen, sowohl auf sich selbst, als auch auf andere vernünftige Wesen gerichteten Handlungen jederzeit zugleich als Zweck betrachtet werden“ (2).
In Bezug auf die Ukraine bedeutet das: Der Zweck, eine Ausweitung der russischen Terrorattacken auf andere Länder zu verhindern, wird durch das Mittel der Hinnahme des Völkermords in der Ukraine diskreditiert. Jedes Leben ist gleich viel wert. Ich kann nicht das Leben unschuldiger Menschen in der Ukraine opfern, um mein eigenes Wohlstandsbollwerk zu schützen.
Letztlich wird diese Rechnung aber ohnehin nicht aufgehen. Sie führt nicht nur dazu, dass der Wohlstand noch vergifteter ist, als er es jetzt bereits ist. Sie wird darüber hinaus den russischen Terrorpaten ebenso wie alle anderen Schreckensherrscher dieser Welt in ihrem menschenverachtenden Tun ermutigen. Wenn wir dem Völkermord allen Ernstes bis zu seinem Ende zuschauen wollen, ist deshalb nur eines sicher: dass unsere Sicherheit verloren sein wird.

Krieg gegen die Ernährungssicherheit

Die Hitzewelle über Russland im Jahr 2010 führte nicht nur zu einem Brand der Torfmoore, der wegen der klimaschädlichen Auswirkungen auch bei uns Thema in den Nachrichten war. Die extreme Trockenheit hatte vielmehr auch Missernten zur Folge, insbesondere beim Weizen.
Dies wirkte sich in weiten Teilen der Welt unmittelbar auf die Ernährungslage aus. Abgesehen davon, dass Russland ein wichtiger Weizenexporteur ist, hatten die Missernten auch Auswirkungen auf die Weltmarktpreise. So wurden vielerorts die Grundnahrungsmittel schlagartig teurer.
Damit war die russische Missernte der Funke, der das Pulverfass lange schwelender Unzufriedenheit in der arabischen Welt zum Explodieren brachte. Denn bekanntlich waren es kurz darauf die gestiegenen Brotpreise, die in Tunesien 2011 das Fanal für den Ausbruch der „Arabellion“ abgaben. Und diese hat am Ende eben leider keineswegs zu einer größeren Freiheit der arabischen Völker geführt, sondern ist in den meisten Ländern eher in Bürgerkriege und/oder eine Phase verstärkter Repression gemündet.
Eine ähnliche Entwicklung droht uns auch jetzt wieder. Denn die Ukraine ist der weltweit achtgrößte Produzent von Mais und Getreide (3). Die erwarteten Ernteausfälle und der erschwerte Export durch die zerstörten Hafenanlagen haben schon jetzt zu erheblichen Preisanstiegen geführt. Dies könnte erneut Hungerkatastrophen und in der Folge auch politische Unruhen auslösen.
Zu befürchten ist ferner, dass Russland die ukrainische Getreideproduktion nach einer Besetzung des Landes gezielt als Druckmittel einsetzen wird, um seine geopolitischen Interessen durchzusetzen – zumal das Land schon jetzt eine wichtige Rolle beim Export von Weizen und Mais spielt.
Dies würde nicht nur der Logik der politischen Nutzung von Erdgas und Öl durch die Kreml-Führung entsprechen. Es liegt vielmehr auch in der historischen Tradition Russlands, Hunger gezielt als politisches Druckmittel einzusetzen. Dies gilt gerade in Bezug auf die Ukraine, wo Stalin in den frühen 1930er Jahren Millionen von Hungertoten in Kauf nahm, um die Kollektivierung der Landwirtschaft durchzusetzen.
Dieser so genannte „Holodomor“ (Mord durch Hunger) ist bis heute ein Trauma in der ukrainischen Geschichte (4). Von Russland aus betrachtet, ist es zugleich ein Beleg für die fatalen Folgen einer mangelnden Aufarbeitung der eigenen Geschichte. Anstatt sich dem damaligen Völkermord zu stellen, wird er nun mit pathologischer Zwanghaftigkeit reinszeniert.

