Im Irrgarten der Geschlechter

Über die biologistische Verzerrung des Gender-Konzepts

Das Gender-Konzept eröffnet größere Freiräume beim Ausleben der geschlechtlichen Identität, indem es diese von sozialen Zuschreibungen trennt. Diese Freiräume werden in letzter Zeit durch eine biologistische Festlegung auf Zwischenstufen geschlechtlicher Identitäten bedroht.

Feminine Männer in den 1970er Jahren

Wer an Silvester in eine der „Größte-Hits-aller-Zeiten“-Shows reinschaut, wird schnell feststellen, dass da viel Musik aus den 1970er Jahren gespielt wird – was wohl nicht zuletzt daran liegen dürfte, dass sich vor dem Fernseher Oma und Opa an die wilden Partys ihrer Jugend erinnern, während die aktuelle Jugend ihre Wildheit gerade live auslebt.

Was bei den Hit-Shows sofort in die Augen fällt: Die Männer wirken femininer als heute. Oder, anders ausgedrückt: Sie haben weniger Probleme damit, sich zu ihrer femininen Seite zu bekennen. Am deutlichsten spiegelt sich das in den langen Haaren wider, die viele der damaligen Rock- und Pop-Stars im Rhythmus ihrer Musik durch die Luft schwingen.

Wer dann, neugierig geworden, ein wenig in Archivmaterial von gewissen Boulevardzeitungen stöbert, wird den seinerzeitigen Trend zum Langhaarschnitt bei Männern rasch bestätigt finden. Gleichzeitig fällt dabei auf, dass auf den Trend meist in abschätziger, ja verurteilender Weise Bezug genommen wird. Üblich waren etwa Wortverbindungen in der Art von  „langhaarige Chaoten“, „Unruhestifter“ oder gar  „Anarchisten“.

So diskriminierend derartige Bezeichnungen auch waren – sie wiesen doch auf einen wahren Kern hin. Indem Männer sich damals durch ihre langen Haare zu ihrer weiblichen Seite bekannten, brachten sie ex- oder implizit ihre Kritik an der patriarchalen Gesellschaft zum Ausdruck. Deren erstarrter Ordnung wurde gewissermaßen das kreative Chaos eines matriarchalen Neuanfangs entgegengehalten.

Das Stummelzöpfchen oder Die Zähmung der femininen Anarchisten

Heute ist von den langen Männermähnen von damals allenfalls ein modisches Stummelzöpfchen übriggeblieben. Dieses lässt sich aber auch durch die freudianische Brille sehen – und wäre dann eher als unbewusste Anspielung  auf eine recht unspektakuläre Männlichkeit zu deuten.

Worauf beruht dieser Wandel der Haarmode? Ist die Propagierung von mehr Weiblichkeit heute vielleicht einfach nicht mehr notwendig, weil das Weibliche zu einem bestimmenden Faktor in der Gesellschaft geworden ist?

Viele werden jetzt wohl nicken. In der Tat gibt es heute ja auch mehr Frauen an den Schalthebeln der Macht, die Entlohnung für Männer und Frauen hat sich weitgehend angeglichen, und es ist selbstverständlich geworden, dass Frauen auch in einstigen Männerdomänen „ihren Mann stehen“ dürfen.

Dies ist allerdings nicht gleichbedeutend mit einer stärkeren Akzentuierung dessen, was seinerzeit als „weibliches“ Element der patriarchalen Ordnung entgegengestellt worden war. Gemeint waren damit Aspekte wie Mitgefühl, Solidarität, Hilfsbereitschaft, Fürsorge oder Pflege.

Davon, dass diese Aspekte heute eine stärkere Rolle in Politik und Gesellschaft spielen als früher, kann keine Rede sein. Deshalb muss hier wohl zwischen der Macht der Frauen und der Wirkmächtigkeit des  „Weiblichen“ unterschieden werden.

Frauen-Power innerhalb des Patriarchats

Frauen haben heute deutlich mehr Einflussmöglichkeiten in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik als vor 50 Jahren. Das bedeutet aber nicht, dass die patriarchalen Strukturen abgebaut worden wären. Wenn Frauen heute zu Macht und Ansehen gelangen, so geschieht das innerhalb der patriarchalen Strukturen.

Die Kehrseite davon ist, dass Frauen, die als „weiblich“ klassifizierten Tätigkeiten nachgehen, weiterhin unter gesellschaftlicher Benachteiligung zu leiden haben.

Dies wird deutlich, wenn man sich die unterdurchschnittliche Bezahlung in Berufen vor Augen führt, in denen Frauen die Mehrheit stellen. In der vergleichsweise niedrigen Entlohnung für Erzieherinnen oder Altenpflegerinnen drückt sich dabei auch die Geringschätzung für die von ihnen ausgeübten Tätigkeiten aus.

Gemischte Bilanz der Emanzipationsbewegung

So lautet die Devise heute nicht mehr: Stärkung des weiblichen Elements in der Gesellschaft! Überwindung des Patriarchats durch ein modernes Matriarchat! Sondern: Gleichberechtigung von Frauen innerhalb der patriarchalen Strukturen!

Der Emanzipationsdiskurs ist damit biologistisch geworden: Es geht nicht mehr darum, durch die stärkere Akzentuierung des „weiblichen“ Elements eine solidarischere Gesellschaft zu schaffen, sondern lediglich um die Besetzung von Machtpositionen innerhalb der bestehenden Strukturen durch Frauen.

