Putin und Stalin versus Anna Achmatowa und Dostojewski

Was ist die russische Seele?

Putins negatives „Nation Branding“ lässt Russland derzeit als ein Volk von Mördern und Brandschatzern erscheinen. Wie passt das mit dem Bild von der barmherzigen russischen Seele zusammen?

Anna Achmatowas Gedichtzyklus Requiem: Verse gegen das Vergessen

Wahlloses Morden und unbedingtes Mitleiden mit den Mordopfern

Die Werwolfnatur des Menschen

Werwolfnatur und Erlösungssehnsucht

Literarische Gestaltung der Werwolfnatur bei Dostojewski

Fürst Myschkin an die Macht!

Anna Achmatowas Gedichtzyklus Requiem: Verse gegen das Vergessen

Nach der Oktoberrevolution geriet Anna Achmatowa, bis dahin eine anerkannte Dichterin, in Russland rasch ins Abseits. Ihre Dichtung passte nicht zu der von der von den neuen Machthabern ausgerufenen „proletarskaja kultura“. Nachdem ihr erster Mann, Nikolai Gumiljow, als vermeintlicher Konterrevolutionär erschossen worden war, sah zudem auch sie selbst sich zunehmenden Drangsalierungen durch die Behörden ausgesetzt.
In den 1930er Jahre wurde im Zuge der stalinschen Säuberungen auch Achmatowas Sohn Lew inhaftiert. Durch die Einstufung seines Vaters als Antibolschewist galt er den Behörden quasi von Natur aus als verdächtig.
Stundenlang musste Achmatowa in Warteschlangen vor dem Gefängnis ausharren, um ihrem Sohn etwas zu essen oder warme Kleidung bringen zu können. Dabei musste sie auch stets darauf gefasst sein, dass ihr Sohn – wie so viele andere Opfer der stalinschen Säuberungen – angesichts der schweren Haftbedingungen sterben würde. Auch eine Hinrichtung war jederzeit möglich.
Die außergewöhnliche Belastung, die das für sie und ihren Sohn bedeutete, hat die Dichterin in ihrem Zyklus Requiem verarbeitet. Dabei ging es ihr allerdings auch darum, all jene, die wie sie und ihre Angehörigen in das Räderwerk der Geschichte geraten waren, dem Vergessen zu entreißen und den zum Schweigen Gebrachten eine Stimme zu geben. Im Epilog zu ihrem Gedichtzyklus schreibt sie hierzu:

Wie gerne hätte alle ihre Namen ich genannt,
doch der Wind hat sie verweht, die Listen sind verbrannt.

Für sie, aus ihren unglücklichen Worten
ist diese Decke aus Versen gewoben.

Weiterleben werden sie in meinem Geist,
auch wenn neues Unglück einst mich streift.

Selbst wenn sie meinem Mund die Stimme nehmen,
wird doch in seinem Leid das Leiden aller andern wehen.

Wahlloses Morden und unbedingtes Mitleiden mit den Mordopfern

Achmatowas Requiem-Zyklus wäre früher wohl von manchen als typischer Ausdruck der „russischen Seele“ angesehen worden. Denn als deren zentrales Charakteristikum galt ja lange Zeit das unbedingte Mitgefühl mit anderen, eine Solidarität, die alle Schranken überwindet und in dem anderen Menschen schlicht den Mitmenschen sieht, jenseits aller sozialen und kulturellen Überformungen seiner Existenz.
Nun sind allerdings jene, die das in den Requiem-Gedichten beklagte Leid verursachen, ebenfalls Menschen mit einer „russischen Seele“. Für Stalins Schergen galt dies ebenso wie heute für Putins Todesschwadronen.
So stellt sich die Frage: Worin offenbart sich nun eigentlich dieses Phantom der „russischen Seele“? In dem unbedingten Mitfühlen und Mitleiden, wie es sich in Achmatows Requiem manifestiert? Oder doch eher in dem wahllosen, ostentativ unbarmherzigen Morden, wie es die stalinschen Säuberungen und die putinschen Terrorkriege der Gegenwart kennzeichnet?

