Opfersubjekte als Kunstobjekte

Das Stolperstein-Projekt: Kunstprojekt oder neue Erinnerungskultur?

Im sächsischen Heidenau hat sich die CDU zu einem Helfershelfer der rassistischen Agenda der AfD gemacht, indem sie mit dieser gegen Stolpersteine als Form des Gedenkens an NS-Opfer votiert hat. Das Stolperstein-Projekt wird allerdings auch von anderer Seite kritisiert.

Gedenkkultur in Deutschland Anfang der 1990er Jahre

Zu Beginn der 1990er Jahre waren die unter dem nationalsozialistischen Regime begangenen Verbrechen längst kein Tabu-Thema mehr. Die Verdrängung der Wiederaufbaujahre war einer komplexen Gedenk- und Aufarbeitungskultur gewichen.

Erleichtert wurde dies durch die Protestbewegung der 68er und symbolische Aktionen wie die Ohrfeige von Beate Klarsfeld für den damaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger im Jahr 1968, die auf die ideelle und personelle Kontinuität faschistischer Strukturen in der deutschen Nachkriegsgesellschaft hinwiesen. Daneben wurde das politische Leben mittlerweile aber auch maßgeblich von Personen bestimmt, die nicht direkt in die nationalsozialistischen Verbrechen involviert waren und sich so auch leichter von ihnen distanzieren konnten.

Allerdings blieb das öffentliche Gedenken sowohl zeitlich als auch räumlich begrenzt. Es gab einzelne Tage und Orte, an denen der Opfer des Nationalsozialismus gedacht wurde, nicht aber eine Verankerung des Gedenkens in der Alltagskultur. So blieb das Gedenken in gewisser Weise abstrakt: Es abstrahierte von den konkreten Opfern und ihrem Leid zugunsten einer Gedenkkultur, die letztlich eher die angebliche moralische Katharsis der Gedenkenden feierte.

Zur Grundidee des Stolperstein-Projektes

An dieser Problematik setzte der Künstler Gunter Demnig mit seinem Stolperstein-Projekt an. Ziel des Projektes ist es, an Orten, wo Opfer des Nationalsozialismus gelebt und gelitten haben, durch in den Boden eingelassene Gedenksteine an sie zu erinnern.

Die Steine sind an ihrem oberen Ende mit einer Messingschicht überzogen, auf der mit einem kurzen Text an die Opfer erinnert wird. Ziel ist es, auf diese Weise die konkreten Einzelschicksale hinter den abstrakten Opferzahlen ins Bewusstsein zu rücken. Der Anonymität des Massenmordes soll damit die Subjektivität des Erinnerns entgegengestellt werden, anstatt ihr durch eine Anonymität der Erinnerungskultur strukturell zu entsprechen.

Den Deportierten und Ermordeten soll so symbolisch jener Platz in der Gesellschaft zurückgegeben werden, dessen sie durch den NS-Terror beraubt worden sind. Ihrer physischen Vernichtung wird die fortwährende Präsenz in der Erinnerung der heute Lebenden gegenübergestellt.

Problematische Aspekte des Stolperstein-Projektes

Verneigung vor den Opfern oder Herumtrampeln auf dem Gedenken?

Seiner Intention nach stellte das Stolperstein-Projekt eine sinnvolle Ergänzung zur damals vorherrschenden Gedenkkultur dar. Es wies allerdings von Anfang an einige Webfehler auf, die das Projekt in seiner Umsetzung problematisch machten.

Der wichtigste Schwachpunkt besteht darin, dass die Gedenksteine in den Boden eingelassen werden. Der Idee nach soll dies dazu führen, dass die Menschen gerade auf ihren alltäglichen Wegen auf die Einzelschicksale der NS-Opfer gestoßen werden, wodurch sie zum Innehalten und Nachdenken angeregt werden.

In der Praxis ist jedoch oft eher das Gegenteil der Fall. Getrieben von ihren alltäglichen Verpflichtungen, achten die Vorübergehenden gar nicht auf die kleinen Veränderungen im Boden und schreiten achtlos darüber hinweg.

Auf diese Weise werden die Verfolgten und Ermordeten dann ein zweites Mal zu Opfern: Nach der Auslöschung ihrer physischen Existenz trampeln nun auch noch die Nachgeborenen achtlos auf dem Gedenken an sie herum. Noch schlimmer wird es, wenn dies – wie im Falle der Ewiggestrigen, deren Zahl ja in letzter Zeit bekanntlich wieder zunimmt – absichtlich geschieht, die Stolpersteine also ganz bewusst als Gelegenheit genutzt werden, die Gedenkkultur zu „zertreten“.

Jüdische Kritik an den Stolpersteinen und der Fall Heidenau

Die Empfindung, dass das Gedenken an die Opfer durch die Stolpersteine „geschändet und beschmutzt“ werde, hat auch Charlotte Knobloch, die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden, immer wieder geäußert [1]. Dies hat sie auch in der aktuellen Diskussion über einen gemeinsam von AfD und CDU verabschiedeten Beschluss des Stadtrats im sächsischen Heidenau gegen weitere Stolpersteine bekräftigt.

