Die Liebesgeschenke des launischen Zufallsgottes / The Love Gifts of the Capricious God of Chance

Eine erotische Fahrstuhlfahrt mit Olive & moi / An Erotic Elevator Ride with Olive & moi

A Summer Full of Love, 6

Die große Liebe verdankt sich oft weniger der Macht des Schicksals als einer Laune des Zufalls. Das lädt zu weitreichenden Was-wäre-wenn-Phantasien ein. – Mit einem Chanson von Olive & moi.

English Version

Der Fahrstuhl

Wäre das alles auch geschehen,
wenn wir uns anderswo
oder am Vorabend begegnet wären?
Wenn unser Tête-a-Tête nicht ausgerechnet
im Fahrstuhl sich ereignet hätte?

Wie viele Stufen hätten wir erklimmen müssen,
um ohne Fahrstuhl in ein Wolkenschloss zu ziehen?

Wie hätte – wären wir zu Fuß gegangen –
die Hitze jeden Wunsch erstickt,
ein and’res Feuer zu entfachen!
Im Fahrstuhl aber hat die Wärme prickelnd
ein Herz dem anderen geöffnet.

Wie viele Stufen hätten wir erklimmen müssen,
um ohne Fahrstuhl einen Himmel zu umarmen?

In schwindelnder Höhe – wie dünn ist die Luft!
In schwindelnder Höhe – wie weit reicht der Blick!

Wie viele Stufen hätten wir erklimmen müssen,
um ohne Fahrstuhl einen Himmel zu umarmen?

Wie wären auf der langen Treppe
mit jedem Absatz wir uns mehr entschwunden!
Im Fahrstuhl aber hat die Liebe sich
entfaltet zwischen den Etagen
und uns geradewegs in den Himmel geführt.

Wie viele Stufen hätten wir erklimmen müssen,
um ohne Fahrstuhl in ein Wolkenschloss zu ziehen?
Wie viele Stufen hätten wir erklimmen müssen,
um ohne Fahrstuhl einen Himmel zu umarmen?

In schwindelnder Höhe – wie dünn ist die Luft!
In schwindelnder Höhe – wie weit reicht der Blick –
bis in das Wolkenschloss, das wir bewohnen!

Olive & moi: L’ascenseur

aus: Fais-moi une passe (2008)

Lyrics: Bénédicte Bourlier

Musik: Bénédicte Bourlier, Franck Prosperi, Philippe Bergeron

Gesang: Olivier Costes und Bénédicte Bourlier

Arrangement: Emmanuel Da Silva

Wie ein Gang zum Bäcker das ganze Leben verändert

Irgendwo im Nirgendwo der Welt. Als Mike eines Morgens aufwacht, stellt er fest, dass er kein Brot mehr im Haus hat. Gut, denkt er, dann gibt es eben Müsli zum Frühstück. Doch beim Griff nach der Milchflasche stellt sich heraus: Die Milch ist sauer geworden.
Ausgerechnet heute, ärgert sich Mike. Ausgerechnet am Tag des Vorstellungsgesprächs für das soziale Jahr. Ausgerechnet an einem Montag, wenn es beim Bäcker voller ist als an anderen Tagen.
Ohne Frühstück möchte Mike aber auch nicht aus dem Haus gehen. Also schluckt er seinen Ärger herunter, springt kurz unter die Dusche und stellt sich dann beim Bäcker in die Schlange.
Vor ihm steht eine junge Frau. Lange dunkle Haare, angenehmer Duft. Sie wirkt etwas nervös, ständig tritt sie von einem Fuß auf den anderen und schaut nach vorne, als könnte sie mit ihren Blicken das Einpacken der Backwaren beschleunigen.
Schließlich fällt ihr ihre Tasche aus den Händen. Sie möchte sich bücken, aber Mike ist schneller und hebt die Tasche für sie auf.
„Das ist nicht das Erste, was mir heute aus den Händen fällt“, lacht sie, als Mike ihr die Tasche reicht. „Ich habe nachher noch ein Vorstellungsgespräch – und ausgerechnet heute ist mir das Brot ausgegangen!“
Natürlich ergibt sich daraus ein angeregtes Gespräch, natürlich ergibt sich aus dem angeregten Gespräch ein noch angeregteres Date, aus dem dann am Ende eine lange, liebevolle Lebensgemeinschaft wird. Mike wird Bäckermeister, danach studiert er und wird Lebensmittelchemiker. Arbeitsschwerpunkt: Kontrolle und Optimierung der Inhaltsstoffe von Brot.

