Eine Liebesreise mit der geheimnisvollen Joséphine / A Love Trip with the Mysterious Joséphine

Über ein Chanson von Baptiste W. Hamon. A Summer Full of Love, 4 / About a Chanson by Baptiste W. Hamon. A Summer Full of Love, 4

Ewige Liebe – das bedeutet für uns meist: ewige Dauer der Liebe. Vielleicht liegt die Ewigkeit der Liebe aber eher in den zeitlosen Augenblicken, die sie uns schenkt. – Über Baptiste W. Hamons Chanson Joséphine.

English Version

Josephine

Josephine heißt das Mädchen, das ich liebe.
Wir tanzen lachend durch die Nacht,
ich und meine Josephine, die ich liebe
und an deren Seele die Verzweiflung nagt.

Sie liebt Wagner und liest schicksalsschwere Bücher,
in ihrem Lachen nisten Tränen,
finstere Gedanken flattern um ihr Herz,
die sie zu bunten Reimen bändigt, nachts im Bett.

Manchmal erwacht der Schatten ihrer Kindheit,
dann weint sie mit den Wellen um die Wette
und duckt sich katzengleich in meine Arme,
während meine Tränen sich mit ihren mischen.

Komm, wir tanzen den Sommer herbei,
wir singen die Sorgen entzwei!
Viel zu schnell wird diese Reise enden,
doch in deinen Armen geht sie nie vorbei.

Josephine heißt das Mädchen, das ich liebe.
Wir tanzen lachend durch die Nacht,
ich und meine Josephine, die ich liebe
und an deren Seele die Verzweiflung nagt.

Josephine heißt das Mädchen, das ich liebe.
Wir tanzen lachend durch die Nacht,
ich und meine Josephine, die ich liebe wie,
vom Sturm umtost, ein mondumfloss’nes Floß.

Baptiste W. Hamon: Joséphine

aus: L’insouciance (Die Sorglosigkeit/Unbeschwertheit, 2016)

vollständiges Album auf Bandcamp abrufbar

Baptiste W. Hamon mit der Navasota String Band und Alma Forrer in Austin/Texas (2013):

Die Liebesformel

Wenn wir die Voraussetzungen für das langfristige Überleben einer Liebesbeziehung in eine Formel packen müssten – wie würde diese wohl aussehen? – Ich würde sagen: Gemeinsame Interessen + unterschiedliche Persönlichkeiten + Humor.

Ohne gemeinsame Interessen lässt sich kein gemeinsamer Alltag aufbauen. Bei allzu ähnlichen Persönlichkeiten ist Streit vorprogrammiert – weil beispielsweise beide immer mit dem Kopf durch die Wand wollen. Und der Humor ist wiederum als ausgleichendes Element notwendig, um nicht jedes Haar in der Beziehungssuppe zum alle Liebe erstickenden Kloß im Hals aufzublähen.

Allerdings muss hier auch zugegeben werden: Die Liebe hält sich in der Regel eher nicht an Liebesformeln. Oft fällt sie eben dahin, wo man sie am wenigsten vermutet.

Ein Spiegel für unsere Träume

Zuweilen finden wir einen anderen Menschen gerade deshalb anziehend, weil wir uns eben nicht auf Anhieb in ihm wiedererkennen – sondern weil er für uns das ganz Andere, Unbekannte, Geheimnisvolle repräsentiert. Ein solcher Mensch ist für uns dann wie ein Spiegel, auf den wir unsere unerfüllten Träume projizieren können.

Derartigen Beziehungen ist oft keine lange Dauer beschieden – es widerspricht schlicht dem Wesen des Geheimnisses, auf Dauer als solches bestehen zu bleiben. Sobald das Geheimnisvolle alltäglich wird, verliert es seinen Reiz.

Hinzu kommt, dass Menschen, die für uns ein Spiegel des Anderen, Unbekannten sind, oft auch nicht erkannt werden wollen. Vielleicht kennen sie sich sogar selbst nicht – und wollen sich auch gar nicht vollständig kennenlernen, weil ihnen das die Möglichkeit nähme, sich selbst immer wieder neu zu entdecken.

Genau darin liegt dann der befruchtende Charakter derartiger Beziehungen, aus denen sich in einem wichtigen Punkt Lehren ziehen lassen: Auch in jeder anderen Beziehung ist es tödlich, wenn man glaubt, noch den geheimsten Winkel im Seelenhaus des anderen zu kennen. Diese Sichtweise kann wie ein unsichtbares Gefängnis sein, aus dem auszubrechen dann ein natürlicher Selbstschutzmechanismus ist.

