Der böse Wolf und das freiheitstrunkene Pferd / The Bad Wolf and the Horse Hungry for Freedom

Über das estnische Volkslied Hobusemäng, interpretiert von der estnisch-ukrainischen Band Svjata Vatra / About the Estonian Folk Song Hobusemäng, Interpreted by the Estonian-Ukrainian Band Svjata Vatra

A Summer Full of Love, 7

Was Eltern noch heute fürchten, konnte früher ein ganzes Leben zerstören: das Frühlingserwachen der Töchter. Lied- und Tanzrituale dienten als Ventil für den Freiheitsdrang und sollten ihn gleichzeitig unter Kontrolle halten. – Über ein estnisches Tanzspiel.

English Version

Das Pferdespiel

Mein Pferd, mein schönes Pferd ist fort!
Wie sah es aus, dein Pferd?
Sagt mir, Herr Gastwirt,
Ihr und Eure schöne Tochter:
Habt Ihr mein Pferd gesehen?

Wie sah es aus, dein Pferd?
Weiß war sein Haar, weiß waren seine Augen.
Weiß waren seine Füße, weiß ein Fleck auf seiner Stirn.
Golden war das Seil an seinem Hals,
hell schimmerte das Halfter, das es trug.

Wohin ist es entflohn, dein Pferd?
Es tanzte fort in den weiten Wiesen,
verlor sich wiehernd im Buchweizenfeld.
Ach, wenn nur der blutdürstige Wolf
nicht seine weiße Mähne schändet!

Svjata Vatra: Hobusemäng

aus: Muutused / Zminy (estnisch/ukrainisch für „Veränderungen“), 2018

vollständiges Album auf Bandcamp abrufbar

Liebesspiele in früherer Zeit

Wie haben eigentlich in früheren Jahren Mann und Frau zueinandergefunden? Auf welcher Grundlage ist entschieden worden, wer mit wem einen intimen Bund eingeht?

Gut, wenn wir an den Adel oder das städtische Bürgertum denken, ist die Sache klar. Hier waren die Kinder eine Art Anlageobjekt, das nach dem Prinzip der größten erwartbaren Erträge und Synergieeffekte mit dem Nachwuchs von anderen Familien der gleichen Schicht verkuppelt wurde. Ehen wurden arrangiert, eine freie Partnerwahl gab es nicht.

Auf dem Land sah die Sache schon anders aus. Natürlich gab es auch hier reiche Bauern, die für ihren Nachwuchs nach einer angemessenen Partie suchten. Dies betraf allerdings insbesondere den oder die männlichen Erben – je nachdem, welches Erbrecht in der betreffenden Region galt. Für die übrigen Nachkommen und die große Mehrheit der Besitzlosen galten dagegen keine so strengen Regeln.

Armut und Reichtum waren damit hier Fluch und Segen zugleich. Wer reich war, konnte sich eine große Familie leisten und hatte weniger unter materiellen Sorgen zu leiden. Dafür war er aber in Liebesdingen weniger frei. Wer arm war, lebte in kärglichen Verhältnissen und konnte vielleicht gar keine Familie gründen. Dafür gab es bei der Partnerwahl jedoch weniger Beschränkungen.

Das Herz lässt sich nicht in Ketten legen

Unabhängig davon, ob das Herz bei der Liebe mitreden durfte oder die Familienräson die Ehen bestimmte, gingen die Herzen allerdings auch früher ihre eigenen Wege. Die Liebe ist nun einmal kein Pferd, das sich einfach im Stall anbinden und bei Bedarf auf die Weide führen lässt.

Genau davon legt auch das estnische Volkslied Hobusemäng Zeugnis ab. Das weiße Pferd, das darin von seiner Koppel in die Freiheit entflieht, ist offensichtlich ein Bild für das zur Frau gewordene Mädchen, das nun als Jungfrau Gefahr läuft, einem männlichen „Wolf“ zum Opfer zu fallen.