Krieg gegen die Finanzwirtschaft

Auf die weltweite Finanzkrise der 2010er Jahre hat die Europäische Zentralbank bekanntlich mit einer Nullzinspolitik reagiert. Spätestens seit die EZB dies mit dem Ankauf von Staatsanleihen verbunden hat, ist daraus eine verdeckte Staatsfinanzierung geworden.
Das billige Geld wirkte auf Aktienmärkte und Regierungen wie eine Droge. Und wie es mit Drogen so ist: Man kommt nur schwer wieder davon los. Ein Entzug ist langwierig und muss schrittweise erfolgen.
Für die Politik des billigen Geldes bedeutet das: Die EZB hätte sich durch eine langsame Erhöhung der Leitzinsen davon verabschieden müssen. Hier aber hat die Corona-Pandemie einen kräftigen Strich durch die Rechnung gemacht. Statt Abschied vom billigen Geld hieß es nun: Öffnet alle Geldschleusen! Flutet den Markt vollends mit Hilfsgeldern zur Ankurbelung der Wirtschaft nach der Pandemie!
Diese Geldfluten haben längst das bewirkt, was die EZB ursprünglich damit bezweckte: eine Erhöhung der Inflationsrate, als Indikator für eine anspringende Wirtschaft. Nun aber, angesichts der durch die infolge des Krieges durch die Decke gehenden Rohstoffpreise und die anziehenden Lebensmittelpreise, droht die Inflation aus dem Ruder zu laufen.
Für einen langsamen Geld-Drogenentzug ist es daher jetzt zu spät. Die EZB müsste die Zinsen rasch anheben, um der Inflation entgegenzuwirken. Dies würde aber auch zu einer Erhöhung der Zinsen, die Staaten für die Schuldenaufnahme an den Finanzmärkten entrichten müssen, führen. Die Folge: Die Staaten hätten weniger Geld in der Kasse, um die Bürger angesichts der steigenden Preise zu entlasten.
Ist die EZB also schachmatt? Ein Opfer ihrer viel zu langen (Geld-)Dealertätigkeit?
Klar ist jedenfalls: Die Finanzwirtschaft bewegt sich noch immer auf dünnem Eis. Sie ist zu fragil, um den Bombenwurf eines Dr. Seltsam im Kreml einfach so wegzustecken.

Dem Völkermord Einhalt gebieten!

Die Schlussfolgerung aus dem allen kann nur lauten: Der Krieg gegen die Ukraine betrifft die ganze Welt. Wenn sich die ehrenwerten Damen und Herren aus dem hohen Haus der Politik hinstellen und jede Einmischung in das fröhliche Massenmorden des Kreml-Herrschers unter Hinweis auf die Gefahr eines Dritten Weltkriegs ablehnen, so sprechen sie sich daher hiermit nicht nur von jeder Verantwortung für die Ermordung Tausender unschuldiger Menschen in der Ukraine frei. Ausgeblendet wird dabei auch:

• die Zuspitzung globaler Hungerkatastrophen und -aufstände;
• die Gefahr einer Verarmung breiter Bevölkerungsschichten in Europa infolge der anziehenden Inflation;
• das Ende der Aufklärung und ihrer moralischen Schlussfolgerungen, als Basis von Demokratie und einer menschenrechtsbasierten Weltordnung.

Ja, es gibt Sanktionen gegen Russland. Diese sind aber teilweise halbherzig, indem sie weiterhin Öl- und Gaslieferungen aus Russland ermöglichen, verbunden mit Milliardenüberweisungen in die Kriegskasse des Kremls.
Der Abbruch von Brücken zur Zivilbevölkerung, wie er durch das Aussetzen von Kooperationen in den Bereichen Sport, Kultur und Wissenschaft bewirkt wird, ist sogar kontraproduktiv. Er könnte die Menschen dazu treiben, sich in einer Art Wagenburgmentalität hinter ihrem neostalinistischen Herrscher zu versammeln, und so dessen System sogar stabilisieren.

Es gibt also keine Alternative zu einem entschlossenen Eingreifen.
Das Morden in der Ukraine muss beendet werden. Jetzt! Sofort!