Das unergründliche Haus der Seele

Eine solche Gefahr besteht für die Liebenden in Baptiste W. Hamons Chanson augenscheinlich nicht. Die titelgebende Joséphine ist das personifizierte Geheimnis – ihre Kindheit liegt ebenso im Dunkeln wie ihre Gedanken, die offenbar immer wieder zu überraschenden Purzelbäumen ansetzen.

So ist für den Liebenden hier auch klar, dass diese Liebesreise nicht von ewiger Dauer sein wird. Eben deshalb möchte er jedoch jeden Augenblick davon genießen. Anstatt zu versuchen, das Wesen der Geliebten zu ergründen, nimmt er die Grenzen seines Verstehens humorvoll hin und löst sein Unverständnis im gemeinsamen Lachen, Weinen und Tanzen auf.

Zu dem Roadtrip-Unterton des Textes passt auch, dass der Song 2013 in Austin/Texas aufgenommen worden ist. Der bekennende Folk-Fan Hamon hatte damals Kontakte in die USA geknüpft und zusammen mit der Navasota String Band eine Reihe von Liedern aufgenommen. Ebenfalls in der Live-Aufnahme zu sehen und zu hören ist – neben Hamon sitzend – seine Lebensgefährtin, die Chansonsängerin Alma Forrer.

Über Baptiste W. Hamon

Der 1986 in der Region Paris geborene Chansonnier hat seine musikalischen Wurzeln laut eigener Aussage nicht nur in Frankreich. Vielmehr sieht er sich auch durch die amerikanische Literatur sowie insbesondere durch die amerikanischen Singer-Songwriter und Folksänger beeinflusst. Explizit erwähnt er dabei Townes Van Zandt sowie „melancholische Sänger“ wie Nick Drake und Leonhard Cohen, ferner Guy Clark oder John Prine.

Die bewusste Mischung aus französischem Chanson und amerikanischer Folk- bzw. Singer-Songwriter-Kultur ist für Hamon auch die Voraussetzung dafür, verschiedene musikalische Zielgruppen anzusprechen. In Bezug auf die französische Musikkultur unterscheidet er dabei zwischen vier unterschiedlichen Formen von Publikum: den Schlagerliebhabern, den Freunden des klassischen Chansons der 60er und 70er Jahre, den Indie-Hörern – die wiederum eine Distanz zum Chanson wahrten, weil bei diesem die Grenze zum von ihnen abgelehnten „variété“ fließend seien –, sowie denjenigen, die das moderne Chanson der Jahrtausendwende bevorzugen.

Gleichzeitig betont Hamon allerdings, dass diese Abgrenzungen für ihn nur von „mäßigem“ Interesse seien, da seine eigenen Chansons ja ebenfalls von „sehr unterschiedlichen Musikrichtungen“ beeinflusst seien. Wer seine Lieder hören wolle, für den spiele er sie auch: „Wenn die Organisatoren einer Wurstmesse mich für einen Auftritt einladen, bin ich bereit, dort meine Chansons zu singen. Auch wenn das nicht mein primäres Publikum ist“.

Zitate entnommen aus: Coudol, Laurent: Interview mit Baptiste W. Hamon auf Froggy’s Delight, 23. Feb. 2016.

Weiterer Beitrag zu Baptiste W. Hamon:

Die Utopie, ein Sprung ins Ungewisse (zu dem Chanson Hervé)

English Version

A Love Trip with the Mysterious Joséphine

About a Chanson by Baptiste W. Hamon

Eternal love – that usually means for us: eternal duration of love. But perhaps the eternity of love lies more in the timeless moments love gives us. – About a chanson by Baptiste W. Hamon.

Josephine

Josephine is the name of the girl that I love.
Laughing, we dance through the night,
me and my Josephine, whom I love
and whose soul is haunted by despair.

She loves Wagner and reads fateful books,
tears are hidden in her laughter,
dark thoughts float around her heart,
which she tames into colourful rhymes, at night in bed.

Sometimes the shadows of her childhood awaken,
then she weeps with the waves
and crouches catlike in my arms,
while my tears mingle with hers.

Come on, let’s dance the summer away,
we’ll sing our troubles to pieces!
All too soon this journey will end,
but in your arms it never fades away.

Josephine is the name of the girl that I love.
Laughing, we dance through the night,
me and my Josephine, whom I love
and whose soul is haunted by despair.

