Die japanische Schule als „Prüfungshölle“

Konformismus in Japan/3

Mit der Rezession der 1990er Jahre hat sich in Japan der Druck auf die Erwerbstätigen zusätzlich erhöht. Das hat auch an Schulen und Universitäten zu einem verstärkten Leistungs- und Konkurrenzdruck geführt.

Die Globalisierung als Wirkverstärker

Nach dem Zweiten Weltkrieg galt in Japan lange das Prinzip der lebenslangen Anstellung bei einem Unternehmen: Wer einmal eingestellt worden war, behielt seinen Job bis zum Eintritt in das Rentenalter. Dies erhöhte zwar den Druck auf die Erwerbstätigen, sich bedingungslos für ihren Arbeitgeber zu engagieren. Dem stand allerdings eine im Vergleich zu anderen Industrienationen hohe Arbeitsplatzsicherheit gegenüber. 

Diese Sicherheit ist jedoch bereits seit den 1990er Jahren sukzessive verloren gegangen. Der Grund dafür war zunächst eine längere Phase wirtschaftlicher Stagnation, die sich aus dem Platzen einer Spekulations- und Kreditblase ergab [1].

Ein zusätzlicher Faktor für den Strukturwandel in der Arbeitswelt ist die Globalisierung. Viele japanische Unternehmen verstehen sich mittlerweile als globale Player und passen sich dabei auch internationalen Gepflogenheiten an. Verstärkt wird dies dadurch, dass wichtige multinationale Konzerne aus Tech- oder Bankenbranche längst auch auf dem japanischen Markt aktiv sind.

Die Folge: Der Anteil befristeter und anderer nicht-regulärer Erwerbstätigkeiten ist mittlerweile auf etwa 40 Prozent gestiegen [2]. Manche können sich noch nicht einmal eine eigene Wohnung leisten und müssen als „Net café refugees“ in engen Internetcafé-Kabinen übernachten [3].

Dies erhöht zusätzlich den Druck auf die Erwerbstätigen. Für langfristige Arbeitsplatzsicherheit reicht bloße Treue gegenüber dem Arbeitgeber heutzutage nicht mehr aus. Es braucht auch eine Top-Performance und – für Berufsanfänger – Top-Abschlüsse von Top-Universitäten.

Starker Leistungs- und Konkurrenzdruck in der Schule

So wird der Druck aus dem Erwerbsleben weitergereicht bis hinab in den Kindergarten. Schon die Kleinsten werden zu Höchstleistungen angetrieben, um auf angesehene Schulen zu kommen. Und nach der Einschulung bekommt ein Großteil der japanischen Kinder und Jugendlichen ergänzenden Nachhilfeunterricht, um für die späteren Aufnahmeprüfungen an den Elitehochschulen des Landes gewappnet zu sein.

Die Folge: Viele Jugendliche büffeln nach der Schule bis spät in die Nacht. Der Druck, der auf ihnen lastet, ergibt sich auch aus den hohen Ausgaben, welche die Eltern für die zusätzlichen Übungsstunden schultern müssen. Von ihrer Warte aus ist dies wiederum eine Investition in den eigenen Lebensabend, der durch Kinder mit hohem Einkommen besser gesichert werden kann – denn das Rentenniveau ist in Japan vergleichsweise niedrig [4].

Umso größer ist die Enttäuschung, wenn die Kinder den Erwartungen nicht entsprechen. Im Extremfall kann dies sogar zur Anwendung offener Gewalt gegenüber dem Nachwuchs führen [5].

In der Schule geht der Leistungsdruck mit einem hohen Konkurrenzdruck einher, der sich auch in vermehrtem Mobbing niederschlägt. 2024 ergab sich hier mit 769.022 amtlich dokumentierten Fällen ein neuer Höchststand [6].

Steigende Zahl an Schulverweigerungen

Von vielen Kindern und Jugendlichen wird das Bildungswesen folglich als reine „Prüfungshölle“ („shiken jigoku“) empfunden. Als Reaktion darauf nimmt die Zahl der Schulverweigerer immer weiter zu. Sie liegt mittlerweile offiziell bei 353.970 registrierten Fällen und liegt damit doppelt so hoch wie zu Beginn der 2020er Jahre [7].

Angestiegen ist zudem auch die Zahl der Suizide unter Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen an Hochschulen. Sie lag 2025 bei 1.074 Fällen [8]. Der Anstieg ist insofern bemerkenswert, als er dem Trend zu abnehmenden Suizidraten in der Gesamtgesellschaft zuwiderläuft. Hier zahlt sich die gezielte Bemühung um Suizidprävention aus, die in Japan seit 2006 gesetzlich geregelt ist und 2022 noch einmal intensiviert wurde [9].

Auf den zunehmenden Schulabsentismus hat die japanische Regierung durch die Einrichtung zusätzlicher Beratungsstellen sowie mit zusätzlichen Stellen für Schulsozialarbeit und schulpsychologischen Dienst reagiert. Auch soll Schulverweigerern durch digitale Angebote eine Brücke zurück in den regulären Unterricht gebaut werden [10].