Das Lied wird damit aus der Perspektive der besorgten Eltern – am ehesten wohl der Mutter – gesungen und bringt ganz reale Sorgen zum Ausdruck. Ein junges Mädchen, das vor der Ehe intimen Kontakt mit einem anderen Mann hatte oder gar schwanger wurde, galt als entehrt. Der kurze Freiheitsmoment der Liebe musste oft mit einem dauerhaften Stigma und einem Leben am Rande der Gemeinschaft bezahlt werden.

Ein Tanzspiel als ritualisierter Flirt

In dem mit dem Lied verbundenen Tanzspiel treten diese Gedanken allerdings in den Hintergrund. Als Anknüpfungspunkt dient hier auch eher die Situation vor dem Ausbruch des Pferdes. Der Kreis, den die Mädchen bilden, entspricht dem Zaun, der das Pferd in seiner Mitte hält. Außerhalb davon versuchen die jungen Männer als  „Wölfe“ den Zaun-Kreis zu durchbrechen, um das Pferd zu entführen.

Lied und Tanzspiel dienten somit bei Volksfesten oder schlicht an lauen Sommerabenden der spielerischen Annäherung der Geschlechter aneinander. Die Ursprünge dieses Brauchtums liegen im Dunkel der Geschichte. Schriftlich fixiert wurden Text und Melodie an der Wende zum 20. Jahrhundert, als man sich in den baltischen Ländern stärker auf die eigene Kultur und Geschichte zu besinnen begann.

Die Fassung von Svjata Vatra knüpft an das historische Vorbild an, bereichert es allerdings durch Instrumentalbegleitung und ein modernes Arrangement. Beides greift aber selbst wieder auf folkloristische Elemente zurück, so dass das Lied lediglich an heutige Hörgewohnheiten angepasst, aber keineswegs in seinem Wesen entstellt wird.

Über Svjata Vatra

Svjata Vatra (ukrainisch „Heiliges Feuer“) ist eine estnisch-ukrainische Folk-Band, die estnische und ukrainische Volkslieder in neuen Arrangements einspielt, aber auch eigene Folk-Songs herausbringt. Seit 2006 sind insgesamt sieben Alben erschienen, die alle frei auf Bandcamp abrufbar sind.

Frontmann der Band ist der 1976 in Bilezke im Bezirk Donezk geborene Ruslan Trochynskyi (Trochinski, estnisch Trotšõnskõi). Er besuchte in Kiew das Musikgymnasium und studierte anschließend am dortigen Konservatorium, der Tschaikowsky-Musikakademie, wobei er auch im hauseigenen Sinfonieorchester mitwirkte.

Nach dem Studium spielte Trochynskyi, dessen Hauptinstrument die Posaune ist, zunächst bei der Folk-Punkband Haydamaky mit. 2005 zog er nach Estland um und wurde dort zum Mitgründer der Band  Svjata Vatra, die er seitdem in wechselnden Besetzungen leitet. Die übrigen Bandmitglieder stammen größtenteils aus Estland.

English Version

The Bad Wolf and the Horse Hungry for Freedom

About the Estonian Folk Song Hobusemäng, Interpreted by the Estonian-Ukrainian Band Svjata Vatra

What parents still fear today could destroy an entire life in former times: the springtime feelings of daughters. Special dance rituals served as an outlet for the urge for freedom and at the same time were meant to keep it under control. – About an Estonian dance play.

The Horse Game

My horse, my beautiful horse is gone!
What did it look like, your horse?
Tell me, innkeeper,
you and your beautiful daughter:
Have you seen my horse?

What did it look like, your horse?
White was its hair, white were its eyes.
White were its feet, white a spot on its forehead.
Golden was the rope on its neck,
brightly shone the halter that it wore.

Where did your horse run off to?
It danced away on the endless pastures,
lost itself whinnying in the buckwheat field.
Oh, if only the bloodthirsty wolf
does not disgrace its white mane!