Ganz andere Entwicklung im Paralleluniversum

Zur gleichen Zeit im Paralleluniversum: Der kosmische Zwilling von Mike stellt beim Aufwachen fest, dass er kein Brot mehr hat. Er möchte schon, gegen seine Gewohnheit, morgens zum Bäcker gehen, da erinnert er sich an den Geldschein, den seine Oma ihm bei seinem letzten Besuch zugesteckt hat. Weil er ohnehin für ein Vorstellungsgespräch aus dem Haus gehen muss, beschließt er, sich ein Frühstück in einem Café zu leisten.
Das Vorstellungsgespräch verläuft ganz zur Zufriedenheit des Mike-Zwillings. Zuerst bietet man ihm an, sein soziales Jahr in der Backstube einer Obdachloseneinrichtung zu verbringen. Dann aber stellt sich heraus, dass es auch eine Möglichkeit gibt, ins Ausland zu gehen, nach Ruanda, dessen landschaftliche Schönheit Mikes Zwilling ohnehin schon immer gereizt hat.
In Ruanda verliebt er sich nicht nur in die Natur, sondern auch in eine junge einheimische Frau namens Alika. Das soziale Jahr vergeht für ihn wie im Rausch, danach ist alles verändert. Er, der sich nie dauerhaft binden wollte, heiratet auf der Stelle, um seine Alika immer an seiner Seite zu haben.
Mikes Zwilling studiert Ingenieurwissenschaften, danach engagiert er sich in Entwicklungshilfeprojekten in Afrika.

Der Gott der Liebe und der Zauberstab des Zufalls

Mike und sein Zwilling aus dem Paralleluniversum sind beide davon überzeugt, dass es das Schicksal war, das sie ihre Liebe fürs Leben hat finden lassen. Könnten sie sich aber begegnen – was, wie wir alle wissen, durch den Raum-Zeit-Graben zwischen kosmischen Spiegelbildern unmöglich ist –, so müssten sie sich eingestehen: Es war keineswegs so, dass der Gott der Liebe hier zwei menschliche Puzzleteile zusammengefügt hat, die füreinander bestimmt waren. Viel eher hat der Zufall die Puzzleteile so geformt, dass sie urplötzlich zueinander passten.
Natürlich sind auch dem Zauberstab des Zufalls bestimmte Grenzen gesetzt. Manche Charaktereigenschaften harmonieren besser miteinander als andere, ohne gemeinsame Interessen ist ein dauerhaftes Zusammenleben schwieriger, und schließlich gibt es ja auch eine Biochemie der Liebe, eine Anziehungskraft auf der Basis von Gerüchen und chemischen Botenstoffen, die auf rein animalischer Ebene Annäherung oder Distanzierung signalisieren.
Welche Rolle all diese Faktoren spielen, hängt jedoch wiederum ganz von der Situation ab, in der wir einem anderen Menschen begegnen. Wenn wir mit einem einzigen Mitmenschen auf einer einsamen Insel stranden, werden wir uns schon aus Selbstschutzgründen darum bemühen, den Umgang mit ihm angenehm zu finden. Dies – wie auch das Angewiesensein aufeinander in einer Extremsituation – mag dann dazu führen, dass wir uns für einen Menschen öffnen, den wir sonst nie als das passende Puzzleteilchen für unser eigenes Ich angesehen hätten.

Die Tür zum Märchenhaften in uns

Aus dieser Perspektive relativiert sich dann auch der Traum von dem einen Menschen, der uns in idealer Weise ergänzt. Denn mindestens ebenso wichtig wie die Persönlichkeit des anderen ist die Frage, inwieweit wir willens und in der Lage sind, uns ganz auf einen anderen Menschen einzulassen; ob wir bereit sind, all den Schwingungen seines Ichs zu folgen, mit ihm mitzuschwingen und so unser Leben auf eine gemeinsame Bewegung mit ihm einzustellen.
Eine solche Erkenntnis mag für jene, die noch immer auf den Prinzen aus dem Morgenland oder die Prinzessin aus dem Abendland warten, ernüchternd sein. Andererseits hat sie aber auch etwas Befreiendes. Denn sie zeigt, dass wir es bis zu einem gewissen Grad selbst in der Hand haben, die ersehnte Märchengestalt zu entdecken.
In jedem Menschen gibt es eine Tür zum Märchenhaften. Wir müssen nur genau genug hinsehen, um sie zu finden – und wir müssen den Mut haben, sie gemeinsam mit ihm zu öffnen.