Gleichzeitig hat sie jedoch auch die Ausnutzung der Kritik an dem Stolperstein-Projekt durch die AfD für deren antisemitische Agenda zurückgewiesen. Besonders scharf verurteilt sie die Unterstützung der CDU für das Vorgehen der AfD:

„Ich bin entsetzt, dass eine demokratische Partei sich dafür hergibt, ein so durchsichtiges Manöver der Extremisten von der AfD zu unterstützen.“ [2]

Wie in vielen anderen Bereichen auch ergibt sich hier also das Problem, dass die AfD eine berechtigte Kritik an etwas aufgreift, um ihre eigenen rechtsnationalen Positionen durchzusetzen. Dies macht die Kritik selbst allerdings nicht weniger bedenkenswert. Man muss lediglich sensibler und produktiver mit ihr umgehen, als dies in Heidenau geschehen ist (mehr dazu weiter unten).

Mangelnde Kontextualisierung und missverständliche Gedenkworte

Ein weiteres Problem des Stolperstein-Projektes besteht darin, dass die kleinen Gedenktafeln keine angemessene Kontextualisierung der Verbrechen erlauben. Erschwerend kommt dabei hinzu, dass in den Erinnerungstexten oft die Sprachregelungen der nationalsozialistischen Terror-Bürokratie übernommen werden.

So ist auf den Steinen etwa zu lesen, dass jemand als „Gewohnheitsverbrecherin“ oder aufgrund von „Rassenschande“ in das Räderwerk der NS-Verfolgungsmaschinerie geraten ist. Damit aber bleibt das von eben dieser Maschinerie den Opfern auferlegte Stigma als solches bestehen, anstatt hinterfragt und dekonstruiert zu werden.

Diese Praxis hat sowohl bei Nachfahren der Opfer als auch in Forschung und Gedenkstätten zu Irritationen geführt. So gibt etwa Detlef Garbe, Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, zu bedenken:

„Aus meinen Kontakten mit Überlebenden der NS-Verfolgung weiß ich, wie sehr es sie schmerzt, wenn sie sich mit Zuschreibungen aus der Propagandasprache des NS-Regimes konfrontiert sehen.“ [3]

Zwar sind die entsprechenden NS-Begriffe in Anführungszeichen gesetzt. Dass dies – wie Stolperstein-Initiator Gunter Demnig meint – eine ausreichende Distanzierung darstellt, wird von Garbe jedoch bestritten. Auch seien die Angaben auf den Stolpersteinen zuweilen schlecht recherchiert und könnten schon deshalb missverständlich sein [4].

Kein dialogischer Ansatz

Ein dritter problematischer Aspekt des Stolperstein-Projekts ergibt sich aus dem Selbstverständnis, aus dem heraus es betrieben wird.

Ein Projekt, das den Opfern des NS-Terrors ihre Würde zurückgeben möchte, indem es die konkreten Einzelschicksale in den Mittelpunkt stellt, müsste logischerweise dialogisch angelegt sein. Dies bedeutet, dass vor jeder Verlegung eines Stolpersteins nach möglichen Nachfahren gesucht werden sollte, die nach ihrem Einverständnis zu der Aktion und nach Wünschen für die Textgestaltung gefragt werden müssten.

Angesichts der Vielzahl der mittlerweile europaweit im Boden versenkten Gedenktafeln wäre eine solche Suche wohl nicht in jedem Einzelfall von Erfolg gekrönt. Die zahlreichen lokalen Initiativen, die das Projekt mittlerweile unterstützen, lassen aber zumindest eine Bemühung um eine Kontaktaufnahme möglich erscheinen.

Eine solche Kontaktaufnahme ist in dem Projekt allerdings keineswegs gängige Praxis. So werden dadurch immer wieder Angehörige von Opfern vor den Kopf gestoßen, die dem Projekt kritisch gegenüberstehen oder – siehe oben – den Text auf den Stolpersteinen als unpassend empfinden [5].

Mangelnde Offenheit für Kritik und Weiterentwicklung

Ein Projekt, dem es um eine lebendigere, subjektbezogene Erinnerungskultur geht, müsste schließlich auch in Analogie zu den Open-Source-Modellen aus Wissenschaft und Forschung angelegt sein. Es müsste sich als Blaupause verstehen, auf deren Grundlage andere Menschen an anderen Orten ähnliche Projekte ins Leben rufen können.

Sowohl der dialogische als auch der Open-Source-Ansatz werden jedoch durch Demnigs Sicht auf das Projekt unterbunden. Für ihn handelt es sich bei den „Stolpersteinen“ um ein Kunstprojekt, für das er eine Art Patentschutz beansprucht.

