Guter und böser Terror

Zu den Zugeständnissen an die Türkei bei den NATO-Beitrittsverhandlungen mit Schweden und Finnland

Anhang: Kurdistan im „Summer Full of Love“

English version: To Şiya (You went away): A Love Song by Erdoğan Emir

Die Zugeständnisse an die Türkei bei den NATO-Beitrittsverhandlungen mit Schweden und Finnland gehen auf Kosten des kurdischen Volkes. Während die türkische Gewalt gegen die Kurden als legitim gilt, wird die kurdische Gegenwehr als „Terror“ verurteilt.

Das kurdische Volk als Bauernopfer

Die türkische Armee als Urheber des „Kurdenkonflikts“

Fortgesetzte Unterdrückung kurdischer Selbstbestimmungsrechte

Kurdistan im Summer Full of Love

To Şiya (Du bist fortgegangen): Ein Liebeslied von Erdoğan Emir

Das kurdische Volk als Bauernopfer

Im Zusammenhang mit der Zustimmung der türkischen Regierung zum NATO-Beitritt Schwedens und Finnlands war zuletzt auch von „Zugeständnissen“ der Regierungen dieser beiden Länder an die Türkei die Rede.
Neben der Zustimmung zu Waffenlieferungen an die Türkei ging es dabei vor allem um eine stärkere Bekämpfung türkischer Oppositioneller und kurdischer Freiheitskämpfer, die von der Türkei vor allem in Schweden in größerer Zahl vermutet werden. Insbesondere sollen Finnland und Schweden die Türkei stärker in ihrem Kampf gegen die PKK, die kurdische Arbeiterpartei, unterstützen.
So sind die Interesen des kurdischen Volkes wieder einmal als Verhandlungsmasse auf diplomatischem Parkett missbraucht worden. Dabei besteht natürlich kein Zweifel daran, dass es sich bei der PKK um eine Organisation handelt, die sich zur Durchsetzung ihrer Ziele auch gewalttätiger Mittel bedient. Die pauschale Etikettierung der PKK als „Terrororganisation“ lässt jedoch außer Acht, dass die von der Gruppe verübten Gewalttaten nicht im luftleeren Raum entstanden sind.

Die türkische Armee als Urheber des „Kurdenkonflikts“

Es war die türkische Armee unter Mustafa Kemal „Atatürk“ („Vater der Türken“), die nach dem Ende des Ersten Weltkriegs den 1920 geschlossenen Vertrag von Sèvres gebrochen hat. Wenn sich diese nationale Erhebung auch vor allem gegen Griechenland und die griechische Minderheit im eigenen Land gerichtet hat, so wurden damit doch auch die Selbstbestimmungsrechte hinfällig, die den Kurden in diesem Vertrag zugesichert worden waren.
Die Türkei ist dafür von der internationalen Gemeinschaft 1923 im Vertrag von Lausanne mit der Anerkennung als Nationalstaat belohnt worden. In diesem sind die kurdische Sprache und Kultur lange Zeit systematisch unterdrückt worden, und die Kurden selbst durften nur als „Bergtürken“ tituliert werden – so dass de facto die Existenz als Kurde unter Strafe gestellt war.
Auf Rufe nach kultureller Autonomie in der Kurdenregion reagierte die türkische Regierung 1937/38 mit einem Vernichtungsfeldzug, in dem zehntausende Menschen getötet wurden. Als Zeichen ihres Sieges und als Mahnung für die Zukunft benannte die türkische Regierung die Region nach dem Massaker um: Aus Dersim (kurdisch „silbernes Tor“) wurde Tunceli (türkisch „eiserne Hand“).