Über Olive & moi

Olive & moi (Olive und ich) ist der Künstlername von Olivier Costes. Der Name verweist zunächst auf die vielfältigen Tätigkeitsfelder, auf denen dieser Singer-Songwriter bis zu seinem Einstieg in die Chansonszene tätig war. Der in Paris geborene, aber im südfranzösischen Département Aveyron heimische Künstler war nach einer kaufmännischen Ausbildung zunächst in der PR-Branche tätig und hat u.a. Spots und Slogans für politische Kampagnen entworfen. Erst mit 40 Jahren veröffentlichte er 2008 sein erstes Album (Fais-moi une passe).
Daneben verweist die programmatische Multiplikation des Ichs auch auf den Anspruch, sich unterschiedlicher Musikstile und Textsorten zu bedienen. Speziell für das Debütalbum kommt hinzu, dass der Musiker darauf mit der Singer-Songwriterin Bénédicte Bourlier von der Lyoner Band Liz de Lux zusammengearbeitet hat.
Bourlier singt nicht nur auf dem Album mit, sondern hat auch eigene Songs dazu beigesteuert. So hat sie etwa den Text für L’ascenseur geschrieben und die Musik zu dem Song mitkomponiert. Korrekterweise müsste man hier also nicht von „Olive et moi“, sondern von „Bénédicte et Olive“ sprechen.
Olivier Costes, der auch literarische Texte und Kinderbücher veröffentlicht hat, hat allerdings schon früh mit dem Schreiben eigener Songs begonnen. Diese hat er jeweils auf Kassette aufgenommen und in einen frankierten Umschlag gesteckt – lange Zeit jedoch ohne den Mut zu haben, die Umschläge an ein Musiklabel zu schicken.
Seine musikalischen Vorbilder sieht Costes außer im französischen Chanson auch in der britischen Band The Cure. In seiner Musik macht sich dies in einem „poppigeren“ Sound bemerkbar, der seine Songs eher mit dem Nouvelle Chanson der Jahrtausendwende als mit dem traditionellen Chanson verbindet.

Informationen entnommen aus:

Capcampus.com: Olive et moi: Fais-moi une passe; 24. September 2008

Chantefrance.com: Olive & moi; 31. Juli 2015

Olivier Costes: Homepage

English Version

The Love Gifts of the Capricious God of Chance

An Erotic Elevator Ride with Olive & moi

The Elevator

Would all this have happened
if we had met somewhere else
or the night before?
If our tête-a-tête hadn’t happened
in the elevator of all places?

How many stairs would we have had to climb
to move into a castle in the clouds without a lift?

How would the heat – if we had walked –
have stifled our every wish
to light a very different fire!
But in the lift the tingling warmth
opened one heart to the other.

How many steps would we have had to climb
to embrace the sky without a lift?

At dizzy heights – how thin is the air!
At dizzy heights – how far you can see!

How many steps would we have had to climb
to embrace the sky without a lift?

On the long staircase,
how would we have drifted further away
from each other with every step!
But in the elevator, love unfolded
between the floors and took us straight to heaven.

How many stairs would we have had to climb
to move into a castle in the clouds without a lift?
How many steps would we have had to climb
to embrace the sky without a lift?

At dizzy heights – how thin is the air!
At dizzy heights – how far you can see –
right up to the castle in the clouds where we live!

Olive & moi: L’ascenseur

from: Fais-moi une passe (2008)

Lyrics: Bénédicte Bourlier

Music: Bénédicte Bourlier, Franck Prosperi, Philippe Bergeron

Vocals: Olivier Costes and Bénédicte Bourlier

Arrangement: Emmanuel Da Silva

How a Walk to the Bakery Changes an Entire Life

Somewhere in the middle of nowhere. When Mike wakes up one morning, he realises he’s out of bread. All right, he thinks, then I’ll have some cereals for breakfast. But when he reaches for the milk bottle, it turns out that the milk has gone sour.
What a nuisance, Mike thinks to himself. Why does this have to happen today of all days – on the day of the interview for the Voluntary Social Year? And all this on a Monday, when the bakery is more crowded than on other days!
However, Mike doesn’t want to leave the house without breakfast either. So he swallows his anger, takes a quick shower and then queues up at the bakery.
A young woman stands in front of him. Long dark hair, pleasant scent. She seems a bit nervous, constantly stepping from one foot to the other and looking ahead, as if she could speed up the bagging of the baked goods with her glances.
Finally, her bag falls out of her hands. She wants to bend down, but Mike is faster and picks it up for her.
„That’s not the first thing to fall out of my hands today,“ she laughs as Mike hands her the bag. „I have a job interview later on today – and I ran out of bread today, of all days!“
Of course, this results in an animated conversation; of course, the animated conversation results in an even more animated date, which eventually ends up in a long, loving partnership. Mike becomes a baker, then studies to work as a food chemist, with a focus on controlling and optimising the ingredients of bread.