Spitzenplatz in der globalen Suizidstatistik

Solange der Leistungsdruck in Schule und Arbeitswelt fortbesteht, wird all dies aber nichts Grundsätzliches an der Problematik ändern. Die Gegenmaßnahmen lindern dann nur die Symptome, beseitigen aber die Ursachen der Probleme nicht. So liegt auch die Selbstmordrate in Japan trotz unbestrittener Erfolge bei der Suizidprävention noch immer vergleichsweise hoch.

Laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) lag Japan 2021 mit 17,43 Selbstmorden pro 100.000 Einwohnern auf Platz 17 unter 185 Ländern. Unter den europäischen Industrieländern war nur Belgien mit einer minimal höheren Zahl an Freitoden noch vor Japan eingereiht. Dagegen lässt sich die deutlich höhere Suizidrate in Südkorea, wo es einen ähnlich hohen Leistungsdruck gibt (27,53 Selbstmorde pro 100.000 Einwohner), als Beleg für den Erfolg der japanischen Bemühungen zur Eindämmung von Suiziden anführen [11].

Nachweise

[1]    In Japan wird die lange Stagnationsphase von 1990 bis 2010 als „Ushinawareta Nijūnen“ („verlorene Jahrzehnte“) bezeichnet. Laut Boye de Mente handelt es sich dabei um einen Schlüssel­begriff für das Verständnis des heutigen Japans (vgl. De Mente, Boye Lafayette: Japan’s Cultural Code Words: 233 Key Japanese Terms and Expressions to Help You Navigate the Culture Suc­cessfully. North Clarendon/Vermont 2011: Tuttle; zuerst 2004).

[2]    Vgl. Ziegler, Michael: Immer mehr Menschen beantragen Sozialhilfe. In: Sumikai. News & Hintergründe aus Japan, 5. März 2026.

[3]    Vgl. Suchan, Nadine: Leben im Internetcafé: Obdachlos in Tokyo. In: Sumikai. News & Hintergründe aus Japan, 31. Januar 2018.

[4]    Vgl. Fenner, Gunar: Wie das Rentensystem in Japan funktioniert. JapanweltBlog, 26. Juli 2023.

[5]    Vgl. Köhler, Angela: Japan: Schulstress bis in die tiefe Nacht. Die Presse, 8. September 2016.

         Zum Aufbau des japanischen Schulsystems vgl. Fenner, Gunar: Japans Bildungs- und Schulsystem einfach erklärt. JapanweltBlog, 13. Juli 2023.

[6]    Vgl.Ziegler, Michael: Japan kämpft mit wachsender Zahl an Schülern, die nicht zur Schule gehen. Psychische Belastung nimmt zu. In: Sumikai: News & Hintergründe aus Japan, 30. Oktober 2025.

[7]    Vgl. ebd.

[8]    Vgl. Ziegler, Michael: Japans Suizidrate fällt zum ersten Mal unter 20.000. Zahl bei Kindern weiterhin hoch. In: Sumikai: News & Hintergründe aus Japan, 30. Januar 2026.

[9]    Vgl.Fritz, Martin: Japans erfolgreicher Kampf gegen den Suizid. SWR, 8. Dezember 2025.

[10]  Vgl. Ziegler, Japan kämpft mit wachsender Zahl an Schülern, die nicht zur Schule gehen (s. Anm. 6).

[11]  Vgl. Wikipedia: Suizidrate nach Ländern, basierend auf einer WHO-Statistik aus dem Jahr 2021.

Bild: L’oeil étranger: Morgenappell an einer japanischen Schule (2012; Wikimedia commons)

Ein Kommentar

  1. Vielen Dank für Ihren sorgfältig recherchierten Beitrag. Die von Ihnen angeführten Quellen verdeutlichen nachvollziehbar, dass wirtschaftlicher Wandel, Globalisierung sowie Leistungs- und Konkurrenzdruck in Japan erhebliche soziale Folgen haben können. Besonders die Entwicklungen bei Schulverweigerung, Mobbing und psychischen Belastungen verdienen ernsthafte Aufmerksamkeit.

    Gleichzeitig erscheint es aus wissenschaftlicher und historischer Sicht wichtig, Kausalzusammenhänge mit Vorsicht zu formulieren. Gesellschaftliche Phänomene wie Suizid, Schulabsentismus oder familiäre Konflikte haben in der Regel vielfältige Ursachen, die neben Leistungsdruck auch demografische, kulturelle, psychologische und sozioökonomische Faktoren umfassen. Eine zu direkte Verknüpfung einzelner Ursachen mit komplexen gesellschaftlichen Entwicklungen birgt die Gefahr einer Vereinfachung.

    Ebenso sollte berücksichtigt werden, dass Japan in den vergangenen Jahrzehnten erhebliche Fortschritte bei der Suizidprävention erzielt hat und zahlreiche staatliche sowie zivilgesellschaftliche Maßnahmen zur Unterstützung von Kindern, Jugendlichen und Erwerbstätigen umgesetzt wurden. Eine ausgewogene Betrachtung würdigt sowohl bestehende Probleme als auch die Bemühungen zu deren Bewältigung.

    Insgesamt regt Ihr Beitrag zu einer wichtigen Diskussion über die Balance zwischen Leistung, sozialer Verantwortung, Menschenwürde und individueller Entfaltung in modernen Gesellschaften an.

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