Die Biologisierung eines antibiologistischen Konzeptes

Jahresrückblick 2022: Gender-Diskurs

Das Gender-Konzept droht mehr und mehr seine befreiende Kraft zu verlieren. Der Hauptgrund dafür ist, dass es, gegen seine ursprüngliche Intention, biologistisch fehlgedeutet wird.

Befreiende Kraft des ursprünglichen Gender-Gedankens

Die Grundannahme des Gender-Diskurses lautet: Es gibt zwar eine Geschlechterpolarität. Aber der Großteil der Attribute, die mit den beiden Geschlechterpolen assoziiert werden, ist nicht durch biologische Gesetzmäßigkeiten vorgegeben, sondern sozial konstruiert.

Soll heißen: Es gibt keine biologische Determination für eine bestimmte Kleidung, für bestimmte Farben, für bestimmte Spielzeuge, Hobbys oder Berufstätigkeiten.

Eine solche Sichtweise nimmt der Geschlechterpolarität ihre strenge Gegensätzlichkeit. Stattdessen sind die beiden Geschlechterpole als zwei Endpunkte auf einem Kontinuum zu verstehen, innerhalb dessen sich das konkrete Geschlecht ausprägt.

An welcher Stelle innerhalb des Kontinuums eine Person sich einordnet, mag hormonell vorbestimmt sein. Alle können jedoch mit ihrer naturgegebenen Konstitution frei umgehen und so auch Erfahrungen auf der anderen Seite des Geschlechterkontinuums machen.

Diese Sichtweise bewirkte in der Anfangszeit des Gender-Diskurses eine befreiende Lockerheit im Umgang mit der eigenen geschlechtlichen Identität. Es war leichter, Misch- und Zwischenformen auszuprobieren und dies auch in einer entsprechenden Haartracht und Mode  zum Ausdruck zu bringen.

Fortbestehen von Geschlechterklischees 

Heute dagegen werden die beiden Geschlechterpole auch nach außen hin wieder stärker voneinander abgegrenzt. Ein Mann, der mit langen Haaren, Kleid und rosa Bluse durch eine Fußgängerzone schlendert, wird als Frau wahrgenommen werden – sofern er nicht als „Tunte“ diffamiert wird.

So werden einerseits tradierte Geschlechterrollenstereotypen gepflegt. Andererseits hat sich aber auch die Vorstellung einer Relativität der Geschlechterpolarität durchgesetzt.

Die Kombination von beidem führt dazu, dass das kreative Ausleben der eigenen geschlechtlichen Identität erschwert wird. Stattdessen wird heute erwartet, dass man sich einer der unzähligen Kategorien zuordnet, die es mittlerweile für die geschlechtliche Identität gibt.

Weniger Flexibilität beim Ausleben der geschlechtlichen Identität

Der Gender-Diskurs ist damit – in einer kompletten Verkehrung seines Ursprungsgedankens – biologistisch geworden. Die geschlechtliche Identität erscheint nicht mehr als Punkt auf einem Kontinuum innerhalb der Geschlechterpolarität, der von den Einzelnen flexibel interpretiert und gehandhabt werden kann.

Zwar wird von einer Vielzahl geschlechtlicher Identitäten ausgegangen. Diese werden jedoch als quasi-genetisch vorgegeben gedacht. Anstatt sich selbst eine Identität geben zu können, muss diese daher „entdeckt“ und nach außen hin vertreten werden. Dies senkt auch die Schwelle für Geschlechtsumwandlungen – die allerdings weit schwerer rückgängig zu machen sind, die Betreffenden also weit stärker in der einmal gewählten geschlechtlichen Identität einmauern.

Ausführlicher Beitrag zum Thema:

Im Irrgarten der Geschlechter. Über die biologistische Verzerrung des Gender-Konzepts.

Bild: George Chakravarthi : Olympia (Standbild aus dem gleichnamigen Video), 2015 (Wikimedia commons)

Ein Kommentar

  1. Danke für diese erhellende Zusammenstellung und den Hinweis auf das entsprechende (tolle) Essay. Auf die Idee, dass die Sicht auf eine „Vielzahl von Geschlechtern“ im eigentlichen Sinne biologistisch und starr ist, wäre ich nicht gekommen. Ich glaube beider Seiten des Genderdiskurses – die pauschalen Ablehner sowie die „Genderisten“ – haben etwas gemeinsam: Das Fehlen von Reflexion und Differenzierung. Und die Debatte ist so furchtbar unhistorisch und unsoziologisch. Vielleicht hängst es an den Filterblasen, in denen die jeweiligen Gruppen befangen sind?- Was wir brauchen ist einen offenen, anarchischen und vorurteilsfreien Gender-Diskurs ohne Moralinsäure! – Das Bild: Superklasse!

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