Completely Different Development in the Parallel Universe

At the same time in the parallel universe: Mike’s cosmic twin wakes up to find he’s out of bread. He already wants to go to the bakery, against his habit, when he remembers the banknote his grandmother slipped him on his last visit. Since he has to leave the house for a job interview anyway, he decides to treat himself to breakfast at a café.
The job interview goes quite well for Mike’s twin. At first, they offer him to spend his Voluntary Social Year in the bakery of a homeless facility. But then it turns out that there is also a possibility to go abroad, to Rwanda, whose scenic beauty has always appealed to Mike’s twin.
In Rwanda, he not only falls in love with nature, but also with a young local woman named Alika. The social year passes by in the blink of an eye for him, and afterwards everything is changed. He, who had always derided matrimony as a shackle, marries on the spot to have his Alika always by his side.
Mike’s twin studies engineering and then gets involved in development projects in Africa.

The God of Love and the Magic Wand of Chance

Both Mike and his twin from the parallel universe are convinced that it was fate that made them find their love for life. But if they could meet – which, as we all know, is impossible due to the space-time-gap between cosmic mirror images – they would have to admit to each other: It was not at all the case that the God of love here put together two human puzzle pieces that were meant for each other. Rather, chance shaped the puzzle pieces in such a way that they suddenly fitted together.
Of course, there are also certain limits to the magic wand of chance. Some character traits go together better than others, without common interests it is more difficult to live together permanently, and finally there is also a biochemistry of love, an attraction based on smells and chemical messengers that signal approaching or distancing on a purely animalistic level.
However, the importance of all these factors depends on the situation in which we meet another person. If we are stranded on a desert island with a single fellow human being, we will strive, if only for reasons of self-protection, to find our interactions with this person pleasant. This – as well as being dependent on each other in an extreme situation – may then lead us to open up to a person we would otherwise never have seen as the fitting puzzle piece for our own self.

The Door to the Magical in Us

From this point of view, the dream of the one person who ideally complements us is also put into perspective. After all, at least as important as the personality of the other is how much we are willing and able to fully engage with another human being; whether we are ready to follow all the vibrations of the other person’s ego, to resonate with the beloved and thus to adjust our lives to a common movement with one another.
Such a finding might be sobering for those who are still waiting for the prince from the Orient or the princess from the Occident. On the other hand, it also has something liberating about it. For it shows that to a certain extent it is up to us to discover the longed-for fairytale figure.
There is a door to the magical in every human being. We just have to watch closely enough to find it – and we need the courage to open it together with the other person.

About Olive & moi

Olive & moi (Olive and I) is the stage name of Olivier Costes. The name first of all points to the diverse fields of activity in which this singer-songwriter was active until he entered the chanson scene. Born in Paris but at home in the southern French département of Aveyron, Costes initially worked in the PR industry, creating spots and slogans for political campaigns, among other things. It was not until he was 40 that he released his first album (Fais-moi une passe) in 2008.
In addition, the programmatic multiplication of the self refers to the ambition of using various musical styles and types of lyrics. With regard to the debut album, it also points to the collaboration with the singer-songwriter Bénédicte Bourlier from the Lyon band Liz de Lux.
Bourlier not only sings on the album, but has also contributed her own songs. For example, she wrote the lyrics for L’ascenseur and co-composed the music for the song. So the correct term here would be „Bénédicte et Olive“ rather than „Olive et moi“.
However, Olivier Costes, who has also published literary texts and children’s books, began writing his own songs early on. He recorded them on tape and put each one in a stamped envelope – for a long time, though, without having the courage to send the envelopes to a music label.
Costes sees his musical role models not only in French chanson singers but also in the British band The Cure. In his music, this is noticeable in a more pop-like sound, which connects his songs rather with the Nouvelle Chanson of the turn of the millennium than with traditional French chanson.

Information taken from:

Capcampus.com: Olive et moi: Fais-moi une passe; September 24, 2008

Chantefrance.com: Olive & moi; July 31, 2015 Olivier Costes: Homepage

Bilder / Images: Viktor Michailovitsch Vasnjetsov (Wiktor Michailowitsch Wasnezow, 1848 – 1926): Der fliegende Teppich (nach 1919) / The Flying Carpet (after 1919) ; Moskau, Vasnjetsov-Haus (Wikimedia commons); Rodrigo Paredes: Fahrstuhl und Treppen / Elevator and stairs; Buenos Aires, 2015 (Wikimedia Commons; modified)

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