Josephine is the name of the girl that I love.
Laughing, we dance through the night,
me and my Josephine, whom I love
like a moonlit raft in a stormy sea.

Baptiste W. Hamon: Joséphine

from:L’insouciance (Carelessness / Lightheartedness, 2016)

full album on Bandcamp

Baptiste W. Hamon with the Navasota String Band and Alma Forrer in Austin/Texas (2013):

The Love Formula

If we had to put the prerequisites for the long-term survival of a love relationship into a formula – what would it look like? – I would say: common interests + different personalities + humour.

Without common interests, it is not possible to build up a common everyday life. If the personalities are too similar, quarrels are inevitable – because, for example, both want to determine everything and neither wants to give in. And humour, in turn, is necessary as a balancing element in order not to inflate every stain on the garment of love into an insurmountable barrier.

However, it must also be admitted here: As a rule, love does not stick to love formulas. It often blossoms where you least expect it.

A Mirror for our Dreams

Sometimes we find another person attractive precisely because we do not find anything familiar in that person – but because, on the contrary, this individual represents for us the unknown, the mysterious. Such a person is like a mirror for us onto which we can project our unfulfilled dreams.

Relationships of this kind often do not last long – it simply contradicts the nature of mystery to remain as such in the long run. As soon as the mysterious becomes commonplace, it loses its appeal.

In addition, people who are a mirror of otherness to us often do not want to be recognised either. Maybe they even don’t know themselves – and don’t want to get to know themselves completely, because that would deprive them of the opportunity to discover themselves anew again and again.

This is precisely where the fertilising character of such relationships lies. In one important respect, lessons can be learned from them: In every other relationship, too, it is fatal to believe that one even knows the most secret corner of the other person’s soul. Such a view can be like an invisible prison – breaking out of such a relationship is a natural self-protective mechanism.

The Unfathomable House of the Soul

The lovers in Baptiste W. Hamon’s chanson obviously do not have to fear this kind of danger. The title figure Joséphine is the personified secret – her childhood is just as much in the dark as her thoughts, which apparently keep doing surprising somersaults.

It is therefore clear to the lover in the song that this love trip will not last forever. But that is precisely why he wants to enjoy every moment of it. Instead of trying to fathom the essence of the beloved, he humorously accepts the limits of his understanding and transforms his lack of comprehension into shared laughter, crying and dancing.

It fits the road trip undertone of the lyrics that the song was recorded in Austin/Texas in 2013. Hamon, a passionate folk fan, had made contacts in the USA at that time and recorded a number of songs in collaboration with the Navasota String Band. Also participating in the live recording is his girlfriend, the chanson singer Alma Forrer (sitting next to Hamon).

About Baptiste W. Hamon

Born in 1986 in the Paris region, the singer-songwriter sees his musical roots not only in France. Rather, he also feels influenced by American literature and especially by American singer-songwriters and folk singers. Of particular importance to him were Townes Van Zandt and „melancholic singers“ like Nick Drake and Leonhard Cohen, furthermore Guy Clark or John Prine.

For Hamon, his mixture of French chanson and American folk or singer-songwriter culture is also the prerequisite for appealing to different music lovers. With regard to French music culture, he distinguishes between four different types of audience: the pop song lovers, the friends of the classic chanson of the 60s and 70s, the indie listeners – who in turn maintain a distance from chanson because the border between the latter and the „chanson variété“ (music hall songs) they reject is fluid – and those who prefer the modern chanson from the turn of the millennium.

At the same time, Hamon emphasises that these demarcations are only of „minor“ interest to him, since his own music is also influenced by „very diverse styles“. Consequently, he points out that he plays his chansons for anyone who wants to hear them: „If the organisers of a sausage fair invite me to perform, I am ready to sing my chansons there. Even if that is not my primary audience“.

Quotations taken from: Coudol, Laurent: Interview with Baptiste W. Hamon on Froggy’s Delight, February 23, 2016.

Another Post on Baptiste W. Hamon:

Utopia: a leap into the uncertain (about the chanson Hervé)

Bilder / Images: Stefan Keller: Silhouette einer Frau am Fenster / Female silhouette at the window (Pixabay); J‘ ai ecouté: Baptiste W. Hamon bei einem Auftritt in Gennevilliers / Baptiste W. Hamon at a performance in Gennevilliers , Oktober 2014 (Wikimedia commons); John Hain: Freude an der Natur / Enjoying nature (Pixabay);

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