Dies kann zu mehr Freiheiten, aber auch zu einer Einschränkung von Freiheiten für Frauen führen. So wird von Frauen heute erwartet, dass sie zum Familieneinkommen beitragen und als moderne Frau am Erwerbsleben teilnehmen.

Frauen, die sich zumindest bei Kleinkindern auf ihre Mutterrolle konzentrieren wollen, werden dagegen selbst von Geschlechtsgenossinnen belächelt – und am Arbeitsplatz mit untergeordneten Tätigkeitsbereichen abgespeist, wenn sie nach längerer Abwesenheit zurückkehren.

Die befreiende Kraft des Gender-Konzepts

Diese Entwicklungen haben auch dem Gender-Diskurs viel von seiner befreienden Kraft genommen.

Die Grundannahme dieses Diskurses lautete: Es gibt zwar eine Geschlechterpolarität. Aber der Großteil der Attribute, die mit den beiden Geschlechterpolen assoziiert werden, ist nicht durch biologische Gesetzmäßigkeiten vorgegeben, sondern sozial konstruiert.

Soll heißen: Es gibt keine biologische Determination für eine bestimmte Kleidung, für bestimmte Farben, für bestimmte Spielzeuge, Hobbys oder Berufstätigkeiten.

Eine solche Sichtweise nimmt der Geschlechterpolarität ihre strenge Gegensätzlichkeit. Stattdessen sind die beiden Geschlechterpole als zwei Endpunkte auf einem Kontinuum zu verstehen, innerhalb dessen sich das konkrete Geschlecht ausprägt.

An welcher Stelle innerhalb des Kontinuums eine Person sich einordnet, mag hormonell vorbestimmt sein. Alle können jedoch mit ihrer naturgegebenen Konstitution frei umgehen und so auch Erfahrungen auf der anderen Seite des Geschlechterkontinuums machen.

Unreflektiertes Festhalten an Geschlechterrollenstereotypen

Das Gender-Konzept eröffnet so einen großen Freiraum im Umgang mit der eigenen geschlechtlichen Identität. Statt auf eine einzige Geschlechterrolle festgelegt zu sein, können immer wieder andere Geschlechterrollen ausprobiert werden. Und die jeweils angenommene Geschlechterrolle ist auch nicht auf ein starres Bündel an Normen für Verhalten und Erscheinungsbild festgelegt, sondern kann individuell variiert und um Elemente anderer Geschlechterrollen ergänzt werden.

Diese Freiheiten genießen heute bei weitem nicht die gesellschaftliche Akzeptanz, wie der Kulturkampf um das Gendersternchen vermuten lässt. Frauen haben bei der Anpassung an den patriarchalen Dresscode zwar relativ große Freiräume. Ein Mann aber, der heute mit langen Haaren, Kleid und rosa Bluse durch eine Fußgängerzone schlendert, wird als Frau wahrgenommen werden – sofern er nicht als „Tunte“ diffamiert wird.

Dies zeigt, dass es auch heute noch bestimmte Attribute gibt, deren Einordnung als „weiblich“ oder „männlich“ auf rein sozialen, biologisch nicht begründbaren Konventionen beruht.

Biologisierung des Gender-Diskurses

So wird heute einerseits an tradierten Geschlechterrollenstereotypen festgehalten. Andererseits hat sich aber auch die Vorstellung einer Relativität der Geschlechterpolarität durchgesetzt.

Die Kombination von beidem führt dazu, dass das kreative Ausleben der eigenen geschlechtlichen Identität erschwert worden ist. Stattdessen wird heute erwartet, dass man sich einer der unzähligen Kategorien zuordnet, die es heute für die geschlechtliche Identität gibt.

So ist auch hier der Diskurs biologistisch geworden. Die geschlechtliche Identität erscheint heute nicht mehr als Punkt auf einem Kontinuum innerhalb der Geschlechterpolarität, der von den Einzelnen flexibel interpretiert und gehandhabt werden kann.

Zwar wird von einer Vielzahl geschlechtlicher Identitäten ausgegangen. Diese werden jedoch als quasi-genetisch vorgegeben gedacht. Anstatt sich selbst eine Identität geben zu können, muss diese daher „entdeckt“ und nach außen hin vertreten werden. Dies senkt auch die Schwelle für Geschlechtsumwandlungen – die allerdings weit schwerer rückgängig zu machen sind, die Betreffenden also weit stärker in der einmal gewählten geschlechtlichen Identität einmauern.

Kreatives Spiel mit der geschlechtlichen Identität

Natürlich gibt es Grenzfälle, in denen geschlechtliche Identität und körperliche Konstitution einander so stark widersprechen, dass sie nur durch einen operativen Eingriff wieder in Einklang gebracht werden können. In den allermeisten Fällen wäre es aber hilfreicher, schlicht einen größeren Freiraum beim Ausleben der eigenen geschlechtlichen Identität zu haben.

Dies gilt in besonderem Maße für Jugendliche. Die Pubertät ist – im Wortsinn – eine Zeit des tastenden Ausprobierens, der unsicheren Suche und des spielerischen Entdeckens. Dies schließt „Seitenwechsel“ und die Offenheit für verschiedene Formen geschlechtlicher Erfahrungen ein.

Dabei ist es wichtig, die Jugendlichen im kreativen Ausmessen dieser Freiräume zu bestärken. Nur so können sie jenes Bewusstsein für den eigenen Körper gewinnen, auf dessen Basis sie ihre geschlechtliche Identität entwickeln können. Ein starres biologistisches Kategoriensystem ist dafür alles andere als hilfreich.

Bild: George Chakravarthi : Olympia (Standbild aus dem gleichnamigen Video), 2015 (Wikimedia commons)

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