Fortgesetzte Unterdrückung kurdischer Selbstbestimmungsrechte

Auf die seit den 1970er Jahren wieder verstärkt zum Ausdruck gebrachten Selbstbestimmungswünsche der kurdischen Bevölkerung reagierte die türkische Regierung nicht anders als vierzig Jahre zuvor. Wieder folgten massive Militäreinsätze, wieder wurden Dörfer zerstört und Menschen zwangsumgesiedelt. Bis heute werden in den Kurdengebieten nach Gutsherrenart gewählte Bürgermeister abgesetzt, wenn sie den Machthabern in Ankara nicht passen, auch Militäraktionen sind weiterhin an der Tagesordnung.
Die Weigerung, das Selbstbestimmungsrecht des kurdischen Volkes anzuerkennen, ist auch der Hauptgrund für den Einmarsch der türkischen Truppen in Nordsyrien, der seit 2018 durch mehrere Militäroperationen erfolgt ist. Offenbar besteht die Befürchtung, dass die kurdische Autonomie im Nordosten Syriens und im Nordirak auf lange Sicht auch die Autonomiebestrebungen der in der Türkei lebenden Kurden befördern könnte. So wird der Vernichtungsfeldzug gegen das kurdische Volk nun auch in die Nachbarländer getragen.
Dies alles bleibt unberücksichtigt, wenn die türkische Sprachregelung vom Kampf gegen den „kurdischen Terror“ unhinterfragt übernommen wird. Die kurdischen Wünsche nach kultureller Selbstbestimmung werden so auf eine Stufe mit Terrororganisationen wie dem Islamischen Staat gestellt – und es wird außer Acht gelassen, dass die Türkei selbst sich im Kampf gegen das kurdische Volk staatsterroristischer Mittel bedient.

Kurdistan im Summer Full of Love

Da auf rotherbaron eigentlich gerade alles auf Liebe eingestellt sein sollte, erlaube ich mir, als Ergänzung mein kurdisches Lieblingslied anzufügen. Als Lied über eine unglückliche Liebe passt es einerseits zur traurigen Geschichte des kurdischen Volkes. Gleichzeitig ist es aber eben auch ein Liebeslied – und beschwört wie jedes Liebeslied auch die Utopie der erfüllten Liebe.
Im kurdischen Kontext darf man dies durchaus auch auf den weiteren Zusammenhang eines harmonischen Zusammenlebens aller Menschen und damit auch einer größeren Freiheit des kurdischen Volkes beziehen. Schließlich sieht es in der kurdischen Kunstszene nicht anders aus als in anderen Staaten, die freie Meinungsäußerungen unterdrücken: Kunstwerke, die offene politische Bekenntnisse enthalten, könnten sowohl auf der Seite der Kunstschaffenden als auch auf der Seite des Publikums Repressionen nach sich ziehen.

To Şiya (Du bist fortgegangen): Ein Liebeslied von Erdoğan Emir

Erdoğan Emir bringt die erträumte Harmonie in seinem Lied durch einen besonders harmonischen Dialog zwischen Gesangsstimme und Violine (in der Albumfassung) bzw. Flöte (in der Live-Version) zum Ausdruck. Der 1982 in der Provinz Dersim geborene Musiker spielt in mehreren Bands mit, war aber auch mit Soloprojekten erfolgreich. Er gehört der zazaischen Volksgruppe an, deren Sprache linguistisch als eigenständig gilt – allerdings wie das Kurdische zu den nordwestiranischen Sprachen zählt.

Die Mehrzahl derer, die diese Sprache sprechen, definiert sich jedoch nichtsdestotrotz als „kurdisch“. Dahinter steht die Befürchtung, die sprachwissenschaftlichen Forschungen könnten – so wichtig sie auch für das Verständnis des Zazaischen (Zazaki) sein mögen – einen Keil zwischen die einzelnen Bevölkerungsgruppen treiben.
So weichen das Nordkurdische (Kurmandschi), das Zentralkurdische (Sorani) und das Südkurdische zwar erkennbar voneinander ab und weisen zudem jeweils noch eigene Dialekte auf. Die kulturelle Situation ist jedoch für alle Sprachgruppen gleichermaßen von der Unterdrückung durch die türkische Mehrheitsgesellschaft geprägt.

Erdoğan Emir: To Şiya

Album: Tanık (Traurig); 2010

Du bist fortgegangen

Es war Sommer, als du fortgegangen bist
und ich blutige Tränen weinte.

Wie ein Kuckuck rufe ich nach dir,
nur die Sterne hallen wider
von meiner Sehnsucht
und malen dein Bild in den Himmel.

Nur deine Seele rührt an meiner Seele Saiten
Nur du kannst meinem Herzen Heilung bringen.

Mit der Abendsonne versinkt
dein Lächeln hinter den Bergen,
die Welt verdunkelt sich für mich.
Doch meine Seele erklimmt die höchsten Gipfel
und fliegt auf den Schwingen des Windes zu dir.

