Eine schwarze Katze als Urahnin des Kabaretts

Das Pariser Cabaret Chat Noir

Kabarettgeschichte(n)/1

Heute startet auf rotherbaron eine sonntägliche Reihe zur Geschichte des deutschsprachigen Kabaretts. Sie beginnt allerdings in Frankreich, wo die Wiege des Kabaretts liegt. Auf LiteraturPlanet erscheinen parallel Gedichte aus dem Umfeld des Kabaretts.

Politische Persiflagen

Die Initialzündung für das moderne Kabarett fand, angesichts der Etymologie wenig überraschend, in Frankreich statt. Dort machte Rodolphe Salis mit der Gründung des Chat Noir (Schwarze Katze) am Pariser Montmartre 1881 aus dem „cabaret“, das ursprünglich schlicht ein Wirtshaus oder eine dort verwendete Drehscheibe mit Speisen bezeichnete, ein „cabaret artistique“.

Konkret bedeutete dies zunächst ganz einfach, dass zusätzlich zu dem Konsum von Getränken und Speisen auch künstlerische Darbietungen auf dem Programm standen. Mit diesen verband Salis allerdings von Anfang auch die Absicht, „politische Ereignisse zu persiflieren“.

So fand im Chat Noir etwa Émile Goudeaus anarchischer Literaturzirkel eine neue Heimat. Dessen einem Walzer von Joseph Gungl entlehnter Name – Les Hydropathes (Die Wasserscheuen) – deutet darauf hin, dass die Mitglieder den berauschenden Wein und Absinth dem monotonen Wasser des bürgerlichen Alltags vorzogen.

Provokation als Programm

Ein weiterer bedeutender Künstler, der mit seinen Auftritten im Chat Noir dessen legendären Ruf mitbegründete, war Aristide Bruant. Sein Markenzeichen war eine schwarz-rote Kleidung: schwarze Stiefel und Jacke zu rotem Pullover und Schal. In dieser Aufmachung hat ihn auch Henri Toulouse-Lautrec, dessen künstlerische Anfänge mit dem Aufstieg des Kabaretts zusammenfallen, in einer weltberühmten Lithographie porträtiert.

Als das Chat Noir 1885 umzog, übernahm Bruant die alten Räumlichkeiten und gründete dort sein eigenes Kabarett, dem er den Namen Le Mirliton (Die Rohrflöte) gab. Wie im Chat Noir war auch hier die Provokation Programm. So etablierte Bruant eine frühe Form der Publikumsbeschimpfung, durch die er den passiven Kunstgenuss des Bürgertums attackierte.

Dies änderte freilich nichts an der Popularität seiner Auftritte gerade auch in bourgeoisen Kreisen, die sich mit dem Aufsuchen der verruchten Lokalität einen Anschein von Progressivität geben konnten. 

Künstlerisches Experimentierlabor

Das frühe französische Kabarett brach indessen nicht nur durch die provokanten Kunstprojekte mit dem bürgerlichen Mainstream. Vielmehr wurden dessen Normen auch durch entsprechend unkonventionelle Umgangsformen auf den Kopf gestellt oder persifliert.

Letzteres gilt etwa für den Anspruch des gehobenen Bürgertums auf Exklusivität. Um diesen zu parodieren, leistete man sich am Eingang des Chat Noir einen Portier in der Uniform eines Schweizergardisten, der Geistlichen und Militärangehörigen den Zutritt verweigern sollte.

Die neuen Kabarettlokale wurden schnell zu einem Treffpunkt der Bohème-Szene. Dies bot nicht nur organisatorische Vorteile. Vielmehr konnten auf diese Weise auch neue Projekte und künstlerische Konzepte gemeinsam diskutiert und erprobt werden. Das Kabarett war damit in seinen Anfängen zugleich eine Art Experimentierlabor, wo die künstlerisch Tätigen sich gegenseitig inspirierten und in ihrer Arbeit unterstützten.

Zitat von Rodolphe Salis entnommen aus:

Ausstellung des Deutschen Kabarettarchivs und des Österrei­chischen Kabarettarchivs: Kabarett zwischen Berlin und Wien. Die frühen Jahre 1900 – 1914.

Textbeispiel auf LiteraturPlanet:

Émile Goudeau: Lutte Parisienne (Pariser Ringen)

Bilder: Adolphe León Willette (1857 – 1926): Freundschaftsbande (Frau mit schwarzer Katze, 1881); im Kabarett Chat Noir ausgestelltes Gemälde; Albi, Musée Toulouse-Lautrec (Wikimedia commons); Außenansicht des Chat Noir, um 1920 (Wikimedia commons)

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