Die Werwolfnatur des Menschen

Eigentlich kann es hierauf gar keine andere Antwort geben als die eines entschiedenen Sowohl-als-auch: Beides ist ein Teil der russischen Seele. Es gibt diesen Bilderbuch-Alten in seiner morschen Bauernkate, der sein letztes Stück Brot ganz selbstverständlich mit dem Fremden teilt, der nachts an seine Tür klopft. Es gibt aber auch die Killerkommandos, die diese Hütte ohne mit der Wimper zu zucken niederbrennen, um dem frierenden Alten darin sein letztes Stück Brot abzunehmen.
Dabei muss nun allerdings zugleich festgestellt werden: Beides ist an sich nicht „typisch russisch“. Es gibt die Welthungerhilfe und – wie aktuell etwa im äthiopischen Bürgerkrieg – den gezielten Einsatz von Hunger zur Zermürbung der Bevölkerung. Es gibt die Caritas und den Raubtierkapitalismus. Das Gebot der Barmherzigkeit während des islamischen Fastenbrechens und den Terror des „Islamischen Staates“. Flüchtlingshilfe und Abschiebungen. Den Heiligen Franziskus, der seinen Besitz an die Armen verteilt, und den unheiligen Spekulanten, der um seines eigenen Vorteils willen ganze Volkswirtschaften ins Wanken bringt.
Auch was das ungehemmte Ausleben von Brutalität im Krieg anbelangt, müssen wir nicht unbedingt nach Russland schauen. Schließlich liegen der Vietnam- und der Irakkrieg oder selbst die Grauen des Zweiten Weltkriegs nach historischen Maßstäben nur einen Wimpernschlag hinter uns. So können wir keineswegs behaupten, die entsprechenden Gewalteruptionen für immer überwunden zu haben.

Werwolfnatur und Erlösungssehnsucht

Aber was ist dann das Besondere an der russischen Seele? – Vielleicht, dass die Werwolfnatur des Menschen in Russland in besonders ausgeprägter Form zum Vorschein kommt. Einerseits gibt es in dem Land eine Kultur der unbedingten Offenheit für andere. Diese drückt sich sowohl in einer geistig-emotionalen Offenheit aus als auch in einer materiellen Offenheit, wie sie etwa die sprichwörtliche russische Gastfreundschaft repräsentiert.
Andererseits gibt es in Russland aber auch eine Kultur der Gewalt, die sich sowohl nach innen als nach außen hin in einem besonders menschenverachtenden und brutalen Umgang mit anderen manifestiert. Dies wirkt umso erschreckender, je mehr man mit der russischen Seele die andere, mitfühlende Seite der russischen Kultur assoziiert.
Wenn man davon ausgeht, dass dieser Gegensatz für die menschliche Natur allgemein charakteristisch ist, so wäre das spezifisch Russische die Erlösungssehnsucht, die sich aus der Einsicht in die Werwolfnatur des Menschen ergibt. Wo die Extreme der menschlichen Seele, unser ewiges Schwanken zwischen unbedingter Barmherzigkeit und rücksichtslosem Egozentrismus, besonders stark erlebt werden, ist eben auch die Sehnsucht, diesen inneren Widerspruch zu überwinden, besonders groß.