Nur deine Seele …

Lyrics

Videoclip:

Live, unplugged (2015):

Links:

Ausführlicher Beitrag zum „Kurdenkonflikt“ mit weiterführenden Links:

Die Glaubwürdigkeitsfalle. Die türkischen Veto-Drohungen in der NATO vor dem Hintergrund der repressiven Kurdenpolitik des Landes

Ausführlichere Informationen zu kurdischer Kultur und Geschichte:

Wagner, Hans: Die Kurden – Geschichte, Kultur und Hintergründe. Eurasisches Magazin, 2. Mai 2020.

ferner die Website The Kurdish Project

speziell zum Dersim-Massaker: Kieser, Hans-Lukas: The Dersim Massacre, 1937-38; Juli 2011, sciencespo.fr.

Weiteres kurdisches Lied im Rahmen des Poetry Day auf LiteraturPlanet: Mehmet Atlı: Lo Şivano (Der Hirte)

Dûrzan Cîrano: Kurdischer Mann auf dem Weg zur Feldarbeit / Kurdish man on his way to work in the fields (Wikimedia commons, 2010)

English Version

To Şiya (You went away): A Love Song by Erdoğan Emir

Erdoğan Emir, born in 1982 in the province of Dersim, plays in several bands, but has also been successful with solo projects. He belongs to the Zazaic ethnic group, whose language is considered linguistically independent. Like Kurdish, however, it belongs to the Northwest Iranian languages.

The majority of those who speak this language nevertheless define themselves as „Kurdish“. The background to this is the fear that linguistic research – as important as it may be for the understanding of Zazaic – could drive a wedge between the various population groups.

Thus, Northern Kurdish (Kurmanji), Central Kurdish (Sorani) and Southern Kurdish differ recognisably from each other, and each also has its own dialects. However, the cultural situation for all language groups is equally marked by the oppression of the Turkish majority society.

The region from where Erdoğan Emir was born is the best example of this. In 1937/38, the Turkish government reacted to Kurdish efforts for self-determination there with a campaign of extermination in which tens of thousands of people were killed. As a sign of its victory and as a warning for the future, the Turkish government renamed the region after the massacre: Dersim (Kurdish „silver gate“) became Tunceli (Turkish „iron hand“).

Erdoğan Emir’s song about an unhappy love is on the one hand part of the sad history of the Kurdish people. At the same time, however, it is simply a love song – and, like every love song, also evokes the utopia of fulfilled love.

In the Kurdish context, this may well be related to the broader context of a harmonious coexistence of all humans and thus also greater freedom for the Kurdish people. Erdoğan Emir expresses the dreamed harmony in his song through a particularly harmonious dialogue between the singing voice and the violin (in the album version) or the flute (in the live version).

Erdoğan Emir: To Şiya

Album: Tanık (Sad); 2010

You went away

It was summer when you left
and I cried tears of blood.

I call for you like a cuckoo,
only the stars resound with my longing
and paint your picture in the sky.

Only you can resonate
with the rhythm of my soul.
Only you can heal
the sorrow of my heart.

With the setting sun
your smile vanishes behind the mountains,
the world grows dark for me.
But my soul climbs the highest peaks
and flies to you on the wings of the wind.

Only you can resonate …

Lyrics

Videoclip: https://www.youtube.com/watch?v=fkHrqK23LOo

Live, unplugged (2015): https://www.youtube.com/watch?v=1yVdAe8GJEE

More about Kurdish history and culture: The Kurdish Project; especially on the Dersim Massacre: Kieser, Hans-Lukas: The Dersim Massacre, 1937-38; July 2011, sciencespo.fr.

Titelbild / Image: Salar Arkan: Kurdische Frau mit Enkelin beim kurdischen Neujahrsfest /Kurdish woman with granddaughter at the Kurdish New Year (Nouruz: 20./21. März) im iranischen Teil Kurdistans (Wikimedia commons, 2017; Ausschnitt)

2 Kommentare

  1. Die Haltung Europas in der Kurdenfrage ist nicht nur erbärmlich sondern wirft damit auch eine Reihe weiterer Fragen auf, die einen erschaudern lassen. Für die EU ist nicht Erdogan die Gefahr, sondern die Kurden, weil der Kuhhandel von Erdogan bestimmt wird. Das geht weit über „Realpolitik“ hinaus und macht wieder einmal klar, wohin der Reise der EU zwangsläufig gehen muss.

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