Svjata Vatra: Hobusemäng

from: Muutused / Zminy (Estonian/Ukrainian for „Changes“), 2018;

full album available on Bandcamp

Love Games in Former Times

How did man and woman actually come together in former times? On what basis was it decided who would enter into an intimate union with whom?

If we think of the aristocracy or the urban bourgeoisie, the matter is clear. Here, children were a kind of investment object, brought together with the offspring of other families of the same class following the principle of the greatest expected returns and synergy effects. Marriages were arranged, a free choice of partner did not exist.

In the countryside, however, things looked different. Of course, there were also rich farmers who were looking for an appropriate match for their offspring. But this applied in particular to the male heir or heirs – depending on which inheritance law prevailed in the region concerned. For the other descendants and the vast majority of the dispossessed, no such strict rules applied.

Poverty and wealth were thus both a curse and a blessing in this context. Those who were rich could afford a large family and suffered less from material worries. In return, however, they were less free in matters of love. Those who were poor suffered from meagre living conditions and were perhaps not able to found a family at all. On the other hand, there were fewer restrictions when it came to choosing a partner.

The Heart Cannot Be Put in Chains

Regardless of whether the heart was allowed to have a say in love or family reasons determined marriages, hearts went their own way in the old days as well. Love is not a horse that can simply be tied up in the stable and led out to pasture when needed.

This is exactly what the Estonian folk song Hobusemäng testifies to. The white horse that escapes from its paddock to freedom is obviously an image of the girl becoming a woman, who, as a virgin, is now in danger of falling prey to a male „wolf“.

The song is thus sung from the perspective of the worried parents – most likely the mother – and expresses quite real concerns. A young girl who had intimate contact with another man before marriage or even became pregnant was considered dishonoured. The brief moment of freedom in love often had to be paid for with a permanent stigma and a life on the margins of the community.

A Dance Game as Ritualised Flirtation

In the dance game associated with the song, however, these thoughts recede into the background. It is rather the situation before the horse’s escape that serves as a starting point here. The circle formed by the girls corresponds to the fence that surrounds the horse. Outside of it, the young men try to break through the fence circle as „wolves“ in order to carry off the horse.

Song and dance game were thus used at fairs, celebrations or simply on warm summer evenings to bring the sexes closer together in a playful way. The origins of this custom lie in the darkness of history. The written versions of text and melody date from the turn of the 20th century, when people in the Baltic countries began to reflect more strongly on their own culture and history.

The version by Svjata Vatra follows the historical model, but enriches it with instrumental accompaniment and a modern arrangement. Both, however, resort to folkloristic elements themselves, so that the song is merely adapted to today’s listening habits, but in no way distorted in its essence.

About Svjata Vatra

Svjata Vatra (Ukrainian „Holy Fire“) is an Estonian-Ukrainian folk band that performs Estonian and Ukrainian folk songs in new arrangements, but also creates own folk songs. Since 2006, a total of seven albums have been released, all of which are freely available on Bandcamp.

The band’s frontman is Ruslan Trochynskyi (Trochinski, Estonian Trotšõnskõi), born in 1976 in Bilezke in the Donetsk district. He attended the music grammar school in Kiev and then studied at the local conservatory, the Tchaikovsky Academy of Music, where he also participated in the in-house symphony orchestra.

After graduating, Trochynskyi, whose main instrument is the trombone, first played with the folk-punk band Haydamaky. In 2005, he moved to Estonia and became the co-founder of the band Svjata Vatra, which he has led in changing line-ups ever since. The other band members are mostly from Estonia.

Bilder /Images: Franz von Stuck (1863 – 1928): Reigen / Round dance (1910); Warschau / Warsaw, National Museum (Wikimedia Commons); James Ward (1769 – 1859): A horse in a landscape startled by lightning / Ein von Blitzen erschrecktes Pferd in einer Landschaft (Wikimedia Commons); Franz von Stuck  (1863 – 1928): Ringelreihen  / Rong-a-ring-O’Roses (1910); Wikimedia Commons

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