Wann immer irgendwo ohne sein Wissen an sein Projekt angelehnte Formen des Gedenkens ins Leben gerufen wird, spricht er deshalb von „Plagiaten“ [6] – anstatt sich über die von seinem Projekt entfaltete Eigendynamik und die dadurch angeregte neue Kultur des Gedenkens zu freuen. Auch Weiterentwicklungen, die sich aus der Kritik an dem Projekt ergeben, werden dadurch erschwert.

Letztlich konterkariert Demnig damit den Grundgedanken seines eigenen Projektes. Denn während dieses darauf beruht, die Opfersubjekte wieder sichtbar zu machen, werden sie durch Demnigs eigene Perspektive auf sein Werk zu Kunstobjekten degradiert.

Alternative Formen einer subjektbezogenen Erinnerungskultur

Ungeachtet Demnigs Patentschutz-Anspruch für sein Projekt gibt es mittlerweile für eine Reihe von Orten Apps und Bücher, die Hintergrundwissen zu den einzelnen Stolpersteinen anbieten. Auf diese Weise kann die Kontextualisierung wenigstens aus zweiter Hand zu dem knappen Gedenktext hinzugefügt werden.

Allerdings ist man auch hierfür wieder darauf angewiesen, dass die Stolpersteine zu einem geistigen Innehalten anregen. Wo dies nicht der Fall ist, bieten auch die besten Bücher und Apps keinen Schutz vor dem unerträglichen „Herumtrampeln“ auf den Erinnerungstafeln und dem achtlosen Vorübergehen an den Schicksalen der Opfer.

Sinnvoller erscheint es daher – wie mancherorts bereits geschehen – statt Stolpersteinen größere Schautafeln oder Info-Stelen zu verwenden. Diese bieten den Vorteil, dass man den Verfolgten, Deportierten und Ermordeten von vornherein „auf Augenhöhe“ begegnet.

Außerdem kann das Gedenken so zwanglos mit Hintergrundinformationen und auch mit Fotos der Betreffenden verbunden werden. Dadurch kommt man den konkreten Menschen weit eher nahe als durch in den Boden eingelassene Mini-Tafeln.

Die Kontinuität der Inhumanität

Bei aller Bemühung um angemessene Formen des Gedenkens an die Opfer des NS-Terrors sollte man allerdings auch die Opfer gegenwärtiger menschenverachtender Handlungsweisen nicht aus dem Blick verlieren. Dies gilt für neuere antisemitische und fremdenfeindliche Übergriffe, aber auch für Opfer des aktuellen Terrors des Kreml-Regimes gegen die ukrainische Zivilbevölkerung oder die unzähligen Toten, die das erbarmungslose Flüchtlings-Regime an den EU-Außengrenzen bereits gefordert hat.

Mögliche Gedenkformen könnten in Bezug auf die Ukraine etwa Mahnmale an Orten des alltäglichen Lebens sein, an deren ukrainischen Pendants Tag für Tag wahllos Menschen von russischen Drohnen und Raketen getötet werden. Bei Flüchtlingen wären entsprechend Mahnmale an Ufern von Flüssen, Seen und Meeren denkbar, wo permanent Menschen ertrinken, weil ihr Schutzbedürfnis von uns mit Füßen getreten wird.

Natürlich müssten die neuen Mahnmale in Form und Farbe deutlich von den Gedenkorten für die Opfer des NS-Terrors abgegrenzt werden, um diesen nicht zu relativieren. In einer Zeit, in der rechtspopulistische und rechtsextreme Bewegungen europaweit auf dem Vormarsch sind, sollte man jedoch in jedem Fall den Eindruck vermeiden, dass Opfer faschistoider Inhumanität eine Angelegenheit der Vergangenheit sind.

Nachweise

[1]    Charlotte Knobloch in einem Artikel von Anne Goebel: Neue Diskussion über die „Stolpersteine“. Süddeutsche Zeitung, 17. Mai 2010.

[2]    Charlotte Knobloch in einem Artikel von David Muschenich: Antrag zu NS-Gedenken in Sachsen. Knobloch kritisiert CDU-Zusammenarbeit mit AfD. Taz, 25. September 2026.

[3]    Detlef Garbe in einem Artikel von Petra Schellen: Erinnerung an NS-Opfer: Über Sprache stolpern. Taz, 20. Oktober 2014.

[4]    Vgl. ebd.

[5]    Ein Beispiel hierzu findet sich in dem oben zitierten Artikel von Petra Schellen.

[6] Vgl. hierzu die entsprechenden Äußerungen Demnigs in dem 2008 erschienenen Dokumentarfilm Stolperstein von Dörte Franke.

Bild: Schwarz-weiß-Collage aus: Hans Braxmeier: Stolpersteine (Pixabay); Hans Schneider: Oberer Teil der Inschrift auf dem Gedenkstein im jüdischen Friedhof in Alfter (Wikimedia commons)

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