Links

  1. Kant, Immanuel: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785). Zweiter Abschnitt: Übergang von der populären sittlichen Weltweisheit zur Metaphysik der Sitten. In: Ders.: Werke in 12 Bänden (Theorie-Werkausgabe, 1956), herausgegeben von Wilhelm Weischedel, Bd. 7, Schriften zur Ethik und Religionsphilosophie, S. 7 – 102 (hier S. 61). Frankfurt/M. 1968: Suhrkamp. (Link bezieht sich auf die Web-Version auf zeno.org)
  2. Ebd., S. 59 f.
  3. Vgl. Wikipedia / FAO: Liste der größten Getreideproduzenten.
  4. Vgl. Ukrainische Botschaft in Österreich: Holodomor in der Ukraine in den Jahren 1932-1933; 25. Oktober 2020;Simon, Gerhard: Der Holodomor als Völkermord – Tatsachen und Kontroversen. Referat bei der Tagung „Holodomor 1932-33. Politik der Vernichtung“. Mannheim 24. November 2007. Infoportal Östliches Europa; Zu den Vertreibungen im Zusammenhang mit den Zwangskollektivierungen, die ebenfalls unzählige Menschen das Leben gekostet haben, gibt es einen sehr lebendigen Podcast in der Reihe Tatort Geschichte des Bayerischen Rundfunks: Fischer, Niklas / Liebrandt, Hannes: Tod durch Hunger – Nasino, die „Insel der Kannibalen“; Bayern 2 / Georg-von-Vollmar-Akademie, 28. Januar 2022.

Bild: Wiktor Wasnjetzow (Viktor Vasnetsov, 1848 – 1926): Blitze schleudernder Engel in der Apokalypse; Skizze für ein Gemälde in der Kiewer Wladimirkathedrale (1887)

4 Kommentare

  1. Ganz schweren Herzens: Zustimmung! – Das ist eine extrem schwierige Zeit für Friedensbewegte!- Ich bin selbst in der Friedensbewegung groß geworden. „Schwerter zu Pflugscharen“. Das war für uns ein allgemeingültiger, wahrer Satz. Nun sehen wir einen Menschen in Russland an der Macht, der noch nicht einmal während der Verhandlungen mit seinen menschenverachtenden Bombardements aufhört, der jedes Völkerrecht bricht und sich dann auch noch bemitleidet und mit den Opfern des Holocaust vergleicht. Das ist im Prinzip unerträglich!!!!!!- Er wird so lange weiter töten, bis er gestoppt wird. Er lebt so sehr in der Lüge, dass kein Gespräch, keine Verhandlung ihn je erreichen wird. ER ist ohne jedes Mitleid, ohne jede menschliche oder auch nur vernünftige Regung! Das ist kaum zu glauben, aber offensichtlich wahr!- Wir sehen zu, wie Kinder, alte Menschen, alle Menschen wahllos getötet und ihrer Heimat beraubt werden, verängstigt in Kellern sitzen … ihre Liebsten verlieren….und bringen es fertig, mit Schildern wie „Waffen zu Windrädern“ auf die Straße zu gehen. Plötzlich erscheinen mir Gewissheiten aus der Friedensbewegung zynisch. So als würde man bei einem Amoklauf nicht eingreifen, dem Amokläufer Gespräche anbieten und ihn zuerst einmal verstehen wollen (er wurde als Kind gemobbt, seine Mutter war böse zu ihm etc.) und den Opfern Solidarität – natürlich von einem sicheren Platz aus – zurufen … und abwarten bis er sein Blutbad beendet hat. Die Wahrheit ist: Während wir Frieden, Frieden rufen, haben wir nur Angst um unsere eigene Komfortzone. Das ist eine Kröte, die nur schwer zu schlucken ist!

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    1. Vielen Dank für den Hinweis auf die Friedensbewegung. Ich habe mir im Netz angesehen, wie sie reagiert. Sie verurteilt den Aggressionskrieg und sie sagt nach wie vor Nein zur NATO, zu Waffenlieferungen und zur Aufrüstung. Angesichts des Krieges ist die Friedensbewegung nicht zur Kriegsbewegung mutiert.

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