Literarische Gestaltung der Werwolfnatur bei Dostojewski

Der Autor, der dieser Sehnsucht, den intensivsten literarischen Ausdruck verliehen hat, kommt denn auch nicht zufällig aus Russland: Fjodor Dostojewski. Das Ringen des Menschen mit seiner Werwolfnatur steht im Zentrum aller Romane dieses Autors. Es wird dabei sowohl auf der innerpsychischen Ebene gestaltet als auch über eine Figurenkonstellation, in der die gegensätzlichen Pole der menschlichen Natur von verschiedenen Romanfiguren personifiziert werden.
Das berühmteste Beispiel für die innerpsychische Gestaltung des menschlichen Werwolfkonflikts bei Dostojewski ist wohl Raskolnikow, der Protagonist aus dem Roman Преступление и наказание (Prestupljenije i Nakasanije – Verbrechen und Strafe, besser bekannt als „Schuld und Sühne“, 1866). Nachdem dieser mit dem Mord an einer Pfandleiherin seinen niederen Instinkten nachgegeben hat, gelangt er im Verlauf des Romans zu der Einsicht, dass jeder Mensch eine eigene Würde und ein eigenes Lebensrecht besitzt und somit kein Mord gerechtfertigt ist.
In der für Dostojewskis Romane charakteristischen Metaphorik wird dies durch die gutmütige Schwester der Pfandleiherin symbolisiert. Diese personifiziert die andere, hellere Seite der Pfandleiherin – muss aber, weil sie bei dem Mord zufällig anwesend ist, von Raskolnikow ebenfalls getötet werden. So geht mit der Niedertracht der Ermordeten zugleich ihr gutmütiges Potenzial zugrunde, das als Möglichkeit in jedem Menschen angelegt ist.
Auf der innerpsychischen Ebene angesiedelt ist das menschliche Ringen zwischen Gut und Böse auch bei Dmitri, dem ältesten der drei Brüder in den Brüdern Karamasow (1878 – 1880). Gleichzeitig personifiziert dieser Roman den Konflikt jedoch auch in den beiden anderen Brüdern Iwan und Aljoscha. Während Ersterer als dem Glauben entfremdeter Mensch zu Selbstherrlichkeit und Unmoral neigt, repräsentiert Aljoscha das Ideal eines ganz auf dem Boden des christlichen Ideals von Mitgefühl und Barmherzigkeit agierenden Menschen.
Die Gestalt des Aljoscha findet eine Parallele in der Figur des Fürst Myschkin in dem Roman Der Idiot (1867/68). Der Titel dieses Romans ist dabei insofern bezeichnend, als der Protagonist eben aufgrund seiner zutiefst gutmütigen, arglosen Einstellung anderen Menschen gegenüber von diesen als „Idiot“ wahrgenommen wird.
Die Gefahren, die sich aus einer Relativierung humanitärer Gebote im Dienste einer absolut gesetzten Ideologie ergeben, thematisiert Dostojewski in seinem Roman Бесы (Bjessy – Die Dämonen / Böse Geister; 1873). Er verarbeitet darin seine eigene frühere Nähe zu revolutionären Gruppen, weist aber zugleich in fast schon prophetischer Weise voraus auf die späteren Verbrechen des Stalinismus.

Fürst Myschkin an die Macht!

Heute hoffen wir alle inständig, dass die Aljoscha- und Fürst-Myschkin-Seite des russischen Volkes wieder die Oberhand gewinnen möge; dass jenes Mitgefühl für andere, wie es Anna Achmatowa in ihren Requiem-Gedichten zum Ausdruck bringt, das Handeln der Menschen bestimmt; dass sie wie Raskolnikow zur Besinnung gelangen und erkennen, welch ungeheure Verbrechen derzeit im Namen ihres Volkes verübt werden.
Wir sollten uns dabei allerdings stets bewusst bleiben, dass dies allein nicht ausreichen wird, um künftige Gewalteruptionen zu verhindern. Die Voraussetzung dafür ist vielmehr, dass wir alle uns in jeder Sekunde unserer Werwolfnatur bewusst sind. Nur wenn es der gesamten Menschheit gelingt, ihre dunkle Seite unter Kontrolle zu halten, ist dauerhafter Frieden möglich.
Natürlich ist das eine Utopie von ähnlich großer Tragweite wie die einer Rückkehr ins Paradies. Aber allein schon der Entschluss, sich auf diesen Weg zu begeben, wäre ein entscheidender Schritt in Richtung auf eine Welt, in der die Aljoschas und Fürst Myschkins mächtiger sind als all die Stalins und Putins, deren gewalttätige Dystopien uns derzeit noch der Apokalypse näher bringen als der Rückkehr ins Paradies.

Anna Achmatowas Gedichtzyklus Реквием (Requiem) ist größtenteils zwischen 1935 und 1940 entstanden. Seine endgültige Fassung erhielt er allerdings erst im Verlauf der beiden folgenden Jahrzehnte. In der Sowjetunion durfte er erst 1987 im Zuge der Perestroika erstmals veröffentlicht werden.

Weitere Beiträge zu Anna Achmatowa, die den Schwerpunkt auf einzelne Gedichte der Autorin legen, gibt es derzeit in einer dreiteiligen Reihe auf LiteraturPlanet: Anna Achmatowa: Gedichte gegen den Terror.

2 Kommentare

  1. Stimmt. Wenn man mal ein paar russische Romane gelesen hat, will man schwärmen für die „russische Seele“. Die scheint allerdings begraben. Wie die deutsche Dicht – und Denkkultur :). Schade. Ich frage mich, weshalb. Vielleicht, weil alles dem schnellen Geld unterworfen ist.

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